Er stellte sich vor, wie sie irgendwann in seinem Zimmer gestanden haben musste. Wie sie sich lautlos entkleidet und einen Moment gezögert hatte, frierend vielleicht. Ihr schlanker Körper, die Unsicherheit, das Tasten. Das Fenster offen, wie immer. Vom Meer kein Licht, nur das Auf und Ab im Rauschen, das einen Vorschlag unterbreitete, einen geheimen Plan für alle kommenden Nächte.
Sogar Eds Leibgericht (Bratkartoffeln mit Spiegelei) galt inzwischen als bekannt unter den Esskaas. Im Fahrwasser Krusos hatte er es zu einem gewissen Inselruhm gebracht — Edgar Bendler, der Gefährte Krusos. Es machte ihm nichts aus, dass Losch ihn nicht an seiner Seite beließ bei den Gesprächen, den Vorbereitungen zum Tag der Insel zum Beispiel, der für den ersten August geplant war und Sorgen zu bereiten schien. Die Freundlichkeit, mit der Ed bedient wurde, war gezeichnet von dieser sanften Degradierung, Ed spürte das. Man betrachtete ihn als ein Werkzeug Krusos (immerhin, Respekt dafür), aber doch auf eine Weise lächerlich in seiner Anhänglichkeit und schwächlich in seiner gesamten Erscheinung — Ed, die Zwiebel, der Schweiger, der stumm in seiner Ecke hockte, zu keinem vernünftigen Gespräch in der Lage war und unverwandt zum Fenster hinausstarrte, als geschähe dort etwas anderes als das stupide Hin und Her der Tagestouristen, von denen Hunderte die Klinke zum Gastraum niederdrückten, mehr oder weniger fest und fassungslos über ihr Unglück, gerade an einem Ruhetag des Hafenrestaurants auf der Insel gelandet zu sein — nein, Ed kam das, was er bei sich Krusos Vorsicht nannte, entgegen. Wenn es denn Vorsicht war und nicht einfach Güte und der Versuch, einen Freund, durch dessen Schädel Verse marschierten wie im Krieg, aus all dem herauszuhalten, was zum täglichen Geschäft eines STATTHALTERS DIESER INSEL gehörte, kurz gesagt, ihn aufzusparen, für anderes, das Eigentliche …
Es geschah, dass Ed sich solchen Phantasien hingab. Bin ich nicht wie das Kind in seinem Versteck, dachte Ed, eingeschlossen und ganz leise, aber mit jedem Herunterdrücken der Klinke schlägt das Herz etwas höher, mit jedem Herunterdrücken kommt das Kind sich verbotener vor.
Aus der Küche kamen Stimmen, dann das Geräusch eines metallenen Gegenstands, der über den Steinboden schlitterte. Ed lauschte, wie er immer lauschte, unbewusst, absichtslos und nicht bereit, seine Abwesenheitskapsel aufzugeben. Noch einmal stand ihm C.s Gesicht vor Augen, die schmalen, hochgezogenen Brauen, die hellglänzende Stirn und ihr aufmerksamer, neugieriger Blick, als sie Ed in den Mund genommen und dabei nicht aufgehört hatte, ihn anzusehen.
Kruso!
Kruso brüllte. Allein bei ihrer Treibjagd am Strand hatte Ed ihn so gehört, derart außer sich. Es krachte, etwas brach sich Bahn, und die Schwenktür zur Küche sprang auf. Jemand wurde gestoßen, stürzte, ging auf die Knie und weinte, schluchzte in sich hinein — es war René, der Eisverkäufer. Hinter ihm standen zwei Esskaas des Hitthim, mit weit ausgebreiteten Armen, als ginge es darum, einem Tier, das zum Schlachtplatz getrieben wurde, den Rückweg in den Stall abzuschneiden. Nach einer Weile hob René das Gesicht, und Ed sah, dass er lachte, dass er sich kaum halten konnte vor Lachen.
«Alles wegen dieser Schlampe, der ganze …«
Einer der Esskaas trat René in den Rücken, und er verschluckte das Wort. Es war kein allzu kräftiger Tritt gewesen, aber Ed fuhr zusammen, wodurch René auf ihn aufmerksam wurde. Er kehrte um, fletschte die Zähne und tappte wie ein Hund auf ihn zu. Ed erstarrte. Langsam zog er die Hand, mit der er soeben noch versucht hatte, seine Begierde zu ertasten, vom Leder des Sofas zurück.
«Das Hündchen, das Hündchen ist auch da!«
René begann, ein Geräusch zu machen, und es dauerte ein paar Sekunden, bis Ed begriffen hatte, dass es ein Kläffen war. Dann schnellte er plötzlich in die Höhe und flüchtete nach draußen.»Das Hündchen, das Hündchen …«Noch einmal hörte Ed das Gekläff, dann verschloss der Tresenmann die Tür, und alle verschwanden wieder.
«Entschuldige Ed. Hast du deine Bratkartoffeln schon gegessen?«Langsam legte Losch seine große warme Hand auf Eds Kopf, als wollte er ihn streicheln, aber es war nur die Geste, die zu seiner Frage gehörte, und augenblicklich hatte Ed vergessen, wofür sein Freund sich bei ihm entschuldigte.
