Выбрать главу

Es war, als hätte er an diesen ersten Nachmittagen im Hof des Klausners zu denken begonnen, mit einem Pferd vor Augen und einer Zwiebel in der Hand. Gedanken, von denen er wusste, dass sie ihren Anfang tatsächlich bei ihm selbst genommen hatten. Ein Denken jenseits seiner Merkkraft und irgendwo weit hinten, tief unter den Beständen. Die feuchten, samtweichen Nüstern, die Atemgeräusche, die Stille im Blick. Er war vierundzwanzig Jahre alt. Er hatte G. verloren. Das erste Mal im Leben konnte er fühlen, wie sein Denken begann. Wenn er sich mit der Innenfläche seiner Hand übers Gesicht fuhr, roch er die Gerichte der Tageskarte. Seine Haut war fettig und glänzte.

Am Enddorn

Etwas Wind kam auf. Kleine schlappe Ostseewellen, rasch aufeinander, ein kurzatmiges Meer. Über seinem Kopf blitzten die Uferschwalben kreuz und quer, als wollten sie ihn vertreiben. Ed lag am Strand, auf dem Rücken, versunken in den Anblick der faustgroßen Höhlen, von denen die Steilküste im Norden übersät war. Sie waren weit oben, direkt unter der Kliffkante, in zehn, zwölf oder fünfzehn Etagen übereinander, und erinnerten Ed an die in Fels gemeißelten Wohnstätten von Wüstenindianern, wie er sie in einem Western oder Abenteuerfilm gesehen hatte. In Abständen tauchten die Vögel in ihre Höhlen, dann schossen sie wieder heraus.

«Eine riesige Kuckucksuhr, Alterchen«, flüsterte Ed,»hörst du, wie es tickt im Lehm? Mit ihren aufgesperrten Schnäbeln fangen sie die Mücken wie Sekunden. Im Flug verdauen sie die Zeit zu einem einzigen Brei, und dann, zu Hause, kotzen sie alles wieder aus und stopfen damit die Mäuler ihrer winzigen Bälger — nur mit Zeitbrei gestopft, lernt man das Fliegen, alter Racker, wusstest du das?«

Das Spintisieren machte Ed Vergnügen, auch wenn sein Fuchs außer Hörweite lag. Immerhin war es sein erster freier Tag, der erste Ruhetag des Klausners seit seiner Ankunft, und er hatte sich vorgenommen, die Nordhälfte der Insel zu umrunden.

Die Ruhetage: Es hatte dazu keinerlei Unterweisung oder Erklärung gegeben, und wozu auch? Niemand dachte dabei an ihn, niemand wollte etwas von ihm. Für Ed waren sie ein Etappenziel, leiser Triumph.»So weit bist du gekommen«, flüsterte er in den Schwalbenhimmel und machte sich auf den Weg.

Wie ein gestrandeter Wal, der hilflos sein Maul vorschob in die Brandung und verzweifelt versuchte, ins Wasser zurückzukehren, hob sich das Hochland des Dornbuschs aus dem Meer — ein großes, langsam zerbröckelndes Tier. Unentwegt operierte die Sturmflut riesige Blöcke aus seinem Eiszeitleib heraus, Sandstein, Schiefer und Uppsalagranit, an dem sich seine frühere Heimat und die zehntausend Jahre seit seiner Ankunft ablesen ließen. Sein skandinavischer Leib franste aus, und nach und nach schaffte der Kadaver die Rückkehr ins Meer. Mergel und Ton spülte die Strömung im Nordosten wieder an, weshalb sich die Insel zu runden begann. Der sogenannte Bessin, dessen Gestalt noch immer Anlass bot, den Umriss des Eilands mit einem Seepferdchen zu vergleichen (und es auf diese Weise noch tiefer ins Herz zu schließen), hatte sich in den letzten Jahrzehnten aufgebläht, dem Seepferdchen wuchsen zusätzliche Mäuler, sein Kopf begann monströse Ausmaße anzunehmen.

Schon nach einem halben Kilometer ging es nicht mehr weiter. Ein Stück der Steilküste war frisch abgebrochen und ins Meer gerutscht. Das Bündel mit seinen Sachen über Kopf, stakte Ed langsam um die Lawine herum. Der Grund war steinig, er konnte sich kaum aufrecht halten. Das Wasser reichte ihm bis über den Bauch. Einmal war ihm, als hätte er jemanden lachen gehört, aber mehr vom Wasser her. Es schien keine Urlauber zu geben auf diesem Teil der Insel. Ein einziger Mann, jünger als Ed vielleicht, der sich sonnte. Er war nackt und lag wie versteckt in einer der kleinen Buchten. Als Ed sich noch einmal nach ihm umsah, band er bereits das Koppel über die Jacke. Er zog sein Maschinengewehr aus einer Nische und winkte Ed.

