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»Wir sind umzingelt, abgeschnitten, verloren!« schrien die Stimmen der Fliehenden durcheinander.

Als der Regimentskommandeur hinter sich das Schießen und Schreien hörte, wußte er sofort, daß seinem Regiment etwas Furchtbares zugestoßen war. Der Gedanke, daß er, der musterhafte Offizier, der viele Jahre gedient und niemals etwas versäumt oder versehen hatte, von seinen Vorgesetzten einer Fahrlässigkeit oder mangelhafter Anordnungen bezichtigt werden könnte, regte ihn so auf, daß er im Augenblick den widerspenstigen Kavallerieoberst, seinen eigenen Generalsrang, und vor allem die Gefahr und den Selbsterhaltungstrieb vergaß, seinem Pferde die Sporen gab und, sich am Sattelbogen festhaltend, unter dem Hagel der Kugeln, die ihn überschütteten, aber glücklicherweise nicht trafen, zu seinem Regiment hinsprengte. Er hatte nur einen Wunsch: zu erfahren, was geschehen war, helfend einzugreifen, den Fehler, wenn ein solcher seinerseits wirklich vorlag, wieder gutzumachen und sich nichts zuschulden kommen zu lassen, nachdem er zweiundzwanzig Jahre lang musterhaft gedient hatte und niemals irgendwie gerügt worden war.

Glücklich kam er an den Franzosen vorbei und erreichte ein hinter dem Wald liegendes Feld, über das die Unsrigen flohen und, ohne auf ein Kommando zu hören, den Berg hinabeilten. Jener Augenblick inneren Schwankens war eingetreten, der das Schicksal der Schlachten entscheidet, und es fragte sich nun, ob diese in Unordnung geratenen Soldatenhaufen auf die Stimme ihres Regimentskommandeurs hören oder sich nur nach ihm umsehen und dann weiterlaufen würden? Doch obgleich der Regimentskommandeur mit seiner von den Soldaten früher so gefürchteten Stimme seine Leute verzweifelt anschrie, obgleich sein vor Wut ganz entstelltes Gesicht blaurot geworden war und er mit dem Degen wie toll in der Luft herumfuchtelte, liefen die Soldaten dennoch weiter, redeten miteinander, schossen in die Luft und hörten nicht auf sein Kommando; das innere Schwanken, das der Schlachten Schicksal entscheidet, war augenscheinlich zugunsten der Furcht ausgeschlagen.

Der General begann infolge seines Schreiens und des ihn umgebenden Pulverdampfes zu husten und hielt verzweifelt sein Pferd an. Alles schien verloren. Doch in diesem Augenblick wichen die Franzosen, die hinter den Unsrigen her waren, ohne jeden erkennbaren Grund zurück, verschwanden aus dem Wald, und an ihrer Stelle erschienen russische Schützen. Es war die Kompanie Timochins, die in guter Ordnung im Wald zurückgeblieben war, sich am Rand in einen Graben gelegt und nun auf die Franzosen einen unerwarteten Angriff gemacht hatte. Timochin stürzte sich mit einem wütenden Geschrei auf die Franzosen und stürmte mit solch rasender, trunkener Entschlossenheit, nur den Degen in der Hand, auf den Feind los, daß die Franzosen gar nicht zur Besinnung kommen konnten, ihre Gewehre fortwarfen und flüchteten. Dolochow, der an Timochins Seite gewesen war, hatte einen Franzosen getötet und als erster einen französischen Offizier am Kragen gepackt, der sich dann gefangen geben mußte. Die flüchtenden Russen machten jetzt kehrt, die Bataillone sammelten sich, und die Franzosen, die die Truppen des linken Flügels beinahe in zwei Teile getrennt hatten, wurden für einen Augenblick zurückgeworfen. Die Reserve hatte nun Zeit heranzukommen.

Der Regimentskommandeur stand gerade mit dem Major Ekonomow an einer Brücke und ließ die zurückmarschierenden Kompanien an sich vorüberziehen, als ein Soldat zu ihm trat, seinen Steigbügel faßte und sich fast an sein Pferd lehnte. Der Soldat trug einen bläulichen Mantel aus feinem Tuch, Tornister und Tschako hatte er verloren; sein Kopf war verbunden, und über die Schulter hing ihm eine Patronentasche, die er dem Feind abgenommen hatte. In der Hand hielt er einen französischen Offiziersdegen. Der Soldat sah blaß aus, seine hellblauen Augen blickten dem Regimentskommandeur dreist ins Gesicht, während sein Mund lächelte. Obwohl der Kommandeur gerade damit beschäftigt war, dem Major Ekonomow einen Befehl zu erteilen, sah er sich doch gezwungen, diesem Soldaten seine Aufmerksamkeit zu schenken.

