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– Die sogenannte Lampenwerkstatt; eine von hohem Schilf umstandene Klinkerbaracke auf dem Gehöft des Leuchtturmwärters, das unter riesigen, immerfort rauschenden Kastanien lag, nah der Steilküste und nur zweihundert Meter unterhalb des Leuchtturms. Zuerst ein Jägerzaun, leicht zu überwinden, dann eine Tür, die sich an den Angeln aushebeln ließ. In der Werkstatt lagerten die Ersatzlampen des Leuchtturmwärters, Glühbirnen so groß wie Kindsköpfe mit fingerstarken Kohlefäden und daneben eine Reihe ausrangierter Reflektoren,»in denen man sich als Schiffbrüchiger lieber nicht spiegeln sollte«, es sei denn,»die Insel wäre bereits tief genug eingedrungen …«»Urlaub vom Unglück«, flüsterte Ed vor sich hin, aber Kruso hatte ihn verstanden.»Nein, kein Urlaub. «Sein rechtes Augenlid begann zu zucken, seine Stimme wurde hart.»Das ist Hiddensee, Ed, verstehst du, hidden — versteckt? Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, wo sie zu sich kommen, wo man zurückkehrt in sich selbst, das heißt zur Natur, zur Stimme des Herzens, wie Rousseau es sagt. Niemand muss fliehen, niemand ertrinken. Die Insel ist die Erfahrung. Eine Erfahrung, die es ihnen erlaubt, zurückzukehren, als Erleuchtete. Eine Erfahrung, die es ermöglicht, das Leben weiterzuleben, bis zu dem Tag, an dem Quantität in Qualität umschlägt, an dem das Maß der Freiheit in den Herzen die Unfreiheit der Verhältnisse mit einem Schlag übersteigt, jenem Moment … Ein großes Pochen wird das sein, ein einziger donnernder Herzschlag. «Kruso legte seine Hand auf eine der großen NARVA-Lampen. Kein Wunder, wenn sie zu leuchten beginnt, dachte Ed; Kapazität 4 Schiffbrüchige.

Als Ed am folgenden Tag in sein Zimmer zurückkam, lag unter jedem Bein seines Tisches ein blanker, frischer Ziegelstein. Die Höhe war gut, das Holz kühlte seine Unterarme. Er nahm seinen Hermes-Kalender und schrieb.

Die Route der Ruhetage

«Das musst du nicht tun«, hatte die Stimme geflüstert,»nur, wenn du willst. «Erst im Innehalten empfand Ed die geschmeidige Bewegung, die ihn bis dahin so gut umhüllt hatte wie sein eigener Schlaf. Die erste Sonne fiel ins Zimmer, die flüchtigen Schatten der auf und ab stürzenden Schwalben an der Wand, auf dem Bett, überall.

«Ich bin C.«

Ed lauschte.

Er spürte Haut, die hervorstehenden Knochen eines Schulterblatts, ein Mund, nicht weit von seinem Ohr. Er roch das Fremde, es roch gut, und er umklammerte es.

Das musst du nicht tun.

Während Ed, einem imaginären und nicht von ihm selbst verfassten Ablauf folgend, erneut in sie eindrang, wurde ihm klar, dass er es diesmal nicht träumte.

Ed hörte Kiefernrauschen, Brandung, weit unten, unter ihnen. Im letzten Fortsatz seiner Wirbelsäule vibrierte die Begierde.

«Aber wenn, ich meine, falls du geschlafen hast, dann …«

«Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.«

Das war seine Stimme, zweifellos. Seine Stimme, sein Herz, das raste, sein Atem, sein Schweiß. Das Mädchen lag an seiner Seite, ihr Kopf vor seiner Brust, das Gesicht unsichtbar. Sie hatte einen Leberfleck, oben, direkt auf der Muschel ihres Ohrs, wie ein Krümel.

«Hast du mich nicht bemerkt, an Krusos Tisch?«, flüsterte sie, mit jener Ehrfurcht, die unter den Schiffbrüchigen üblich war, wenn sie Krusos Namen gebrauchten.

«Krusos Tisch?«

«Du musst dich nicht verstellen. Ich bin wirklich sehr froh, ausgewählt worden zu sein.«

«Ausgewählt?«

«Es gibt Leute, die sich schon auf dem Dampfer erkundigen danach, alle reden darüber. «Sie versicherte ihm, dass sie das für unvorsichtig halte. Dabei bewegte sie sich ein wenig, und Ed spürte ihren Beckenknochen am Oberschenkel.

