»Sofort, mein Lieber!«
Tuschin stand auf, knöpfte den Mantel zu, zog ihn gerade und ging vom Feuer weg.
Nicht weit von dem Feuer der Artilleristen saß in einer für ihn zurechtgemachten Bauernstube Fürst Bagration beim Essen und unterhielt sich mit einigen höheren Offizieren, die sich bei ihm versammelt hatten. Da war jener alte General mit den halbgeschlossenen Augen, der gierig einen Hammelknochen benagte, da war jener Kommandeur, der zweiundzwanzig Jahre lang tadellos gedient hatte – er war von einem Glas Schnaps und dem Essen ganz rot geworden –, da war der Stabsoffizier mit dem Siegelring und Scherkow, dessen Augen unruhig von einem zum andern wanderten, und endlich Fürst Andrej, blaß, mit zusammengepreßten Lippen und fieberhaft glänzenden Augen.
In der Stube stand, in eine Ecke gelehnt, eine eroberte französische Fahne. Der Auditeur mit dem naiven Gesicht betastete das Gewebe der Fahne und schüttelte verwundert den Kopf. Vielleicht interessierte ihn die Fahne wirklich, vielleicht tat er es auch nur, weil es ihm schwer fiel, mit hungrigem Magen einem Essen zuzusehen, bei welchem für ihn kein Gedeck aufgelegt war. In der Stube nebenan befand sich ein von den Dragonern gefangengenommener französischer Oberst. Russische Offiziere drängten sich um ihn und betrachteten ihn.
Fürst Bagration dankte den einzelnen Befehlshabern und fragte nach den Einzelheiten der Schlacht und nach den Verlusten. Jener Kommandeur, dessen Regiment bei Braunau besichtigt worden war, meldete dem Fürsten, er habe sich gleich nach Beginn der Schlacht aus dem Walde zurückgezogen, die Holzfäller gesammelt und an sich vorbeigelassen, und dann mit zwei Bataillonen die Franzosen mit dem Bajonett angegriffen und sie in die Flucht geschlagen.
»Als ich dann sah, Durchlaucht, daß das erste Bataillon aufgerieben war, blieb ich auf dem Weg stehen und dachte: Ich will die jetzt vorbeilassen und den Feind dann mit einem heftigen Feuer begrüßen. Und so habe ich es auch gemacht.«
Der Regimentskommandeur wünschte so sehr, dies getan zu haben, und bedauerte es so aufrichtig, dazu nicht imstande gewesen zu sein, daß es ihm wirklich vorkam, als wäre alles genauso vor sich gegangen. Ja, vielleicht war es auch wirklich so gewesen? Konnte man denn etwa in diesem Wirrwarr unterscheiden, was wirklich geschehen und was nicht geschehen war?
»Und dann möchte ich noch bemerken, Durchlaucht«, fuhr er fort, weil er an Kutusows Gespräch mit Dolochow und an sein letztes Zusammentreffen mit dem Degradierten dachte, »daß der zum Gemeinen degradierte Dolochow vor meinen Augen einen französischen Offizier zum Gefangenen gemacht und sich ganz besonders ausgezeichnet hat.«
»Dort habe auch ich die Attacke der Pawlograder mitangesehen, Durchlaucht«, mischte sich, unruhig um sich blickend, Scherkow ein, der den ganzen Tag überhaupt keinen Husaren zu Gesicht bekommen, sondern nur von einem Infanterieoffizier von ihnen gehört hatte. »Zwei Karrees haben sie über den Haufen geritten, Durchlaucht.«
Einige lächelten bei Scherkows Worten, da sie, wie gewöhnlich, irgendeinen Scherz von ihm erwarteten. Als sie aber merkten, daß das, was er sagte, ebenfalls auf den Ruhm unserer Waffen am heutigen Tag hinauswollte, machten sie wieder ernsthafte Gesichter, obgleich die meisten sehr wohl wußten, daß das, was Scherkow sagte, Schwindel und völlig aus der Luft gegriffen war. Fürst Bagration wandte sich an den alten General.
»Ich danke Ihnen allen, meine Herren, sämtliche Truppen haben sich wie Helden geschlagen: die Infanterie wie auch die Kavallerie und Artillerie. Wie kam es aber, daß im Zentrum zwei Geschütze im Stich gelassen werden mußten?« fragte er und suchte jemand mit den Augen. Nach den Geschützen der linken Flanke fragte Bagration nicht; er wußte, daß dort schon ganz zu Anfang des Kampfes sämtliche Kanonen zurückgelassen worden waren. »Ich fragte Sie wohl schon einmal danach«, wandte er sich an den diensttuenden Stabsoffizier.
»Die eine wurde zerschossen«, erwiderte dieser, »und die andere … das kann ich gar nicht begreifen. Ich war selber die ganze Zeit dort, habe Anordnungen getroffen und bin soeben erst zurückgekommen. Es ging dort wirklich recht heiß her«, fügte er bescheiden hinzu.
