Ich weiß nicht mehr viel über den Rest des Tages. Halb bewusstlos war ich den Trampelpfaden der Touristen gefolgt und irgendwann im Hafen gelandet. Ich erwachte mit einem Staunen — darüber, wie klein die Kleine Meerjungfrau (Den lille Havfrue) tatsächlich war. In meinem Stadtführer las ich, dass man ihr 1964 den Kopf und 1984 den rechten Arm abgesägt hatte, aber es waren keine Wunden, keine Spuren zu entdecken. Sie sah unfassbar traurig aus — mitleidig und jedes Mitleids würdig. Es war der Moment, in dem ich beschloss, nach Bispebjerg zu gehen, daran erinnere ich mich. Unterwegs versuchte ich, mir die kleine Meerjungfrau ohne Kopf und ohne Arm vorzustellen; sie war nicht zu Gischt geworden, nicht zu einem Geist aus Luft, nein, ihr verwester Körper lag zwischen den Steinen, frisch gestrandet, aber niemand unternahm etwas. Nur ein paar Touristen, die Fotos machten. Dann Polizei, Gerichtsmedizin, Obduktion, Protokoll. Immerhin hatte sie einen Namen, jeder Däne hätte sie erkannt, auch ohne Kopf.
Das Besondere am Bispebjerg Kirkegård war, dass man ihn befahren konnte. Es gab ein großes, gut asphaltiertes Oval, einer Rennstrecke ähnlich, und einige kleinere Seitenstraßen. Alle Wege waren Chausseen, gesäumt von Pappeln oder Tannen. Ich parkte zunächst am Krematorium und orientierte mich an einem Lageplan. Rings um die Rennbahn waren verschiedene Abteilungen angeordnet, ausgeschildert wie Autobahnabfahrten — schwedische, russische, muslimische, katholische Abfahrt und am anderen Ende des Geländes, hinter der Südkurve, das Tyske Grave, die deutschen Toten. Ich stieg in den Shiguli und fuhr bis dahin, etwa drei Kilometer.
Das Tyske Grave war eine Anlage mit drei Steinkreuzen, drei Eichenbäumen und einer großen bronzenen Gedenkplatte. Auf einer Reihe weiterer, kleinerer Tafeln wurden die Toten aufgeführt, alphabetisch geordnet, mit Geburts- und Sterbedatum. Die Liste schloss mit dem Hinweis auf» siebzehn unbekannte deutsche Flüchtlinge«.
Was ich in diesem Moment empfand — ich erinnere mich nicht. Ich weiß, dass es mir schwerfiel, auf dem Friedhof zu schlafen, obwohl ich mich sicher fühlte im Shiguli. Und ich weiß, dass ich um Mitternacht noch einmal aus dem Auto gekrochen und zum Stein gegangen bin. Im Dunkeln sah alles anders aus, wärmer. Ich legte das knittrige Foto ins Gras und wartete ab. Es war still. Kein Wind in den Bäumen, kein Rauschen, nichts geschah. Kein Zeichen. Ich dachte an Kruso, an Sonja und also auch an G. Ich erfüllte ein Versprechen, als hätte ich es mir selbst gegeben.
«Du wirst mich also nicht verlassen, Sonja?«
«Nein, nein, nie und nimmer. Ich werde dir folgen.«
Knapp zwanzig Jahre später sah ich, wie ein Mann auf eine weite leere Wiese zeigte und sagte:»Hier überall liegen die Toten begraben. «Es war ein Film des Norddeutschen Rundfunks über die Ostseefluchten. Ich hatte bis kurz vor Mitternacht gearbeitet und dann den Fernseher eingeschaltet. Ich hatte schon Wein getrunken, eine halbe Flasche. Alles ist Zufall. Ich hatte nur müde werden wollen, bettschwer, wie meine Mutter das nannte, und es gab keine bessere Methode.
Das Auge der Kamera schwenkte langsam (trauernd) über die Wiese und verharrte schließlich (andächtig) im Geäst einer großen alten Buche, die dort Ehrenwache hielt. Wiese und Bäume, sonst nichts. Der Friedhof hieß Bispebjerg Kirkegård, aber der Ort ähnelte nicht im Mindesten jenem, an dem ich zwei Jahrzehnte zuvor gewesen war, einen Abend und eine Nacht, um Abschied zu nehmen, wie es die Sekretärin aus der Gerichtsmedizin vorgeschlagen hatte. Der junge Däne vor der Kamera trug einen halblangen Mantel, sein Haar war blond und reichte ihm bis auf die Schultern. Hinter ihm nichts als Gras und hier und da, in einigem Abstand, kleine bunte Blumeninseln.
Was man versprochen hat. Es lag nicht daran, dass ich am falschen Grab gewesen und vielleicht für dumm verkauft worden war. Es hatte nichts mit meiner Empörung zu tun, nein: Ich war nachlässig gewesen. Ich hatte mich zu schnell und im Grunde mit nichts zufriedengegeben.
