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Die Schwadron, bei der Rostow stand, saß auf und nahm mit der Front nach dem Gegner Aufstellung. Wie auf der Brücke von Enns befand sich auch hier wiederum niemand zwischen der Schwadron und dem Feind, und nur diese fürchterliche Grenze der Ungewißheit und Angst lag wie jene Scheide, die die Lebenden von den Toten trennt, zwischen ihnen. Alle fühlten diese Grenze, und die Frage, ob sie sie überschreiten würden oder nicht, und wie, ließ jedes Herz höher schlagen.

Der Regimentskommandeur ritt an die Front heran, antwortete ärgerlich auf die Fragen der Offiziere und gab wie ein Mensch, der trotzig auf seinem Standpunkt beharrt, irgendeinen Befehl. Niemand hatte etwas Bestimmtes gesagt, aber bei der Schwadron redeten alle davon, daß eine Attacke erfolgen werde. Das Kommando »Richt’t euch!« ertönte, die Säbel rasselten aus den Scheiden, aber immer noch rührte sich niemand. Die Truppen der linken Flanke, sowohl die Infanterie als auch die Husaren, fühlten, daß ihre Vorgesetzten selbst nicht wußten, was sie anfangen sollten, und diese Unentschlossenheit der Führer griff auch auf die Soldaten über.

Wenn es doch nur endlich, endlich losgehen wollte, dachte Rostow, der fühlte, daß nun die Zeit gekommen war, wo er den Genuß einer Attacke, von dem er schon so viel von seinen Kameraden gehört hatte, kennen lernen sollte.

»Mit Gott, Kinder!« ertönte Denissows Stimme. »Trab! Marsch!«

In der vordersten Reihe fingen die Kruppen der Pferde an zu schaukeln. »Rabe« zog an den Zügeln und setzte sich von selbst in Trab.

Von rechts sah Rostow die ersten Reihen seiner Husaren, und noch weiter in der Ferne erblickte er einen dunkeln Streifen, den er nicht genau erkennen konnte, aber für den Feind hielt. Man hörte Schüsse, aber in weiter Entfernung.

»Galopp!« ertönte das Kommando, und Rostow fühlte, wie sein »Rabe« in Galopp überging und dabei das Hinterteil höher hob.

Er hatte nur auf diese Bewegung seines Pferdes gewartet und wurde immer fröhlicher und fröhlicher. Vorne sah er einen einzelnen Baum. Dieser Baum hatte zuerst auf der Mitte jener Grenzlinie, die ihm so furchtbar erschienen war, gestanden. Jetzt aber hatten sie diese Linie überschritten, und nichts Furchtbares war da, sondern alles war im Gegenteil nur noch fröhlicher und lebendiger geworden.

Oh, wie ich loshauen werde! dachte Rostow, und seine Hand faßte den Säbelgriff fester.

»Hu-r-r-r-r-a!« brausten die Stimmen.

Jetzt soll mir nur einer in die Quere kommen, wer es auch immer sei! sagte sich Rostow, der seinem »Raben« die Sporen gab und ihn, alle andern überholend, in schnellstem Galopp vorwärts schießen ließ.

Vorn war bereits der Feind zu sehen. Plötzlich schlug etwas, gleichsam wie mit einem breiten Reisigbesen, auf die Schwadron ein. Rostow hob den Säbel, um sich zum Dreinschlagen fertigzumachen. Aber in diesem Augenblick wurde der Abstand zwischen ihm und dem vor ihm reitenden Husaren Nikitenko größer, und Rostow fühlte wie im Traum, daß er mit unnatürlicher Schnelligkeit weiter vorwärts getragen wurde und doch zugleich auf derselben Stelle zurückblieb. Von hinten ritt ihn der Husar Bondartschuk an und warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. Bondartschuks Pferd scheute und raste dann an ihm vorbei.

Warum komme ich nicht vorwärts? – Ich bin gefallen, getötet! fragte und antwortete sich Rostow im selben Augenblick. Er war bereits allein mitten auf dem Feld. Statt der vorwärtsstürmenden Pferde und Husarenrücken sah er rings um sich nur die starre, mit Stoppeln bedeckte Erde. Unter sich fühlte er warmes Blut. Nein, ich bin verwundet, und nur mein Pferd ist getötet. »Rabe« wollte sich auf die Vorderfüße aufrichten, fiel aber gleich wieder zurück und quetschte dabei seinem Reiter das Bein. Aus dem Kopf des Pferdes floß Blut. Es schlug aus und konnte nicht aufstehen. Rostow wollte sich aufrichten, fiel aber ebenfalls zurück: seine Säbeltasche hatte sich am Sattel festgehakt. Wo die Unsrigen und wo die Franzosen waren, das wußte er nicht. Rings um ihn war keine Seele.

