Im Vergleich zu Rimbaud trat Kruso eher scheu auf, beinah verlegen. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und lehnte sich zurück, soweit das möglich war auf den desolaten Biergartenstühlen, deren weißer Anstrich der Terrasse etwas Koloniales gab. Ed beobachtete, dass Kruso niemals zwinkerte. Stattdessen schloss er die Augen für eine Sekunde, als lausche er einer Melodie. Wenn er sie wieder öffnete, blieb sein linkes Augenlid für einen Moment auf halbem Wege stehen, ehe es ebenfalls in seine Ausgangsposition zurückkehrte. Ein magisches Detail, das zum Gesamtbild seiner Überlegenheit gehörte. Ohne Zweifel hatte er das Kommando.
Ed trank schnell. Was sollte werden? Über einen Schiffbrüchigen konnte man sich hinwegsaufen, er konnte sich und den Schiffbrüchigen ertränken. Die Schiffbrüchigen wirkten unschuldig (rochen unschuldig), sie waren wie Strandgut, sauber geschliffenes, gebräuntes Holz. Ed dachte an Vosskamp mit den Meldehunden und verstand, was Kruso gemeint hatte in seiner Rede am Fernglas,»… als wüssten sie, dass ihnen die Insel und das Meer wohlgesinnt und wie bereit sind für eine Überfahrt, wohin auch immer …«Vielleicht war er bereits betrunken. Aber ihre Anmut erkannte er und darin auch ihre Demut, eine alles umfassende Bereitschaft, die beschämend, fast anstößig wirkte. Ed verstand, dass er weder zu ihnen, den Schiffbrüchigen, noch zur ehrenwerten Gilde der Esskaas gehörte. Aber jetzt konnte er das beenden, ohne Zweifel war dieser Abend wie geschaffen dafür — mit seiner Hilfe, dachte Ed und sah zu Kruso hinüber, der Weißwein ausschenkte und leise sprach, den Kopf gesenkt … Sätze, die kein Mensch versteht, gurgelte es in Eds Kehle, unhörbar.
Ja, er hatte Zweifel. Das alles war zu phantastisch, halbseiden, und er war viel zu nervös. Er konnte die Insel, weiß Gott, auch wieder verlassen. Oder? Die Terrasse auf dem Hochufer verschmolz zu einer Art Oberdeck. Langsam löste sich das Schiff aus der Küste, langsam fuhr es hinaus, die Reise begann … Es gab vier Frauen und zwei Männer an ihrem Tisch. Ed wurde angeschaut. Schön. Er schaute zurück. Die Frau mit den kurzen Haaren und den ungeschützten Oberarmen, die Frau mit den schmalen, feingliedrigen Händen flach auf dem Tisch (als wolle sie ihn streicheln oder beruhigen), dann die Frau gegenüber, mit dem Fuß — zwischen seinen Beinen? Nein, unmöglich. Dann der Mann mit dem Jesusgesicht und dem überlangen Haar. Dann der andere Mann, Petrus vielleicht, aber jetzt sah er aus wie Dr. Z. Dann die weiter entfernten Frauen, jüngere und ältere Frauen, jüngere und ältere Männer, behängt mit selbstgefertigtem Schmuck, Holzperlenketten und Makramee. Ed sah Armbänder, Stirnbänder, aus Stroh oder Wildleder geflochten, er sah Hühnergötter. Einige der Frauen trugen weite Kleider aus Batik und einige die Nachthemden ihrer Urgroßmütter, wie es seit einiger Zeit Mode war; dünne, knielange Baumwollkleidchen mit Plauener Spitze über den atmenden Brüsten, dilettantisch gefärbt, lila, weinrot oder blau … Jemand sprach mit ihm, Kruso, erst jetzt bemerkte es Ed.
«Schau sie dir an, Ed. Den einen oder die eine …«
Ed senkte den Kopf; er wollte weg.
«Ich weiß es, Ed. In ein, zwei Stunden fällt es ihnen ein, dann fühlen sie sich stark genug. Und immer wieder gibt es den, der zu allem bereit ist. Ob ihn der Suchscheinwerfer findet oder nicht, egal. Er wird es nicht schaffen, nur sehr, sehr viel Salzwasser schlucken, irgendwo da draußen, fernab, und dann das Ende, und niemand da, der letzte Augenblick und vollkommen allein — welche Kränkung, Ed, welche verdammte Kränkung ist das, von allen und allem verlassen?«
Ed war betrunken. Er spürte die Verlassenheit. Die Gespräche machten eine Melodie, ein Auf-und-ab-Geräusch, sauber eingepasst ins Meeresrauschen. Vielleicht konnte man sich auch einfach zurücklehnen, versinken, im Dämmern verschwinden. Aus der halb geöffneten Eisluke tönte Musik, ein blecherner Klang, der direkt aus den von Ed geschrubbten und verhassten Eiskübeln zu kommen schien, irgendein Lied von betörender Schwermut, eine Kassette von Koch-Mike vielleicht, es war sein Stern-Recorder, und es war einfach zu laut auf der Terrasse, um irgendetwas zu verstehen. Jemand fuhr mit seinem Spielzeug über den Tisch und brummte dabei, erster Gang, zweiter Gang, dritter, dachte Ed, aber es war wieder nur Kruso an seinem Ohr, der ihm ein Glas zuschob, mit einer endlosen Bewegung, so langsam wie das Schiff, am Horizont, das lang-sa-me, lang-sa-me Licht, summte Ed, im Rhythmus der Musik. Die Geste mit dem Glas war vollkommen lächerlich, aber niemand lachte, jetzt meinten es alle ernst, sie meinten etwas ernst mit dem Glas und ernst mit ihm und schauten ihn an.
«Was denkst du, Ed? Wie ist deine Wahl?«, flüsterte Kruso, so leise, dass es sicher niemand hören konnte am Tisch, und auch Ed konnte es nicht hören.
Er griff nach dem Glas, hob es an, als wolle er die Schwere seines Inhalts prüfen, dann schob er es zurück. Dabei brummte er etwas, und aus dem Automobil wurde eine kleine rote ratternde Straßenbahn, ohne Gangschaltung, ohne Bremse, nur mit Kurbel für die Stromzufuhr, und er war der Fahrer, er war betrunken — aber er war der Fahrer! Auf der langen Geraden vor der Wendeschleife begann er die Frage zu stellen. Erst leise, dann laut.
«Wo ist die …, die …, die, die, die …?«
Er fragte nach der Bremse, aber er hatte das Wort vergessen, und also musste er brüllen.
«Wo ist dieses Ratschratsch, mehrmals kräftig zu ziehendes Ratschratsch, verdammt!«
Sein rechter Arm ruderte durch die Luft, und der linke wollte den Strom wegkurbeln, weg und ratschratsch, ratschratsch … Ed sprang auf, das Glas fiel zu Boden, das Herz blieb ihm stehen.