Wind kam auf, und ein schwaches Donnerrollen wie von weit entfernten Geschützen kroch über das Kliff. Mit einem Ruck erhob sich Kruso, und ehe Ed es begriff, packte er ihn an den Schultern und bog ihn rücklings über den Tisch aus dem geöffneten Fenster — ja, er hatte versagt, vollkommen versagt, und also gab es keine andere Möglichkeit …
Tatsächlich war Kruso aufgestanden und hatte sich zum Fenster gebeugt, fast beugte er sich über Ed hinweg, der sich weit zur Seite lehnen musste, damit Kruso nicht auf ihm lag.
Der Geruch seiner Achselhöhlen; süßlich, wie vergoren. Wie alte sonnengetrocknete Kiefernrinde.
«Ein Patrouillenboot.«
Krusos Gesicht war starr und fast weiß im Licht der Lampe.
«Es liegt sehr hoch im Wasser.«
Als bedeute diese Tatsache irgendetwas, griff Kruso nach dem Gedicht und ging zur Tür.
«Danke für gestern, Ed, ich meine — für deinen Vortrag. Ich wollte dich fragen, ob du mir das Buch leihen könntest?«
Als hätte jemand im Traum gesprochen.
«Ich habe das Buch — leider nicht hier.«
«Ich wäre wirklich sehr froh, wenn du mir etwas davon aufschreiben könntest, das heißt — ich möchte dich darum bitten. Vielleicht diese drei, vier Gedichte von gestern?«
Damit verschwand Kruso aus seinem Zimmer, fast ohne Bewegung. Die letzten Worte hatten seine Gestalt gelöscht.
«Ist gut, Losch«, flüsterte Ed.
Es war kurz vor Mitternacht. Das Rumoren im Flur hatte begonnen. Ed hielt das Foto in der Hand.
Kamikaze
7. JULI
Mit meiner Arbeit läuft alles gut, abgesehen von René. Rimbaud hat uns neue Bücher ins Nest gelegt. Und Cavallo hat mit mir über Rom gesprochen! Als wäre er selbst schon da gewesen. Dank Losch muss ich nicht mehr zu den Vergaben. Er hat mir einen der Inselkrieger vorgestellt, er kam gerade aus dem Schwarzen Loch, den Stahlhelm voll Bier. Kruso nennt ihn den» guten Soldaten«. Es war der Nackte vom Strand. Hab ihn sofort erkannt, aber natürlich nichts gesagt. Rick behauptet, er hätte einen grünen Mond gesehen, vom Tresen aus. Ich helfe ihm jetzt öfter mit den Fässern im Keller. Er ist der Einzige, der den Salonstocher bedienen kann. Ich bin gern dort unten. Um 8 Uhr kontrolliere ich die Temperatur im Kessel (80 Grad sind ideal), und gegen 11 lege ich noch einmal nach. Gestern riesige Wellen.
Da Ed nicht regelmäßig schrieb, konnte er manche Einträge über mehrere Tage laufen lassen. Sicher, das Ganze glich eher einem Protokoll, aber das war es, was ihm guttat daran. Ein Protokoll seiner Ankunft und wie er nach und nach Teil der Besatzung geworden war. Und jetzt? Wie er einen Freund gewann. Gewinnen würde.
Unter dem Arm das übergroße Notizbuch und eine frische Seife, gewickelt in sein Handtuch, balancierte Ed über die Steine, den Strand entlang. Seit ein paar Tagen besuchte er seinen Fuchs an jedem freien Abend. Sicher, das war … Eine Welle schwappte kühl über seinen rechten Fuß und schnitt den Gedanken ab. Ed musste lächeln. Vielleicht das erste Mal, seitdem er auf der Insel … Oder überhaupt das erste Mal seitdem. Er hatte eine Verfassung erreicht, in der jene Einteilung der Welt, die auf Unterscheidungen wie» belebt/unbelebt «oder» sprechend/stumm «gebaut war, ihren Sinn verlor. Wie nur durch Nähe etwas ein Wesen wird. Wie durch einen Spiegel tritt der neue Freund ins Zimmer. Ed wusste nicht genau, was er mit diesem Satz anfangen sollte, das Denken fiel schwer so nah am Meer. Man verlor seine Grenzen, man gab gern auf. Aufgeben, anvertrauen, dachte Ed — man öffnet sich und wird ein Teil davon.
Wie auch immer, es war sein Fuchs.
