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«Ich beneide dich, Edgar, um deine Ruhe hier, während ich …«

Kruso lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander, als wolle er bequemer auf das Ende seines Satzes warten. Sein großer, schlanker Körper, seine klaren, indianischen Züge. Aus dem Augenwinkel beobachtete Ed Krusos Gesicht, jedenfalls versuchte er es. Sein Denken und seine Gefühle waren auf eine Weise okkupiert von Krusos Nähe, dass es ihm nicht gelang, ihn tatsächlich wahrzunehmen. Der König des Klausners (und vielleicht der ganzen Insel) hatte ihm ein eigenes, mit Maschine geschriebenes Gedicht aufs Bett gelegt.

Kruso atmete tief und begann, sich auf eine umständliche, bis zur Unglaubwürdigkeit gesteigerte Weise dafür zu entschuldigen, nicht ebenfalls auf seinem Zimmer ausgeharrt zu haben. Vor allem, um» den Band endlich fertig zu machen«. Stattdessen hätte er sich» wieder einmal nur sinnlos herumgetrieben«. Daraufhin setzte seine Schilderung des nächtlichen Lebens auf der Insel ein, simple Anekdoten von verbotenen Lagerfeuern, schlechten Gitarren, Sex in den Dünen mit minderjährigen Urlaubertöchtern (»zu gut behütet, du weißt, was ich meine«) und diversen Liebeskonkurrenzen zwischen Esskaas und Touristen — eine seltsam plumpe Prosa, die sich nicht in Zusammenhang bringen ließ mit der zwar altertümlichen, aber feinen, beinahe aristokratischen Sprache des Gedichts, das vor Ed auf dem Tisch lag.

Das» bunte Inselleben «war der Ausdruck, den Kruso verwendete, in einem Ton mühsam gezügelter Verachtung. Von der» angedickten, ältlichen Jugendlichkeit der Aushilfskräfte und Saisonarbeiter «und ihrem» dümmlichen Glücksgerede vom Meer «kam er auf ihre» Blauäugigkeit und Unfähigkeit, einen einzigen Schritt weiter zu denken«. Sein Blick wurde starr und ging zur Tür, als würde er im nächsten Moment hinausstürzen wollen in die Nacht, an den Strand, um einige» dieser Naivlinge«, wie er sie nannte, zur Rede zu stellen.

Verwirrt nahm Ed das Gedicht zur Hand und begann mit ein paar kleinen vorsichtigen Fragen, das Papier und die Maschine betreffend. Normale Fragen unter Männern, die es gewöhnt waren, eine Schreibmaschine zu benutzen. Kruso erwachte aus seiner Tirade und entschuldigte sich für das Farbband, das er nur notgedrungen verwende (»Farbbänder sind Mangelware, du weißt …«), deshalb trügen bestimmte Buchstaben» blutige Mützen«. Ed beschrieb Kruso eine — zugegeben aufwendige — Technik, mit der es möglich war, die schmalen Farbbänder der Reiseschreibmaschinen auf eine größere Breite zu bügeln. Kruso nickte. Gegenseitig zählten sie sich ein paar Zeitschriften auf, die» für solche Texte«, so hatte es Ed formuliert, in Frage kämen, Blätter des sogenannten Samisdats, die in den größeren Städten seit Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen.

«Ich will damit noch warten. Erst den Band fertig machen«, sagte Kruso. Schließlich wurde klar, dass er bis dahin nie ernsthaft erwogen hatte, etwas drucken zu lassen, und, ja, dass Ed tatsächlich der Erste war, dem er etwas davon preisgab.

«Es ist, also, was mir zuerst aufgefallen ist …«

Ed war berührt von dem Vertrauen, das Kruso in ihn setzte, und er wusste noch nicht, in welche Richtung seine Bemerkung eigentlich gehen sollte. Ein paar Phrasen aus den Seminaren wischten vorüber, das Geschwafel von der besonderen Musikalität, der einzigartige Klang des Grals und so weiter.

«Ich würde es gern lesen«, unterbrach ihn Kruso.

