Institut für Strahlungsquellen — das Schild hing schief hinter dem Maschendrahtzaun neben der Einfahrt, es hatte kaum noch Farbe, nur die Buchstaben waren haften geblieben, oder jemand hatte sich die Mühe gemacht, sie nachzuzeichnen. Kruso ging am Tor vorbei. Nach ein paar Metern kippte er auf seine halb militärische Art in den Liegestütz und schob sich unter dem Zaun hindurch. Sie kamen vor ein hohes, schmales Backsteingebäude, dessen untere Hälfte wie zum Schutz von einem grasbewachsenen Erdhügel ummantelt war. Mit seiner Stahltür und dem Totenkopfschild erinnerte es an ein altes Trafohaus, nur die Kabel fehlten.
«Das ist der Turm«, erklärte Kruso.
Fenster gab es nicht, aber überall im Raum hingen Decken, die irgendetwas verhüllten und den süßlich-trockenen Geruch alter Wolle verbreiteten. Krusos Schritte auf einer stählernen Leiter, dann herrschte Stille. Ed atmete Staub, und seine Schleimhäute schwollen an. Langsam tastete er sich durch das Woll-Labyrinth, fand aber den Aufstieg nicht.»Nicht so einfach!«, brüllte Kruso von oben, er schien sehr zufrieden darüber.
Der im Turm verborgene Raum erinnerte an ein Jugendzimmer. Die Glühbirne, die ohne Schirm an einem Kabel von der Decke hing, beleuchtete matt ein Puzzle aus Fotos, Texten und Zeichnungen, dazwischen ein Che-Guevara-Poster und der verstaubte Prospekt eines metallicbraunen Volvo-Kombi. Alle Bilder waren mit kleinen schwarzen Flecken übersät, als litten sie an einer Krankheit; Ed hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Kruso zog ein paar Steine aus der Wand, und frische Salzluft strömte in den Raum. Gleichzeitig bewegte sich etwas in der gegenüberliegenden Ecke, wo sich ein Bett und ein Schrank befanden. Wahrscheinlich eine Katze, dachte Ed. Überall auf dem Boden waren Schlafsäcke und Kleidungsstücke verstreut.
Rechts von der schießschartenähnlichen Öffnung nach draußen hing eine große kindliche Zeichnung. Das grobe Papier, vielleicht die Rückseite einer Tapete, war gewellt und mit kleinen, in die Fugen getriebenen Nägeln befestigt. Kruso zog das Kabel mit der Lampe vor die Zeichnung und verankerte es an einem von der Decke hängenden Draht.
Die Zeichnung bestand aus drei übereinanderliegenden Farbflächen. Matte, ausdruckslose Wasserfarben, die Ed augenblicklich an die trostlosen Tuschekästen seiner Schulzeit erinnerten, an die immer schon halb versteinerten Farben, die mühsam aufgerührt werden mussten, so lange, bis man die Nerven verlor und den Pinsel (man hatte immer nur wenige Pinsel, ja, oft nur einen einzigen, mit dem sich wirklich arbeiten ließ) breitstieß an den runden bunten Steinen, die sich Palette nannten, womit das künstlerische Werkzeug in der Regel unbrauchbar geworden war. Die ganze Kindheit lang ein Kampf mit schlechtem Material, überalterter Substanz, ein Kampf voller Murren und Fluchen und doch in vollkommener Unschuld. Niemals in dieser frühen Zeit wäre Ed auf den Gedanken gekommen, nicht selbst das Schlechte zu sein, nicht selbst das Ungenügen. An wem sonst sollte das ganze Unglück liegen?
«Das ist die einzig wahre Karte unserer Welt, Ed, die Karte der Wahrheit, wie du es vielleicht sagen würdest.«
Kruso schaute ihn an. Er machte eine bedeutungsvolle Pause und gab Ed, der die ganze Zeit regungslos im Zimmer gestanden hatte, die Gelegenheit, das Papier näher zu betrachten. Es war voller Wasserflecken und Ränder, vielleicht ein stilisierter Sonnenuntergang, dachte Ed, eine Art Hiddensee-Expressionismus. Über der schwarzen Fläche gab es eine rote und darüber noch eine gelbe, gelb-rot-schwarz, und erst jetzt erkannte Ed das Bild der auf den Kopf gestellten Fahne. Ein feines Knacken — Kruso hielt eine Flasche in den Händen. Sehr langsam und auf eine fast feierliche Weise schraubte er den Deckel vom Hals. Ed erkannte die billige Marke, die man wegen des blauen Etiketts den» blauen Würger «nannte.
