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Ich saß ja immer ganz vorn, in der ersten Reihe. Vom Kommandeur bekam ich Konfekt, Mischka-Schokolade in blau-weißem Papier. Auf dem Papier war ein kleines Bild, drei Bärenkinder und ihre Bärenmutter. Manchmal gab es auch Eis. Oft wurde mir schlecht vom Knoblauchgestank der Uniformen. Vielleicht war es auch meine Angst. Es war nicht so leicht zu verstehen für mich, warum sie immer wieder dort hinaufsteigen musste, auf dieses Hochseil, warum sie sich dauernd in diese Gefahr begab, vor meinen Augen. Auf keinen Fall durfte ich denken, dass Mama herunterfallen könnte, denn dann würde sie herunterfallen, das war sicher.

Die beste Variante war, zu denken, dass sie nie herunterfallen würde, und zwar ununterbrochen, nur diesen Gedanken, sonst nichts, aber das war sehr anstrengend, und ich schaffte es nie lange genug. Von irgendwoher sickerte immer das Böse herein, der böse, verbotene Gedanke, der vernichtet werden musste mit großen Geschützen und verbündeten Monstern, wofür ich mir eine ganze Armee ausdachte und Waffen, die es gar nicht geben konnte, so groß, aber immer fand das Böse ein Schlupfloch in meinem Kopf.

Die zweitbeste Variante war, sich abzulenken. Das Papier vom Konfekt glattzustreichen, ewig, mit dem Fingernagel. Ich versuchte, einfach nicht mehr so ganz genau auf Mama zu achten, aber das funktionierte nicht. Es klappte nur, wenn ich meinen Kontakt zu ihr praktisch vollständig abbrach, alle Gefühle und mich selbst ganz zurückzog, also nur noch mein Fingernagel und das Mischkapapier und sonst nichts auf der Welt.

Als ich sechs war, stürzte sie ab, einen Tag nach meinem Geburtstag. Ich hörte etwas Dumpfes. Das war der Aufschlag. Ein dumpfer Aufprall, wie von einem Sack. Plötzlich lag sie vor mir auf dem Boden. Ein Bein war so zur Seite gedreht, als gehöre es nicht mehr zu ihr oder als hätte es jemand an ihren Körper so herangeschoben. Eines ihrer Zauberkunststücke. Der Kopf steckte zwischen zwei Matratzen, als wollte sie weg, wegkriechen, verschwinden …

Natürlich habe ich gar nichts begriffen. Es war Zirkus. Und mir blieb auch nichts anderes übrig, als zu lachen; ich lachte. Ich steckte mitten in der zweitbesten Variante, ohne jeden wirklichen Kontakt zu Mama, verstehst du, Ed?«

Wie lange glattgestrichenes Schokoladenpapier verwahrte Kruso das sorgsam gefaltete Blatt mit dem Trakl-Gedicht in seiner Hosentasche, und als befände er sich noch immer in der zweitbesten Variante, schaute er lange einfach zum Fenster hinaus.

«Ein paar Offiziere stürzten auf sie zu und beugten sich über sie. Irgendwann sagte einer zu mir, ich solle aufstehen. Wstan, moj maltschik, er sagte es ganz leise. Meine Hand war nass und in meinem Schoß eine klebrige Pfütze, das geschmolzene Eis. Es war der dritte Juni 1967. Ich war sechs Jahre alt. Sechs Jahre und einen Tag.

Ab Anfang der siebziger Jahre wurden die Toten der sowjetischen Armee nach Hause geflogen. Meine Mutter war eine der Letzten, die hierblieb. Ich bin sicher, dass ihr das nicht recht gewesen wäre, schließlich wollte sie immer heim. Im offenen Sarg wurde sie durch das Städtchen getragen, die Ulica Centralnaja hinauf und hinunter bis zum Blechtor, zweimal an unserem Haus vorbei und dann zum Denkmal der im Krieg gefallenen Geheimdienstleute. Vorn marschierte ein Sergeant mit Mamas Bestenabzeichen, es lag auf einem kleinen Kissen. Er marschierte im Stechschritt, so hart, dass die Absätze auf der Straße knallten, ansonsten war es vollkommen still. Ich stand auf der Treppe vor der Tür, weiter durfte ich nicht. Trotzdem habe ich gesehen, dass sie ein rotes Kostüm trug. Die Erwachsenen werden in Rot begraben, die Kinder in Weiß, so hat es mir meine Schwester erklärt, sie war die ganze Zeit an meiner Seite.

