Ed beschäftigte der Gedanke, dass das Radio seinen Besitzer überlebt hatte — ohne zu verstummen. Auf gewisse Weise konnte es als die Stimme des alten, ertrunkenen Kochs angesehen werden, die sich seit Jahren ohne Unterlass über die Töpfe des Klausners ergoss und seine Speisen überzog mit ihrer endlosen Sendung. Für einen unsinnigen Moment erschien ihm das als Akt des Widerstands, Hinweis auf ein vor langer Zeit begangenes Unrecht vielleicht, wie eine Hand immer wieder aus dem Grab herausschnellt, phantasierte Ed, während ihm der scharfe Dunst des Spülmittels zu Kopf stieg und er Teller für Teller durch das Steinbecken fürs Grobe schleuste. Er bemühte sich, seinen Rhythmus zu halten, er wollte nicht langsamer sein als Kruso.
Die Drehregler fehlten, und die elfenbeinfarbenen Tasten, die an eine Art Überbiss erinnerten, waren zertrümmert. Derart verstümmelt, empfing Viola nur noch Deutschlandfunk, diesen aber mit einer Unnachgiebigkeit, wie sie Kriegsversehrten nachgesagt wird, die trotz schwerer Verletzung weiter und weiter kämpfen. Was Viola dabei aus den Sendungen machte mit ihrem schwankenden Empfang, ihrem schlagartigen Verstummen oder störrischen Brummton, ihrem Kratzen, Gurgeln und Husten (vor allem ihre Bronchialgeräusche waren schlimm), gerann zu einer Art Grundton des Klausners. Ihre endlose Sendung war wie das Atmen des Hauses, schwankend, aber beständig, dem Rauschen der Brandung vergleichbar und im Grunde unbeachtet …»Dudelt nur so, dudelt so«, wie es Koch-Mike sagte.
Im Abwasch hörten sie nicht viel von Viola, oft nur ein sanftes Brausen mit Obertönen. Das Zeitzeichen war das deutlichste Geräusch. Zwölf Uhr. Beim letzten Ton zog Ed seine Hände aus dem Wasser. Er drückte die Schwenktür zur Küche einen Spalt auf und bat um seine Zwiebel. Irgendwann ging der stumme Rolf dazu über, ihm einen Teller vorzubereiten und auf die Ablage rechts hinter der Schwenktür zu stellen, so dass er nur noch zuzugreifen brauchte: eine große, glänzende, in Hälften vorgeschnittene Zwiebel und eine Scheibe Mischbrot. Ed verharrte dann für einen Moment, den Rücken gegen einen Flügel der Tür gestemmt, und bevor er seinen Dank in den Raum brüllte (sein Blick suchte Rolf oder Koch-Mike im Küchennebel), erreichten ihn ein paar Sätze Violas. Ed fühlte sich hingezogen zur Monotonie ihrer halbstündlich wiederkehrenden Erzählungen, deren Inhalte tagelang kaum variierten. Am Ende das Wetter, Wasserstände, Windgeschwindigkeiten. Es gab Suchmeldungen und Reiserufe, und auch eine Sturmwarnung brauchte keine besondere Betonung.»Bundeswirtschaftsminister Haussmann hat seine Warnung wiederholt, die Arbeitszeit weiter zu verkürzen. Die Bevölkerung in der Bundesrepublik soll von Tiefflügen entlastet werden. Hören Sie nun die Meldungen im Einzelnen.«
Um Kruso zu zeigen, dass die Zwiebel zu keiner Unterbrechung seiner Arbeit führte, aß Ed sie direkt am Becken, wie einen Apfel, von dem er ab und zu einen Biss nahm. Anfangs hatte sich Ed vor jedem Biss die Hand gespült, aber jetzt, da er allmählich eins wurde mit dem Abwasch und seinen toxischen Essenzen, machte er sich nicht mehr diese Mühe.
