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Mitten im Pulverrauch, ganz betäubt von den unaufhörlichen Schüssen, die ihn jedesmal zusammenzucken ließen, lief Tuschin von einem Geschütz zum anderen, ohne dabei sein kurzes Pfeifchen aus dem Mund zu nehmen. Bald zielte er, bald zählte er die Ladungen; dann wieder gab er Befehl zum Fortschaffen und Umschirren der getöteten und verwundeten Pferde und schrie dabei fortwährend mit seiner schwachen, hohen und gar nicht militärisch klingenden Stimme. Sein Gesicht belebte sich immer mehr und mehr. Nur wenn einer von seiner Mannschaft getötet oder verwundet wurde, runzelte er die Stirn, wandte sich von dem Gefallenen ab und schrie ärgerlich seine Leute an, die wie immer zögerten, einen Verwundeten oder Gefallenen aufzuheben. Die Soldaten, zum größten Teil hübsche, stramme Leute, wie das ja immer bei der Artillerie der Fall ist, die zwei Köpfe größer und noch einmal so breit als ihr Hauptmann waren, sahen wie Kinder, die nicht ein und aus wissen, ihren Kommandeur an, und derselbe Ausdruck, der auf seinem Gesicht erschien, spiegelte sich auch in ihren Mienen wider.

Infolge dieses fürchterlichen Getöses, dieses Lärms und der Notwendigkeit, scharf aufzupassen und tätig zu sein, empfand Tuschin nicht das geringste unangenehme Angstgefühl, und der Gedanke, daß er getötet oder schwer verwundet werden könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn. Im Gegenteil, ihm wurde immer fröhlicher und fröhlicher zumute. Er hatte das Gefühl, als läge jener Augenblick, wo er den Feind zuerst gesehen und den ersten Schuß auf ihn abgefeuert hatte, schon weit zurück, beinahe als sei es schon gestern gewesen, und dieses Stückchen Feld, auf dem er stand, war ihm ein schon längst bekannter, heimischer Platz geworden. Wenn er auch an alles dachte, alles überlegte und alles tat, was auch der beste Offizier in seiner Lage nicht anders hätte tun können, befand er sich doch in einem Zustand, der dem eines Fieberkranken oder Trunkenen ähnelte. Der betäubende Donner der Geschütze, der von allen Seiten erscholl, das Pfeifen und Einschlagen der feindlichen Geschosse, der Anblick der schwitzenden, eifrig zwischen den Geschützen umherlaufenden Kanoniere mit ihren roten Gesichtern, das Blut der Menschen und Pferde und jene Rauchwölkchen drüben beim Feind, nach deren Erscheinen jedesmal eine Kugel geflogen kam und in Erde, Menschen, Geschütze oder Pferde einschlug – alle diese Eindrücke hatten sich in seinem Kopf zu einer eigenen phantastischen Welt verdichtet, die in diesem Augenblick für ihn einen Genuß bedeutete. Die feindlichen Geschütze waren in seiner Phantasie keine Kanonen, sondern Tabakspfeifen, aus denen ein unsichtbarer Raucher kleine Rauchwölkchen in die Luft blies.

»Sieh einer an, wie der wieder pafft«, flüsterte Tuschin vor sich hin, als gerade vom jenseitigen Berg eine Rauchwolke aufstieg und vom Wind in Streifen fortgetragen wurde, »jetzt haben wir ein Bällchen zu erwarten und müssen auch eines hinüberwerfen.«

»Was befehlen Euer Wohlgeboren?« fragte der Feuerwerker, der dicht neben ihm stand und gehört hatte, daß er etwas vor sich hin murmelte.

»Ach nichts, nimm eine Granate …«, antwortete Tuschin.

»Also jetzt kommt unsere Matwjejewna dran«, sagte er wieder vor sich hin. Matwjejewna hieß in seiner Phantasie die große, altmodische, gußeiserne Kanone, die ganz hinten stand. Die Franzosen an ihren Geschützen erschienen ihm als Ameisen. Der Kanonier Nummer Eins, ein hübscher Mensch und berüchtigter Trunkenbold, hieß in seiner Phantasiewelt »der Onkel«. Tuschin schaute häufiger nach ihm als nach den andern und freute sich über jede seiner Bewegungen. Die Töne des bald ersterbenden, bald wieder stärker werdenden Gewehrfeuers unten am Berge waren für ihn das Atmen eines Menschen, und er horchte, wie diese Töne bald leiser, bald lauter wurden.

»Horch, jetzt hat er wieder stärker zu atmen angefangen«, sagte er vor sich hin. Er selber kam sich wie ein ungeheurer Riese vor, der mit beiden Händen Kanonenkugeln nach den Franzosen hinschleudert.

»Na Matwjejewna, Mütterchen, laß dich nicht unterkriegen!« sagte er, von dem Geschütz zurücktretend, als plötzlich über seinem Kopf eine fremde, unbekannte Stimme erscholl.

