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Da meine Eltern beide deutschsprachig waren, ich glaube, die Einzigen weit und breit in der Roten Armee, kümmerten sie sich oft um die Verhandlungen mit den Behörden, wahrscheinlich bestand darin die eigentliche Aufgabe des Generals. Ich denke, das waren wirklich Geheimdienstleute in seinem Büro, die nach sechs oder acht Jahren Russisch in der Schule keinen einzigen vernünftigen Satz bilden konnten. Meinen Vater hat das aufgebracht, obwohl er gern glänzte mit seinem Deutsch. Seine Mutter war Wolgadeutsche, wie meine Mutter, sein Vater Russe. Wenn es Probleme gab, wenn etwas schwierig wurde, kamen sie zu ihm. Er musste vermitteln, erklären, sich auch entschuldigen. Im Namen des Kommandeurs oder im Namen der Armee oder gleich im Namen aller Sowjetrepubliken, je nach Schwere des Ganzen. Dauernd passierte etwas, ein Toter im Wald, ein Deserteur, oder jemand war versehentlich erschossen worden, totgeschlagen, vergewaltigt, ausgeraubt oder überrollt von einem Panzer, dauernd ging es um diese Dinge — sicher, das konnte ich kaum begreifen als Kind, aber alles, was dort gesprochen wurde, im Büro des Generals, habe ich sofort in meinen Kamin eingebaut, in die Weite der Steppe, und mir von daher später einiges wieder hervorgeholt und zusammengereimt. Im Kamin ist noch alles vorhanden, Ed, die ganze Geschichte, Kamin der Wahrheit, wie du es vielleicht nennen würdest.

Manche versuchten den Bruderkuss zu umgehen, aber mein Vater ließ das nicht zu. Ich sah, wie er seine Lippen auf ihre Wangen presste, und irgendwie hatten sie damit schon verloren. All den Mut, den sie zusammengekratzt hatten, um Russenstädtchen Nr. 7 zu betreten, saugte er ihnen im Nu wieder aus. Am Ende blieb die Strafverfolgung innerhalb der Armee. War der Besuch verschwunden, konnte alles sehr schnell gehen. Saß der Schuldige bei uns im Städtchen, ließ ihn mein Vater sofort holen. Draußen das Meer aus marschierenden Stiefeln und mein Vater drinnen, der sagt ›Drei Jahre Sachalin‹ oder ›Zehn Jahre Omsk‹. Ich hab das nie gesehen, die Strafen wurden in Oskars Gartensaal ausgesprochen, das war das Zimmer nebenan. Aber so ähnlich wird es gewesen sein.«

In einem Zug leerte Kruso sein Glas.

«Ein Ritt durch die Steppe, mit allen Problemen, nur ein wirklicher General konnte das überstehen. Ein General wie dieser, der sich mein Vater nannte und sich wahrscheinlich noch heute so nennt, obwohl …«Kruso verstummte.»Er konnte ganz ruhig bleiben, nur manchmal … Manchmal hatte ich Angst, nicht eigentlich vor ihm, mehr vor dem schwarzen Schlund, der hinauf in den Schornstein führte. Wenn ich mich etwas nach vorn beugte, konnte ich ihn sehen. Der General brüllte, und ich beugte mich ein wenig in den Kamin und noch ein wenig, bis ich die Zugluft spürte im Gesicht und das schwarze Riesenmaul sich auftat mit seinem sauren Geruch. Manchmal träumte ich von einer Zukunft, in der ich dort thronen würde, vor dem Kamin, mit einem selbstverfassten Buch; vierhundert Seiten voller Befehle, und ich lese sie vor, eher leise und gelassen, wie einen Roman, und der Raum ist voller Budjonnys, voller guter, entschlossener Reiter.«

Kruso stand auf und schüttete den letzten Wein in Eds Glas. Ed fühlte eine reine, warme Dankbarkeit.

«Ich glaube, sein Wolgadeutsch machte meinen Vater einigermaßen unentbehrlich, und so wurden wir nie zurückversetzt, wie es eigentlich bei Offizieren nach drei oder vier Jahren üblich war. Alle gingen, wir blieben. Eine deutsche Anomalie im großen Körper der Roten Armee, irgendwie außerhalb der Nomenklatura. Meine Mutter wäre sehr gern zurückgegangen. Sie sehnte sich nach ihrer Familie und ihrem Zirkus, sie hat sich nie zu Hause gefühlt im Russenstädtchen Nr. 7. «Kruso schluckte, beruhigte sich aber und faltete das Trakl-Gedicht langsam zusammen, als sei dieser Teil der Geschichte endgültig erzählt.