Außer Viola, den Kühlaggregaten, der Kaffeemaschine und einem Kartoffelschälgerät, das nur von dem selten anwesenden Hausmeister bedient werden konnte, existierte keine Technik im Klausner, abgesehen von Krombachs grauem Telefon. Immerhin gab es Fenster, die man einen Spaltbreit aufklappen konnte, und, wenn möglich, weit geöffnete Türen. Der Wind wehte vom Meer her zum Vordereingang herein, spülte Gaststube und Küche und fuhr durch die Hintertür des Abwaschs wieder hinaus. Auf diese Weise waren Ed und Kruso stundenlang eingehüllt in ein warmes, fettiges Strömen, ein Dunstgemisch aus Tabak, Rauch, Menschengeruch und alkoholischen Dämpfen, dumpf und atemversetzend.»Geräuchert, wir werden geräuchert«, fluchte Kruso,»wenn die Wilden kommen, wittern sie uns zuerst. Wir müssen Vorsorge treffen, uns gut reinigen am Abend. Waschen, pflegen, Creme. Und immer wachsam sein. Die Höhle erweitern, die Verstecke verbreitern. Es ist schlimmer, ein Unheil zu erwarten, als es zu ertragen, Ed!«Der Hallraum des Abwaschs verzerrte seine Rede, weshalb Ed sie vielleicht falsch verstand. Es klang nicht, als würde Kruso scherzen, im Grunde scherzte er nie, schon gar nicht, wenn er auf die sagenhafte Geschichte seines Namensvetters zu sprechen kam.
Vor Feierabend schleuderte ihm der Eisverkäufer seine leeren Kübel zwischen die Beine.
«Picobello amigo!«
«Genau.«
«Das will ich meinen genau.«
«Genau.«
«Werd bloß nicht frech, Zwiebel.«
Die Kübel stanken. Auf ihrem Grund klebte das kalte näselnde Sprechen Renés. Ed scheuerte es heraus. Renés Hauptstadthochmut (auch er stammte aus Berlin) wirkte dumm und einschüchternd zugleich. Es lag am Tonfall, etwas, das unangreifbar schien und im Thüringischen oder Sächsischen nicht enthalten war. Sein weißes Hemd wie frisch gebügelt; er hat immer den guten Geruch, dachte Ed. René trug echte Jeans und einen braunen Stielkamm in der Gesäßtasche. Es war ein Plastikkamm mit breitem, leicht geschwungenem Griff. Manchmal, mitten im Gespräch oder auch am Frühstückstisch, zog er ihn heraus und kämmte sein welliges Haar.
Ed trocknete die Kübel sorgfältig aus und stellte sie zurück unter die Luke des Eisverkaufs. Dann schlich er auf sein Zimmer. Er hatte bald herausgefunden, dass es einen Durchgang gab, der vom Speisesaal aus direkt auf die Treppe nach oben führte; man musste nicht erst das ganze Gebäude umkreisen. In der Tiefe des kleinen Korridors zwischen Speisesaal und Treppe war die zweite Tür kaum sichtbar, obwohl sie meist offen stand und wie ein Geräuschkanal Küche, Gaststube und Speisesaal mit der oberen Etage verband.
Die Außenbahn entsprach einer alten Vorschrift, die Krombach weitergab, wenn er neue Belegschaft einstellte. Das Ganze ging zurück auf Beschwerden höhergestellter Betriebsurlauber, die sich entsetzt gezeigt hatten über die unhygienischen, unansehnlichen Gestalten, die plötzlich neben ihren Tischen aufgetaucht waren, um ihr wohlverträumtes, kerzenbeschienenes Feriendasein mit einer Wolke aus Schweiß, Rauch und Alkohol zu besudeln. Krombach war nur Pächter und wollte keinen Ärger mit dem sogenannten Stammbetrieb; überhaupt achtete der Direktor darauf, dass seine Mannschaft nicht zu eng in Kontakt kam mit den Betriebsurlaubern, jenen anerkannten Vertretern der Arbeiterklasse.
Die gute Einsamkeit, von der ab und zu die Rede war, mit möglichst ruhiger Stimme und Worten, die verbargen, dass man eigentlich nicht wusste, ob sie wirklich existierte, erlebte Ed am Abend, allein in seinem Zimmer. Er lauschte den zerfetzten Melodien, die es von Viola heraufspülte. Er döste ins Rauschen der Brandung oder starrte ins Dunkel über dem Wasser und sah das Bärenpferd. Er war vollkommen ruhig. Er konnte dem Tier unverwandt ins Auge sehen.