Выбрать главу

»Herr Hauptmann, ich bitte Sie um Gottes willen, mir ist der Arm ganz abgequetscht«, sagte er schüchtern. »Um Gottes willen, ich kann nicht mehr weitergehen, um Gottes willen!«

Man merkte, daß dieser Junker schon mehrmals darum gebeten hatte, irgendwo mitfahren zu dürfen, aber überall eine abschlägige Antwort erhalten hatte. Er fragte mit unsicherer und kläglicher Stimme.

»Lassen Sie mich doch aufsteigen, um Gottes willen!«

»Laßt ihn aufsitzen, laßt ihn aufsitzen«, sagte Tuschin. »Leg einen Mantel unter, Onkel«, wandte er sich an seinen Lieblingssoldaten. »Aber wo ist denn der verwundete Offizier?«

»Den haben wir abgeladen; er war gestorben«, antwortete jemand.

»Laßt ihn aufsteigen! Setzen Sie sich hin, mein Lieber, setzen Sie sich hin. Breite ihm einen Mantel unter, Antonow.«

Der Junker war Rostow. Er hielt seinen Arm mit dem andern fest, war blaß, und sein Unterkiefer zitterte vor Schüttelfrost. Die Soldaten machten ihm auf der Matwjejewna Platz, auf demselben Geschütz, von dem man den toten Offizier heruntergenommen hatte. An dem untergelegten Mantel war Blut, das Rostows Reithosen und Hände befleckte.

»Was ist mit Ihnen? Sind Sie verwundet, mein Lieber?« fragte Tuschin und ritt an das Geschütz heran, auf dem Rostow saß.

»Nein, ich habe eine Quetschung.«

»Wo kommt denn das Blut her, da auf der Lafette?« fragte Tuschin.

»Das ist von dem Offizier, Euer Wohlgeboren«, antwortete ein Artillerist, als müsse er sich wegen des unsauberen Zustandes, in dem sich sein Geschütz befand, entschuldigen, und rieb das Blut mit dem Mantelärmel ab.

Mit Hilfe der Infanterie brachten die Artilleristen ihre Geschütze mühsam den Berg hinauf und machten, als sie Guntersdorf erreicht hatten, dort halt. Es war schon so dunkel geworden, daß man auf zehn Schritt Entfernung die Uniformen der Soldaten nicht mehr unterscheiden konnte. Das Gewehrfeuer flaute allmählich ab. Plötzlich ertönte aus nächster Nähe, von rechts her, wieder Geschrei und Schießen. Schüsse blitzten in der Dunkelheit auf. Es war der letzte Angriff der Franzosen, auf den die im Dorf liegenden Soldaten antworteten. Alles stürzte aus den Häusern heraus, aber Tuschins Geschütze konnten nicht weiter vorwärtskommen, und die Artilleristen, Tuschin und der Junker sahen sich in Erwartung ihres Schicksals schweigend an. Bald verstummte jedoch das Schießen wieder, und aus einer Seitengasse strömten Soldaten, die lebhaft miteinander sprachen.

»Bist du noch heil, Petrow?« fragte einer.

»Denen haben wir aber tüchtig eingeheizt, jetzt werden sie ihre Nase nicht wieder hier hereinstecken wollen«, sagte ein zweiter.

»Nichts war mehr zu sehen. Wie die auf ihre eigenen Leute losgepfeffert haben! Rein gar nichts war zu sehen. Alles war dunkel. Du, hast du nicht was zu trinken?«

Die Franzosen waren zum letztenmal zurückgeschlagen. Und wieder bewegten sich Tuschins Geschütze in vollkommener Dunkelheit vorwärts, von der lärmenden Infanterie wie von einem Rahmen umgeben.

Es war, als fließe in der Dunkelheit ein unsichtbarer, finsterer Strom immer in der gleichen Richtung dahin, der von flüsternden und lauten Stimmen, klappernden Hufen und rollenden Rädern erbrauste. Aus dem allgemeinen, mit allen diesen Lauten untermischten Tosen hörte man in der dunkeln Nacht am deutlichsten das Stöhnen und Schreien der Verwundeten heraus. Ihr Wehklagen schien die ganze Finsternis, die das Heer umgab, zu erfüllen und sich mit der Dunkelheit der Nacht zu einem grauenvollen Ganzen zu verbinden. Plötzlich entstand in der dahinströmenden Masse eine gewisse Aufregung. Jemand ritt, von einem Gefolge begleitet, auf einem Schimmel vorüber und sagte im Vorbeireiten ein paar Worte.

