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Ich schrieb an die deutsche Kirche Sankt Petri in Kopenhagen, an den IEDF, die» Interessengemeinschaft ehemaliger DDR-Flüchtlinge«, an die Stasi-Unterlagen-Behörde in Rostock und an das Mauermuseum in Berlin (Arbeitsgemeinschaft 13. August, Haus am Checkpoint Charlie), ebenso an die Betreiber verschiedener Webseiten, die auf die toten Flüchtlinge verwiesen, einige nannten die Zahl 15, ohne Datum, ohne Jahr, nur dieses letzte Verschollensein. Unweigerlich hatte ich damit begonnen, mir Gedanken über ihr Dasein zu machen, als ob es das geben könnte. Ich hatte Bilder von Géricault vor Augen, das heißt, ich dachte von den Toten wie von leibhaftigen Personen, als existiere das alles noch in ihren Resten: Sehnsucht und Bedürftigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung.

«Die Toten warten auf uns, Ed, wusstest du das?«

«Aber niemand wird kommen, niemand, niemals.«

Alles in allem war das Ergebnis ernüchternd. Niemand wusste wirklich Bescheid, und die Widersprüche häuften sich. Die Betreiber der Webseiten antworteten nicht auf meine Fragen, die ich mühsam eingetippt hatte in ihre schülerhaften Kästchen für den» Kontakt«. Der deutsche Hauptpastor von Kopenhagen war gerade neu im Amt und versprach, seine Kirchenältesten im Kirchenrat zu befragen.»Wo die Toten beerdigt sind, diesen Faden sollten Sie bei der dänischen Küstenwache aufnehmen«, schrieb der IEDF. Dr. Volker Höffer von der BStU-Außenstelle Rostock bot seine Unterstützung an. Über die fünfzehn unbekannten Toten könne er allerdings nichts Genaueres sagen. Die Zahlenangabe (15) beruhe wahrscheinlich auf Aussagen dänischer Experten des Innenministeriums, Abteilung» Abwehr«. Einen Kontakt dorthin habe er leider nicht mehr. Aus dem Mauermuseum eine Mail von Alexandra Hildebrandt: Auch ihr Haus versuche im Moment, die Namen der Todesopfer, die auf Bispebjerg beerdigt sind, zu erforschen.»Nach meinen Recherchen liegt in unserer Petrikirche nichts über die DDR-Flüchtlinge«, schrieb Wulf D. Wätjen, Mitglied des Kirchenrats von Sankt Petri. Im Auftrag des IEDF meldete sich Dr. Wolfgang Mayer, der mir empfahl, mich mit meinen Fragen an die Deutsche Botschaft in Kopenhagen zu wenden, konsularische Abteilung.

Küstenwache, Konsulat oder Ministerium?

Die Antwort aus der Deutschen Botschaft kam von Olaf Iversen, Mitarbeiter des Auswärtigen Amts:»Die Friedhofsverwaltung in Bispebjerg habe ich heute aufgesucht. Sie konnte mir leider keine Angaben zu den anonymen DDR-Flüchtlingen machen. «Bereits einen Tag nach meiner Anfrage war Iversen im Kontor des Friedhofs gewesen. Und noch einmal meldete sich Kirchenrat Wätjen von Sankt Petri. Auch er hatte im Bispebjerg Kirkegård nachgefragt — eine Dokumentation über die Beisetzungen gebe es nicht, kein Vermerk im Totenregister. Eins schien festzustehen: Nicht nur ich, auch der junge Däne im Film hatte sich geirrt — die unbekannten Toten lagen nicht auf Bispebjerg, weder unter den Bronzetafeln der Kriegsgräberstätte noch in der sanften Wiese nebenan.

Der Botschaftssekretär schlug vor, eine Verbindung zu Jesper Clemmensen herzustellen, einem dänischen Fernsehjournalisten, der über die Ostseefluchten geschrieben und schon einige Filme dazu gemacht hatte. Zwei Stunden später kam sein Bescheid:»Jesper C. hat uns geantwortet, dass er fließend Deutsch spricht und sich freuen würde, wenn Sie ihn direkt ansprechen. «Der ganz und gar ungehemmten Hilfsbereitschaft Iversens hatte ich den entscheidenden Kontakt zu verdanken.