Er fasste das Blatt mit beiden Händen, vorsichtig und aufmerksam, als wäre es von einem noch unbestimmten Gewicht. Sein Rücken streckte sich, sein Nacken wurde breit, genauso, als würde er daran gehen, eine seiner Klausner-Arbeiten zu verrichten, mit jener scheinbar ungestörten Konzentration, die eine Wertschätzung der Dinge ausdrückte und geeignet schien, einem haltlosen Abwäscher wie Ed die Welt als konkrete Aufgabe begreiflich zu machen.

Leise und monoton, ein wenig schleppend und dabei bestimmte Silben auf übertriebene Weise akzentuierend, trug er Zeile für Zeile vor. Er sprach das Gedicht mit jenem seltsamen Akzent, wie ihn Ed zuletzt beim Begräbnis des Lurchs wahrgenommen hatte. Am Ende jeder Zeile gab es eine längere, eigentlich zu lange Pause, in der nicht mehr als das Geräusch der fernen Brandung zu hören war, so klar, dass Ed einzelne ans Ufer schlagende Wellen unterscheiden konnte, und auch Kruso lauschte der Brandung am Ende der Zeile. Dann setzte er wieder ein, aber ohne wirklich anzuheben — wie sich herausstellte, war alles in der Schwebe geblieben, gehalten von der Spannung seines breiten, behaarten Oberkörpers und fixiert von der leicht vorgestellten Spitze seines Kinns.

Drei Strophen später saß Ed wie gefesselt im Bannstrahl des Vortrags. Dieselbe vorbildliche Kraft, die von Krusos Person ausging, wenn er die Abflüsse spülte oder Treibholz vor der Brust zum Holzplatz schleppte, ergriff und verwandelte das Gedicht, und am Ende war es das einzig mögliche — ja, das Gedicht stimmte. Es stimmte vollkommen überein mit Krusos Person, das heißt, es war mit seinen Worten gesagt, es hatte den eigenen Ton. Es war das einzig mögliche Gedicht.

Eds Befremden war wie weggeweht, seine Vorbehalte lächerlich, ein Gefühl der Erlösung. Augenblicklich verspürte er den Wunsch, etwas von sich selbst zurückzugeben. Er begann zu sprechen, stockte aber sogleich und verstummte, während Kruso in sich zusammengesunken neben ihm hockte; sein rechtes Augenlid hing halb herunter. Ed setzte noch einmal an, hilflos griff er nach seinem Notizbuch, das schon aufgrund seiner Größe lachhaft wirkte, hilflos nahm er die Hülle mit dem Foto zur Hand, und endlich entschlüpfte seiner Sprachlosigkeit die Frage.

«Auf dem Bild, ist das deine Schwester?«

Krusos Augenlid kehrte in seine Ausgangsposition zurück. Er fixierte das Foto. Das Foto: Im allerersten Moment hatte Ed geglaubt, er schaue in die Augen von G. Aber es handelte sich lediglich um eine Ähnlichkeit des Blicks und der Haltung, mit der das magere Mädchen in seinem grotesk aufgeputzten Kleid den Fotografen angesehen hatte, den blondgelockten Kopf leicht zur Seite geneigt und das Lächeln wie festgezurrt in den Mundwinkeln. Die Plastikhülle war stumpf und das Gesicht darunter wie im Nebel. Ed erkannte die waagerechten Augenbrauen, das Flächige der Wangen, Krusos Wangen …

«Wie kommst du darauf?«

«Wegen des Gedichts, ich dachte, es geht um sie … Um sie und um dich vielleicht, ich meine … Es ist wirklich großartig, Losch.«

Das erste Mal hatte er Kruso mit seinem Kosenamen angesprochen, es geschah einfach so.

Da Kruso nicht antwortete, stotterte Ed etwas wie» Das aber zum Beispiel weiß ich noch nicht …«und lachte gequält. Kruso hob den Kopf und schaute an ihm vorbei in die Nacht, fast stießen ihre Beine aneinander. Die ganze Zeit saß Ed auf dem Hocker vor seinem Tisch, einen halben Meter über seinem kostbaren Gast. Er redete direkt zur Wand, er redete mit den zerquetschten Insekten.