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Dann war Stille.

Endhaltestelle.

Aussteigen.

Wieder viele Leute.

Ed sah jetzt klar.

Fast wäre er zu spät gekommen. Dr. Z. war da, und das Seminar hatte gerade begonnen. Ohne ein einziges Mal zu stocken, sagte er Georg Trakls Gedicht Die Verfluchten auf, dann das Gedicht Psalm. Zweite Fassung. Dann das Gedicht Sonja, das er schon immer sehr gemocht, und dann Unterwegs, wieder ein langes Gedicht, aber die Aufmerksamkeit ringsum bewies, dass es richtig war, es an dieser Stelle seines Vortrags einzubinden. Sicher, man konnte hier und da ein paar Zeilen überspringen, ungern, aber schließlich wollte er auch noch O das Wohnen und Die blaue Nacht …

Während seines Vortrags stand Ed wie versteinert. Er sprach sehr laut. Er zitterte. Es kamen jetzt noch mehr Leute heran, wahrscheinlich aus den angrenzenden Seminarräumen, alle starrten ihn an. Mitten in O das Wohnen nahm ihn Dr. Z, der jetzt Kruso war, am Arm. Er zog Ed weg vom Tisch und beförderte ihn über die Terrasse, dann durch den halbdunklen Klausner bis in den Abwasch. Ohne weiteres drückte er seinen Kopf ins Becken fürs Grobe. Ed schreckte zurück, wich aus, aber Kruso hatte die Kraft, sein Griff war unerbittlich. Ed dachte» schlucken «und» von allen und allem verlassen«. Das Wasser war wie Eis auf seinem Schädel.

Dann war es vorbei.

Kruso umarmte Ed und sagte etwas wie» Danke, mein Freund «und» Ich wusste es«. Er schob ihn durch die Schwenktür in die Küche, drückte ihn auf einen Schemel unter dem Radio und begann, nach irgendeinem Medikament zu suchen. Ed fror. Viola spielte Haydn, ein Konzert, und Kruso redete mit Ed. Ed begriff, dass es Kruso um die Gedichte ging, eine Kritik an seinem Vortrag vielleicht, aber er verstand nicht, ob er damit hätte aufhören oder weitermachen sollen.»Beim letzten Ton des Zeitzeichens war es 23 Uhr«, sagte Viola, und einen Moment lang herrschte vollkommene Stille.

Im Zimmer schlug ihnen die Hitze des Tages entgegen. Ed sank auf sein Bett und schloss die Augen. Kruso hatte darauf bestanden, ihn auch» nach Hause «zu bringen, aber jetzt ging er seltsamerweise nicht fort. Er stand da im Dunkel und bewegte sich nicht, dann setzte er sich an sein Bett und zog einen Brustbeutel aus Wildleder unter seinem Hemd hervor. Vorsichtig fingerte er etwas heraus, es dauerte eine Weile, dann drückte er es Ed in die Hand. Es war ein Foto, in einer Folie. Ed wollte sich das Geschenk vor Augen halten, aber Kruso legte blitzschnell seine Hand darüber, und so, Hand auf Hand, verharrten sie eine Weile.

«Es ist nur, damit du jetzt schlafen kannst. Ich borge es dir. Es bleibt hier. Es passt auf dich auf, es kümmert sich um dich. Schau es dir morgen an.«

Die kleine Plastikschutzhülle zwischen ihren vom Abwasch ausgezehrten Händen wurde warm und klebrig, oder vielleicht war sie schon warm gewesen, in Krusos Beutel, an Krusos Brust.

«Ich glaube, du hast noch — zu tun da draußen«, flüsterte Ed.

«Also, nur, damit du schlafen kannst«, wiederholte Kruso und legte das Bild auf den Nachtschrank.

Lindenblatt: Bevor Ed in den Schlaf sank, sah er, wie Kruso mit dem ausgestreckten Zeigefinger mehrmals über das feuchte Etikett der Flasche strich, wo eine ungarische Landschaft abgebildet war, etwas Puszta, etwas Gebüsch, zwei Ritter auf Wacht.

Es war eine zärtliche Geste. Wohin der Finger zeigte, während er sich am Tau der Flasche kühlte — das weiß ich nicht, dachte Ed, ich weiß es wirklich nicht, ich habe einfach keine Ahnung. Von Bedeutung ist nur, dass man die Zeichen versteht, und was dann.

Der Gral

Als er vom Strand zurückkam, lag ein mit Maschine beschriebenes Blatt Papier am Fußende seines Bettes — die Kündigung, schoss es Ed durch den Kopf, finito.

Es war einer der alten Klausner-Kopfbögen aus den dreißiger oder vierziger Jahren, wie sie sich stapelten im Schwarzen Loch, im sogenannten Archiv.»Bergwaldhotel Zum Klausner — Der Glanzpunkt der Insel «las Ed, darunter waren mit verschlungenem Anstrich einige Serviceleistungen aufgeführt, wie» Hausdiener am Dampfer «oder» Tägliches Postboot«. Unter maßlos stilisierten Windflüchtern standen drei Worte in Großbuchstaben: ALEXANDER DIMITRIJEWITSCH KRUSOWITSCH.