Aber ich bin Loschs Freund, wollte Ed einwenden; er hatte es noch nie gesagt. Langsam drehte er sich etwas zur Seite, und jetzt erkannte er sie. Sie war das Mädchen, das an ihrem Tisch geschlafen hatte, den Kopf auf den Armen, kurzes, strähniges Haar. Unglaublich, dass sie schlief im Trubel der Vergabe. Nur deshalb hatte Ed einige Male zu ihr hingeschaut.

«Ich glaube nicht, dass wir am selben Tisch gesessen haben.«

«Tut mir leid, ich war einfach eingeschlafen. Eine Nacht am Strand, eine im Wald, ich war wohl vollkommen am Ende.«

«Wenn du geschlafen hast, wie kommt es dann …«Ed verstummte. Sein Geschlecht auf ihrem warmen Bauch. Er wollte für immer so bleiben. Sein Leben lang. Das Mädchen lächelte ihn an, und Ed sah, dass sie froh war, untergekommen zu sein.

Das musst du nicht tun.

Nur dieser eine, vollständige und in Wirklichkeit gesprochene Satz. Ein Angebot. Fair und freundschaftlich.

In der Regel wurde Krusos Route über die Insel von den Ruhetagen der Gastwirtschaften bestimmt. Er traf Kellner, Hausmeister und Tresenleute, mit denen er dann in einer Ecke des leeren Schankraums hockte, oft auch in der Küche, während Ed vorn an der Bar auf ihn wartete und die Stille genoss. Er musste nie etwas bezahlen bei diesen Gelegenheiten und wurde, trotz Schließtag, ohne weiteres bedient. Einige der Esskaas kannte Ed bereits von den Abenden der Vergabe, an denen er zuletzt wieder teilgenommen hatte, aber nur um Kruso zu unterstützen. Er half im Ausschank und in der Verteilung des Proviants, und er sah nach der ewigen Suppe, die ab und zu umgerührt werden musste. Im Laufe des Abends konnte jeder der Schiffbrüchigen mit einem gut gefüllten Teller rechnen.

Als gäbe es ein freundliches Tabu wurde sein Trakl-Debakel niemals erwähnt, obwohl die Esskaas nicht selten versuchten, ein Gespräch anzuknüpfen. Insgeheim bewunderte Ed ihre Lebensfestigkeit, ihr aufgeräumtes Gemüt und ihre offenen Gesichter. Sie atmen anders, dachte Ed, sie holen länger Luft, und sie atmen länger aus, als hätte das Meer ihre Lungen geweitet und ihr Denken befreit. Jede ihrer Bewegungen vermittelte den Eindruck, mit etwas Wesentlichem beschäftigt zu sein; ihr Leben selbst war wesentlich, unabhängig, voller eigener Interessen, und obwohl Ed mehr als einmal den Wunsch verspürt hatte, Teil dieser Sphäre zu werden, blieben ihm die vom Widerschein des Meeres und der ganzen Inselhelligkeit leuchtenden Augen so fremd und fern, dass es ihm nie wirklich gelang, den Faden eines Gesprächs aufzunehmen. Ein gewisses Hindernis war auch, dass niemand fragte, wo einer herkam und was er früher getan hatte, auf dem Festland. Wenn Ed erzählte, dass er (eigentlich) Student sei, erlosch das Meeresleuchten in den Augen. Als ob man schon immer Kellner oder Abwäscher gewesen war und auch nichts anderes gewollt hatte im Leben. Kaum einer, der über den Grund seines Hierseins sprach; vielleicht war das keine Regel, nur einfach nicht interessant genug.

Am liebsten saß Ed auf der Veranda des Hafenhotels. In der hintersten Ecke dieses Vorbaus, der lediglich aus ein paar klapprigen Fensterrahmen zusammengesetzt schien, stand ein großes heruntergekommenes Ledersofa, wie übriggeblieben aus einer lange vergangenen Zeit. Selbst beinah unsichtbar, hatte er von dort einen guten Blick auf das Hafengelände, die einfahrenden Dampfer, die Urlauberströme und den verrückten Jungen, der auf und ab lief am Kai und lauthals herumkommandierte, als wüsste er genau, worum es ging in dieser Saison.

Es gab nichts Besseres, als dort zu sitzen, allein, und über die leeren sauberen Tische nach draußen zu träumen. Es gab nichts Schöneres, als sich zurückzulehnen, den Arm über die Lehne des Sofas zu strecken und mit der geöffneten, vom Abwasch rissigen Hand über das kühle glatte Leder zu streichen. Nichts war angenehmer, als ein Glas ganz langsam an den Mund zu führen, hineinzuatmen, den eigenen Atem im Gesicht zu spüren.