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Dabei trat Kruso nie als Anführer auf, aber er organisierte Aktionen, plante, sammelte, stellte Verbindungen her zwischen den über die Insel verstreuten Kreisen der Esskaas und hielt sie aufrecht. In erster Linie zählten dazu jene Kreise, die sich ohne weiteres zu einzelnen Gastwirtschaften rechnen ließen, wie die Gruppe rund um die Inselbar, von denen einige im Wollnerhaus schliefen, neben dem Inselmuseum. Zu ihnen pflegte Kruso die allerbesten Kontakte, darunter Männer wie Santiago, Tille, Peter, Indianer, Spurtefix oder Frauen wie Janina, Sylke und Antilopé. Dann gab es auch solche Esskaas, die sich selbst zu verschiedenen Feuern zählten, an denen nachts gegrillt, getrunken und regelmäßig die» Freie Republik Hiddensee «ausgerufen wurde, darunter das Enddorn-Feuer zum Beispiel mit A. ‌K., Ines, Torsten, Christine und Jule. Darüber hinaus eine Gruppe älterer Esskaas mit Ausreiseantrag, ab und zu bildeten sie einen eigenen Kreis am Heinertresen. Sie hatten sich abgelöst und waren tief, vielleicht schon zu tief versunken in den Zustand des Wartens, wobei Ed nicht selten den Eindruck gewann, dass sie das Warten selbst vergessen hatten, als ob ihr Leben ohnehin längst außerhalb läge, nicht nur außerhalb des Landes, auch außerhalb der Zeit, deren zählbarer Verlauf von der Insel und ihrer Magie außer Kraft gesetzt war. Als hätte sich ihr Wartezustand zu einer Art paradiesischem Jenseits verdichtet. Eine Form der Selbstimmunisierung, urteilte Kruso, die auch darauf abziele, die freiheitseinflößende Wirkung der Insel wenigstens in Teilen abzuwehren, was er keinesfalls verurteilen wolle, wie er betonte, im Gegenteil. Unter diesen Umständen kam es vor, dass die Bewilligung eines Ausreiseantrags diesen oder jenen zunächst traf wie ein Schlag. Auf der Insel waren sie weit abgetrieben, und plötzlich hieß es, aufzutauchen und zurückzurudern in den offiziellen Ablauf der Zeit — oft blieben dafür nur wenige Tage.

Aufgeschlossener zeigten sich die Kreise der blutjungen Esskaas, die mit ihrem achtzehnten Geburtstag beschlossen hatten, ihr Leben auf der Insel zu verbringen und nirgendwo sonst, darunter die Punks. Weil man sie nicht vorzeigen konnte, schafften sie es nie in den Service und landeten fast immer im Abwasch, wo sie Außerordentliches vollbrachten. Tatsächlich galten die Punks als die besten Abwäscher der Insel. Legendär waren ihr Fleiß und ihre Zuverlässigkeit.»Arbeiten wie die Teufel«, erklärte Kruso. Ata im Norderende oder Dirty im Hitthim waren Namen, die man kannte und schätzte. Zudem existierte eine Allianz zwischen Punks und Langhaarigen, die ihre Position verbesserte und einen gewissen Schutz darstellte, wenn es darauf ankam.»Wie Leute aussehen ist mir egal, wenn sie arbeiten«, verkündete die Chefin der Inselbar.

«Hiddensee ist auch ein Schwulenparadies«, bemerkte Kruso leise, dabei standen sie am Heinztresen, der genau genommen der Heinz-und-Uli-Tresen war, das süße Ende des Dornbuschs, wo Losch und neuerdings auch Ed ihre Getränke gegen geringes Entgelt bezogen. Ohne Zweifel hielten Heinz und Uli sie für ein Paar, was Kruso nicht besonders zu stören schien. Der Dornbusch (und nicht nur die Schwulen dort) waren Hauptrivale des Klausners beim jährlich stattfindenden Fußballturnier, das niemand anders als Kruso organisierte. Das Turnier galt als Höhepunkt beim» Tag der Insel«, einem inselweiten Fest der Esskaas, unterstützt auch von Einheimischen und Kneipenbetreibern wie Willi Schmietendorf, dem Chef des Dornbuschs, der dem Sieger ein Fass Bier spendierte, während Krombach die Sache ganz seinem obersten Abwäscher Alexander Krusowitsch überließ.

Durch Kruso entstand ein Netz von Kontakten und Aktionen, das den Esskaas behagte, weil es ihre Besonderheit unterstrich und ihnen ein Bewusstsein ihrer Einzigartigkeit verschaffte, jener sonderbaren, schwer zu begreifenden Form legaler Illegalität in einem Land, das sie entweder ausgespuckt und für unbrauchbar erklärt hatte oder dem sie sich schlichtweg nicht mehr zugehörig fühlten. Rimbaud hatte im Falle der Esskaas den Begriff der inneren Emigration angewandt, wobei ein jeder täglich hart arbeiten müsse für sein Bleiberecht.

