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Die Mittagspause war noch nicht vorüber, aber auch Kruso stand bereits an seinem Becken. Er zog seine Hände aus dem Wasser und griff sich eines der Tücher.

«Es tut mir leid, Ed, das hätte nicht passieren dürfen. Die Esskaas, die den Verteiler betreuen … Oft sind sie einfach schon zu betrunken.«

Einen Augenblick dauerte es, bis Ed begriffen hatte, dass von C. die Rede war.

«Manchmal wird es einfach zu viel. Ich kann nicht mehr alles kontrollieren, und immer wieder gibt es Probleme, gerade im Zusammenspiel von freier und zentraler Vergabe …«

«Ist sie noch auf der Insel?«

«Wer?«

«C., die Schiffbrüchige.«

Kruso ließ Ed nicht aus den Augen.

«Ich wusste es, Ed, ich …«

Er machte einen Schritt, vielleicht wollte er seinen Zögling umarmen, aber Ed hatte sich rasch dem Becken fürs Grobe zugewandt und nach einer Pfanne gegriffen.

«Es geht nicht darum, ich meine …«

«Worum dann, Ed?«

«Nichts.«

«Es geht nur darum. Um unsere Sache, Ed, die wir hier«— er machte eine weit ausholende Armbewegung — »alle verfechten.«

Ed nickte. Für einen Moment erstaunte ihn die Vereinnahmung. Dazu die plötzliche Wiederkehr des Wortes von der zentralen Vergabe an diesem von den Wohnungsämtern weit entfernten Ort … Aber zuerst musste er atmen, Luft schöpfen. Er sog die Dämpfe des Abwaschs ein, die schillernde Brühe, in dem seine Hände kreisten, ein Absud voller Fasern und Klumpen, ein zergehender Brei organischer Reste; ohne Zweifel stand er kurz davor, die Besinnung zu verlieren: C. war noch da.

Leise betrat sie das Zimmer und kroch ohne weiteres in sein Bett. Sie roch frisch gewaschen, ihr Haar war nass.

«Ich will dich nicht stören.«

«Du störst mich nicht. «Er hätte sich gern sofort zu ihr gelegt.

«Wo hast du geduscht?«

«Weißt du das nicht?«

Ed zwang sich, noch eine Weile am Tisch zu bleiben. Er las ein paar Zeilen, streckte die Arme zum Fenster, atmete tief und versuchte festzustellen, ob das Licht am Horizont sich bewegte. Eine klare, salzige Luft war mit C. hereingeweht.

Er stand auf, ging durchs Zimmer, kehrte zurück und rückte einen der Ziegelsteine unter seinem Tisch zurecht. Eine köstliche Vorfreude, die ihn überspülte. Noch einmal setzte er sich auf seinen Platz und schrieb einen Satz in sein Notizbuch. Es war ein schmutziger Satz, wie er ihn noch nie geschrieben hatte, nicht einmal in seiner Pubertät, in denen Worte wie» ficken «und» vögeln «kaum fassbar geworden und jenseits geblieben waren, bei den Ausdrücken einer dunkleren, derberen Welt. Wenn, dann hatten sie von» bumsen «gesprochen, jener warme, weiche, wahrscheinlich thüringische Ausdruck dafür.»Und? Hat er sie gebumst?«, die Frage hatte etwas Zärtliches, Kindliches, während ficken hart, umstandslos und messerscharf vonstattengehen musste. Ed erinnerte sich an Diskussionen, in denen sie über den Unterschied von» Nutte «und» Hure «gestritten hatten, gerade vierzehn Jahre alt. Eine starke Fraktion behauptete, dass es Nutten von Haus aus immer um Bezahlung ginge. Ungeklärt blieb, ob es dann, zum Beispiel, noch möglich wäre, eine Nutte auch Hure zu nennen? Eigentlich nicht, meinte sein Freund Hagen. Nach seiner Theorie konnte angenommen werden, dass es Huren ihrerseits immer umsonst machten. Ed hatte Zweifel. Jedenfalls musste es Huren geben, irgendwo auf der Welt, obwohl das nicht besonders glaubhaft schien — Frauen, die es einfach so machten, mit jedem und für nichts; es grenzte an ein Wunder. Damals hatte Ed jede einzelne Frau aus seiner Umgebung in Augenschein genommen. Die Mütter seiner Freunde, Nachbarinnen, Lehrerinnen, die Verkäuferinnen in der Kaufhalle. Welche Anzeichen sprachen dafür, und vor allem, welche Signale wären nötig, um sie dazu zu bringen, es mit einem zu machen? Denn das war doch von allen Rätseln das größte, und im Grunde war es das noch immer.

«Was schreibst du?«, flüsterte C.