Es berührte Ed eigenartig, den Namen vollständig vor Augen zu haben, als handele es sich dabei um eine andere, von Kruso geheimgehaltene Person. Wie seinen Namen vergaß man schließlich auch, dass er» Kind eines Russen «war, wie Kutscher Mäcki ab und zu betonte.»Bist wohl auch so ein Russe?«, war Mäckis Frage gewesen, nachdem er ihn einige Tage hintereinander hatte Zwiebeln schälen sehen. Es war der Beginn ihres ersten und einzigen Gesprächs gewesen. Einer plötzlichen, schnapsseligen Mitteilsamkeit folgend, lamentierte Mäcki über den» deutschen Russen«(»wat dat nich allet jiebt«), auch über den» unglücklichen Russen «und seine, wie er sagte,»schwimmende Schwester«(»die schwemmt un schwemmt, segg ik dir«), ein endloses Kauderwelsch. Wobei er schon bald nicht mehr zu Ed hinsprach, sondern zu seinem Bärenpferd, das ihn ruhig und verständnisvoll ansah.»Holl din Muul, Hottebass.«

Ohne Freizeile und ohne Überschrift begann unter dem Namen das Gedicht — oder das, was Ed für Krusos Gedicht halten musste. Jeder der Verse war wie hingestreut, nach links oder rechts versetzt, und die Schrift an den Oberkanten der Großbuchstaben rot eingefärbt. Ed starrte auf das Rot, und das Summen in seinem Schädel schwoll an. Er wollte keine Gedichte mehr lesen. Von dieser Droge hatte er sich losgerissen, so konnte es Ed inzwischen sagen nach guten klaren einundzwanzig Tagen als Abwäscher auf Hiddensee.

Er überflog die erste Zeile, und augenblicklich wusste er es: Er hatte Trakl vorgetragen. Am Abend der Vergabe hatte er Trakl zum Vortrag gebracht, er hatte sich lächerlich gemacht. Langsam sackte Ed auf den Hocker vor seinem Tisch, der noch immer den Kummergeruch des Schwarzen Lochs verströmte. Bis zu dieser Sekunde hatte die Erregung sein Gedächtnis suspendiert. Mit einem Schlag stand ihm alles vor Augen. Die Rede Krusos, sein Trinken, die Erscheinung Dr. Z.s: Er hatte versagt. Er hatte Trakl vorgetragen. Er hatte sich damit den Schiffbrüchigen entzogen, ihrer süßen, hilfsbedürftigen Gestalt, ihrem Sonnen- und Treibholzgeruch. Ed fasste nach seinem Geschlecht und presste es; es war ein Eklat.

Seit dem 1. Mai vor über einem Jahr hatte er niemanden berührt, er hatte nicht einmal daran gedacht, es war verboten. Es entehrte den versehrten Körper, es verletzte die Verletzte, es berührte ihre Wunden, genau dort drang er ein, und er wusste natürlich, welcher Irrsinn das war, aber es war unmöglich, einfach unmöglich …

Es dämmerte bereits, als Kruso sein Zimmer betrat, verhalten, aber ohne tatsächlich zu zögern. Sein Klopfen bedeutete das Öffnen der Tür, als benötige er die Zustimmung nicht wirklich, und Ed empfand es auch nicht so. Er hockte an seinem stinkenden Tisch, steif auf die niedrige Platte gestützt, wo auch das Foto lag, daneben der kleine Hermes-Kalender (bereit für den Tagebucheintrag) und das Gedicht, beleuchtet vom Kegel der Lampe. Eine fließende Bewegung von zwei, drei Schritten, und Kruso saß auf seinem Bett.

«Du hast gearbeitet.«

«Nur etwas gelesen.«

«Du hast gearbeitet, und ich — habe wieder einmal nichts Richtiges getan.«

«Das würde ich nicht sagen«, entgegnete Ed und legte seine Hand neben das Gedicht. Kruso schwieg, was Ed in Verlegenheit brachte. Er starrte auf die Windflüchter im Briefkopf und ihren übertrieben dargestellten Versuch, einem Sturm auszuweichen, der stark vom Zeilenanfang her zu wehen schien.

Im Gedicht war von einem General die Rede, der fortging, der seine Familie verlassen musste, mitten in einem Festessen, wahrscheinlich ein Leichenschmaus. Dabei schlug seine Gürtelschnalle gegen ein halbleeres Glas; das Gedicht versuchte, die Bewegung des von der Tafel sich erhebenden Generals nachzuahmen. In der Sprache Krusos war das Glas ein Pokal, eine Art Gral, wenn Ed es richtig verstand, und die Gürtelschnalle ein stählernes Koppel. Die Berührung des Koppels brachte den Gral zum Vibrieren und erfüllte ihn mit einer Abschiedsmusik. Jeder Vers war getragen von dieser Musik und damit auf gewisse Weise ihr lupenreiner Ausdruck. Ansonsten aber kam Ed das Gedicht künstlich und veraltet vor, er war irritiert von seinem hochtrabenden Stil, der altertümelnden Wortwahl, er war befremdet und vom ersten Moment an davon abgestoßen gewesen. Das Formvollendete hatte etwas Groteskes, Lächerliches, es war irgendwie großartig, aber verfehlt. Gegen Ende ging es um die beiden zurückbleibenden Kinder des Generals, Bruder und Schwester, ohne Zweifel eine innige Verbindung. Zuletzt schwebte das Bild der Schwester wie eine Ikone über der Szene. Sicher, das Gedicht erinnerte an die Unerbittlichkeit der Macht (und so würde es gelesen werden — systemkritisch, gefährlich, verboten), gleichzeitig aber war es erfüllt von einer seltsamen Melancholie, die nach Eds Empfinden das Gegenteil ausdrückte: eine Sehnsucht nach dem General.