»Eure Exzellenz, hier sind zwei Trophäen«, sagte Dolochow und zeigte auf den französischen Degen und die Patronentasche, »von einem Offizier, den ich gefangen habe … Ich habe die Kompanie zum Stehen gebracht …« Dolochow konnte vor Ermüdung kaum Atem holen und mußte immer wieder Pausen machen. »Die ganze Kompanie … kann es bezeugen. Ich bitte, sich dessen erinnern zu wollen …, Exzellenz.«

»Gut, gut«, sagte der Regimentskommandeur und wandte sich wieder an Major Ekonomow.

Aber Dolochow ging nicht fort; er knüpfte den Verband auf, nahm ihn ab und zeigte auf das geronnene Blut in seinem Haar.

»Von einem Bajonettstich! Bin aber trotzdem in der Front geblieben. Erinnern Sie sich dessen, bitte, Exzellenz.«

Tuschins Batterie war vergessen worden; erst ganz gegen Ende des Gefechts schickte Fürst Bagration, als er noch immer die Kanonade im Zentrum hörte, den diensttuenden Stabsoffizier und dann den Fürsten Andrej hin, um der Batterie den Befehl zu geben, sich so schnell wie möglich zurückzuziehen. Die Bedeckungsmannschaft, die neben Tuschins Geschützen gestanden hatte, war mitten im Gefecht auf irgend jemands Befehl hin abmarschiert. Aber die Batterie schoß weiter und blieb nur deshalb von den Franzosen verschont, weil der Feind nicht vermuten konnte, daß vier völlig ungeschützte Kanonen sich die Dreistigkeit herausnehmen könnten, ihn zu beschießen. Im Gegenteil, infolge der energischen Tätigkeit dieser Batterie nahm er an, hier im Zentrum seien die Hauptkräfte der Russen konzentriert. Zweimal versuchte er, diesen Punkt anzugreifen, und beidemal wurde er durch die Kartätschenschüsse der vier einsam auf jener Anhöhe stehenden Geschütze zurückgetrieben.

Fürst Bagration war kaum fortgeritten, als es Tuschin gelungen war, das Dorf Schöngrabern in Brand zu schießen.

»Guck, wie sie da rennen! Es brennt! Sieh mal bloß den Rauch dort! Das war fein geschossen! Tadellos! Sieh nur den Rauch, sieh nur den Rauch!« riefen die Kanoniere in lebhafter Erregung durcheinander.

Alle Geschütze schossen ohne Befehl dorthin, wo es brannte. Als wenn sie sich gegenseitig anfeuern wollten, riefen die Soldaten bei jedem Schuß einander zu: »Das war fein gezielt, so ist’s richtig, so ist’s richtig! Siehst du, das war gut!« Die Feuersbrunst, die vom Wind weitergetragen wurde, breitete sich rasch aus. Französische Kolonnen, die schon über das Dorf hinausmarschiert waren, wichen wieder zurück. Aber gleichsam als Rache für diesen Mißerfolg stellte der Feind rechts vom Dorf zehn Geschütze auf und fing nun an, Tuschin zu beschießen.

In ihrer kindlichen Freude über die Feuersbrunst und in ihrem Übereifer, die Franzosen recht erfolgreich zu beschießen, bemerkten unsere Artilleristen diese Batterie erst dann, als zwei, und gleich darauf noch vier weitere Kugeln zwischen den Geschützen einschlugen, die ein paar Pferde niederstreckten und einem Munitionsfahrer das Bein wegrissen. Wenn auch der lebhafte Eifer, der nun einmal aufgekommen war, dadurch keine Einbuße erlitt, so wurde die Stimmung doch gleich eine andere. Die beiden gefallenen Pferde wurden durch andere von der Reservelafette ersetzt, die Verwundeten fortgeschafft und die vier Geschütze gegen die aus zehn Kanonen bestehende Batterie der Franzosen gerichtet. Der zweite Offizier, Tuschins Kamerad, war gleich am Anfang der Schlacht gefallen, und nach Verlauf einer Stunde waren von den vierzig Mann der Bedienung siebzehn tot oder verwundet. Trotz alledem blieben die Soldaten heiter und munter. Zweimal bemerkten sie, daß unten, nicht weit von ihnen, Franzosen anstürmten, und beschossen sie dann mit Kartätschen.

Der kleine Hauptmann mit den kraftlosen, linkischen Bewegungen ließ sich fortwährend von seinem Burschen »noch ein Pfeifchen dafür anzünden«, wie er sich ausdrückte, und lief dann, in der Eile das Feuer wieder aus der Pfeife verschüttend, abermals nach vorn und schaute unter seiner kleinen Hand hervor nach den Franzosen hin.

»Schießt sie zusammen, Kinder!« rief er, packte selber die Räder der Geschütze mit an und drehte die Schrauben auf.