Wange an Wange. Der übliche Gruß.
Als Dreijähriger hatte Ed geglaubt, küssen bedeute, die Wangen aneinanderzulegen. Vielleicht war das überhaupt seine erste Erinnerung: Der Tabakgeruch seines Vaters. Die schwarz-gelbe Strickjacke, die riesig war. Er hatte seine Wange an die seines Vaters gepresst, er war vom Arm seines Vaters über die Schulter bis an diese Wange herangerobbt. Sie war das Ziel, Ort der innigsten Zärtlichkeit.
Eine Art kleine Laube
Lautlos wie ein Phantom schwebte Kruso vor ihm her, und Ed hatte Mühe, Schritt zu halten. Ihr Weg führte durch sumpfiges Gelände in ein übermannshohes, silbern glänzendes Dickicht hinein, das als Vogelschutzgebiet ausgeschildert war. Ed erschreckten die mit hektisch schlagenden Flügeln aufstürzenden Tiere; überdeutlich vernahm er das Geräusch — als zerbrächen ihre fragilen Skelette im Geäst. Gern hätte er den Vögeln empfohlen, etwas langsamer zu fliegen, da doch niemand unterwegs sei, der ihnen irgendetwas Böses wolle,»wirklich niemand«, flüsterte Ed, worauf Kruso sich das erste Mal nach ihm umsah.
Nach allem, was geschehen war, wäre es undenkbar gewesen, Loschs Einladung (Losch, er dachte jetzt Losch) in seine Sommerhütte, die er ab und zu als» eine Art kleine Laube «oder auch als» unseren Außenposten «bezeichnete, nicht zu folgen. Ed sah darin einen weiteren Vertrauensbeweis und Lohn für die Mühe, die er sich machte vor der Höhle seines Fuchses.
Kruso trug ein schwarzes Shirt, dessen Ärmel abgeschnitten waren, auf dem Rücken einen Jägerrucksack. Ed trug ein kurzärmeliges kariertes Hemd und das erste Mal seine helle Leinenhose. Die Hose war eigentlich zu weit und flatterte wild um seine Beine. Sie erinnerte ihn an die Hosen der Matrosen auf der» Bounty«, an die Hosen Wolf Larsens und van Weydens zum Beispiel.
Tatsächlich stießen sie immer wieder auf Vogelkadaver im Unterholz und allerlei Federzeug, das wie versprengt und weit verstreut in den Zweigen hing. Es war leicht zu erkennen, dass die Tiere ihr Leben im Kampf verloren hatten. Sie fanden einen Schnabel, ohne Kopf, und abgebissene Vogelfüße, die abseits und wie verloren auf dem Boden standen, als warteten sie darauf, dass es mit ihnen weitergehe.»Reinecke, die kleine Bestie. Er schnappt sie sich mitten im Schlaf, wenn der Kopf noch unterm Flügel steckt«, erklärte Kruso.»Aber seit ein paar Wochen ist er verschwunden, Nachwuchs vielleicht, frische kleine Wilderer. «Mit einer einzigen Bewegung seines Messers kappte Kruso den Fuß des Kadavers, zog den Vogelring vom Bein und hielt ihn ins Licht.»Das ist gute Ware, Ed, allerbeste Ware!«
Aus dem Sandweg wurde ein Dschungel. Es gab Brennnesseln bis ins Gesicht, Sanddorn überwölbte den Pfad, dann Holunder und Schilf. Das Schilf sah sanft aus, aber es stach und schnitt gern in die Arme. Kommentarlos überwand Kruso eine Absperrung aus Stacheldraht. Wie auf Kommando setzte er seinen Rucksack ab, kippte in den Liegestütz und robbte in ein dichtes Gebüsch.
Das Gebüsch war innen hohl und mit Röhricht ausgepolstert, das einen fauligen Geruch verströmte. Für einen Moment standen Ed die Erdhöhlen seiner Kindheit vor Augen, die Höhlen der Charlottenburg, in denen sie Feuer gemacht hatten mit gestohlenen Streichhölzern und fast erstickt waren am Rauch.»Der Außenposten ist eigentlich nur für einen einzigen Mann gedacht«, erklärte Kruso. Sie hatten beide die vom Dunst des Klausners imprägnierte Haut. Geräuchert, dachte Ed, wir werden geräuchert … Er dachte in den Worten Krusos, und er dachte auch in seinem Ton, falls das möglich war. Tatsächlich lagen sie sehr eng. Wegen der Dornen im Gezweig ringsum war es kaum möglich, voneinander abzurücken.
Durch eine Lücke im Gestrüpp konnten sie einen weiten Abschnitt des Strands überblicken. Kruso starrte lange auf die spiegelglatte Fläche des Wassers; die ganze Zeit über hatte er sich nahezu militärisch verhalten, weshalb Ed es lieber vermied, ihr Schweigen zu brechen. In Krusos Gefolgschaft kam ihm die Frage Warum? ohnehin nicht in den Sinn. Niemand, der wirklich zur Insel gehörte, brauchte ein Warum.
