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«Erkennst du die Stelle?«Vorsichtig trat Kruso zur Seite und schob Ed vor das Stativ. Ed sah Algen, ein Stück Strand, ein paar Wellen, weich und geräuschlos. Dann entdeckte er das Delta und die Mulde, aus der er getrunken hatte bei seiner Ankunft.

«Gut, gut, jetzt hast du es. «Kruso lachte, aber nur kurz, das Lachen blieb stecken, weshalb es vielleicht nur ein Seufzen gewesen war. Um ihn in diesem Moment nicht anblicken zu müssen (Ed war verwirrt, und was hätte er sagen sollen?), starrte er weiter durch das Glas.»Beweg dich ein wenig«, sagte Kruso leise und berührte Ed am Scheitel, zart, aber mit festen Fingerspitzen, wie es Friseure tun, die wortlos eine bestimmte Haltung des Kopfes herbeiführen möchten. Gleichzeitig drehte er das Fernglas langsam nach rechts. Wurzeln, Waldgras, Kiefern, dann tauchte Stacheldraht auf, ein doppelter Stacheldrahtzaun, verschwommen, dann schärfer. Ed sah ein graues Stahlgerüst, einen Turm aus Stahl, auf der Plattform eine Kabine, daneben ein Suchscheinwerfer, Antennen und ein Radar. Ein Soldat, der seine Ellbogen auf das Geländer der Plattform stützte und seinerseits mit einem Fernglas aufs Meer hinaus starrte. Er trug Felduniform. Rechts vom Turm stand eine Doppellafette, abgedeckt mit einer Plane. Zu Füßen des Turms war der Umriss eines frisch geteerten Bunkers zu erkennen, dahinter zwei Baracken und eine Garage, vor der ein Multicar und ein Motorrad parkten. Daneben drei Hundezwinger, in einer Reihe. Direkt über seiner Nase justierte Kruso jetzt die Einstellung der Linsen. Fragend drehte er den Kopf ein wenig, aber Kruso brachte ihn wieder in Position. Ed spürte seinen Atem im Nacken. Ein Mann betrat den sauber geharkten Sandstreifen zwischen den Stacheldrahtzäunen, sofort stürzten zwei Hunde auf ihn zu, von ihrem Gekläff hörte man nichts, nur das Rauschen der Brandung, die Brandung rauschte mit gefletschten Zähnen.

«Dort — ist jemand …«, flüsterte Ed und wich zurück. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn, und er spürte das alte Brennen unter den Augenlidern. Im Halbdunkel des Zimmers war nichts genauer zu erkennen. Zwischen den beiden Fenstern stand eine Kommode, auf der kreuz und quer ein paar aufgeschlagene Bücher lagen, dazwischen Zeichnungen, Karten, beschriebenes Papier. Ein Kommandostand. Ohne Eile beugte sich Kruso über das Stativ.

«Das ist Vosskamp. Nach dem Abendbrot spielt der Fregattenkapitän mit den Meldehunden. Er ist der Inselkommandant. Bewacher unseres Schicksals, wenn man so will, aber auch, wenn wir nicht wollen. Und dort kommt der Hauptfeldwebel. Mit einer Flasche. Gut zu wissen, gut für unseren Abend, Ed. «Kruso tätschelte das abgegriffene Fernglas, als beruhige das die Hunde. Unauffällig wischte Ed sich ein paar Tränen aus dem Gesicht, der Feldstecher strengte seine Augen an.

«Was drei Beine hat, steht«, sagte Kruso, er war stolz auf sein Stativ. Er deutete auf die beiden geriffelten Rädchen zwischen den Gläsern, die verschiedenfarbige Markierungen trugen.»Das sind die Schärfen, die ich brauche. Weiß für die Beobachtungskompanie mit ihrem B-Turm und dem Radar, rot für die Swantewitschlucht, blau für die Patrouillenboote und alles, was sonst da draußen vorüberzieht. Erkenne die Bewegung, erkenne, was kommt, und erkenne, was verschwindet. Erkenne die Leuchtsignale in der Nacht. Wachsamkeit, Wendigkeit, vor allem aber Verborgenheit, das sind die drei Dinge, darauf kommt es an, Ed.«

Inzwischen füllte sich die Terrasse, obwohl der Klausner geschlossen hatte. Kruso öffnete die Gardine für einen Spalt und achtete darauf, das Stativ dabei nicht anzustoßen. Unter den rohen Enden der Riffelstahlstangen war die Fußbodenfarbe abgeschabt. Wie unter Zwang registrierte Ed dieses Detail, zugleich wollte er gar nichts sehen, nichts wissen. Als könne ihn allein die Tatsache, dass er sah, was er sah, zum Verräter machen. Ich erfülle die unausgesprochene Voraussetzung nicht, der Satz und sein Pochen in seinem Schädel. Das alles lag außerhalb seiner Welt, Lichtjahre entfernt. Andererseits: Was war seine Welt? Der Klausner hatte ihn aufgenommen, er hatte Arbeit gefunden und eine Unterkunft. Und er fühlte sich geborgen in Krusos Nähe; die Fremdheit seiner Angelegenheiten musste ihn nicht belasten, im Gegenteil, damit hatte er nichts zu tun.

