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«Was bedeuten diese Linien, Losch? Dieses Schnittmuster im Rot zwischen den Küsten?«, wiederholte Ed.

«Das sind die Wege der Toten.«

Krusos Antwort, wie von weit her. Er war in seine Zeichnung versunken.

«Das sind ihre Wege über das Meer.«

Kruso presste seine Hand auf das Papier, an einer Stelle, die schon abgegriffen und eingerissen war, als wolle er dort eine Wunde verdecken.

«Zuerst schwimmen sie noch. Oder rudern ein bisschen. Oder sie hocken in winzigen Tauchmaschinen, oder sie hängen an Motoren, die sie durch die Brandung ziehen. Aber sie schaffen es nicht. Irgendwo da draußen läuft Wasser in den Vergaser, oder sie erfrieren, oder die Kraft reicht nicht aus … Manche werden drüben angespült. Manche mit den Fischen aus dem Wasser gezogen. Die Fischer funken die Toten übers Meer und palavern darüber in ihren Kneipen — wieder einer, der es versucht hat, na prost, und so weiter …«

Von unten kamen Geräusche. Kruso löste sich aus seiner Starre und nahm einen langen Schluck aus dem» Würger«.

«Die Fischer kennen die Strömungen hier. Sie wissen Bescheid. Sie wissen, wie lange ein Toter unterwegs sein kann.«

Langsam fuhr Kruso eine der durchbrochenen Linien entlang.»Sie wissen, wie lange er unter Wasser bleibt und wann das Meer ihn wieder hervorholt und wie er dann aussieht und wie er dich ansieht mit seinen verfaulten Augen …«Er schien jetzt nervös und beugte seinen Kopf zur Schießscharte hin.

«Aber niemand, ich wiederhole, niemand dort drüben weiß, wer die Toten sind. Es heißt, sie liegen dann auf Eis, auf dem guten kalten Eis des Königreichs und warten, dass jemand kommt, sie zu erlösen. Aber niemand wird kommen, niemand, niemals.«

Es war lauter geworden im Hof, und Kruso begann, die Steine in die Wand zurückzuschieben.

«Woher weißt du das alles?«

«Die Toten flüstern es mir. Die Toten warten auf uns, Ed, was sagst du dazu?«

«Ich hatte keine Ahnung, ich meine …«

«Was ich damit sagen wollte, Ed: Es ist der falsche Weg. Ganz der falsche. Oder anders ausgedrückt: Die Karten lügen einfach nicht genug! Angefangen mit diesem vermaledeiten, hoffnungsfrohen Hellblau in den Schulatlanten, dieses verdammte, trügerische Hellblau, jeder Kinderschädel wird weich davon. Warum druckt man die Meere nicht schwarz, wie die Augen der Toten, oder rot wie Blut?«Er deutete auf seine eigene Karte.

«Warum Schweden, zum Beispiel, nicht komplett verschweigen? Eine geschickte Aufteilung der Seiten könnte dafür schon reichen. Und Dänemark, Skandinavien, die ganze übrige, sinnlose Welt? Sicher, Møn ist ein Problem, aber nur, weil wir Møn sehen, verstehst du das Ed?«

Offensichtlich war Kruso betrunken. Ohne genauer zu zielen, warf er Ed den» Würger «in den Schoß, die Glasgranate.

«Vergiss das Ed, hörst du, vergisses, gisses … Nur eins vergiss nie: Es gibt sie, die Freiheit. Sie ist nämlich hier, auf der Insel. Denn es gibt diese Insel, oder?«

Kruso starrte Ed mit grimmiger Entschlossenheit ins Gesicht, und Ed nickte gehorsam.

«Und auch du hast ihren Lockruf vernommen, oder? Ja, sie ruft, verdammt, sie ruft wie eine verdammte Sirene … Und jeder hört etwas. Erlösung vom Beruf. Vom Mann. Vom Zwang. Vom Staat. Von der Vergangenheit, nicht wahr, Ed? Es klingt wie ein Versprechen, und alle kommen, und hier beginnt sie, unsere Aufgabe, der Ernst unserer Sache. Das heißt: Drei Tage, und sie sind eingeweiht. Wir schaffen drei oder vier Tage für alle, für jeden, und wir schaffen damit eine große Gemeinde, die Gemeinschaft der Eingeweihten. Und das ist erst der Anfang. Drei Tage hier, und sie können aufs Festland zurück, niemand muss fliehen, Ed! Niemand ertrinken. Denn dann haben sie es: im Kopf, im Herzen, wo auch immer …«Kruso ruderte mit dem Arm durch die Luft und deutete, halb zur Karte gewendet, auf verschiedene Stellen seines Körpers.

«Das Maß der Freiheit.«

Ed zuckte zusammen. Der letzte Satz war nicht von Kruso gekommen. Neben ihm auf dem Bett saß die Katze und blickte ihn an. Ihr Schädel war riesig und rund, und ihre Tatzen waren so breit wie Kinderfüße.