Nachdem er sein Bein losgemacht hatte, erhob er sich. Wo und auf welcher Seite war jene Grenze, die beide Heere so scharf voneinander getrennt hatte? fragte er sich und konnte keine Antwort darauf geben. Ist mir etwas Schlimmes zugestoßen? Kommt so etwas oft vor, und was muß man nun tun? fragte er sich, während er aufstand. In diesem Augenblick fühlte er, daß etwas Überflüssiges an seinem linken, fühllos gewordenen Arm herunterhing. Seine Hand kam ihm ganz fremd vor. Er besah den Arm und suchte vergeblich nach Blut. Ach, da kommen ja Leute, dachte er erfreut, als er ein paar Menschen sah, die auf ihn zuliefen. Sie werden mir gewiß helfen!

Allen voran lief ein Mann in blauem Mantel mit einem seltsamen Tschako, schwarzem, sonnenverbranntem Gesicht und einer gebogenen Nase. Zwei andere oder noch mehr liefen hinter ihm. Der eine von ihnen schrie etwas in einer fremden, nicht russischen Sprache. Zwischen den Leuten, die weiter hinten waren und ebensolche Tschakos trugen, stand ein russischer Husar. Sie hatten ihn an der Hand gepackt und führten sein Pferd.

Wahrscheinlich einer der Unsrigen, den sie gefangengenommen haben … Ja. Wollen sie mich etwa auch gefangen nehmen? Was sind das für Leute? dachte Rostow weiter, der kaum seinen Augen traute. Sind das wirklich Franzosen? Er sah die näherkommenden Feinde an, und obwohl er noch vor einigen Augenblicken nur deshalb losgeritten war, um sie niederzuhauen, kam ihm ihre Nähe jetzt so fürchterlich vor, daß er es kaum glauben wollte. Wer ist das? Warum laufen sie so? Wirklich zu mir? Und warum? Um mich zu töten? Mich, den alle so gern haben? Er dachte daran, wie seine Mutter, seine Familie, seine Freunde ihn alle so liebhatten, und es schien ihm ganz unmöglich, daß diese Leute die Absicht haben sollten, ihn zu töten. – Aber vielleicht werden sie mich doch töten. Über zehn Sekunden stand er da ohne seine Lage zu begreifen und rührte sich nicht vom Fleck. Der vorderste der Franzosen, der mit der gebogenen Nase, war so nahe herangekommen, daß sein Gesichtsausdruck bereits zu erkennen war. Das wilde, fremdartige Gesicht dieses Menschen, der mit gefälltem Bajonett, den Atem anhaltend, leichtfüßig auf ihn zugelaufen kam, erfüllte Rostow mit Entsetzen. Er griff nach seiner Pistole, warf sie aber, statt zu schießen, nach dem Franzosen hin und lief dann, so schnell er nur laufen konnte, auf die Büsche zu. Er empfand dabei nicht jenes Gefühl des Zweifels und inneren Kampfes wie auf der Ennsbrücke, sondern einfach das Gefühl eines Hasen, der vor den Hunden davonläuft. Einzig das reine Angstgefühl um sein junges, glückliches Leben beherrschte ihn. Schnell über die Raine springend, flog er mit jenem Eifer, mit dem er als Kind gerannt war, wenn sie Haschen spielten, über das Feld dahin. Ab und zu wandte er sein blasses, gutes, junges Gesicht nach den Feinden um, und eine kalte Angst rieselte ihm über den Rücken. Nein, lieber nicht umsehen! dachte er, drehte sich aber, als er bis an die Büsche herangekommen war, doch noch einmal um.

Die Franzosen waren zurückgeblieben. Gerade in dem Augenblick, als Rostow sich umblickte, hörte der vorderste zu laufen auf, ging im Schritt weiter und rief, sich umdrehend, seinem Hintermann laut etwas zu. Rostow blieb stehen. Ich habe mich geirrt, dachte er, es ist doch nicht möglich, daß sie mich töten wollen. Inzwischen war sein linker Arm so schwer geworden, als hinge ein Zweipudgewicht daran. Er konnte nicht weiterlaufen. Der Franzose war ebenfalls stehen geblieben und zielte.

Rostow kniff die Augen zusammen und duckte sich. Eine Kugel flog zischend an ihm vorbei, gleich darauf eine zweite. Rostow raffte seine letzten Kräfte zusammen, hielt den linken Arm mit der rechten Hand fest und stürzte in die Büsche hinein. Hier standen russische Schützen.

20

Die im Walde überfallenen Infanterieregimenter ergriffen die Flucht, und die einzelnen Kompanien zogen sich, bunt durcheinandergewürfelt, in wirren Haufen zurück. Einer der Soldaten brachte in seiner Angst jene im Krieg so schrecklichen, hier aber ganz sinnlosen Worte auf: »Wir sind abgeschnitten«, und diese Worte teilten sich, ebenso wie das Angstgefühl, der ganzen Menge mit.