Vor dem Friedhofstor küssten sie Mama und dann noch einmal am Grab, so machte man das. Am Grab gab es Ehrenbezeigungen, wie für einen hohen Offizier, was garantiert gegen die Vorschriften war. Vom Friedhofstor an spielte ein kleines Orchester» Treue Kameraden«. Gesungen wurde nichts. Mein Vater ließ Ehrensalven schießen, Salven ohne Ende. Die Leute liebten sie eben, und ich liebte sie auch, konnte sie aber nicht küssen. Ich glaube, es gab niemanden, der mir das übelnahm, außer ich selbst, ich schämte mich. Statt zu lachen, versuchte ich zu weinen, aber es klappte nicht, ich kam einfach nicht heraus aus Variante zwei. Meine Schwester hat kleine Zauberkunststücke vorgeführt, alles, was sie von Mama gelernt hatte, ohne zu zittern, neben dem Grab. Von da an wusste ich, dass sie es war, an die ich mich halten musste, für den Rest meines Lebens — nicht, dass ich etwas wie Rest meines Lebens hätte denken können, aber gefühlt habe ich es, eindeutig gefühlt. Überhaupt hatten wir keine Vorstellung davon, wie es weitergehen sollte, ohne Mama.

Dann kamen die Folgen. Der General hatte sich wohl zu viele Feinde gemacht. Man fand heraus, dass es für die Auftritte der Hochseilartistin, wie es hieß, keine offizielle Genehmigung gegeben hatte, niemals, nirgendwo. Außerdem hätte sich der Zirkus schädlich auf Moral und Kampfbereitschaft ausgewirkt. Das wars. Mein Vater wurde nach Russland versetzt, aber weil man ihn brauchte, oder aus was weiß ich für Gründen, war er bald wieder da, ziemlich seltsam. Was er genau tut und wo, weiß kein Mensch, wir haben schon lange nichts mehr von ihm gehört. Aber das ist egal, Ed, vollkommen egal. Wenn ich heute an Mama denke, sehe ich immer das Bild mit den drei Bären. Sie spielen auf einem Baumstamm. Einer schon weit oben, der mutige, der ich sein wollte. Darunter der ängstliche, der nicht vorankommt, und ganz unten der dritte, der abseitssteht und nichts macht, nur so in den Wald hinein träumt. Und im Vordergrund die Bärenmutter, die das Maul aufreißt und brüllt wie ein Wolf. Warum brüllt sie nur so, hab ich mich immer gefragt.«

Lippen

Ed drehte den Kopf zur Seite, weil es so noch besser war. Das Mädchen hatte ihn nicht bemerkt. Wie tot lag er im Wasser, mit ausgestreckten Armen, angeschwemmt. Er spürte die Steine am Leib, den Sand, die Reste zermahlener Ziegel. Das Meer umschloss ihn, glatt und träge, das Meer, das ihn wiegte; es war der Moment, alles abzugeben.

Das Mädchen spielte mit den Wellen, sie warf sich ins Wasser, nicht übermütig, eher mit Bedacht, erhob sich träge und taumelte zurück, aber nur um erneut Anlauf zu nehmen. Als sie genug davon hatte, hockte sie sich an den Wellenrand, nur wenige Meter von Ed entfernt. Vielleicht hatte sie ihn, das lauernde Tier, das Treibholz in der lauen Brandung, nicht bemerkt. Ed sah, dass sie es genoss, wie das Wasser ihre Fesseln umspielte; die Gischt flutschte ihr zwischen die Beine und machte ihren Badeanzug nass. Sie steckte ihre Hände vor sich in den Sand und drehte sie langsam hin und her. Dann hielt sie still. Sie starrte hinaus auf den Horizont, als gäbe es dort etwas, aber weder Møn noch ein Schiff waren zu sehen. Ed begriff, dass sie in diesem Moment ihr Wasser ließ. Für einen Augenblick erkannte er die feine, dampfende Rinne im Sand, und er sah, wie vom Gang der Wellen alles gelöscht und fortgewischt wurde. Noch einmal tauchte er sein Gesicht ins Wasser; er wartete, aber das Mädchen ging nicht fort.

Irgendwann blieb Ed nichts anderes übrig. Er drehte sich zur Seite, damit das Mädchen seine Erektion nicht sehen konnte. Als müsse er sich mühsam an das, was man Schritte und Gehen nannte, erinnern, stakte er den Strand hinauf. Während seines Aufenthalts war er schmaler geworden; sein Körper schien durch die Arbeit auf der Insel wie gestrafft, schmal, sehnig, und wie fast alle Esskaas hatte auch er eine gleichmäßig gebräunte Haut, die bronzen glänzte, wenn er aus dem öligen Dunst des Abwaschs ins Freie trat. Er trug jetzt kein Stirnband mehr. Sein halblanges Haar band er nach dem Vorbild Loschs zu einem kurzen Zopf im Nacken. Er hatte das früher nie getan, weil er nicht wie ein Mädchen aussehen wollte. Er benutzte das Haargummi, das sein Freund in seinem Zimmer verloren hatte.