»Hauptmann Tuschin, Hauptmann!«

Tuschin sah sich erschrocken um. Es war derselbe Stabsoffizier, der ihn im Dorf Grund aus dem Marketenderzelt herausgejagt hatte. Er schrie ihn ganz außer Atem an: »Was machen Sie denn. Sind Sie verrückt? Zweimal ist Ihnen befohlen worden, den Rückzug anzutreten, und Sie …«

Warum fährt der mich so an? dachte Tuschin und blickte ängstlich zu dem Vorgesetzten auf.

»Ich habe … ich habe nichts …«, stammelte er und legte zwei Finger an den Mützenschirm, »ich …«

Aber der Stabsoffizier konnte nicht alles aussprechen, was er sagen wollte. Eine dicht vorüberfliegende Kanonenkugel veranlaßte ihn, sich zu ducken und auf sein Pferd zusammenzukrümmen. Er schwieg, und als er dann noch etwas sagen wollte, zwang ihn wieder eine Kanonenkugel zum Einhalten. Er drehte sein Pferd um und sprengte davon.

»Zurückgehen! Alle zurückgehen!« schrie er von weitem.

Die Soldaten lachten. Einen Augenblick darauf kam ein Adjutant mit dem gleichen Befehl.

Es war Fürst Andrej. Das erste, was er erblickte, als er auf die Kuppe herausritt, auf der Tuschins Kanonen standen, war ein abgeschirrtes Pferd mit durchschossenem Bein, das neben den angespannten Pferden stand und wieherte. Aus seinem Bein floß das Blut wie aus einer Quelle. Zwischen den Protzen lagen einige Tote. Eine Kanonenkugel nach der anderen sauste, während er heranritt, über ihn hinweg, und er fühlte, wie ein nervöses Zittern über seinen Rücken lief. Aber der bloße Gedanke, daß er Angst habe, ließ seinen Mut wieder aufleben. Ich darf mich nicht fürchten, dachte er und stieg zwischen den Geschützen langsam vom Pferde. Er überbrachte den Befehl, ritt dann aber nicht von der Batterie fort, sondern beschloß dazubleiben und zu helfen, die Stellung zu räumen und die Geschütze fortzuführen. Zusammen mit Tuschin schritt er zwischen den Leichen hin und ließ unter dem furchtbaren Feuer der Franzosen die Geschütze zum Abrücken fertigmachen.

»Eben ist ein anderer Offizier hier gewesen, der ist aber gleich wieder ausgerissen«, sagte der Feuerwerker zu Fürst Andrej, »nicht so wie Euer Wohlgeboren.«

Fürst Andrej sprach nicht mit Tuschin. Beide waren so beschäftigt, daß sie anscheinend einander gar nicht sahen. Erst als die beiden Geschütze, die von den vieren noch heil geblieben waren, an die Protzen angehängt waren – eine Kanone und eine Haubitze wurden zerschossen zurückgelassen – und die Batterie bergab fuhr, ritt Fürst Andrej zu Tuschin heran.

»Also auf Wiedersehen!« sagte er und reichte Tuschin die Hand.

»Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!« entgegnete Tuschin, »Sie liebe Seele! Leben Sie wohl, leben Sie wohl!« Tränen traten ihm plötzlich in die Augen, er wußte selber nicht warum.

21

Der Wind hatte sich gelegt, schwarze Wolken hingen tief auf das Schlachtfeld herab und gingen am Horizont in den Pulverdampf über. Es dunkelte bereits, aber um so deutlicher hob sich an zwei Stellen ein roter Feuerschein ab. Die Kanonade war schwächer geworden, aber die Gewehre knatterten hinten und rechts noch häufiger und näher.

Kaum war Tuschin mit seinen Geschützen, die, wenn sie auch vorsichtig um die am Boden Liegenden herumfuhren, bisweilen dennoch einen Verwundeten streiften, aus der Schußlinie herausgekommen und in die Schlucht hinabgefahren, als ihm einige höhere Offiziere und Adjutanten entgegenkamen. Unter ihnen befanden sich auch der Stabsoffizier und Scherkow, der zweimal zu Tuschins Batterie abgeschickt worden, aber nie bis zu ihr hingekommen war. Alle diese Offiziere, von denen immer einer dem anderen ins Wort fiel, überbrachten Tuschin Befehle, wie und wohin er fahren solle, machten ihm Vorwürfe und erteilten ihm Verweise. Tuschin ordnete gar nichts an und ritt schweigend auf seinem Artilleristengaul hinter der Batterie her. Er traute sich nicht zu sprechen, da er nahe daran war, bei jedem Wort loszuweinen; warum, wußte er selber nicht. Obgleich befohlen worden war, die Verwundeten liegenzulassen, schleppten sich dennoch viele von ihnen hinter den Truppen her und baten, auf den Geschützen mitfahren zu dürfen. Jener schneidige Infanterieoffizier, der vor der Schlacht aus Tuschins Zelt herausgestürzt war, lag jetzt mit einer Kugel im Leib auf der Lafette der Matwjejewna. Unten am Berge kam ein blasser Husarenjunker, der den einen Arm mit dem andern festhielt, zu Tuschin heran und bat ihn um die Erlaubnis, sich auf das Geschütz setzen zu dürfen.