In den folgenden Wochen las ich alles, was zum Thema greifbar war. Ich fand nicht allzu viel. Zwei Bücher mit sorgfältigen Recherchen und Analysen, einige Artikel, eine Wanderausstellung. Eine Statistik verzeichnete über 5600 Flüchtlinge, 913 davon erfolgreich, 4522 Festnahmen und mindestens 174 Todesopfer seit 1961, angeschwemmt zwischen Fehmarn, Rügen und Dänemark. Die ergiebigsten Fluchtgeschichten hatte man verfilmt, kein großes Kino, aber gute Dokumentationen für die dritten Fernsehprogramme: Zwei Surfer, die es bei Novembersturm von Hiddensee nach Møn geschafft hatten (mit selbstgefertigten Surfbrettern). Zwei junge Ärzte im Schlauchboot, aufgelesen von einem dänischen Kutter. Ein Mann, der in vierundzwanzig Stunden achtundvierzig Kilometer geschwommen war, von Kühlungsborn nach Fehmarn, mit fünf Tafeln Schokolade als Proviant. Aus Fluchten wurden Fluchtgeschichten und aus Flüchtlingen Helden, Menschen, die alles riskiert und überlebt hatten.»Wir haben es geschafft «oder» Wir haben unser Ziel erreicht«, immer wieder dieser Satz, einer Beschwörung ähnlich.
Auch von zahlreichen missglückten Fluchtversuchen war die Rede, nur über die namenlosen Toten fand ich nichts, nirgendwo. Kein Fundort, kein Datum, kein Grab, allein der vage Hinweis auf eine Bestattung in Kopenhagen. Seltsamerweise tauchte hier und da die Zahl 15 auf, 15 unbekannte Opfer, wie es hieß, gestrandet an den Küsten Dänemarks. Ich fragte mich, wie es zu dieser Zahl gekommen sein konnte. Ungeachtet einer oft erwähnten Dunkelziffer, die vermutlich, wie es hieß, um ein Vielfaches höher liege, mussten diese Toten immerhin als Ostdeutsche identifiziert worden sein. Jemand musste sie gesehen und es festgestellt haben: Sie kommen von da.»Wenn unsere Fischer zwischen Møn und Rügen das Schleppnetz hochholten, lagen manchmal Leichen zwischen den Fischen. Ich kann mich an zwölf Tote erinnern. Wir brachten sie hier an Land und übergaben sie dem Gerichtsmedizinischen Institut in Kopenhagen.«
Sicher war das eine Verkürzung der Dinge, eine Beschränkung auf das Wesentliche, wie sie einem alten Hafenmeister zusteht, ohne Erwähnung der Polizei, der Forensiker, des Staatsanwalts und des ganzen thanatokratischen Apparats: Irgendwo mussten diese Körper hingekommen sein. Es musste Unterlagen geben, Obduktionsberichte und ein auffindbares Grab. Kein Museum vielleicht, aber irgendetwas.
Zuerst schrieb ich an das Gerichtsmedizinische Institut der Universität Kopenhagen, Retspatologisk Afdeling, das bunte Leichenhaus. Die Antwort kam sofort. Es handele sich» um interessante und unheimliche Ereignisse«, die ich in meinem Brief schildere, nur leider sei man nicht in der Lage, mir zu helfen. Alle Obduktionen geschähen im Auftrag der Polizei, und nur diese habe das Verfügungsrecht über die Obduktionsberichte. Man sei deshalb gezwungen, mich an die Polizei von Südseeland und Lolland-Falster zu verweisen, Parkvej 50, Næstved. Unterzeichnet war der Brief von Professor Hans Petter Hougen, Staatsobduzent, nicht von Sørensen, der vielleicht schon im Ruhestand war. Mit Hilfe einer dänischsprachigen Freundin formulierte ich eine möglichst genaue Anfrage, und wieder kam die Antwort schnell. In seinem Amtsbereich sei keiner der von mir beschriebenen Fälle aktenkundig, erklärte Allan Lappenborg vom Sekretariat der Polizei Südseeland und Lolland-Falster, ein Gebiet, das zwei Drittel der Südküste Dänemarks umfasst. Seinem Bescheid war die Auskunft des Polizeikreisarchivars Kurt Hansen Löi beigefügt, der schrieb:»Ich habe mich bei älteren Kollegen erkundigt, die während des betreffenden Zeitraums hier angestellt waren. Die Polizei hat sich offenbar dieser Angelegenheiten nicht angenommen, und vermutlich wurde auch kein Todesfall gemeldet. Dies bestätigt die Auskunft des Hafenmeisters, dass die Todesfallmeldungen beim Rechtsmedizinischen Institut gelandet sind. Jedenfalls hat das Polizeiarchiv in Vordingborg keine Todesfälle aus DDR-Zeit. «Obwohl die Auskunft des Polizeikreisarchivars mehr als erstaunlich war, beschloss ich, mich nicht noch einmal an Professor Hougen zu wenden. Stattdessen schrieb ich an verschiedene Stellen, im Grunde blind, geleitet allein von der Annahme (der Hoffnung), unter diesen Adressen jemanden zu finden, der Bescheid wusste über den Verbleib der unbekannten Toten eines verschwundenen Landes, wenigstens der fünfzehn, die überall aufgeführt wurden in den Opferlisten.