Vor dem Fuchsbau angekommen, wusch er sich zuerst das Klausnerfett von der Haut. An einer Stelle, wo es Sand gab zwischen den Steinen, trat er ans Wasser, der kühle Saum legte sich um seine Füße: der beste Moment. Dann stand er bis an die Knie in den Wellen, die träge die Bucht heraufrollten. Er seifte sich ein, tauchte unter und schwamm ein Stück hinaus. Seine Sachen hatte er ins Geäst eines entwurzelten Baums gehängt, der die Steilküste heruntergebrochen war. Die ganze Bucht war von diesen Skeletten übersät. Mit ihren seltsamen Verrenkungen verliehen sie dem Strand die Atmosphäre eines verlassenen Schlachtfelds. Ein paar waren schon ins Wasser vorgerückt, kahl und leuchtend wie Wüstengebein. Manche trieben noch aus, ihre Wurzeln hingen in der Luft, trotzdem schafften sie es, irgendwie weiterzumachen mit ihrem pflanzlichen Dasein, nicht im Ganzen, aber in einigen ihrer Zweige. Ed bestaunte diesen Kampf.
«Guten Abend, Alterchen!«
Noch während er im Sand lag und sich trocknen ließ von der Sonne, begann ihr Gespräch. Zuerst ging es um einfache Dinge, zerbrochene Teller, seltsame Gäste, die ekstatischen Auftritte Rimbauds im Abwasch. Dann um Krusos Reden, Krusos Gedicht. Dann um René. Sein Fuchs mahnte ihn zur Vorsicht. Dumm, aber gefährlich. Ed stimmte zu. Er schlug sein Notizbuch auf und lehnte es gegen einen Stein.
«Also, Alterchen. Wo steckst du?«
Ein feuchtes Summen flog ihm ins Gesicht. Ed taumelte zurück, spuckte aus, ein goldgrünes Insekt, das er blitzschnell in den Sand stampfte. Ohne zu zögern, trat er erneut an die Höhle heran. Mit ein paar schnellen Handbewegungen befreite er das Fell seines Gefährten. Inzwischen war es vollkommen eingegraut und der Körper wie abgeflacht, als wollte der Leib im Lehm verschwinden. Die Augen im flusigen Fell waren leer, aber die Ohren noch immer gespitzt und das Hören wie gerahmt von einem Kranz aus feinen weißen Fransen.
«Also, Alterchen, alter Racker«, wiederholte Ed mit zusammengekniffenen Lippen. Dann sprach er sehr schnell, fast überschlug er sich:»Du weißt, zuerst kommt die Straßenbahn, aber ich möchte nicht immer mit der Straßenbahn beginnen, schließlich war ich nicht dabei, werde nie dabei gewesen sein, nicht an der Haltestelle, aber jemand sagt, sie hätten gerufen, schon lange, Achtung, Vorsicht, Achtung, irgendetwas, was soll man schon rufen, quer über die Gleise, und jemand anderes, der sagt, sie hätte da gelegen, unter dem Waggon, bis zum Bauch, du verstehst, bis zum Bauch, die nackten Beine schauen raus, so warm schon Anfang Mai, aber ganz unverletzt, nicht mal ihr kurzer Rock war hochgerutscht, die nackten Beine, aber ein anderer sagt, jemand hat ihn runtergezogen, alter Racker, den Rock wieder runtergezogen, und dann lag sie einfach so da, als repariere sie den Wagen …«
Das war genug. Die Bestände dröhnten, Trakl trat auf, seine bäurische Gestalt, sein großes, infantiles Gesicht. Ed sackte zurück in den Sand, griff nach dem Notizbuch und schrieb. Zeile für Zeile hämmerte aus dem rauschenden Kompendium in seinem Schädel, Metaphern, die sich verkeilten zu Barrikaden, spanische Reiter und Verse, die wie eine Armee von Besatzern durch die Wüste seines Traumas marschierten, ein einziger Krieg. Nachts im Zimmer schrieb er das Gekritzel ins Reine, mit der Hand auf kariertes Papier. Am Morgen, noch vor dem Heizen, schob er Kruso die Blätter unter die Tür.
Es war eine Art Kamikaze. Es hatte etwas Würdeloses, und er schämte sich dafür. Vorsichtig schichtete er Briketts ins Feuer. Es ist das Einzige, worum er mich gebeten hat, dachte Ed, das Einzige, was ich für ihn tun kann. Er lauschte auf das Knacken der Scheite, zischend verdampfte die Feuchte.
Kruso kam gegen zehn und ging spätestens eine halbe Stunde vor Mitternacht. Er trug keine Uhr, aber es war immer diese Zeit. Nichts konnte ihn dazu verleiten, länger zu bleiben. Er nahm sein Gedicht und wünschte Ed gute Nacht.
«Dein Tisch ist zu niedrig.«
«Ich glaube, der Hocker ist zu hoch.«
«Schlaf gut, Ed.«
«Gute Nacht, Losch.«