Eine Weile beobachteten sie die Gäste, die Kruso unsere Obdachlosen, meist aber auch nur die Schiffbrüchigen nannte. Anders als Krombach gebrauchte er das Wort auf eine verborgen zärtliche, respektvolle Weise, sein Blick war aufmerksam (indianisch), und seine ganze Erscheinung drückte Zuneigung und Fürsorge aus. Kruso deutete auf diesen oder jenen Tisch, auf die Tische ohne Überdachung und die Krippen mit ihren vollbesetzten Holzbänken und erklärte Ed, was er dort sah: Aussteiger, Abenteurer, Antragsteller, er sah Liebende, Abtrünnige, gescheitert auf irgendeine Weise und» Flüchtlinge in spe«, die er als seine Sorgenkinder bezeichnete. Er hatte Kategorien, aus denen sich, wie Ed es verstand, eine bestimmte Rangfolge ergab, Stufen der Dringlichkeit.

«Sie alle gehören nicht mehr wirklich zum Land, sie haben das Land unter ihren Füßen verloren, verstehst du das, Ed?«

Einige der Schiffbrüchigen nannte er beim Namen; entweder war er ihnen bereits begegnet, am Kellnerstrand, an den Lagerfeuern oder anderen Treffs der Esskaas, oder man hatte ihm von den Neuankömmlingen berichtet. Ab und zu unterbrach er sich, als wäre es an Ed, irgendeinen Vorschlag zu machen, nach irgendeinem Namen zu fragen.

Die ganze Zeit über standen sie so, verborgen am Fenster, hinter der Fischgardine. Es spielte keine Rolle, dass ihre Oberarme einige Male leicht aneinanderrieben. Ed spürte Krusos Härchen auf seiner Haut, unmerklich genug, dass es als Nichtberührung gelten konnte, während Kruso immer wieder hinunter in den Garten zeigte und sich fragte, wer» unsere Hilfe«, wie er sagte, am dringendsten benötigen würde. Er hielt seinen Arm dabei sehr lange ausgestreckt, als ginge es um eine Markierung, er zeigte nicht, er zielte.

«Die Schiffbrüchigen sind wie Kinder«, erklärte Kruso.»An jedem Abend nach Abfahrt des letzten Dampfers bevölkern sie den Strand, als wäre dort etwas, das sie am Ende des Tages in die Arme nimmt und in den Schlaf singt. Bis kurz vor Sonnenuntergang glauben sie daran, wie Grillen an den ewigen Sommer. Um diese Zeit beginnen die Strandvögte mit ihren Kontrollen. Nach Einbruch der Dämmerung kommen die Freiwilligen hinzu, Inselleute, die für Geld oder irgendetwas die Dünen ablaufen und die Strandkörbe kontrollieren. Sie leuchten sogar in die verschlossenen Körbe hinein mit ihren Stabtaschenlampen, als könnte jemand durchs Gatter gekrochen sein. Sicher, manche von ihnen sind schmal, wirklich sehr schmal …«Kruso lächelte und holte tief Luft.

Ed begriff den Sinn seines Besuches; es handelte sich um eine weitere Unterweisung, ähnlich wie im Abwasch oder beim Begräbnis des Lurchs, diesmal aber war es eine entscheidende Unterweisung, ein Schritt, der nicht mehr rückgängig zu machen sein würde.

«Bis zur ersten Streife«, fuhr Kruso fort,»die Ernst macht mit Grenzverletzern — so jedenfalls nennen sie es, aus ihrer Sicht ist es die Grenze, die verletzt wird — , ist dann noch etwas Zeit. Ein paar Neunmalkluge ziehen in den Wald, aber niemand kann sich dort sehr lange halten. Die Bunker am Strand werden regelmäßig kontrolliert. Die erfahreneren Schwarzschläfer graben sich ein, im Sand unter der Steilküste, mit einem Taschentuch über dem Gesicht und einem Schilfrohr zum Atmen im Mund. Solltest du dort einmal spazieren gehen in der Nacht, kann es nichts schaden, daran zu denken … Sicher, ein paar finden Anschluss am Kellnerstrand, aber ein Großteil des Haufens, die allermeisten möchte ich sagen, kommen zu uns, über den Plattenweg oder den Capriweg das Hochufer entlang, bis hierher, auf den Dornbusch.«