Ed wusste, dass man die Insel gern als das Capri des Nordens bezeichnete, aber das Wort Capriweg hörte er das erste Mal. Schweigend machte Kruso eine Handbewegung, die alles einschloss: die Wege, das Hochufer, das Meer und sie selbst am Fenster, in Krusos Zimmer, hinter der Gardine.
«Sie wissen nicht weiter. Zuerst die große Sehnsucht, die hier noch größer wird, und dann sitzen sie da und können weder vor noch zurück.«
«Vielleicht nicht nur deshalb«, erwiderte Ed,»manche sind nur neugierig gewesen, wollten die Insel einmal gesehen haben, Reisende eben, in einem sehr kleinen Land.«
«Sie sind Pilger über die längsten Strecken der Erde, Ed.«
«Und dann — sitzen sie hier?«
«Wo sonst? Es ist eine Aussichtsterrasse, man schaut weit hinaus, bei guter Sicht bis ins Jenseits. Niemand kann dir das Sehen verbieten, niemand kann dir die Sehnsucht verbieten, schon gar nicht bei Sonnenuntergang.«
Ed lauschte der Stimme Krusos, die inzwischen zu einem kaum noch vernehmlichen Flüstern geronnen war. Ein tiefrot schimmernder Widerschein füllte das Zimmer, und sie traten ein wenig zurück von der Gardine. Es war seltsam, wie der stattliche Glutball zuletzt eher einer zerdrückten Münze glich, einer glühenden Münze, langsam zerfließend, einbezahlt für diese Nacht, tuckerte es Ed durch den Kopf, aber am Ende hatte er es verstanden: Einem unausgesprochenen Stillhalteabkommen folgend, war die Freiluftterrasse des Klausners eine Art Reservat, ein allerletztes Rückzugsgebiet am äußersten Rand des Landes — bezahlt mit Stralsunder. Stralsunder Helles war jenes wässrige Gesöff, das die Kuriere aus der Kaserne im Schutz der Dunkelheit in ihren Essgeschirren aus Aluminium und manchmal auch in ihren Stahlhelmen durch die Dünen schleppten. Einige Male hatte Ed die Soldaten selbst gesehen, wie sie zu zweit oder zu dritt in voller Montur über die Stufen zum Gastraum huschten und Rick über einen Abstieg hinter dem Tresen in den Keller folgten. Er hatte kein konkretes Bild von ihnen im Kopf, nur eine Art Wärmebild, das die Demut und Freundlichkeit ihrer Erscheinung erfasste. Sie kamen lautlos und blieben dabei wie durchsichtig, jedenfalls ohne festen Umriss, sie waren Meister der Tarnung. Auffallend war ihr Bemühen, sich trotz Koppel, Stiefeln und einem Maschinengewehr über der Schulter nachlässig wie Urlauber zu bewegen, als könnten sie sich schlendernd ihrer martialischen Erscheinung entziehen. Kruso nannte sie» die Inselkrieger «und betonte die guten Beziehungen des Tresenehepaars zu Einzelnen der Soldaten,»eine Art Adoptivverhältnis, was aber nichts ändert. Bis zum Eintreffen der Mitternachtsstreife müssen alle hier verschwunden sein, einfach unsichtbar. Seit der Flucht im letzten Jahr gibt es keinen Pardon. Das ist es, worum wir uns kümmern, Ed.«
Die Sonne war verschwunden. Auf der Terrasse wurden die schmiedeeisernen Laternen eingeschaltet. Ein tiefschwarzer Balken lag über dem Horizont wie ein fiktiver, an seinen Rändern glühender Erdteil. Oder ein Brikett, das gut durchgebrannt ist, dachte Ed, der Ofen könnte jetzt zugedreht werden …
Kruso berührte ihn an der Schulter.
«Du weißt«, sagte Kruso,»es ist deine erste Vergabe. Das heißt, du wählst selbst aus.«
«Ich wähle aus?«
«Du wählst dir deinen eigenen Schiffbrüchigen aus.«
Trakl vorgetragen
Alles hat sein Maß, dachte Ed. Ein Maß, bis zu dem es erlaubt war, über die Dinge hinwegzusehen, ein Maß, das nicht überschritten werden durfte.