»Was hat er gesagt? … Wohin gehen wir? … Machen wir halt, ja? … Hat er uns gedankt, ja?« fragten die Soldaten eifrig von allen Seiten. Diese ganze vorwärtsströmende Menschenmasse drängte sich zusammen – anscheinend waren die Vordersten stehen geblieben –, und es verbreitete sich das Gerücht, es sei befohlen worden, haltzumachen. Alle machten halt, wo sie gerade standen, mitten auf der schmutzigen Straße.

Man zündete Feuer an und unterhielt sich lauter. Tuschin traf in seiner Batterie die nötigen Anordnungen, schickte einen seiner Leute aus, um für den Junker einen Verbandsplatz oder einen Arzt zu suchen, und setzte sich dann an ein Feuer, das seine Soldaten am Wege angezündet hatten. Auch Rostow schleppte sich zu dem Feuer hin. Vor Schmerz, Kälte und Nässe zitterte sein ganzer Körper wie im Fieber. Ein unüberwindliches Müdigkeitsgefühl überkam ihn, aber er konnte infolge der peinigenden Schmerzen in seinem kranken Arm, der keine richtige Lage fand, nicht einschlafen. Bald schloß er die Augen, bald blickte er ins Feuer, das ihm glühend rot erschien, bald sah er die zusammengekrümmte, schwächliche Gestalt Tuschins an, der mit gekreuzten Beinen neben ihm saß. Tuschins große, gutmütige, kluge Augen waren voller Teilnahme und Mitleid auf ihn gerichtet. Rostow sah, daß Tuschin zwar von ganzem Herzen den Wunsch hatte, ihm zu helfen, doch daß ihm dies in keiner Weise möglich war.

Von allen Seiten hörte man Schritte und Stimmen vorbeimarschierender und vorbeifahrender Soldaten und der sich ringsum lagernden Infanterie. Das Geräusch der Stimmen, Schritte und der durch den Schmutz stampfenden Pferdehufe, das ferne und nahe Knistern der Feuer, dies alles verschmolz in ein einziges wogendes Getöse. Es war nicht mehr jener, in der Dunkelheit sich vorwärtswälzende, unsichtbare Strom wie vorhin, sondern ein finsteres Meer, das nach dem Sturm zwar noch zitterte, sich aber langsam wieder glättete. Rostow sah und hörte gedankenlos, was um ihn herum vorging. Ein Infanterist trat an das Feuer heran, hockte nieder, streckte die Hände nach der Glut hin und wandte das Gesicht ab.

»Darf ich, Euer Wohlgeboren?« fragte er, indem er sich fragend an Tuschin wandte. »Ich bin von meiner Kompanie abgekommen und weiß nicht, wo sie ist. Eine schlimme Sache.«

Gleich darauf trat ein Infanterieoffizier mit verbundener Backe an das Feuer heran und bat Tuschin, die Geschütze etwas beiseite rücken zu lassen, damit ein Trainwagen vorbeifahren könne. Nach diesem kamen zwei Soldaten zum Feuer gelaufen, die sich wütend beschimpften und prügelten, wobei einer dem andern einen Stiefel wegzunehmen versuchte.

»Na klar, du hast ihn aufgehoben. Du bist schlau!« schrie der eine mit heiserer Stimme.

Dann trat ein magerer, blasser Soldat heran, den Hals mit einem blutigen Fußlappen umwickelt, und verlangte in gereiztem Ton von den Artilleristen Wasser.

»Na, was bildet ihr euch ein! Soll ich etwa verrecken wie ein Hund?« brummte er.

Tuschin befahl, ihm Wasser zu geben. Dann kam ein lustiger Soldat herbeigelaufen und bat um Feuer für die Infanterie.

»Bitte um recht heißes Feuer für die Infanterie! Laßt es euch gut gehen, Landsleute! Wir danken schön für das Feuer und werden es euch mit Zinsen wiedergeben«, sagte er und trug das rotglühende Scheit irgendwohin in die Dunkelheit.

Nach diesem Soldaten kamen vier andere an dem Feuer vorbei; sie trugen etwas Schweres in einem Mantel. Einer von ihnen stolperte.

»Verfluchtes Gesindel! Da haben sie mitten auf dem Weg Holz liegen lassen«, brummte einer von ihnen.

»Wozu ihn noch weitertragen, er ist ja tot …« sagte ein anderer.

»Ich werde euch helfen!«

Sie verschwanden mit ihrer Last in der Finsternis.

»Nun? Haben Sie noch Schmerzen?« fragte Tuschin flüsternd den Junker Rostow.

»Ja.«

»Euer Wohlgeboren zum General! Seine Exzellenz hat hier in diesem Bauernhause Quartier genommen«, sagte, auf Tuschin zutretend, der Feuerwerker.