Der Gewinn dieser kleinen, aber einträglichen Manufaktur floss ausschließlich in die» Kasse der Esskaas «und diente vor allem der Finanzierung von Getränken an den Abenden der Vergabe; die Kasse unterstand der Obhut Krusos. Die regelmäßig stattfindende Verteilung der Pilger auf die Notquartiere, unbestreitbarer Höhe- und Knotenpunkt der Organisation, glich einem Fest, zu dem es an nichts fehlen sollte. Die Vorstellung, dass er ausgerechnet an einem dieser feierlichen Abende Trakl vorgetragen hatte, peinigte Ed. Er hatte sich der Organisation entzogen. Sicher, er arbeitete gut, er bewältigte das tägliche Inferno aus Töpfen und Geschirr, erfüllte jedoch weder die ausgesprochene noch die unausgesprochene Voraussetzung für ein vollwertiges Mitglied des Klausners.
Trotzdem hatte Kruso ihn erwählt.
Die Unterbringung aller Schiffbrüchigen war ohne Zweifel eine schwierige, im Grunde unlösbare Aufgabe. Kruso, der als Quartiermeister auftrat, unterteilte in feste Quartiere und Freiluftquartiere, das waren spezielle, sogenannte» eingeweihte Plätze «zu Füßen der Moränen. An erster Stelle aber standen die Zimmer der Esskaas — eine nicht unbeträchtliche Zahl von Schlafgelegenheiten, über die gesamte Insel verstreut. Das übrige System der Notunterkünfte und ihr weitverzweigter Verteiler war von einer Vielgestalt, die Ed immer wieder erstaunte. Es war Ausdruck seines strategischen Talents, einer bis ins Militärische hineinreichenden Veranlagung, die es Kruso erlaubte, seine Verstecke als ein System von Stützpunkten anzusehen und davon ausgehend seine Logistik zu entwickeln. Während ihrer Streifzüge wurde Ed von Kruso eingeweiht in die schwarzen Quartiere und ihre Details:
– Die Schafställe der ehemaligen LPG» Völkerfreundschaft«, zuletzt VEG Ummanz, zu Füßen des Dornbuschs; Kapazität 10–12 Schiffbrüchige.
– Der Eselstall des Regisseurs Walter Felsenstein, unterhalb seiner Villa, ein kleines, aber äußerst stabiles Gebäude mit Überboden und Schlafgelegenheit für drei Personen, oberhalb des Esels.
– Der Turm (Krusos Jugendzimmer auf dem Gelände des Strahleninstituts); Kapazität 5–7 Schiffbrüchige.
– Die Kutter der Fischer Schluck, Schlieker, Kollwitz, Krüger, Gau und Augstein, die Frachtschiffe Johanna und Hoffnung in den Häfen von Kloster und Vitte; Kapazität insgesamt 10–15 Schiffbrüchige.
– Die große Bretterscheune der Familie Weidner in Grieben, die geteilt war in verschiedene Koben, für Fahrräder, Karren und einen unbenutzten Pferdewagen, der als Pritsche dienen konnte; Kapazität bis zu 8 Schiffbrüchige.
– Die geheime Ziegelbaracke hinter dem ehemaligen Gutshof, oberhalb des Schwedenufers, umschlossen von einem restlos verkommenen Waldstück voller Müll; ein schmaler Anstieg hinter dem Hafen führte über Treppen dort hinauf, man musste diesen Weg verlassen und ein Stück durchs dichte Unterholz. Zuerst stieß man auf das rostige Skelett einer ehemals riesigen Dresch- oder holzverarbeitenden Maschine, dann, linker Hand, die Unterkunft; diese Steinbaracke galt als Zentrale der Esskaas, sie diene, wie Kruso sich ausdrückte, diversen Zwecken, über die er nicht mehr als ein paar Andeutungen fallen ließ; Kapazität 10 Schiffbrüchige, zur Not auch mehr.
– Das Bett des Dichters Gerhart Hauptmann; man kletterte an der Rückseite des Grundstücks über den Zaun in den Garten und lief geduckt den kleinen Abhang hinunter bis zum Haus, wo ein bestimmtes Fenster immer nur angelehnt war. Dafür sorgte der Esskaa, der im Museum die Aufsicht führte, verantwortlich auch dafür, das Bett des Schriftstellers in seinen musealen, besichtigungsfähigen Zustand zurückzuversetzen; Kapazität 2 (schmale) Schiffbrüchige.