Irgend jemand bemerkte, daß der Hauptmann Tuschin sich hier in diesem Dorf befinde und man schon nach ihm geschickt habe.
»Sie sind ja wohl auch dort gewesen«, sagte Bagration zum Fürsten Andrej. »Natürlich, wir waren ja eine Zeitlang zusammen dort«, sagte der diensttuende Stabsoffizier und lächelte den Fürsten Andrej liebenswürdig an.
»Ich habe nicht das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen«, erwiderte Fürst Andrej kurz und kalt.
Alle schwiegen. Da zeigte sich Tuschin auf der Schwelle, der schüchtern hinter den Rücken der Generäle hervorkam. Während er sich in der engen Hütte durch die hohen Offiziere durcharbeitete, bemerkte er in seiner Verlegenheit, die er immer in Gegenwart von Vorgesetzten empfand, die Fahnenstange nicht und stolperte darüber. Einige der Herren lachten.
»Wie kam es, daß die Geschütze zurückgelassen wurden?« fragte Bagration und runzelte weniger wegen des Hauptmanns als vielmehr der Lacher wegen, unter denen Scherkow am meisten zu hören war, die Stirn.
Erst jetzt, vor diesem grimmigen Vorgesetzten, wurde sich Tuschin voller Entsetzen seiner Schuld und Schande bewußt, daß er zwei Geschütze verloren hatte, während er selber am Leben geblieben war. Er war so aufgeregt gewesen, daß er bis zu diesem Augenblick gar nicht darüber nachgedacht hatte. Das Lachen der Offiziere brachte ihn noch mehr aus der Fassung. Mit zitterndem Unterkiefer stand er vor Bagration und konnte kaum die Worte hervorbringen: »Ich weiß nicht … Durchlaucht … es war nicht genug Mannschaft da, Durchlaucht.«
»Dann hätten Sie die Bedeckung heranziehen müssen.«
Daß er keine Bedeckung gehabt hatte, sagte Tuschin nicht, obgleich es die reine Wahrheit war. Er hatte Angst, dadurch irgendeinen anderen hohen Offizier bloßzustellen, deshalb schwieg er und sah Bagration nur starr und unverwandt ins Gesicht, wie ein steckenbleibender Schüler dem examinierenden Lehrer ins Auge sieht.
Das Schweigen dauerte ziemlich lang. Fürst Bagration, der sichtlich nicht streng sein wollte, wußte nicht, was er sagen sollte, und die übrigen Anwesenden wagten nicht, sich in das Gespräch einzumischen. Fürst Andrej sah Tuschin mit krauser Stirn an, und seine Finger begannen nervös zu zucken.
»Durchlaucht«, brach endlich Fürst Andrej mit seiner scharfen Stimme das Schweigen, »geruhten, mich nach der Batterie des Hauptmanns Tuschin zu entsenden. Ich war dort und fand zwei Drittel der Leute und Pferde gefallen, zwei Geschütze waren zerschossen und Bedeckung gab es nicht.«
Bagration und Tuschin blickten jetzt beide gleich starr Bolkonskij an, der mit zurückgehaltener Erregung sprach.
»Und wenn Durchlaucht gestatten, daß ich meine Meinung ausspreche«, fuhr Fürst Andrej fort, »so muß ich sagen, daß wir den Erfolg dieses Tages vor allem der Tätigkeit dieser Batterie und der heldenmütigen Ausdauer des Hauptmanns Tuschin und seiner Mannschaft verdanken.« Darauf stand er auf und trat, ohne eine Antwort abzuwarten, vom Tische fort.
Fürst Bagration sah Tuschin an, und da er offenbar Bolkonskijs kühnes Urteil nicht anzweifeln wollte, sich dabei aber doch außerstande fühlte, ihm völligen Glauben zu schenken, senkte er nur den Kopf und entließ Tuschin. Fürst Andrej folgte ihm.
»Ich danke Ihnen, Sie haben mich rausgehauen, vielen, vielen Dank«, sagte Tuschin zu ihm.
Fürst Andrej sah Tuschin an, sagte nichts und ging an ihm vorbei. Ihm war schwer und traurig zumute. Dies alles war so sonderbar und gar nicht so, wie er gehofft hatte.
Wer ist das? Warum sind die hier? Was wollen die? Wann wird das alles ein Ende nehmen? dachte Rostow, während er auf die Schatten blickte, die vor seinen Augen vorüberhuschten. Der Schmerz in seinem Arm wurde immer quälender. Eine unwiderstehliche Müdigkeit überkam ihn, rote Flecken tanzten ihm vor den Augen, und das Beunruhigende dieser Stimmen und Gestalten vereinigte sich mit einem Gefühl grenzenloser Einsamkeit und rasender Schmerzen. Die waren es, diese Soldaten, Verwundete und Gesunde, die ihn würgten und quälten, die Sehnen ausrissen und das Fleisch seiner zerquetschten Hand und Schulter brieten. Um sie loszuwerden, schloß er die Augen.