Zur Straße hin hatte der Enddorn, der ein kleineres Schiff als der Klausner war, eine barackenähnliche Verlängerung. Als sich die Tür einmal öffnete, wehte ein Schwall verbrauchter Luft zwischen die Tische. Ed erkannte ein eisernes Bettgestell, der Fußboden voller Schlafsäcke und Planen. Erst im nächsten Moment bemerkte Ed, dass es Kruso gewesen war, der den Anbau des Enddorn verlassen hatte. Er trug ein leuchtend weißes Hemd, das schwarze Haar lag ihm offen über den Schultern und glänzte indianisch. Ed wollte ihn rufen, er sprang auf, hob den Arm, brachte aber kein Wort heraus.
Krusos aufrechter Gang, nicht athletisch, aber doch mit Kraft, als triebe ihn eine Unwucht voran, irgendein Schlag vielleicht, der sein Zentrum getroffen und verschoben hatte, dachte Ed, und nun versuchte er es auszugleichen mit einem raschen Voranschieben der Beine, die Hüfte steif, die Füße knapp über dem Boden … Plötzlich schmerzte es Ed, dass er einfach davonging, ohne sich umzusehen. Das war absurd, und er musste sich eingestehen, dass es mehr war. Kruso berührte etwas in ihm, das er entbehrte, vermisste, ein alter Mangel, nagend, eine Sehnsucht nach — er wusste es nicht, es hatte keinen Namen. Anfangs war es ihm unangenehm gewesen, wie Krusowitsch ihn in Dienst nahm, direkt, unverstellt und offen, wobei vieles rätselhaft blieb in seiner Rede. Aber schließlich lag es bei Ed, zu begreifen, wie die Dinge auf der Insel lagen, nach und nach. Trotz der erbärmlichen Zustände im Abwasch, die Rimbaud mit der Situation von Galeerensklaven verglich, genoss er die Arbeit an Krusos Seite; er genoss seine Nähe, so unnahbar ihm der Mann auch vorkam. Die Arbeit war etwas, das sie gemeinsam vollbrachten, es lag eine Art Vertrautheit darin, die durch nichts ersetzt werden konnte. Kruso hatte ihm Aufgaben gegeben, er hatte Klarheit in Eds Tage gebracht und das unabweisbare Gefühl, dass es auch für ihn eine Möglichkeit gab, sich über sein diffuses, verfahrenes Dasein zu erheben.
Die Kellnerin des Enddorn wollte kein Trinkgeld. Stattdessen erkundigte sie sich, ob er plane, am Abend an den Kellnerstrand zu gehen.
«Ja, vielleicht«, entgegnete Ed, der das Wort Kellnerstrand zum ersten Mal vernahm. Die Kellnerin war fast zwei Köpfe größer als er und kräftig gebaut; ihr rundes Gesicht erstaunte Ed, als hätte er schon lange in kein Gesicht mehr geblickt. Als er sich erhob, trat sie plötzlich einen Schritt auf ihn zu und legte ihre Wange an seine — »Wir bezahlen einander nicht, nur damit du Bescheid weißt, fürs nächste Mal«, flüsterten ihre Lippen und berührten sein Ohr. Es war keine Umarmung, aber deutlich hatte Ed ihre weiche Haut gespürt und ihre Wärme.
Vor dem Hügel, der wie ein Schädel aus der Landschaft ragte, waren ein paar Pferde versteinert. Mit ihrem Hinterteil zum Wind warteten sie darauf, dass die Erdmutter einfuhr, um sie zu befruchten. Der Bodden leuchtete in der Nachmittagssonne, und der Hafen lag still. Keine Touristen. Nur ein Junge vor der Tafel mit den Zeiten der Fähre. Eine Weile sprach er die Ankünfte und Abfahrten der Schiffe vor sich hin, dann drehte er sich zum Kai und brüllte sie aufs Wasser hinaus. Er tat das mit einer Art Verzweiflung und Inbrunst, als wäre es den Schiffen ohne ihn nicht möglich, Kurs auf den Hafen zu nehmen. Als könnten die Schiffe die Insel vergessen. Der Junge trug eine Matrosenjacke und eine Art Schiebermütze und bewegte sich seltsam. Er lief jetzt so dicht an der Hafenkante entlang, dass Ed sich abwenden musste.
Im Schaukasten des Gerhart-Hauptmann-Hauses hing ein Hauptmanngedicht. Daneben ein Aquarell von Ivo Hauptmann. Die Brandung war stärker als am Vormittag. Ein paar Schmetterlinge torkelten über die Steine, als fiele es ihnen schwer, einen Landeplatz zu finden.»Wo steckst du, Alterchen?«, brummte Ed vor sich hin, während er nach der Quelle mit dem Delta Ausschau hielt. Er befürchtete, seinen Freund nicht mehr wiederzufinden.
Zwischen den Algen klebten Nester winzigen Getiers. Elfenbeinfarbene Spinnen und Pseudowespen. Ed sah Horden von Sandflöhen ziehen, wie weiße Kakerlaken, schimmernd von Feuchte. Feine Sandstürme fegten heran, man konnte sie von weit her kommen sehen. Sie flogen wie Tücher aus Seide in der Sonne, knapp über dem Strand.