Unabhängig von den drei Farben gab es Linien, sehr feine Linien, die stellenweise mit den Wasserrändern genauestens übereinstimmten, und bald entdeckte Ed die Landesgrenzen: die Umrisse Rügens, Usedoms, den Darß und sehr fein, fast unsichtbar, die schmächtige Gestalt ihrer eigenen Insel, das Seepferdchen mit dem Flattermaul. Den verquollenen Schädel nach Osten gedreht, hielt das Tierchen sich aufrecht — halb im Schwarz und halb im Rot. Jetzt war es leicht, oben im Gelb die Umrisse der Königreiche Dänemark und Schweden auszumachen. Das Rot zwischen den Ufern des Südens und denen des Nordens war mit einem feinen Strichwerk kaum noch erkennbarer geometrischer Verbindungen überzogen, durchbrochene und durchgehende Linien, die sich wild überkreuzten. Das Ganze glich einem Strickplan oder Schnittmuster, wie Ed es einmal als Kind auf dem Stubentisch seiner Tante gesehen hatte. Zunächst war das ganz unfassbar gewesen — wie konnte seine Tante etwas zu tun haben mit Zeichnungen dieser Art, vielfach verschlüsselt und Geheimplänen ähnlich …
Kruso räusperte sich. Ed musste tief Luft holen, um seinen Blick von der Karte zu lösen. Er spürte die Flasche am Oberarm, sie war kühl, und er wollte sie ergreifen, als befolge er eine Mechanik unter Trinkgenossen, aber Kruso hielt sie fest und sah ihm in die Augen.
«Höre mir jetzt bitte gut zu, Ed.«
Mit jenem heiligernsten Ausdruck, der alle seine Unterweisungen begleitete, drückte er Ed die Flasche auf die Brust und deutete auf das Bett an der Wand. Der» Würger «löschte das Staubgefühl in Eds Mund, und aus irgendeinem Grund konnte er jetzt, vom Bett aus, auch die Linien in der Fahne viel besser erkennen.
Kruso blickte zur Karte, dann zu Ed. Dann trat er noch einmal auf ihn zu und nahm ihm die Flasche wieder aus der Hand.
«Auf dieser Insel«, Kruso deutete auf Hiddensee, nickte ein paar Mal und schüttelte zugleich den Kopf, was eine Art Kreisen seines Schädels bewirkte,»ich meine, in diesem Land«, er kreuzte den geschwärzten Bereich seiner Zeichnung mit dem Boden der Flasche, die dabei ein helles, fröhliches Glucksen hören ließ,»gibt es keine einzige reale Karte. In diesem Land, mein Lieber, werden nicht nur Flüsse, Straßen und Berge verschoben, so lange, bis niemand mehr weiß, wo genau er eigentlich zu Hause ist, nein, auch die Küsten wandern, vor und zurück, sie wandern wie Wellen …«
«Kein Vorwurf!«, bellte Kruso mit erhobener Flasche.»Ich hatte sie alle schon hier, Geodäten, Vermesser, sogar Kartographen — durch die Bank Geheimnisträger, hier, bei den Schiffbrüchigen und Ausgestoßenen … Ich kenne ihre Berichte, Ed, haarsträubende Berichte. «Er trank einen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen.
«Es ist der Abstand, der niemals stimmt, die gefälschte Größe des Meeres, gefälschte Weite, falscher Horizont. Von Küste zu Küste«, Kruso tippte mit dem Hals der Flasche erst in den schwarzen und dann in den gelben Bereich und übersprang dabei die rotgefärbte Ausdehnung des Meeres,»ist es niemals so weit! Wenn sie stimmten, diese Karten, lieber Ed, hättest du Møn in deinem Leben niemals gesehen aus deinem schönen Giebelzimmer, den stillen Fels aus Jenseitskreide, das unschuldsweiße Schimmern, wenn du aufrecht sitzt in deinem Bett am Morgen und dich fragst, was du hier sollst, was dir hier eigentlich geschieht, warum du gerade hier gelandet bist …«
«Kein Warum«, protestierte Ed, aber jetzt reichte ihm Kruso die Flasche, mit einem Ausdruck reiner Güte.
«Diese Karte, mein Lieber, ist wahr, so wahr wie das Amen in der Kirche, amen.«
Ed trank und gab die Flasche zurück.
«Møn, Møns Klint, Gedser …«Kruso verlor sich in der Aufzählung von Orten, die nur als winzige Kreuzchen oder Zahlen eingezeichnet waren.
«Aber was ist mit den Linien?«Ed versuchte, die Kränkung zu überspringen. Am Kellnerstrand hatte er schon viele der eigenartigsten Geschichten gehört. Ein Mann aus der Kreisstadt Plauen hatte eine wirkliche Fahne mit dem Wappen aus Hammer, Zirkel und Ehrenkranz vor seiner Haustür platziert, weshalb er von der Insel abgeholt und verhaftet worden war, für Jahre, wie es hieß … Aber was war ein Schuhabtreter gegen die Karte der Wahrheit?