Ed wunderte sich, wie leicht es ihm fiel, vor Kruso über diese Dinge zu sprechen. Er dachte daran, wie lange er schon keinen besten Freund mehr gehabt hatte, niemand, der ihm seine Hilfe angeboten hätte, bei dem er hätte unterkriechen können, nachdem es passiert war.
«In den Sommerferien also stromerten wir öfter im Wald herum, und irgendwann stießen wir auf diese Lichtung mit dem Baum. Und natürlich kletterten wir hinauf, und oben, beim Herumlungern und Ausschauhalten, geschah etwas mit uns, vielleicht wegen der Verlorenheit dieser abgebrannten Gegend oder weil der Baum im Feuer unsterblich geworden war und das Rauschen seiner Blätter irgendetwas mit uns machen konnte, wer weiß. Ringsum war also alles verkohlt, und plötzlich jedenfalls begannen wir damit, uns die Wahrheit zu erzählen. Keine Ahnung, wer angefangen hat. Ich gestand Hagen meine Liebe zu Heike — seit der ersten Klasse betete ich Heike Burgold an, aber nie hatte ich gewagt, es irgendjemandem zu sagen, erst recht nicht ihr selbst. Sie erfuhr nie etwas davon, auch später nicht, eben nie. Im Gegenzug erzählte mir Hagen von seinen Fantasien — einfach so, ich meine, ich war dreizehn und er vierzehn Jahre alt, und er sprach über Sex, ohne zu lachen. Ich habe meine besten Freunde immer für stärker gehalten als mich selbst, ich war immer bereit, von ihnen zu lernen, aber das überstieg alles. Hagen hatte einen Schauspieler-Kalender in seinem Kinderzimmer, mit echten Farbfotografien. Eines der Bilder zeigte Claudia Cardinale in Spiel mir das Lied vom Tod. Hagen beschrieb mir ihr Aussehen, ganz genau, ihre Haare, ihre Nase, ihre Ohren, den Ansatz ihrer Brüste, aber vor allem ihre Lippen, die leicht geöffnet waren, ihre unglaublich weißen Zähne, und dann fasste er sich an, aber mehr so, als müsse er sich einfach festhalten irgendwo, während er etwas sagte wie …«
Kruso presste Ed eine Hand auf den Mund und stieß ihm dabei schmerzhaft gegen die Nase. Zwei Soldaten kamen den Strand herauf. Einer griff in ein Sanddorngebüsch und zog einen Telefonhörer aus dem Geäst. Im ersten Moment glaubte Ed, der Soldat telefoniere mit dem Busch.
«Keine besonderen Vorkommnisse«, flüsterte Kruso. Die Soldaten setzten sich und rauchten. Die Mündungen der Waffen ragten über ihre Schultern hinaus, fein umrissen vom letzten Licht des Tages.
Nach einer kleinen Weile begann Kruso sich zu bewegen, vorsichtig. Dass er dabei eine Flasche aus dem Jägerrucksack zog — so viel hatte Ed noch gesehen oder gespürt im Dunkel. Das Aufspringen aber, das Ausholen, das Blitzende im Geäst — wie konnte er das gesehen haben?
Wie angeschossen wirbelten die Soldaten herum, einer riss die Waffe von der Schulter.
«Halt-wer-da!«
Sein Rufen war mehr ein Krächzen gewesen, ein jämmerlicher Laut des Erschreckens.
«Stehenbleiben-oder-ich-schieße!«
«Ich-schieße!«
Jetzt war es ein Wutschrei. Wut über den Knall einer Glasgranate, Wut über den Schreck, über die Angst vielleicht. Mit schnellen Schritten marschierte der Soldat gegen ihr Gebüsch, die Waffe im Anschlag, bevor der zweite ihn einholen konnte und herumriss.
«Ein Neuer, ein Glatter, ein verdammter Frischling«, hauchte Kruso, noch außer Atem, doch seine Stimme klang ruhig, als kommentiere er ein Experiment.
«Heiko, Mensch Heiko!«, wiederholte der zweite Soldat in einem fort, dabei streichelte er das Maschinengewehr seines Kameraden, das jetzt direkt auf ihn selbst gerichtet war. Beginnend am Lauf, tastete er sich über die linke bis zur rechten Hand und bog dabei die Waffe langsam zur Seite. Mit einer sorgsamen, fast zärtlichen Bewegung löste er schließlich den Finger vom Abzug.
