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«Danke«, sagte Ed und sah zu Boden, mehr brachte er nicht heraus, und wofür bedankte er sich?

Man hielt Krusowitsch nicht für einen Russen, Deutschrussen oder Russlanddeutschen. Er hatte schwarzes, halblanges Haar, das er bei der Arbeit im Abwasch zu einem Zopf band. Wegen eines Wirbels über der Stirn wölbte sich das zurückgebundene Haar am Ansatz, wie der dunkle, lappige Kamm eines Hahns. Das Komische dieser Verformung wurde aufgehoben von der Ernsthaftigkeit seines Blicks; ohnehin kam einem nichts komisch vor, wenn man Krusowitsch gegenüberstand. Seine Nase war schmal und kantig, sein Gesicht ein langes, weiches, nahezu perfektes Oval mit großen Wangen, die Augenbrauen fast gerade, dazu die dunkle Färbung seiner Haut — Krusowitsch glich eher einem Venezuelaner oder Kolumbier, der im nächsten Moment seine Panflöte hervorziehen würde, um eine seiner trotzig-traurigen Verzauberungen anzustimmen.

Der Abwasch war ein schmaler, gefliester Anbau, mit einem im Halbdunkel liegenden Durchgang zum Gastraum und einer Schwenktür zur Küche.»Unser Hinterzimmer«, sagte Kruso. Es klang wichtig, und als wollte er damit noch etwas anderes ausdrücken. Unter den hoch gelegenen Fenstern standen zwei große braune Steinbecken sowie zwei kleinere Becken aus Stahl. Das Wasser strömte aus kurzen, an den Wasserhähnen mit Drähten befestigten Gummischläuchen. Die Becken standen paarweise beieinander (ein Steinbecken, ein Stahlbecken), dazwischen stählerne Ablagetische. An der gegenüberliegenden Wand befanden sich einige rostige Regale, gefüllt mit Töpfen, Kellen und Geschirr. Der Fußboden war schmierig und glatt. Die ehemals rotbraunen Fliesen hatten sich mit dem Schmutz versöhnt und einen Grauschleier angenommen. Einige der Steine waren zerbrochen, ein paar fehlten, die offenen Stellen im Muster hatte man mit Zement ausgestrichen. Ein taubes Licht fiel durch die Fensterscheiben.

«Wir arbeiten hier mit der Hand, mit der bloßen Hand«, betonte Kruso und streckte ihm seine geöffneten Hände entgegen, als wolle er damit eine alles umfassende Unschuld belegen. Aber es war nur der Anfang seiner ersten Unterweisung, Krusos erste Lektion. Ed sah eine Menge Linien, lange, große, weitverzweigte Erzählungen, die darauf warteten, gelesen und verstanden zu werden, dazu breite, quadratische Fingernägel …

«Zeig mir deine Hände!«

Zögernd folgte Ed.

«Bleib so«, sagte Kruso, griff nach einer Limonadeflasche auf der Fensterbank und schüttelte etwas von einer dicken weißlichen Flüssigkeit auf seine Handrücken.»Nicht die Hände eines Studenten«, urteilte Kruso und fuhr ihm kräftig zwischen die Finger; er knetete seine Knochen so fest, dass Ed um ein Haar aufgeschrien hätte. Aber sein Mund war wie zugenäht. Nichts und niemand hätte ihn dazu bringen können, sich jetzt eine Blöße zu geben.

«Wichse, gute pure Wichse, sagen die Kellner. Und Rimbaud behauptet, seit Jahren würde das Zeug nicht weniger …«Kruso lächelte ihn ernsthaft an. Zum Abschluss hob er seine Rechte, als wollte er schwören, legte aber nur Daumen und Zeigefinger aneinander.»Der Präzisionsgriff, du weißt. Daumen und Zeigefinger finden plötzlich zueinander, und die Menschwerdung des Affen beginnt, lange vor dem ersten Wort …«Ohne weiteres trat er an eines der Becken und tauchte die Arme bis zu den Ellbogen ins Wasser. Seine Hände rotierten in einer mit gelbem Schaum besetzten Brühe, wo sie etwas erledigten, wofür er offensichtlich nicht genauer hinzusehen brauchte.

Bei der Arbeit trug Kruso, der ihn um Kopfeslänge überragte, ein schwarzes Unterhemd, an den Armen und über der Brust weit ausgeschnitten. Wenn er sich nach vorn beugte, stand es vom Oberkörper ab. Seine Brust war dicht behaart, die Haut gebräunt. Um seine Hüften war ein Tuch geschlungen, das einem Schurz glich. An den Füßen hatte er Mokassins, die von Nässe glänzten.

