Seit dem letzten Besuch des Buchdealers in der Bienenhütte, legte er ihnen Bücher des Autors Antonin Artaud ins Nest,»Liebling dieser Saison«, raunte Kruso in den Dampf des frischen, fast kochenden Wassers, das mit breitem Strahl ins Becken strömte. Die Bücher trugen Titel wie Schluß mit dem Gottesgericht oder Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft. Ed musste zugeben, dass ihn Rimbauds Lesungen Artauds ratlos machten, und er begriff, wie wenig er doch eigentlich wusste von den Dingen der Poesie, trotz seiner Bestände.»Da, wo es nach Scheiße riecht, / riecht es nach Leben. «Das leuchtete eigentlich ein. Nur hatte Ed es bis dahin nicht für denkbar gehalten, dass etwas wie» Streben nach Fäkalität «möglich war — als Gedicht.»Es gibt im Leben / etwas besonders Verführerisches für / den Menschen / und dieses Etwas ist, mit Recht / DIE KACKA. «Auf Französisch klang es sicher ganz anders. Egal wie man darüber dachte, man konnte immer etwas lernen von Rimbaud.
Noch stärker als die Texte beeindruckten Ed allerdings die Fotografien des Autors im Anhang (von einem Fotografen namens Georges Pastier) — er hatte noch nie einen Mann ohne Lippen gesehen. Artaud war ein Mann ohne Lippen. Sein Kinn stand vor, seine Nase stand vor, und statt eines Mundes gab es nur eine Mulde, durch die sich langhin und beinah bis an die Ohren eine Falte zog, mehr ein Strich eigentlich, der die Möglichkeit eines Mundes skizzierte. Besaß der Autor Antonin Artaud Lippen, so mussten sie innen liegen, das heißt, er hatte mit innenliegenden Lippen gesprochen. Eine vergleichbare Physiognomie, wenn auch nicht in dieser allerletzten Gestalt, war Ed bisher nur von Fotos des berühmten und bei den Esskaas, die Bücher lasen, hochgeschätzten Autors Heiner Müller in Erinnerung, der — Rimbaud zitierte es allenthalben — gesagt haben sollte:»Artaud, die Sprache der Qual!«Was Ed wiederum sofort einleuchtete. Und eigentlich wäre es das Privileg Rimbauds gewesen, an dieser Stelle die Verwandtschaft zu begründen und auf den Zusammenhang von Lippen und Literatur zu verweisen, stattdessen zitierte er noch einmal Müller:»Artauds Texte, auf den Trümmern Europas gelesen, werden sie klassisch sein.«
Ob, zum Beispiel, eine Literatur der Schmallippigen und Lippenlosen dann überhaupt noch Sinn machen würde? — Eds Frage verärgerte Rimbaud. Und Ed gab ihm recht. Sein Einwand war primitiv und Ausdruck reinen Übermuts. Ja, Ed war in Stimmung, in primitiver Hochstimmung sogar, denn er war der Mann, der C. gehabt hatte. Und C. hatte Lippen, Lippen ohne Ende.
Die Verwandlung
20. Juli.»… plötzlich zu flüstern beginnt, aufsteht, singt und ein paar eckige Tanzbewegungen macht, dazu der Glanz in ihren Augen. Oder wenn sie zur Toilette geht, mitten in der Nacht, nach draußen tappt, in den Flur, und dabei die Arme in die Luft reckt und leise schnippt mit ihren langen Fingern, schnipp, schnapp, schnipp, wie Schritte in der Luft … Ich meine, sie macht das nicht für mich, nicht, damit ich es sehe. Manchmal waren wir gerade sehr still und … Wie soll ich es sagen? Ich glaube, es hat nichts mit mir zu tun und vielleicht nichts mit uns, nur mit ihr.«
«Gut möglich, Ed.«
«Ich bin nie auf diese Weise fröhlich gewesen.«
«Du bist anders fröhlich.«
«Seit G. nicht mehr, alter Racker.«
«Du hast Kruso gefunden. Du hast mich gefunden. Du bist nicht vollkommen allein auf der Welt.«
«Etwas habe ich dir verschwiegen.«
«Bitte, Ed. Du weißt, ich liege einfach hier, in dieser gemütlichen Höhle am Meer, und werde langsam eins mit den Gezeiten. Und du kommst mich besuchen und erzählst, ich meine, das ist das Beste, was mir passieren konnte, Gott, ich meine, ein Fuchs in meiner Lage …«
«Es war an unserem ersten Morgen. C. wie eine Erscheinung auf meinem Bett. Wie ausgedacht. Wenn sie das Haar hinters Ohr streicht und aufs Meer hinaus sieht … Vollkommen souverän, verstehst du? Sie sagt, sie macht nichts mit ihren Haaren, keine Frisur oder so, nur Haare, wie Fransen, die sie selbst abschneidet, wahrscheinlich mit ihrem Taschenmesser. Sie schaut also zum Fenster, und ihr Gesicht hat diesen vorweihnachtlichen Glanz, und alles glänzt mit, der Horizont, die Kiefern, alles. Und plötzlich fragt sie mich, ob ich es so lieber habe. «Ed errötete.