«Meine Eltern haben immer beides mit uns gesprochen, Deutsch und Russisch, manchmal sogar Kasachisch. Irgendwie ging es nach Räumen. In der Küche zum Beispiel wurde Russisch gesprochen, weshalb ich noch heute denke, Koch-Mike müsste Russe sein, aber dann ist dort Viola mit ihrem endlosen Deutschlandsender …«

Er verstummte und schien nachzudenken.

«Es wäre gut, wenn wir Viola bei Gelegenheit den Saft abdrehen könnten. Sie bringt einfach zu viel Unruhe, zu viel Unsinn ins Haus. Das ganze Festlandgeplapper, das nichts, absolut gar nichts mit uns hier oben zu tun hat, mit uns und unserem Leben …«

«Das wäre schade«, entgegnete Ed vorsichtig.»Immerhin ist Violetta, ich meine Viola, die älteste Bewohnerin des Klausners, und sie trägt den Namen einer Frau, die … Ich meine, du weißt, wie in Schuld und Sühne

Zwei Sekunden starrte Kruso in Eds Richtung, als gäbe es ihn nicht. Dann fuhr er fort in seinem Bericht.

«Als mein Vater meine Mutter kennenlernte, war sie Artistin in einem Zirkus in Karaganda, dort gab es viele Russlanddeutsche, ehemalige Wolgadeutsche. Es war ein stationärer Zirkus, mitten in der Stadt, mit einem großen Gebäude, sie hat uns Fotos gezeigt. Ein Foto mit ihr in einem hellen, glitzernden Kostüm, ganz jung sah sie aus, wie ein Kind, ein Zirkuskind. Meine Mutter war sehr beliebt in der Armee. Vor allen Regimentern ist sie aufgetreten, Mascha, Manjetschka, das Maskottchen, die Seiltänzerin, eine Kunst, die jeder Soldat der siegreichen Sowjetarmee wenigstens einmal in seinem Leben gesehen haben musste und so weiter, du weißt, die Russen lieben den Zirkus. Ein paar Sachen hat sie mir beigebracht, winzige Zaubertricks, obwohl ich dafür viel zu klein war und ungeschickt. Sonja hingegen hatte vieles ganz schnell drauf.

Nach meiner Geburt ist meine Mutter sehr krank geworden und eine Weile nicht mehr aufgetreten. Sie wollte nicht mehr auf Tournee, sie wollte überhaupt nicht mehr, so hat es mir Sonja später erzählt. Dann hat sie doch wieder angefangen. Ich bin sicher, dass der General, ich meine, der Mann, der sich vor uns als Vater aufspielte, sie dazu überredet hat. Es war einfach gut für ihn, für sein eigenes Ansehen in der Truppe. Da es nicht in allen Regimentern die hohen Hallen gab, fanden ihre Auftritte öfter im Freien statt, auf Appellplätzen, die mit Sand bedeckt oder mit den schmalen Bettmatratzen der Soldaten ausgelegt waren. Zur Sicherheit haben sie Tarnnetze gespannt, zwischen die Masten der Appellplatzlaternen, die immer brannten, immer und überall. Wie bei Festlichkeiten oder Vorbeimärschen saßen die Offiziere auf der Tribüne, die Soldaten hatte man ringsum antreten lassen, Kompanie für Kompanie …«Krusos Stimme hatte sich verändert; er sprach jetzt von seiner Mama.

«Sie nutzten die Auftritte Mamas, um Auszeichnungen an Offiziere und Soldaten zu vergeben, manchmal auch für Strafen. Der Offizier schlug dem Soldaten mit der flachen Hand ins Gesicht, links, rechts, mehr war es eigentlich nicht. Einmal, ich weiß nicht mehr wo, wurde plötzlich auch Mama nach vorn gerufen. Sie schien ganz überrascht und natürlich auch ängstlich und tippelte mit ihren weißen Ballettschuhen über die Matratzen der Soldaten, die einen ziemlich üblen Geruch verströmten. Sie sah aus wie von einem anderen Stern. Man verlieh ihr das Bestenabzeichen der Sowjetarmee, eine Soldatenauszeichnung. Unser Vatergeneral hat ihr das Abzeichen selbst angesteckt, ich weiß noch, wie schwer es ihm fiel, die Nadel durch das silbern geschuppte Kostüm zu stechen, und dass ich Angst um sie hatte dabei. Jedenfalls schaffte er es irgendwie und hat seine militärische Ehrenbezeigung gemacht, salutiert vor seiner eigenen kleinen Frau im silbernen Turndress, sie dann aber doch noch geküsst, worauf ihm seine Uniformmütze schief auf dem Kopf saß, die ganze Vorstellung lang. Die schiefe Mütze, sein verlegenes Lächeln und die tausend Soldaten ringsum, die Freude in ihren kindlichen Gesichtern, ich glaube, dafür hat sie das alles gemacht …