Die Höhle war unversehrt. Sein Fuchs schien noch immer auf irgendeine Weise wachsam zu sein. Sein Fell wirkte intakt, nur hatte es an Glanz verloren, und am Kopf war es angegraut, jedenfalls an den Schläfen, falls man das sagen konnte bei einem Fuchs. Alles in allem war das Tier etwas geschrumpft, der Rumpf etwas eingesunken,»aber sonst ganz unverändert«, murmelte Ed in den Küstenspalt hinein.
«Was hattest du geglaubt?«, entgegnete der Fuchs.»Die frische Salzluft, der kühle Lehm ringsum und das Alleinsein in Freiheit, die Stille, und vor allem das Rauschen ist es, das mir guttut, reiner Balsam ist das Rauschen, du weißt, was ich meine. Nur die elende Feuchte, sie geht auf die Knochen, dazu die Abwässer, der Ausfluss des Klausners, die Seuche sickert hier täglich vorbei …«
«Ach Alterchen«, murmelte Ed.
Der Fuchs verstummte. Während Ed dem Delta folgte, fühlte er eine kleine, überraschende Zufriedenheit. Er hielt sein Haar im Nacken und trank aus der Quelle. Laugengeschmack. Die Wiederholung gab ihm Sicherheit; das Gefühl, einen Ort in Besitz zu nehmen, sein erster eigener Ort.
«Du schaffst das, Alterchen«, flüsterte Ed,»eins nach dem anderen, nur so funktioniert es, verstehst du?«
Nachts in seinem Zimmer hörte er die Schreie von Möwen, die erst landeinwärts und dann wieder aufs Meer hinaus flogen — das Geschrei hatte keinen bestimmten Rhythmus, die Vögel klangen wie nervöse Hunde, die aus irgendeinem Grund angeschlagen hatten und sich nur langsam wieder beruhigen konnten. Ed trat ans Fenster. Der ganze Luftraum war erfüllt von Hundehecheln. Er zog seinen Hermes-Kalender hervor, um seine fünf Zeilen Tagebuch zu schreiben, aber unentwegt summten in seinem Schädel die Bestände, und eigene Worte fielen ihm nicht mehr ein. Er legte sich in sein Bett und lauschte auf die nach immer größeren Räumen greifende Stille. Noch bevor das mitternächtliche Rumoren des Klausners begann, war er verschwunden in seinen Traum.
Die Schiffbrüchigen I
Im Flur brannte kein Licht. Hinter der Abbiegung zu Krusos Zimmer begann der gute Geruch Monikas, genau so, wie Ed sich den Duft von Apfelsinen vorstellte. Bis dahin war er der kleinen Unsichtbaren nur ein einziges Mal begegnet. Aber auch Apfelsinen hatte er schließlich nur ein einziges Mal in seinem Leben gegessen, in seiner Kindheit, im Jahr 1971, als einige Wochen lang plötzlich Südfrüchte im Angebot gewesen waren, wegen des Machtwechsels — »aufgrund des Umschwungs«, wie es sein Vater ihm damals erklärte. Seitdem hatte es keinen weiteren Umschwung gegeben, und inzwischen war einfach zu viel Zeit vergangen, um sich an den Geruch von Apfelsinen tatsächlich zu erinnern.
Monikas Tür am Ende des Flurs war die einzige mit einer Klingel. Ihr Klingelknopf leuchtete orange, und das Lichtfädchen im Knopf zitterte leicht, es schien lebendig zu sein, nur eingeschlossen (und um Hilfe flehend), weshalb es Ed schwerfiel, seinen Blick abzuwenden. Er holte tief Luft und sog das Aroma des Umschwungs ein. Er versuchte sich vorzustellen, wie René und Monika zusammengekommen sein konnten und was sie verband. Sex? Worum sonst sollte es sich handeln? René war ein Tier im Bett. Was ihn selbstbewusst, laut und bösartig machte.
«Komm doch rein!«Die Tür war nur angelehnt.
Kruso stand am offenen Fenster und beugte sich über ein sperriges Metallgestänge, eine Art Stativ, zusammengeschweißt aus rostigem Riffelstahl. Oben war ein abgegriffenes Fernglas befestigt. Ed blieb stehen, aber Kruso winkte ihn heran.
An diesem Abend sah Ed Alexander Krusowitschs Zimmer das erste Mal. Es war nicht viel größer als sein eigenes, aber es lag nach vorn, zur Terrasse. Von hier aus war es möglich, das gesamte Gelände gut zu überblicken: die ersten Stufen der Hochufertreppe, die halbe Swantewitschlucht mit dem Pfad zur Kaserne hinüber und über allem das Meer, das sich aufwölbte am Horizont,»flach wie ein Hundegaumen«, dachte Ed oder flüsterten seine Bestände. Das Gestell mit dem Feldstecher stand direkt hinter den Gardinen, die bis zum Boden reichten und sich leicht bewegten im Wind. Es waren dieselben groben, an Fischernetze erinnernden Gardinen, die auch in der Gaststube und im Speisesaal hingen, und tatsächlich schien ein Meeresgeruch von ihnen auszugehen, ein Geruch von Fisch und Algen.