Es war dunkel geworden, und es regnete in Strömen. Am Zaun des Instituts wartete Santiago. Flüsternd beschimpfte ihn Kruso. Ed stand abseits. Der Zustand seines Freundes machte ihm Sorgen. Etwas kehrte sich um, zum ersten Mal fühlte er die Verantwortung.

Die ganze Zeit hatte er es sagen wollen: Du kommst in Teufels Küche, Losch.

Und du, was willst du einmal machen mit deinem Leben, Ed? Wozu wärest du bereit?

Erst jetzt bemerkte er die Schiffbrüchigen, die unterhalb der Böschung hockten, reglos, durchnässt, wie Hasen vor dem Sprung. Es war eine kleine Gruppe, zwei Männer, zwei Frauen, die allen Anweisungen Krusos Folge leisteten, fraglos und dankbar. Einer nach dem anderen kroch unter dem Zaun hindurch und verschwand in der Finsternis.

«Ich nehm ihm das nicht übel«, erklärte Santiago.

«Was?«, fragte Ed.

«Sie sind beide hier aufgewachsen, er und seine ertrunkene Schwester. «Santiago berührte den nassen Drahtzaun wie eine Kostbarkeit.»Hier sind sie groß geworden, hier auf dem Rommstedt-Hügel.«

Schwarze Quartiere

Krusos Organisation — oder wie sollte man es nennen? Rettungsschwimmer, Hausmeister, Kellner, Tresenleute, Vogelberinger, Beiköche, Abwäscher, Küchengehilfen — alle schienen untereinander in Verbindung zu stehen. Der Entschluss, auf der Insel zu leben (wenigstens zu übersommern, wie Cavallo es ausdrückte), genügte, um voneinander das Wichtigste zu wissen, und wirkte wie ein unsichtbares Band: Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.

Ihre Unterstützung für Krusowitsch bedeutete zuerst nicht mehr als eine ihrer munteren Selbstverständlichkeiten — wie das Nacktbaden am Kellnerstrand, das Feuer um Mitternacht (obwohl verboten) oder die Discotheken im Dornbusch, bei denen man für 2,75 Mark (nicht viel mehr als ein Stundenlohn) eine Nacht lang zwischen zwei gegenüberliegenden Tresen hin und her steppen konnte. Die Tresen waren nach den Männern hinter der Bar benannt. Am sogenannten süßen Ende des Dornbuschs (dem Heinztresen) wurden ununterbrochen grüne, braune und rote Liköre ausgeschenkt, am sauren Ende des Saals (dem Heinertresen) flossen Wein, Wodka und» Würger«, dazu» Stralsunder «und gelegentlich auch ein selbstfabriziertes Sanddorngebräu» auf Würgerbasis«, wie es hieß. Allein diese von den Esskaas an fünf Abenden in der Woche zelebrierte» Opposition der Tresen«(ein Wort Rimbauds) enthielt einen Begriff von politischer Bedeutung. Der Heinztresen war süß, der Heinertresen sauer, so viel war sicher, und zwischen Heinz- und Heinertresen spielte das Leben. Heinz oder Heiner: Niemand hätte darin einen unlösbaren Widerspruch entdeckt, auf ihrer Insel existierte kein Antagonismus, erst recht kein unversöhnlicher: Von süß zu sauer, von sauer zu süß, so wogte der Abend, weit über den Saal des Dornbuschs hinaus, über die Wiesen und Dünen bis an den Strand, über das Meer bis an den Horizont, die Grenze, unsichtbar in der Finsternis.

Zehn Prozent Land, neunzig Prozent Himmeclass="underline" Dass sie hier waren, auf der Insel, genügte. Erst recht für ihren Stolz. Die Insel adelte ihr Dasein. Diese Schönheit, die einfach unbeschreiblich war und wirkte. Die Magie ihrer Schöpfung. Das Festland bildete dafür nicht mehr als eine Art Hintergrund, der langsam verwischte und erstarb im immerwährenden Rauschen des Meeres; was war schon der Staat? Jeder Sonnenuntergang tilgte sein starres Abbild, jede Welle wusch den trostlosen Umriss dieses abgenutzten Faustkeils von der Oberfläche ihres Bewusstseins. Sie waren die Reiter des Seepferdchens mit dem Flattermaul, sie tanzten dem Faustkeil auf der Nase herum, unterwegs zwischen sauer und süß.

Mit Sicherheit lag den Esskaas nicht besonders daran, Schiffbrüchige oder Obdachlose, wie Kruso sie nannte, auf das Gebiet irgendeiner neuen Freiheit zu führen. Aber sie spürten Krusos Willen, seine Kraft. Eine Atmosphäre der Fremdheit ging von ihm aus, die begeisternd wirkte. Vor allem seine Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit waren es, die den Unterschied machten. Was er sagte, war vollkommen frei von Zynismus oder Ironie, und was er vorschlug, verkörperte geradezu das Gegenteil jener alten Inselgewohnheit, die Dinge mehr oder weniger spielerisch anzugehen. Insgeheim (und ohne dass sie es hätten zugeben wollen) entbehrte ihre Inselexistenz dieser Substanz, sie entbehrte einer Aufgabe, einer Idee, etwas über das tägliche Süß-Sauer hinaus.