Zwei Stufen, dann der Mittelgang zwischen den Tischen und Krippen die Terrasse hinunter. Mit drei Gläsern und einer gut gekühlten Flasche Weißwein trat Kruso ins Freie, und Ed folgte ihm. Sein Mund war trocken. Er hatte Durst.
Kruso schlenderte zu einem der vollbesetzten Tische. Die Begrüßung war überaus herzlich. Als hätte man sie bereits erwartet oder früher schon einmal getroffen. Bereitwillig wurde ihnen Platz gemacht. Überhaupt schienen alle auf irgendeine Weise zusammenzugehören, zu einer Familie, die ihre tiefe Verwandtschaft vor allem darin bewiesen sah, dass man hier war, es bis hierher geschafft hatte. Als sei damit die entscheidende Grenze schon überschritten, auf eine geographisch nicht zu begründende Weise. Kerzen wurden angezündet und Flaschen entkorkt, eine alles beglänzende Vorfreude begann um sich zu greifen, irgendwann hatte sie auch Ed erfasst.
Manche der Esskaas, die im Laufe des Abends eintrafen auf der Terrasse, kamen von weiter her, wie Ed den Gesprächen entnehmen konnte. Sie traten auf wie Abgesandte, Vertreter der drei Inselorte und ihrer Gastwirtschaften namens Hitthim, Dornbusch, Inselbar, Wieseneck, Haus am Hügel, Heiderose, Norderende, Süderende, Enddorn und so weiter, aber auch Rettungsschwimmer, Vogelberinger oder Hilfskräfte des Inselkinos trafen ein, Esskaas aller Art. Keiner aus dieser weit verstreuten Kaste versäumte es, an ihren Tisch zu treten.
In jedem Fall schien es üblich, die Wangen aneinanderzulegen, der kindliche Gruß. Niemand, der die Bewegung nur andeutete oder den Kopf dabei zur Seite drehte, weshalb die Esskaas (vor allem bei unterschiedlicher Größe) gezwungen waren, den Hals zu strecken, sich lang zu machen, wie bei einem Kuss, zu dem es dann, in letzter Sekunde, doch nicht kam. Ed sah, wie Kruso die Nähe nutzte, etwas mitzuteilen, flüsternd, nicht viel mehr als ein Wort, einen Satz. Manchmal fiel dabei ein Blick auf Ed. Ed begann einen gewissen Stolz zu empfinden, aber auf Dauer entmutigte ihn die Musterung. Einige der Esskaas stellten Getränke oder ein Päckchen mit Speisen auf ihren Tisch, begleitet von Grüßen und guten Wünschen. Nach Krusos nahezu unsichtbaren Anweisungen lief das Päckchen dann über die Tische, wo es begierig und dankbar geöffnet und sein Inhalt augenblicklich verschlungen wurde. Sie haben Hunger, warum haben sie solchen Hunger, grübelte Ed, sicher, es ist die Luft hier oben, und wahrscheinlich fehlt es ihnen auch an Geld, wahrscheinlich fehlt es einfach an allem, er selbst hatte kaum noch Reserven, vielleicht zwanzig, vielleicht dreißig Mark, aber Geld spielte jetzt gar keine Rolle. Er hatte ein Zimmer, einen Unterschlupf auf der Insel gefunden — das Wunder wirkte noch immer, und was sollte schon geschehen, man musste darauf trinken.
