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«Was, Ed?«

«Keine Ahnung, ob ich das …«

«Das kannst du, Ed, du kannst.«

«Lieber nicht.«

«Mach es wie die Erzähler. Wenn sie sich etwas vom Leib halten müssen, benutzen sie einfach eine andere Person — er, du, sie, es.«

«Du meinst, weil sie das Ganze zu sehr mitnimmt?«

«Nicht unbedingt.«

«Vom Leib halten.«

«Was sieht er also, unser Freund?«

«Er dreht sich um und sieht, dass auch C. wie verrückt durch die Gegend hämmert. Sie benutzt dazu ihre Jesuslatschen. Bei jedem ihrer ungelenken Schläge stößt sie einen kleinen kompakten Kriegsschrei aus, mit diesem Druck in der Stimme, wie Tennisspielerinnen beim Aufschlag; es klingt immer ein wenig verzweifelt, andererseits ist es der reinste Ausdruck ihres Willens, verstehst du?«

«Und?«

«Und dann begann unsere, ähm, ich meine, ihre gemeinsame Jagd. Sie hämmerten sich so durch die Gegend, schossen sich quasi den Weg frei. Ihr feines Peng-peng und sein großes Patsch-patsch, kleines und großes Kaliber, fast wie Musik, als wären sie Bonnie und Clyde. Und plötzlich begann sie zu lachen. Sie lag auf dem Bett und starrte mich an und lachte … Entschuldige, ich sag jetzt wieder ich, ich bekomme es nicht anders zusammen. Ich sag ich, und vielleicht könntest du er denken?«

«Ich ist ein anderer.«

«Rimbaud sagt, dass stimme nur auf Französisch. Und nur für eine frühere Zeit, als man noch wusste, was ein Anderer ist.«

«Auf Französisch?«

«Ja, du kleiner verfaulter Hellseher, darum geht es.«

«Dachte ich mir.«

«Das Lachen brach nur so aus ihr heraus. Sie lag da, im Bett, ruderte mit den Armen und schlug die Fersen an den Hintern, ihr ganzer Körper hob und senkte sich, und ihre Schultern zuckten, das heißt, sie lachte und schrie zugleich, sie schrie» Ja, jaaa!«und» Wahnsinn!«und» Aaah!«, und dann begann ihr Schluckauf. Ein mörderischer Schluckauf. Ein Schluckauf, wie du ihn noch nie gesehen hast.«

Eds Schultern zuckten jetzt ebenfalls.

«Wahrscheinlich war es der Schock. Irgendwann japste sie nur noch. Ihre Augen wurden immer größer, sie sah aus wie ein Clown, die Augenbrauen ganz weit oben, und langsam begann ich mir Sorgen zu machen.«

«Kein Wunder, Ed.«

«Du weißt, ich habe Kakerlakenerfahrung. Von meiner Armeezeit her. Achtzehn Monate mit den Biestern im Zimmer. Sie kamen die Fernheizungsrohre entlang, direkt aus den Leunawerken in die Kaserne. Die Alten waren wirklich fett, Mutanten wahrscheinlich, chemisch gestählt, über Generationen. Aber nach ein paar Wochen wusste ich, wie sie sich verhalten, ich kannte sie, fast würde ich sagen, ich wusste, wie sie denken. Zum Beispiel weiß ich, dass ihre kleinen komplizierten Leiber auf Luftdruck reagieren, ich meine, auf minimalste Veränderungen. Schon wenn ich das Notizbuch hebe, wissen sie das. Wenn ich nur eine Seite umschlage, spüren sie das in ihren Verstecken, und ich bin sicher, sie registrieren jedes Wort, das ich schreibe, Wort für Wort, übersetzt in feinste Frequenzen. In gewissem Sinne waren sie wie Leser. Sie kannten nicht nur meine Schokolade oder die schmutzige Wäsche in meinem Schrank aus dem Effeff, sie kannten auch meine Briefe nach Hause und auch meine euphorischen Versuche, Gedichte zu verfassen, Wort für Wort …«

«Du hast deine Leser erschlagen.«

«Das Geheimnis ist: Du schlägst nie dorthin, wo sie sich befinden. Nein, du hämmerst immer gleich in ihre Fluchtwege hinein. Und C. hat das begriffen, als sie mich sah bei meiner Jagd. Und als ich begriff, wie sie es begriffen hatte, meine Erfahrung, meine Sicherheit, spürte ich plötzlich keinen Ekel mehr, im Gegenteil, es war ein Rausch. Durch C. waren wir irgendwie Verbündete geworden, das Viehzeug und ich, Jäger und Gejagter, die alte Schicksalsgemeinschaft.«

Ed holte Luft. In den Augen seines Fuchses regte es sich — wie Interesse, dachte Ed.