Das Steinbecken fürs Grobe (Töpfe, Pfannen, Schüsseln) und das stählerne Spülbecken für Mittagsgeschirr befanden sich auf seiner Seite — »deine Seite«, erklärte Kruso, vertrauensvoll und ohne eine Spur von Ironie. Eds Seite lag am Durchgang zum Gastraum, ein kleiner leicht abschüssiger Korridor, durch den die Kellner — nicht selten in vollem Lauf — das Geschirr heranschleppten und abwarfen. Kruso nannte es die Einflugschneise, für die es Regeln zu beachten gab.

Auf Krusos Seite lag das Becken für Besteck, das möglichst lange weichen sollte, um dann, ohne Zwischenschritt, also in einem einzigen Arbeitsgang, gereinigt und poliert zu werden:»Anders schaffst auch du das nicht«, erklärte Kruso und lächelte ihn abermals an. Wozu sollte ich das versuchen, dachte Ed, aber noch ehe die Frage in seinem Kopf zusammengesetzt war, spürte er die Wärme des Zutrauens und der Zuneigung in seiner Brust.

Da ein normales Trockentuch bei dem In-einem-Schritt-Verfahren in kürzester Zeit vollkommen verschmiert und durchnässt gewesen wäre, wurde Bettzeug benutzt, riesige, hundert Jahre alte Laken und Überzüge aus der Frühzeit des Klausners, deren Ende man sich über die Schulter werfen musste oder um die Hüften band, genauso, wie es Ed schon einmal gesehen hatte, nachts im Hof. Am Besteckbecken zu arbeiten wurde deshalb auch» den Römer machen «genannt. Der Römer sei, wie Kruso erklärte, noch nie besonders beliebt gewesen, nur bei Cavallo stünden die Römer» ganz oben«. Cavallo war einer der drei Kellner, so viel hatte Ed bereits verstanden.

Eine Weile blieb Kruso auf der Seite Eds, um sie ihm besser erklären zu können. Ed, sein Schüler, stand neben ihm und versuchte, auf alles zu achten. Der Meister fischte am Grund nach einer zweiten, besonderen Bürste, die er Ed vorführen wollte. Im Übereifer griff auch Ed in das Becken. Blitzschnell schnappte Kruso nach seiner Hand und hielt sie für einen Moment unter Wasser — offensichtlich ein Reflex oder ein plötzlicher Krampf, eine Sekundenepilepsie. Ed entschuldigte sich augenblicklich.

Während Alexander Krusowitsch ihm mit wenigen präzisen, halb ins Becken und halb zu ihm hin gesprochenen Sätzen das Zusammenspiel der verschiedenen Arbeitsbereiche des Klausners erklärte (Ausschank und Gaststube, Küche, Biergarten, Abwasch, Bettenhaus und Speisesaal der Betriebsurlauber) und diesen und jenen Namen erwähnte (unmöglich für Ed, sich alles zu merken), zog er mit einem einzigen Griff einen Stapel Mittagsteller aus dem Wasser. Eine einzige zeitlupenhaft ausgeführte Drehung seines kräftigen Handgelenks genügte, die Teller auf einem großen, von Rost übersäten Drahtgestell zu platzieren.

Als hätte er es soeben erst entdeckt, fixierte Kruso das Drahtgestell.»Wir müssten mehr davon machen, mehr und bessere vielleicht. «Er klang erschöpft und zugleich entschlossen.»Wir müssen selbst für uns sorgen. Für uns und die Pilger, für uns und für sie den ganzen Betrieb hier aufrechterhalten, das ist unser täglich Brot. «Gern hätte Ed ihm zugestimmt, aber das wäre lächerlich gewesen. Er wusste nichts von Abtropfgestellen und ihrer Herstellung und noch weniger, wen Kruso gemeint haben konnte mit» die Pilger«.

Tags zuvor war Ed zufällig Krombach begegnet, am Strand. Er hatte sich ein Herz gefasst und den Direktor angesprochen: Wann der Mann zurückkehren würde, von dem die Entscheidung über seine Einstellung abhängen sollte, war seine Frage. Krombach hatte geantwortet, dass Kruso einmal im Jahr, jeweils in diesen Tagen, die Insel umrunde,»auch die schilfigen und auch die sumpfigen Strecken — er geht durch jedes Gebüsch, gut dreißig Kilometer, keine Schwierigkeit für jemanden, der praktisch auf der Sturmbahn aufgewachsen ist«. Ed spürte, dass Krombach nicht zu viel erzählen wollte. Trotzdem blieb der Direktor noch ein wenig bei ihm stehen und blickte aufs Wasser hinaus, vielleicht nur, um ihre Begegnung nicht allzu abrupt enden zu lassen.»Es ist eine Art Gedenkmarsch, zu Ehren seiner Schwester. Das heißt, wir wissen nie genau, wann er zurückkommt.«