Sein Blick ging aufs Meer hinaus, er versuchte, bei einem der Lichter zu bleiben, die sich in Zeitlupe vorüberschoben … Er schaffte es nicht. Er atmete die Süße der sonnenwarmen Körper an seiner Seite, aber was sollte das werden? Die Schiffbrüchigen saßen eng aneinandergeschmiegt, die Tische waren dicht besetzt, die bloßen Arme, bloßen Beine und die von zu viel Wind und Wasser wie angespannte Haut im Gesicht und der Salzgeschmack auf den Lippen, eine Maske, die angenehm war, dazu das Haar in festen Strähnen, die dem Nacken schmeichelten. Man berührte sich, zwangsläufig, es war die natürliche … Ja, irgendetwas in diesem Sinn, aber Ed war Berührung nicht mehr gewöhnt (seitdem), er versuchte, es sich vorzustellen, er hielt die Luft an dabei, füllte sein Glas, atmete weiter. Es wurde mehr Wein und mehr Bier herangetragen; Getränke und Speisen, alles gehörte allen, wenn man es bis hierher geschafft hatte, auf die Terrasse über dem Meer, in den Garten des Klausners, an den Tisch der Auserwählten.
Manche griffen, halb im Scherz und halb herausfordernd, nach der Flasche, die Kruso auf den Tisch gestellt hatte; Ed erkannte jetzt das Etikett. Es war» Lindenblatt«, ein ungarischer Wein, der im Klausner ausschließlich der Besatzung vorbehalten blieb, die vollständig anwesend war, aber verstreut, an verschiedenen Tischen. Die Kellner hatten ihre schwarzen Anzüge abgelegt (schließlich war Ruhetag), in Zivil wirkten sie kleiner, wie geschrumpft und unvertraut oder wie jemand, den man früher, vor längerer Zeit einmal gekannt hatte. Es gab einen lauten, obszönen Tisch, rechts vom Eingang, an dem der Eisverkäufer Wortführer war. Leider saß dort auch die kleine Monika. Sie sah traurig aus und wurde allmählich unsichtbar. Auf Rimbauds Tisch links von ihnen gingen Bücher von Hand zu Hand, so vorsichtig, als könnten sie bei falscher Berührung zerbrechen. Man schlug ein Buch nicht wirklich auf, man spähte nur hinein beim Blättern oder fühlte zwischen die Seiten mit den Fingern, die vorher sauber und trocken gewischt wurden an den Hemden. Es gab einen, der am Einband roch, mit geschlossenen Augen. Die Leser wirkten etwas lächerlich, und Ed wollte sie auch gar nicht sehen, er sah nur Bestände, die ihm drohten; irgendwo in einer Ecke seines vernebelten Schädels lauerte die Auswendigkraft mit ihrer Unersättlichkeit. Zwei schnelle Gläser später aber fühlte er sich schon zu ihnen hingezogen, zu den Lesern, denn die Leser leuchteten. Rimbaud trug etwas vor, mit tiefer Stimme, Cavallo assistierte, dann stritten beide, aber wieder einmal schien ihr Streit ein reines Vergnügen. Rimbaud sprach in Bonmots, fast in Versen, die Sätze abgehackt, ein seltsames Stakkato, wie gestochen, fehlerfrei, obwohl er sehr viel und ununterbrochen trank. Sein Schnauzbart vibrierte, er drehte verächtlich den Kopf, sprach zur Seite, spuckte in den Sand und zeigte seine Zähne. Für einen Moment glich er dem Mann im Buch, jenem Foto, das er Kruso im Abwasch über das Becken gehalten hatte; die ovalen Gläser seiner Brille blitzten. Cavallo, der viel zurückhaltender auftrat, sagte:»Ach, vielleicht bist du, sagen wir in fünfzehn Jahren …«Der Rest ging unter im Lärm. Ed gefiel Cavallos vorn leicht abgeplattete Nase, er war groß und unter den drei Kellnern des Klausners derjenige, mit dem er bisher am wenigsten in Berührung gekommen war. Cavallo habe eine Dissertation verfasst, die» mehr als abgelehnt «worden sei,»falsches Thema, falscher Inhalt, wahrscheinlich alles falsch«, hatte Kruso kommentiert und den lateinischen Namen erklärt:»Eine seltsame Leidenschaft für alte Pferde, ich meine, für das Altertum, der Mann liebt das Altertum und besonders die alten Pferde im alten Rom, kurz gesagt. «Ed fand, Cavallo selbst glich einem Römer mit seinem scharf geschnittenen Profil, der hohen Stirn, dem braunen, leicht gewellten Haar und seiner ganzen Unnahbarkeit; für Cavallo war Ed Luft.