Den Allermeisten unter den Esskaas waren Rimbauds Reden fremd geblieben, aber Kruso zollten sie Respekt. Er war der Mann mit der goldenen Rüstung, in dessen Gefolgschaft sie ihm Deckung gaben und ein paar Dinge, die er von ihnen erbat oder verlangte, darunter nichts, was ihnen wirklich schwergefallen wäre. Von seiner Philosophie der Freiheit gewannen dabei die wenigsten einen Begriff. Sie fühlten sich nicht im Widerstand, und wohl kaum einer hätte sich als Teilhaber einer Konspiration gesehen. Ihr Interesse galt der Unternehmung (dem Ruch des Verbotenen) und vor allem den bacchantischen Festen der Vergabe, dem grenzenlosen Ausschank auf der Terrasse des Klausners und nicht zuletzt den unbekannten Gästen, die sich dort einfanden, Nacht für Nacht — ihrer Fremde, ihrer Lieblichkeit und ihrem guten Geruch, seltsam verstärkt durch die eigenartige Bezeichnung, die Kruso ihnen verliehen hatte: Schiffbrüchige.

Anfangs war es nur um die Nächte gegangen, um die Unterbringung der Schiffbrüchigen über wenigstens drei oder vier Tage in sogenannten schwarzen Quartieren. Ein ehrgeiziges Ziel, da sich ihre Zahl stetig vermehrte, eine landesweit unvergleichliche Pilgerschaft, die, angezogen vom Lockruf der Insel, orientierungslos und leichtsinnig über die Moränen zog und die Strände ablief auf der Suche nach einem Schlafplatz, ohne Quartierschein, ohne Erlaubnis zum Aufenthalt — in einem Grenzgebiet.

Irgendwann kam die» ewige Suppe «hinzu.»Sie brauchen einfach etwas Warmes im Bauch, wenigstens einmal am Tag«, lautete Krusos schlichte Begründung. Die» guten Stücke«, die Ed im Abwasch täglich von den Tellern pflückte, wurden kurz und klein geschnitten und wanderten, vermengt mit den freiheitsspendenden Kräutern und Pilzen des» geweihten Beets«, gedüngt vom Schleim der Abflüsse (»der Lurch ist nahrhaft und voller Vitamine«), in einen gusseisernen Kessel, für den bei Koch-Mike immer eine Feuerstelle reserviert war. Ed hatte öfter gesehen, wie zwei Schiffbrüchige den Kessel mit der Suppe, oder was davon übrig war, an der Rampe abgaben, wo Kruso ihn entgegennahm, kurze Anweisungen erteilte und ihn dann, ohne abzuwaschen, auf den Herd zurückstellte. Die ewige Flamme, die ewige Suppe. Für Kruso bedeutete das eine Art biologischer Kreislauf, ein geschlossenes System der Versorgung — und Erleuchtung. Und das alles sei, wie er sagte,»nur der Anfang«.

Auf dem Weg zur Freiheit, den er Ed fortan immer öfter auch im Einzelnen erklärte, waren die drei oder vier Tage Inselaufenthalt Essenz und allererste Bedingung. Dazu kam das Programm der Betreuung. Im Wesentlichen beschränkte es sich auf drei Elemente: die Suppe, die Waschung und die Arbeit, die — natürlich freiwillig — am Strand stattfand oder an den Krippen-Tischen der Klausnerterrasse, vor allem an den Vormittagen.

Mit der Waschung konnte Ed zunächst nicht mehr als eine dunkle Erinnerung verbinden, ein Brennen in den Augen und ein Römer, der nachts über den Hof gegeistert war. Bei der Arbeit handelte es sich in der Regel um die Herstellung von Schmuck, der sich unter den Urlaubern verblüffend leicht verkaufte. Im Kern ging es um Ohrringe (zwanzig Mark das Paar), ihr Ausgangsmaterial waren die Ringe toter Zugvögel, aufgelesen im Vogelschutzgebiet.»Manchmal findet man einen wirklich alten Vogel. Ich meine Kadaver, die noch die alten Ringe tragen, Helgolandringe, oder Ringe von Radolfzell oder Rossittener Ringe, unglaublich wertvolle Stücke …«Eine weitaus größere Zahl von Ringen aber bezog Kruso direkt aus der Beringungszentrale der Insel, die Ed auf einem ihrer Streifzüge kennengelernt hatte. Die Beringer dort begrüßten sie wie alte Handelspartner. Von ihnen bezog Kruso nicht nur den rostfreien Grundstoff für seine geheime Manufaktur, er entlieh auch seltene Werkzeuge, feine, auf irgendeine Weise besondere Zangen, die an das Instrumentarium eines Zahnarzts erinnerten. Und als ginge es eigentlich darum bei ihrem Besuch, ließ er sich die Vogelarbeit ausführlich erklären, bis hin zur Anfertigung der sogenannten Beringungsberichte. Lange diskutierte er mit den Beringern über Vogelarten, von denen Ed nicht einmal den Namen kannte.»Hunderttausend Ringe im Jahr, einfach unvorstellbar«, rief er dabei zu Ed, dem übel wurde vom hundertfachen Flügelschlagen in den Käfigen ringsum.»Zu viele Ringe, deshalb forschen sie nicht mehr«, erklärte Kruso beim Verlassen der Vogelzentrale.»Hormone, die den Wandertrieb auslösen — das war einmal ihr Thema gewesen, kannst du dir das vorstellen, Ed? Nur eine Sekunde? Darüber müssten wir wirklich etwas wissen. Stattdessen schreiben sie heute Berichte. Zu jedem Vogel einen Bericht!«Einer anderen Quelle entstammte der Draht, der durchs Ohr gezogen werden musste,»Dentaldraht«, flüsterte Kruso, in einem Ton, als spräche er vom Goldschatz Hiddensees.