– Das winzige Ziegelhäuschen am Weg hinter dem Hauptmannhaus; es gehörte zur Biologischen Station und war so winzig, dass man die Nacht nur stehend verbringen konnte,»gut für zwei Schläfer, aneinandergelehnt«, und» alles halb so wild«, wie Kruso abwiegelte, als er Eds ungläubigen Blick wahrnahm.
– Das Zeltkino im Kinowäldchen, falls der Filmvorführer nicht schon selbst Schwarzschläfer unterbrachte.
– Der Geräteschuppen am Sportplatz von Vitte, nur zweihundert Meter vom» Karusel«, dem ehemaligen Rundhaus Asta Nielsens, entfernt. Kapazität 4 Schiffbrüchige.
– Die Steinhöhle am Weg zwischen Kloster und Vitte, ein harter, unwegsamer, aber äußerst sicherer Unterschlupf, tief zwischen den zu Bergen aufgetürmten Blöcken aus Granit hinter der sogenannten Promenade, einer mit Steinen befestigten und mit Teer übergossenen Düne. Kapazität 3 Schiffbrüchige.
– Die Holzhütte des Totengräbers, eine unter Schiffbrüchigen beliebte Unterkunft. Auf die Tür war ein Schild genagelt mit der Aufschrift» Amtszimmer«. Neben der Tür stand eine umgestürzte Schubkarre ohne Rad und ein Hackstock, in einer Kiste lag Maurerwerkzeug, eine frisch geölte Kelle, ein Bello, ein Spitz- und ein Flachmeißel,»… das alte Gerät / Der Väter. / Dieses erschüttert die Brust des Fremdlings …«, hatte es plötzlich getönt aus Eds Beständen. Bis an den Granitfels Gerhart Hauptmanns heran zogen sich die schmalen Gräber mit den verwitterten, windschiefen Steinen. An ihnen war das Gras vom letzten Mähen hängengeblieben, so dass sie nun aussahen wie behaart, wie eine kleine Herde kranker Tiere. Im Vorübergehen berührte Kruso einen der behaarten Steine. Erst später, als Ed noch einmal zurückkehrte zum Friedhof, gelang es ihm, die halbe Inschrift zu entziffern:»… seit Anno 1800 STATTHALTER DIESER INSEL ruht hier und lebt in seelgen Sphären. «Der Totengräber von Kloster war einer der wenigen Esskaas mit einem Ganzjahresvertrag. Seine Hütte lag am äußersten Rand des Geländes, nicht weit vom Grab des unbekannten Seemanns, das überwuchert war von braunen Koniferen. Dazu ein winziger heller Stein mit Stahlbuchstaben, hinter dem Kruso den Schlüssel für die Hütte versteckt hielt.»Für Schiffbrüchige kann es keine schlechte Sache sein, Ed, wenn sie an diesem Ort wenigstens einmal niederknien, und sei es nur, um den Schlüssel hervorzuziehen. «Kapazität 3–4 Schiffbrüchige.
– Das alte Trafohaus am Wald zwischen Leuchtturm und Klausner; es glich der Station eines Wärters oder Zöllners am Eingang zum Hinterland des Dornbuschs, wo ein von alten Weiden und Schilf umstandener Quellgrund lag, zu dem Ed sich sofort hingezogen fühlte. An der Rückseite des Trafos war Holz gestapelt, darunter lag das Versteck für den Schlüssel, mit dem sich, nach einigem Hin und Her, das wuchtige Vorhängeschloss öffnen ließ. Im Trafo zu schlafen sei viel zu gefährlich, erklärte Kruso, daher fungierte er als eine Art Archiv, Aufbewahrungsort für Zeltplanen, Decken und Schlafsäcke, wie sie für die Übernachtung im Freien dringend nötig waren. Einer der dafür eingeweihten Plätze lag ganz in der Nähe.»Hier zu übernachten ist ein Traum, du solltest es wenigsten einmal versuchen«, raunte Kruso, als wären sie bereits von Finsternis umgeben. Tatsächlich mutete die Lage dieses Schlafplatzes geradezu phantastisch an — einerseits dem Leuchtturm direkt gegenüber, andererseits mit Blick auf den Bodden und die Lichter von Rügen. Wie versteckt lag man in einer Senke, die von der Kaserne her nicht einzusehen war.