Feiner, mit Algen gepolsterter Kies bedeckte den Strand. Die größeren Steine lagen am Wasser, Totenköpfe, mit Algen behaart und von Wellen gestriegelt, sorgsam und endlos. Es gab großflächige Abbrüche, riesige Schollen und tiefe Risse in der Küste. Es gab kleine, frische Gletscherzungen aus feinstem Ton, in die man knietief einsinken konnte. Beim ersten Schritt waren sie wie Gummi unter dem Fuß, dann, plötzlich, gaben sie nach und umschlossen den Knöchel — tiefer, klebriger Ton. War man einmal eingesunken, gab es nichts Angenehmeres, als darin herumzustapfen und zu spüren, wie sich der feine Schlamm zwischen die Zehen presste … Stellenweise waren Lehm und Ton zu glänzenden Terrassen angeschwemmt, kleine, spiegelglatte Tableaus, wie aufgespannt und unberührbar. Es gab riesige Hühnergötter und Mohnblüten, über den Lehm verstreut. Das Wasser am Ufer war türkis, weiter draußen grau, die Sonne stieg, und der Horizont wurde langsam schärfer. Es war ein unangenehmes Gefühl, wenn Ed entdeckte, dass jemand von der Kliffkante auf ihn heruntersah, fünfzig, sechzig Meter über ihm. Dann senkte er den Blick und versuchte, schneller zu gehen, was schwierig war zwischen den Steinen.

Wo das Hochufer abflachte, stieß er auf die Reste des Bunkers, von dem Kruso öfter sprach. Zwischen zwei aus ihrer Verankerung gerissenen Betonplatten gab es einen Spalt in die Tiefe, aus dem die Brandung orakelte; es roch nach Kot. Hinter dem Bunker begannen die Sandburgen der Urlauber, aufwendig ausgebaut und mit Hilfe kleiner schwarzer Steine beschriftet — Datum der Anreise, Datum der Abreise, irgendein Name, Köhler, Müller, Schmidt. Einige waren mit Treibholz überdacht und einige beflaggt. Sie erinnerten Ed an Unterstände oder Kommandozentralen; im nächsten Moment glichen sie bewohnbaren Geburtstagstorten, ausstaffiert mit allerhand Kleinzeug, Büchsen, Latschen, angespültem Müll. Die Wachen vor den Eingängen dieser Torten trugen Schürzen, Grillschürzen vermutete Ed, ansonsten waren sie nackt. Überhaupt schienen alle Menschen nackt zu sein im Norden der Insel, weshalb Ed Richtung Osten abbog. Plötzlich entdeckte er seinen Hochstand in der Ferne. Obwohl nicht mehr als drei Wochen vergangen waren, berührte es ihn, die Stelle wiederzusehen, wo er seine erste Nacht verbracht hatte — »wo ich gelandet bin«, flüsterte Ed vor sich hin.

Das Vogelschutzgebiet war von dichtem Unterholz bewachsen, aber es gab eine Art Pfad in die Landzunge hinein. Er drang vor, wich vom Weg ab und betrat eine vollständige Abwesenheit. Irgendein Geräusch — ohne weiteres machte Ed einen Schritt zur Seite und duckte sich. Er war nicht erschrocken, er hatte keine Angst. Er registrierte, wie sich beim Hinhocken frisches Grün in den Blick schob. Das Grün bewegte sich und sagte» Gras«, so sanft, als streichle es dabei die innere Wölbung seines Schädels.

«Dass das die Wildnis ist und das unser Verkrochensein in der Wildnis — das werdet ihr da draußen nie begreifen«, murmelte Ed. Wieder hatte er ein gutes kleines Scheit auf das Lagerfeuer seines Selbstgesprächs gelegt. Er dachte: Orte, wo nie jemand ist, nur ich. Geduckt lauschte er dem harten Pochen seines Herzschlags und spürte die alte Sehnsucht nach dem Versteck. Und er begriff, dass diese Sehnsucht gewachsen und inzwischen noch viel größer war als in der Kindheit.

Als Ed sich erhob, stürzte ein Schwarm Vögel in die Luft, und für einen Augenblick war er nicht von dieser Welt.

Im Hof des» Enddorn«, eines der wenigen Gebäude, aus denen die Ortschaft Grieben bestand, bestellte Ed sich Kaffee und Kuchen. Er saß draußen im Schatten eines Weidenbaums, auf einem der wackligen, unregelmäßig im Garten verstreuten Stühle. Als wäre auf irgendeine Weise zu erkennen, dass er jetzt selbst eine Saisonkraft war, wurde er freundlicher und vor allem schneller bedient als die Tagestouristen an seinem Tisch. Und selbst die Tagestouristen zeigten Respekt. Sein Kännchen war randvoll, so dass es fast drei Tassen ergab. Einmal trat der Wirt vor die Tür und rief der Kellnerin etwas zu, dann grüßte er ihn kurz — der Wirt! Für eine Sekunde wurde Ed das Fehlen der unausgesprochenen Voraussetzung bewusst. Trotzdem gab es keinen Zweifeclass="underline" Er gehörte jetzt zur Insel, man sah es ihm an. Er war ein Esskaa am Ruhetag.