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Kruso kam am Abend. Im Stillen formulierte Ed die Frage, so neutral wie möglich. Die Begierde verdrehte ihm die Worte im Kopf, statt Zufall Zufick, es war schäbig.

«Ich glaube, ich habe … mich nie richtig bedankt dafür. «Er hielt das Foto in der Hand.

Stumm schüttelte Kruso den Kopf. Er schenkte Wein aus, er hatte» Lindenblatt «mitgebracht und Gläser, die Flasche schon halb leer. Ed dachte daran, das neue Gedicht zu übergeben, aber es war noch nicht ins Reine geschrieben.

«Warum sprichst du nie von deiner Schwester, Losch?«

«Warum ich?«

Die Antwort war seltsam genug.

Nach einer kleinen Weile stemmte sich Kruso in die Höhe und ging.

«Losch …«

Auf seine militärische Art machte Kruso kehrt an der Tür und trat einen Schritt zurück in das halbdunkle Zimmer. Für einen Augenblick stand er einfach nur da, ein paar eng gefaltete Blätter in der Hand. Ed erkannte das karierte Papier.

Drei Strophen, dann hatte Ed es begriffen: Das war nicht Trakl, das war Kruso. Krusos Ton, der aus Trakl etwas Eigenes machte, eigene Worte, eigene Gedanken, eine ungeheuerliche Transformation.

Über» Sonjas weiße Brauen «kam sein Freund nicht hinaus. Das Blatt in seinen Händen hatte zu zittern begonnen und noch vor dem» Schnee, der ihre Wangen feuchtet «brach er in Tränen aus, ungehemmt. Er weinte, er heulte wie ein Tier.

«Losch!«

Kruso stand immer noch aufrecht, heftig schüttelte er den Kopf, ein Zopfgummi löste sich, und sein langes Haar fiel ihm ins Gesicht. Mitten in Eds Zimmer stand der große Kruso, der arme Kruso, und rang nach Luft. Mit nichts als Stimme hatte sein Gefährte jene Auswendigwelt, die Eds Schädel besetzt hielt wie ein Tinnitus, in bodenlose Traurigkeit verwandelt, hartgebrannte Bestände in ureigene, abgrundtiefe Trauer.

«Danke, danke jedenfalls dafür. «Er hielt das Blatt vor sich hin.

Ed versuchte, einen Arm um ihn zu legen, aber der Mann war so groß und unfassbar, dass er abließ und wie ein hilfloser Knabe vor ihm stehen blieb.

«Wir haben nicht immer hier gelebt«, hob Kruso an. Er beruhigte sich langsam, sprach aber so leise, dass Ed sich vorbeugen musste, um der Stimme etwas näher zu sein, die alles bedeuten konnte.

«Als wir an diesen Ort gebracht wurden, war ich sechs Jahre alt. Meine Schwester war zehn. Eine Schwester meiner Mutter hatte einen deutschen Physiker geheiratet, einen wichtigen Mann. Sie hatten sich in Moskau kennengelernt, noch während des Krieges, du hast sein Institut gesehen, das Institut für Strahlungsquellen …«

Kruso löste sich aus seiner Starre, und gemeinsam setzten sie sich auf Eds Bett.»Als mein Vater uns dort abgab, wussten wir noch nicht, dass das für immer sein sollte, ich meine, dass es auf eine Stiefeltern-Geschichte hinauslaufen würde … Rommstedt, mein Onkel, hat alles und alle durchleuchtet in seinem Institut, auch mich und meine Schwester, uns am liebsten, glaube ich. Wir waren einfach schön klein und passten gut zwischen seine Apparaturen. Wenn er mit uns forschen konnte, war er sehr glücklich, fast zärtlich. Er strich uns dauernd über den Kopf, aber nur, damit wir ruhighielten. Ich hatte immer das Gefühl, er löscht mit seiner Hand meine Gedanken.

Die Zeit vor Hiddensee liegt weit entfernt, wie ein vergessener Kontinent in einem anderen, früheren Jahrhundert, in dem ich zufällig schon einmal auf der Welt war, in einer vollkommen anderen Welt. Oft saß ich vor dem Kamin. Zuerst sehe ich immer diesen Kamin, im Arbeitszimmer meines Vaters, wo ein Kamelfell lag, das war mein Lieblingsplatz. Auf diesem Kamel bin ich geritten, damals am Aralsee, hat mein Vater öfter zu seinen Gästen gesagt, die dann zu mir hinsahen und mir zunickten, und also bin auch ich geritten. Ich war ein großer Tataren-General, so groß wie er, auf einem Kamel, in der Steppe. Dauernd kamen Leute ins Büro, die Deutsch gesprochen haben, manche warfen mir mitten im Satz einen misstrauischen Blick zu, als könnte ich ihre kruden, unbegreiflichen Geheimnisse verraten. Ich ritt und starrte in den Kamin, denn dort waren das Land und die Weite; ich war fünf Jahre alt, und die ganze Steppe lag vor mir, verstehst du, Ed?«Er hielt das Blatt mit dem Trakl-Gedicht vor sich hin, als wäre dort seine Geschichte aufgeschrieben.