Ich wollte, dass Jesper Clemmensen mich für einen ernsthaften Menschen hielt, nicht für irgendeinen Irren, der einer fixen Idee aufsaß. Diese Gefahr bestand allerdings unentwegt, solange ich ohne Institution oder offiziellen Auftrag im Rücken in aller Welt herumtelefonierte und Mails verschickte, um nach den Toten zu fragen. Auch deshalb erzählte ich nichts von Sonja oder Kruso, ich formulierte es mehr allgemein — ein Anliegen, das sich nahezu von selbst erklärte und mehr als gerechtfertigt erschien. Die Sätze dafür standen bereit, wie in Gedenktafeln gemeißelt: Den Opfern ihre Identität zurückgeben, die Anonymität der Statistiken brechen, ihr trauriges Schicksal dem Vergessen entreißen und so weiter. Das alles war schwerwiegend genug und konnte keine Lüge sein. (Du suchst ja doch nur nach Sonja, und im Grunde suchst du nach G., weil du im Leben nicht und niemals fertig wirst damit — von wegen Versprechen.) (Sehnsucht nach den Toten, so hast du es einmal genannt, nicht wahr?)

Ob Jesper meinen Erklärungen Glauben schenkte, kann ich nicht sagen. Wohl eher nicht, trotzdem (oder gerade deshalb) hatte ich großes Glück mit ihm, es konnte keinen Besseren geben. Er war vor Ort, er kannte» ein paar Leute«, er hatte Verbindungen, und er wusste, wen er anrufen musste. Er wusste, wie man recherchiert. Er sprach von» Quellen«(»meine Quelle hat gesagt«) und» wertvollen Informationen«, wo ich beim besten Willen keinen Fortschritt erkennen konnte. Ich telefoniere nicht besonders gern, aber mit Jesper war es leicht. Zwei Monate vergingen, in denen er die Polizei- und Archivlandschaft seines Landes umpflügte, inklusive Gerichtsmedizin, Staatsobduzentur und Reichsarchiv. Bis zum Nachmittag des 23. September, an dem er mich anrief und sagte, dass er jetzt wisse, wo das» Museum der Ertrunkenen «zu finden sei. Die Frage sei nur, ob man mich einlassen würde, ohne Forschungsauftrag oder Verwandtschaftsnachweis.

«Die Toten warten auf uns, Ed, was sagst du dazu?«, hatte Kruso gesagt.

«Die Leichen rücken sie nicht heraus«, hatte Kruso gesagt.

Am frühen Vormittag landete mein Flugzeug in Kopenhagen. Vom Bahnhof hatte ich nur drei Minuten Fußweg bis ins Hotel. Eine großflächige Aussparung im Bahnhofsvorplatz erlaubte, in einen darunterliegenden Tunnel zu blicken, dessen Gleise Richtung Norden führten. Ein paar Fahrräder lagen im Schotter, jemand hatte sie in den Abgrund gestürzt (über Bord geworfen). Das Gleisbett war von Müll übersät und bot, gemessen an der Umgebung des Platzes, einen irritierend verwahrlosten Anblick. Als verkehrten dort unten in der Tiefe kaum noch Züge, oder als führten diese Schienenstränge in irgendein anderes, unterirdisches Dänemark, in das eigentlich niemand mehr reisen wollte.

Unser Treffen war am Nachmittag, den Termin hatte Jesper mit seiner Quelle vereinbart. Es war kalt, und ein feiner, nahezu unsichtbarer Regen lag in der Luft. Auf dem Rathausplatz machten ein paar Indianer Musik. Dem Häuptling reichte der Federschmuck bis auf die Füße; er trug rote Handschuhe und eine Jacke aus Vlies. Eine Weile versuchte ich, mich treiben zu lassen, aber schließlich fehlte mir die Geduld. Ich bog ab und fand eine Nebenstraße, in der es möglich war, frei auszuschreiten. Bald öffnete sich der Weg auf einen Platz. Wahllos betrat ich ein Restaurant, das sich Café Scandi nannte. Das Lunchbüfett kostete 69 Kronen. Das Scandi war passabel, aber irgendetwas stimmte nicht. Über die Decke wanderten zu Wellen gebogene Metallbänder, in denen sich alles reflektierte, was auf dem Grund des Cafés geschah. Auf den Tischen brannten Windlichter wie Positionsleuchten in schweren weinroten Gläsern. Ich saß am Fenster, ich konnte nach draußen sehen. Der Himmel hing tief, und es war einfach zu dunkel für diese Tageszeit. Mein Positionslicht begann zu flackern, irgendein Wind von irgendwoher, und als ich mich umsah, wusste ich es: In meinem Rücken hatte sich der Schacht eines Speiseaufzugs geöffnet. Ich setzte mich auf die andere Seite des Tisches und behielt die zwei Klappen fest im Auge. Mit Schwung ließ der Kellner sie zuschnappen, bevor er den Aufzug wieder in die Tiefe schickte. Auf einem Schild über dem Schacht las ich das Wort: Persontransportforbudt.