«Du hast geschlafen, als sie zu dir ins Zimmer kam, oder? Alles war ein Traum, und alles, was du getan hast, war …«
«Ein Traum. Trotzdem dachte ich, sie wäre deshalb nicht wiedergekommen.«
«Ich verstehe.«
«Ja, du verstehst.«
«Gewissermaßen war sie die Erste.«
«Ja, verdammt.«
«Also wirst du an sie denken, bei allem, was noch kommt, mein Freund. Sie ist dein Debüt, die Konfirmation und das Album dazu, in dem du in Zukunft deine Bilder sammelst.«
«Mit G. hat das alles nichts zu tun.«
«Nein, Ed, gar nichts.«
«Alles mit ihr bleibt …«
«Unberührt.«
«Gestern waren wir am Strand. C. hat gezeichnet. Sie hat immer einen kleinen Skizzenblock dabei und ihr winziges Taschenmesser, mit dem sie ihren Bleistift anspitzt — er muss immer ganz spitz sein, weshalb sie dauernd spitzt …«
«Erzähls mir, Ed.«
«Irgendwann wollte C. ins Inselkino. An jedem Nachmittag läuft dort Lütt Matten und die weiße Muschel, am Abend Einer trage des anderen Last und als Spätvorstellung Bis daß der Tod euch scheidet.«
«Wir leben in biblischen Zeiten.«
«Und die erste Plage ist schon da. Eine ganze Kompanie von Kammerjägern räuchert den Klausner aus. Nur deshalb kann ich jetzt hier sein, bei dir.«
«Den Kakis sei Dank.«
«Als C. und ich vom Kino zurückkamen, war das Gelände schon evakuiert. Ein paar haben an den geweihten Plätzen geschlafen, ein paar auch in Krusos Verteiler. Uns hatte die Nachricht einfach nicht erreicht. Nichts war abgesperrt, alles schien unverändert. Vielleicht hat uns die Hitze auch blind gemacht.«
«Wem sagst du das, Ed.«
Erst jetzt bemerkte Ed die Unruhe, mit der sein Fuchs ihn ansah. Am Grund seiner kleinen knochigen Augenhöhlen war eine Art Grießbrei, der sich selbst umrührte.
«Ach, du alter Racker, ach verdammt, entschuldige bitte …«Ed eilte ans Wasser und schöpfte eine Hand voll Sand zwischen den Ufersteinen.
«Sandmann, lieber Sandmann …«
«Bitte um Vergebung, Herr Fuchs!«, versuchte Ed zu scherzen, während er den Sand sehr vorsichtig in die Augenhöhlen rinnen ließ, erst links, dann rechts. Sein Freund seufzte erleichtert.
«Vierzig Grad in der Sonne, und ich hatte mein Fenster geschlossen, wegen der Unwetter, vor denen Viola ständig gewarnt hat. Stündlich kam irgendetwas über Stürme aus Nordwest und Flüchtlinge in den Botschaften, aber niemand hört ihr wirklich zu. Als lägen wir außerhalb der Nachrichten, und ich glaube, so ist es, alter Racker, wir sind nicht wirklich von dieser Welt. In meinem Zimmer dürften es am Ende fünfzig, sechzig Grad gewesen sein. Schon auf der Treppe hörte ich eine Art Rascheln, wie von Seide, oder als ob jemand heimlich ein Geschenk auspackt. Ich sagte noch irgendetwas von Lüften, Fenster auf, Frischluft, die ganze Vorfreude im Herzen. Ich mache also das Licht an, und …«
«Was?«
«Etwas, das du nicht begreifst, bloß weil du es siehst. Zuerst die Explosion, lautlos, ohne Zentrum. Du siehst nur, wie dieses fette Braun nach allen Seiten Wellen schlägt, alles fließt, die Wand als Welle würde ich sagen, und du siehst, wie es anschlägt in den Ecken und sich staut, ein glänzender, wimmelnder Schaum, irgendwie knisternd … Du weißt, ich habe keine Angst vor Kakerlaken. Und ich glaube, auch C. hatte sie nicht. Trotzdem haben wir geschrien, beide, wie am Spieß. Ich also los, mit dem Arm vorm Gesicht, wie im Krieg. Ich hatte Wut, echte Wut, und plötzlich mein großes Notizbuch in der Hand. Ich schlug einfach zu, ohne Ende, der Schweiß lief mir nur so, und als ich mich umsah …«