Zuerst hatte sich Kruso zwischen die Beete gekniet und seine Hand (vorsichtig) auf einen der Maulwurfshügel gelegt. Dann begann seine Unterweisung. Ed hockte neben ihm und spürte ein leises Ziehen in den Lenden. Er sah, wie Kruso ein paar Mal über die Erde hinstrich, erst zärtlich, wie bei einer Brust, die man wie abwesend berührt, ohne Denken, nur der unvorstellbaren Glätte und Weichheit wegen, dann noch sanfter, wie beim letzten Glätten einer mühevoll errichteten Sandburg aus Kindertagen, dann aber fast ansatzlos eindrang und mit Kraft hineinbohrte in den Haufen.
«Die Löcher, es geht um die Löcher. Zuerst legst du die Löcher frei. Dann setzt du die Flaschen ein, die Hälse auf Nordwest.«
Erst jetzt bemerkte Ed, dass die Sonne orange wie ein fremder Mond am Himmel stand, obwohl es kaum Abend war. Die kleine Narbe über seinem Auge summte, er hörte die Hufschläge seines Bärenpferds von sehr weit her, den aufjaulenden Diesel eines Patrouillenbootes draußen auf dem Meer, und er konnte einzelne Sätze verstehen, die an den Tischen hinter den Mauern der reetgedeckten Häuser gesprochen wurden. Als wäre er zum ersten Mal Teil dieser Welt. Die Dinge ringsum leuchteten in ihren irrsinnigen Farben, und irgendwann, übertölpelt von Schönheit, legte Ed das Ohr auf die Erde und hörte den Ton …
Alles hatte sich verändert über Nacht.
Vom Hitthim her hatten sie die leeren Flaschen in großen stockfleckigen Jägerrucksäcken herangeschleppt. Ihr Geruch erinnerte Ed an frühere Manövertage, an den mit altem Schweiß verklebten Gummi seiner Gasmaske, wenn er vergessen hatte, sie nach der Übung zum Trocknen auszulegen.
Jeder Schritt war ein feines Klirren gewesen. Rucksack an Rucksack, in dieser Zwillingsgestalt fühlte Ed ein gewisses Recht, das Grüßen der Einheimischen am Weg auch auf sich selbst zu beziehen, und manchmal nickte er zurück, obwohl er schon wusste, dass er nicht wirklich gemeint war — noch nicht, dachte Ed, und für einen Moment spürte er den Funkenflug einer unfassbaren Brüderlichkeit.
Eds Euphorie übertrug sich auf sein Beisammensein mit Kruso, weshalb es ihm erlaubt schien, seinem Freund zunächst nichts von C. zu erzählen. Auch, um seine sensible Position bei den Vergaben nicht zu gefährden. Und insgeheim konnte er hoffen, dass der Fehler in der Verteilung der Schiffbrüchigen (worum sonst sollte es sich handeln) noch ein, zwei weitere Nächte unentdeckt bleiben würde, oder wenigstens noch eine — eine einzige Nacht, dachte Ed. O, köstlicher Schiffbruch!
Ja, er war stolz auf Kruso, und er fürchtete ihn zugleich, und es war so, dass beides zusammengehörte. Krusos Unbedingtheit machte ihm Angst, sein Widerstandsphantasma, die» Organisation«— eine Verrücktheit ohnegleichen, dazu seine Düsternis, seine fanatische Entschlossenheit. Aber viel schwerer wog die Offenheit, mit der Losch ihn angenommen hatte, seine lodernde Ehrlichkeit und der Respekt, den er Ed entgegenbrachte, gerade dort, wo seine größte Schwäche, sein eigener Irrsinn wurzelte — mein eigenes Unglück, flog es Ed durch den Kopf, und fast machte ihn dieser Gedanke froh. Genau in jenem Moment, in dem es für alle offen zu Tage getreten war, hatte Losch zu ihm gestanden, auf eine leise, fast zärtliche Art. Ed hatte keine Ahnung, wer Kruso war, aber manchmal schien er ihm so vertraut wie seine eigene Seele.
Im Wieseneck stand ein dritter Rucksack für sie bereit, den Losch sich ohne weiteres vor den Bauch hob. Und vor der Inselbar glänzte ein zweirädriger Blechkarren in der Sonne, mit Flaschen gefüllt. Es war ausschließlich» Blauer Würger«, jene Marke, mit der Ed im Turm, vor der» Karte der Wahrheit«, Bekanntschaft geschlossen hatte. Das Fenster zum Gastraum lag nur knietief über dem Boden, man blickte direkt hinter den Tresen. Kruso trat heran, und ein Mann beugte sich heraus. Wange an Wange, so standen sie für eine Weile, dann ergriff der Mann Krusos Hand und drückte sie an seine Brust. Ed beeilte sich, die Deichsel des Karrens zu ergreifen; er schob das Gefährt durch ein Loch im Sandweg, die Ladung klirrte — ein Aufschrei.