Aus einer Kiste, die im Röhricht versteckt war, hob Kruso einen kleinen, mit Metallklammern verriegelten Speisekübel. Er griff hinein und reichte ihm zwei Scheiben Brot, ein Stück Schnitzel und — eine Zwiebel. Für eine Sekunde schaute er Ed in die Augen, dann drückte er ihm zwei Blättchen eines Krauts ins Brot. Alles war kühl und erstaunlich frisch. Während sie aßen, empfand Ed eine große Zufriedenheit und Ruhe. Losch bog ein paar Zweige zur Seite und demonstrierte ihm stolz eine kleine Petroleumlampe. Dann streckte er seinen Arm ins Gestrüpp und zog ein Kästchen hervor, das neben Federn und Bernsteinbröckchen einige selbstgefertigte Ohrringe enthielt — und eine Nagelschere.
«Mit links, das konnte ich noch nie, so oft ich es auch versuche, es klappt einfach nicht. «Zögernd ergriff Ed die Hand, die Losch ihm entgegenstreckte, dann Finger für Finger.
«Früher hat das meine Mutter gemacht, später auch meine Schwester.«
Die breiten, von Waschwasser gebleichten Monde fielen zwischen die Binsen. Ed dachte an G., wieder waren es die kleinen schmuddeligen Pflaster um ihre Fingernägel und die Fingerkuppen, die daraus hervorschauten wie winzige, vom Leben geblendete Wesen, so kostbar, dass er sie küssen wollte.
Eine Stunde oder länger beobachteten sie das Meer, ohne ein Wort. Ed begriff es als Test, als Probe. Und, ja, er hatte die Ruhe, absolut. Er war geeignet, in jeder Hinsicht. Halb fragte er sich, weshalb Losch seine Nagelschere in diesem abgelegenen Gebüsch aufbewahrte. Sicher besitzt er mehrere Scheren, dachte Ed, an jedem Außenposten liegt eine bereit. Langsam senkte sich die Dämmerung über ihre kleine Laube.
Die Billardmänner mit den Heliomaticbrillen hatten das Fell des Kamels inzwischen so weit überdehnt, dass man das Ende des Spielfelds nicht mehr erkennen konnte; irgendwo musste der Kopf des Tiers sein, wahrscheinlich unter dem Feld. Auf irgendeine Weise hatte sich das Kamel zurückverwandelt in die Wüste, aus der es gekommen war. Ein Wind raunte über die Dünung. Ed hörte den Ton und erwachte.
Sehr leise, aber direkt an seinem Ohr, hatte Losch zu sprechen begonnen, weshalb Ed im allerersten Moment einer Täuschung erlag — für einen winzigen Augenblick hatte er geglaubt, Krusos Stimme käme aus ihm selbst.
«Vor Zeiten, als das Kloster aufgehoben wurde«, flüsterte Kruso,»ist es vielen der Mönche unmöglich gewesen, sich von der Insel loszusagen. Dabei ging es ihnen nicht um Glauben oder Konfession, viele konvertierten sogar. Es ging ihnen um die Freiheit, die den Dingen hier schon immer anhing, die in der Luft lag, das alte Geheimnis der Insel. Die Freiheit zieht uns an, Ed, und sie nimmt sich ihre Helfer. Im Grunde hatten diese Mönche also keine Wahl, ein Paradox, aber so ist es mit der Freiheit. Sie sind von Haus zu Haus gezogen, als Bettelmönche, angewiesen auf Almosen und ein Dach über dem Kopf. Zuerst geht es immer nur darum: eine Suppe, eine Stelle zum Schlafen, etwas Wasser zum Waschen vielleicht. Diese Mönche waren bereit, ihren Platz im Orden preiszugeben, sie waren Aussteiger, Schiffbrüchige, Obdachlose — sie waren bereit, das alles hinter sich zu lassen, nur um hier zu sein, verstehst du?«
«Als Kind hatte ich einen Baum der Wahrheit«, erwiderte Ed und drehte seinen Kopf etwas zur Seite. Im Eifer der Rede hatte Krusos Zunge Eds Ohrmuschel berührt, versehentlich.
«Dieses Gebüsch, ich meine, deine Sommerhütte, der Außenposten hier, erinnert mich daran, vielleicht auch nur wegen der Blätter, wegen des Rauschens der Blätter. «Ed stockte einen Moment, seine Ohrmuschel wurde kalt.
«Es war ein Baum mit Hochstand, mitten auf einer Lichtung. Jahre zuvor hatte es gebrannt im Wald, und so war die Lichtung entstanden. Wenn man sich weit aus dem Fenster unserer Wohnung beugte, konnte man das Feuer sehen, dann tagelang Rauch, aus dem schließlich der einsame Baum auftauchte; wie durch ein Wunder hat er überlebt. Der Wald liegt auf der anderen Seite des Elstertals, an einem Berg über dem Fluss. In den Ferien waren mein Freund Hagen — nein, er hieß wirklich so, es war einfach sein Name — Hagen also, er kam irgendwann in unsere Klasse, er musste ein Schuljahr wiederholen, ich weiß nicht mehr, weshalb, in diesem Jahr jedenfalls wurde er mein bester Freund. Damals hatte ich immer einen besten Freund, das heißt, sonst keinen. Erst Torsten Schnöckel, dann Thomas Schmalz, dann Hagen Jenktner und dann Steffen Eismann …«