«Der Kamin war hellblau überstrichen — das war die Steppe. Innen war er schwarz, das war die Nacht, durch die wir uns hindurchkämpfen mussten, ich und meine Truppen. Andauernd Finsternis und dauernd feindliches Feuer. Woran ich mich genau erinnere: Am Sims war ein Stück Hellblau abgeschlagen, und die Bruchstelle glitzerte wie Eis, Eis und Schnee, immer war es kalt in der Steppe. Hinter mir auf dem Kamel saß meine Schwester, sie heißt …, also gut, du weißt es bereits, sie heißt Sonja. «Das Gedicht in seinen Händen wollte erneut zu zittern beginnen, aber er spannte das Blatt, und es wurde ganz glatt.

«Während wir durch die Steppe ritten, stürzte mein Vater, der General — ich weiß nicht, ob er damals schon oder überhaupt jemals wirklich diesen Dienstrang hatte, für uns alle war er der General, er trug diese breiten Schulterstücke, du weißt, die russischen Schulterstücke sind fast so breit wie die Schultern — es kam also vor, dass er mitten im Gespräch ans Fenster stürzte und etwas hinausbrüllte auf den Appellplatz, zu den Soldaten. An jedem Tag wurde exerziert, am längsten am Sonntag, und meist missfiel ihm irgendetwas daran. Ich glaube, dass es wirklich schwierig war. Sie mussten Figuren marschieren, nach Linien, die man auf dem Asphalt aufgezeichnet hatte, Kreise und Quadrate, es sah aus wie ein Tanz. Sehen konnte man eigentlich nicht viel davon, weil sie den Schornstein des Heizhauses direkt vor dem Fenster seines Büros aufgemauert hatten, mit Absicht vielleicht. Aber er spürte es. Zweihundert Stiefel, im Takt. Das ganze Haus vibrierte, das Parkett, auf dem ich saß, vibrierte. Wenn etwas nicht stimmte, habe ich es zuerst an ihm gesehen, an seinem Gesicht, wie es sich langsam verspannte. Einen Moment hat er es ausgehalten, aber dann war Schluss. Eigentlich habe ich ihn sonst nie so gesehen, er ist kein Choleriker, vielleicht war es für ihn nur so, als ob jemand falsch spielt auf der Geige, mitten in einer großen Sinfonie.

Das Geräusch der Stiefel jedenfalls — es war immer da, wie Meeresrauschen. Und die Gesänge. Die Soldaten der Wachmannschaft hatten ihr Quartier auf der anderen Seite des Platzes, praktisch direkt hinter unserem Haus. Das ganze Viertel war von kleinen hölzernen Wachtürmen und einer Mauer umgeben, mit Stacheldraht überspannt, kreuz und quer; es hieß das Russenstädtchen Nr. 7. Als Kind habe ich oft über diese Zahl nachgedacht und mir die sechs anderen Russenstädtchen vorgestellt. Sie waren ganz genau wie unseres, mit großen Villen, Exerzierplatz, Schießplatz, Wohnhäusern, Kartoffellager, Kohlenlager, Gefängnis und Spielplatz, und mit einem Jungen wie mir auf einem Kamel vor dem Kamin, sieben tapfere Kamin-Budjonnys in sieben deutschen Russenstädtchen, das war schon fast eine Armee, und natürlich war ich ihr Anführer …«Als betrachte er eine Zeichnung, sah Kruso auf das Gedicht. Nach einer Weile legte er es beiseite.

«Es hieß, in unserem Haus hätte früher ein preußischer Prinz gelebt, ich glaube, nur deshalb hatte mein Vater genau dieses gewollt für seine Kommandantur. Er war nicht der oberste Kommandant, aber der Stellvertreter, man nannte ihn den Zampolit, ich weiß bis heute nicht, was das bedeutet. Manchmal sprach er von Prinz Oskar, schon der Name klang ausgedacht, aber er, der große Zampolit, konnte ernsthaft behaupten, er hätte diesen Oskar gern einmal getroffen,»den letzten Mohikaner unter den Hohenzollern«, wie er öfter ausrief, was mir schon als Kind ziemlich eigenartig vorkam, vielleicht auch, weil ich diese Worte nicht verstand. Immerhin hatte er einiges Wissen in Geschichte und erwähnte auch andere Namen, die in unserem Städtchen Nr. 7 gelebt hatten, Hindenburg, Oppen und Oskar waren immer darunter. Ich glaube, er hätte Oskar gern gezeigt, dass aus seinem Obstgarten ein schöner großer Appellplatz geworden war, oder wie schön hellblau und russischgrün sie jetzt alles übertüncht hatten, oder dass auf seinen persönlichen Befehl eine Sauna eingebaut worden war, in Oskars Keller, oder auch unseren Schweinestall — damals besaßen wir noch unser eigenes Schwein, es lebte in einem Verschlag auf dem Balkon … Ich glaube, am Ende hing alles nur damit zusammen, dass mein Vater die Deutschen nicht wirklich hasste; er konnte sie verstehen, ich meine verstehen.