«Mensch, Heiko.«
Das Meer war jetzt eine leise rauschende Leinwand. Etwas Mond-Beleuchtung umriss das Geschehen, alles ohne Musik, allein mit dem verhaltenen Anrollen der See. Sporadisch zuckte der schrille Laut eines Vogels durch die Nacht.
«So leicht sind sie aus der Fassung zu bringen«, flüsterte Kruso,»so verdammt leicht. Das ganze System besteht nur aus Menschen, Ed. Ich meine, die da drüben, das sind wir, in früherer Zeit, wir selbst vor der Freiheit, verstehst du?«
Ein Alptraum, dachte Ed. Er hatte Kopfschmerzen und fühlte einen metallischen Geschmack im Mund. Der Soldat, der Heiko genannt worden war, stand immer noch da, wie versteinert auf halbem Weg zu ihrem Gebüsch. Der andere schob ihm die Waffe über die Schulter und packte ihn mit beiden Händen am Kragen. Heiko. Dann stiefelte er mit raschen Schritten die steinige Küste hinunter. Nach ein paar Sekunden erwachte der Soldat aus seiner Starre und begann zu traben, in einem unbeholfenen, wie gefesselt wirkenden Schritt, sein Stahlhelm schlug gegen das Koppel. Eine Weile hörten sie noch den stumpfen, metallischen Ton.
Die Karte der Wahrheit
9. JULI
Treibjagd mit Kruso und anderen Esskaas, ohne Waffen, nur Töpfe und Knüppel. Danach gab es Zander für alle, gebraten am Strand, in Knoblauch und Sanddornsoße. Der Fisch lebte noch. Man muss ihm in die Augen fassen, damit er nicht beißt, sagt Koch-Mike. Rimbaud und das Tresenehepaar haben Kampflieder gesungen, durchs Gebirge, durch die Steppe zog … Rick mit seinen Geschichten. Er sagt, Leute wie Hauptmann hätten sich an der Insel vergangen. Karola hat Cavallos Sonnenbrand mit Quark verarztet. Sie ist die Medizinfrau hier, eine hübsche Kräuterhexe. Jeden Tag bringt sie uns frischen Tee in den Abwasch, und gestern stand sie plötzlich hinter mir. Dann das Eis und ihre Fingerspitzen, neben der Wirbelsäule, rauf und runter — eine Art Eiswürfelmassage, gut gegen meine Rückenschmerzen, das war Wahnsinn! Seit es so heiß ist, haben wir noch mehr Kakerlaken im Haus. Schaffe jetzt jeden Morgen vier, fünf Stück, manchmal sogar mehr.
Am Kellnerstrand trafen sie andere Esskaas, Tille, Spurtefix, die hochgewachsene Sylke mit ihrer dicht von Sommersprossen bedeckten Haut, Antilopé, die Freundin Rimbauds, oder Santiago aus der Inselbar, mit dem Kruso gut befreundet zu sein schien. In der Regel trat man sich nackt gegenüber. Schon beim Begräbnis des Lurchs hatte Ed es gespürt: eine nahezu geschwisterliche Nähe, die aus dieser natürlichen, ohne besonderen Anlass auftretenden Nacktheit erwuchs. Etwas, das Ed nie erfahren hatte, eine spezielle Vertrautheit, die Menschen auf diese Weise miteinander erreichten, eine Form zwangloser Verbundenheit — eine kollegiale Intimität, falls es das gab. Als sei die Nacktheit in Wahrheit ein Siegel, eine Art Lohn, dachte Ed, für die gemeinsam überwundene Scham, keine Schamlosigkeit jedenfalls. Die Scham blieb dabei unversehrt, im Innersten des Bündnisses, und so konnte auch der Gruß der Esskaas (die Wangen aneinanderlegen) viel besser verstanden werden. Es war das Erste, was Ed wirklich begriff über die Inselkaste und den Zusammenhalt ihrer weit über die Insel verstreuten Kreise.
Am Ende ihres Streifzugs hatte Kruso vorgeschlagen, einen Abstecher auf den Schwedenhagen zu machen,»zu mir nach Hause«, wie er sagte, in verächtlichem Tonfall. Bis dahin hatte Ed nicht daran gedacht, dass es auch für Kruso noch ein anderes Zuhause als den Klausner geben musste.
Von der Panzerplattenstraße zweigte ein Feldweg Richtung Bodden ab. Auf einer der Moränen lag ein helles, zweistöckiges Gebäude, von Pappeln nahezu verdeckt. Der Hügel, das Haus und die Bäume, von fern Zypressen ähnlich, erinnerten Ed an Landschaften des Südens in Gemäldegalerien.