«Nichts. Ich muss nur rasch etwas zu Ende bringen. «Ihm wurde bewusst, dass er vor ihr den Intellektuellen spielte, und plötzlich war er verlegen.

«Wo hast du deine Sachen?«

«Im Wald, unter einer Plane.«

«Hier ist Platz genug dafür.«

«Wir haben alle unsere Sachen dort, sie bleiben da, solange wir es schaffen, uns auf der Insel zu halten.«

Ed wurde klar, wie wenig er wirklich wusste von Krusos großem Plan.

«Geht es dir gut, ich meine, wie findest du es — hier?«

«Sehr gut«, sagte sie leise. Sie lächelte müde und drehte sich zur Wand. Die schattigen Linien ihrer Schulterblätter, Oberarm und Hüfte, das alles schien Ed von unbeschreiblicher Kostbarkeit. Lautlos entledigte er sich seiner Sachen und schmiegte sich an.

«Und spürst du sie, die Freiheit?«

In den folgenden Tagen weitete Kruso den Bereich seines Anvertrauens aus. Standen sie allein im Abwasch, kam es vor, dass sein Murmeln anschwoll, woraufhin Ed vorsichtiger wurde in seinen Bewegungen, um weniger Geräusche zu machen, was beinah unmöglich war in ihrem Chaos. Krusos tiefe, monotone Stimme schien ganz bei den Worten zu bleiben, es war, als spräche er nur für sich und vor sich hin, ins Becken, in die fettige Brühe, und nicht eigentlich zu Ed. Die Teller, die Bürste, die Töpfe, der Römer, die ganze Umgebung veränderte sich — der Abwasch wurde Ausdruck, Ausdruck von etwas anderem, das sorgsam behandelt werden musste. Lange war Ed unsicher, ob Kruso überhaupt irgendeine Reaktion von ihm erwartete, ob es überhaupt ankam auf seine Anwesenheit oder vielleicht das Geschirr im Becken oder das Waschwasser wichtiger waren.

Eine Antwort erhielt Ed nur indirekt. Dass Kruso seine Gedichte vor ihm in den Abwasch sprach, verstand die Besatzung des Klausners als Zeichen. Edgar, le nouveau plongeur (Rimbaud), war endgültig aufgenommen. Rimbaud bezog Ed jetzt sofort als Zuhörer ein, wenn er mit neuen Büchern und Ideen in den Abwasch stürmte. Oft begann er mit einem möglichst simplen, eingängigen Zitat, dass er als» Weisheit des Tages «auf die Schiefertafel mit den aktuellen Speisen geschrieben hatte. Immer wieder gab es Gäste, vor allem Tagestouristen, die in ihrer kopflosen Hektik oder in völliger Verkennung die Weisheit bestellten.»Bitte zweimal Panta Rhei«, oder» Wir hätten gern Gott ist tot …«Noch ehe sich aufklären ließ, dass diese Bestellung nur das Ergebnis eines — wahrscheinlich urlaubsbedingten — Kurzschlusses gewesen sein konnte, für den man sich lachend entschuldigen wollte (obwohl die Verwandtschaft zu einem Gericht, das zu Hause in Sachsen» Tote Oma «hieß, nicht von der Hand zu weisen war), wurde Rimbaud herbeigerufen, der mit ganzem Ernst und jedenfalls ohne jede Herablassung zu einer kleinen Rede über» Panta Rhei «oder» Gott ist tot «anhob, sich nebenher dafür entschuldigte, dass» Panta Rhei «oder» Gott ist tot «noch nicht als Speisen im Angebot seien, nein, noch nicht, später vielleicht, ja, im Kommunismus, sicher, nur Utopien würden, wie man wisse, selten Wirklichkeit — so beschloss Rimbaud seinen kleinen Exkurs und empfahl Kohlrouladen.

Nicht selten schwenkte er beim Reden einen Kassenbon über den Scheiteln der verblüfften Gäste, als enthielte dieser seine wichtigsten Notizen, aber er schaute nie auf den Zettel, er dirigierte damit nur Satzbogen für Satzbogen in die Luft über den Tischen, und wahrscheinlicher war, dass er zum Sprechen lediglich etwas Papier zwischen den Fingerspitzen brauchte, eine alte Gewohnheit aus seiner Zeit als Universitätsdozent für Philosophie in Leipzig an der Pleiße.

«Ruhm, wann kommst du?«

Ohne wirklich auf Antwort zu warten, spießte Rimbaud den Bon auf den Nagel neben der Kasse und blies es noch einmal leise unter seinem Schnauzbart hervor, aber nicht mehr als Frage, mehr als kleine Melodie:

«Ruhm, wann kommst du, kommst du, kommst du …«