«Natürlich ist das alles mit den drei, vier Kakerlaken in meinem Armeespind nicht zu vergleichen. Sie waren immer da, obwohl ich im Speisefach schon lange nichts Essbares mehr aufbewahrte. Manchmal dachte ich, es sind immer dieselben, und wurde ein bisschen sentimental, eine Folge des Eingesperrtseins wahrscheinlich. Dabei hatte ich schon Hunderte erschlagen. Das gehörte praktisch zum Frühsport. Bevor wir in den Urlaub entlassen wurden, mussten wir alle noch einmal auf den Appellplatz. Zwei Schritt vor, Tasche auf und Wäsche ausschütteln.»Schütteln, schütteln, ihr Säcke!«, das war der Spieß, Unterfeld Zwaika, ein verquollenes Etwas. Er konnte kaum reden und kaum aus den Augen sehen, er presste alles durch die Nase. Ich glaube, es war seine eigene Idee. Es gab keine Dienstanweisung dazu oder sonst etwas.»Wolln doch nich, dass die Frau inn Herzschlach kriecht«— vor jedem Urlaub dieser Satz, so hingenuschelt. Wahrscheinlich meinte er es gut.«

«Jetzt weichst du aus.«

«Bei Schluckauf hält man die Luft an, hebt den Arm und so weiter. Aber C. zuckte ja nur noch und brachte keinen einzigen Ton mehr heraus. Deshalb war es ein Notfall, würde ich sagen.«

«Ein Notfall?«

«Ja, als griffe sie nach dem nächstbesten Rettungsanker.«

Sein Fuchs stöhnte leise.

«Ich sagte, jemand denkt wohl sehr an dich. Ich meine, ich war vollkommen hilflos.

›Ja-hck‹, sagte sie und zog mich vors Bett. Um meine Füße ein Geräusch wie von tausend fressenden Raupen, aber langsam versickerte die Flut, und nach und nach wurde es still, und irgendwann war da nur noch C., ihr leises Schmatzen, wirklich leise, nur das, sonst nichts. Alles war sanft um mich her, weich wie Samt, und plötzlich, keine Ahnung — plötzlich konnte ich es. Plötzlich konnte ich ihr in die Augen sehen dabei.«

Ed schwieg.

Das Meer hatte wieder begonnen zu atmen, mit seinem dunklen Grund und den leisen Obertönen. Es war jetzt fast kühl. Ed sah C. Seine Hand auf ihrem Kopf. Ihre Augen, ihre hohe, verschwitzte, irgendwie eiförmige Stirn und ihre Haare, mit denen sie nichts machte, nichts anderes als seine Schenkel zu streicheln, nichts anderes als ihn anzuschließen an ihren Stromkreis. Ein paar Haarspitzen blieben haften an seinem Schwanz und übernahmen die Versorgung. Ein feiner Schwindel, als hätte sie ihn angehoben, ganz leicht, über die Grenze.

«Diese Käfer, Ed …«

«Ich glaube, es war der einzige Weg, ich meine, in diesem Moment …«

«… haben dich verwandelt, oder?«

Die Kruso-Energie

In ihrer von Gedichten gestifteten Vertrautheit hatten Kruso und Ed zueinander gefunden, und Tag für Tag festigte sich ihre Gemeinschaft. Kruso beteiligte sich jetzt an der Feierabendreinigung des Abwaschs, und öfter übernahm er es sogar selbst, die Tonne mit den Speiseabfällen nach draußen zu rollen, all jene Handgriffe, die Ed als Dienstjüngstem des Klausners auf selbstverständliche Weise zugefallen waren. Spritzte Kruso den Abwasch aus, sprang Ed wie ein Derwisch hin und her, den stumpfen Schrubber in den Fäusten. Auf eine Weise, wie es nur Ed gelingen konnte, blieb er dem in Schwüngen über die Fliesen fegenden Wasserstrahl auf den Fersen — es war eine Art Tanz, ein Vorspiel für den Abend. Am Ende wischte Ed mit dem Lappen den Boden trocken; Losch rollte den Schlauch ein. Einer plötzlichen Eingebung folgend, setzte er einen Fuß auf Eds Kopf, aber ganz ohne Schwere. Ed griff nach dem Fuß und gab ihm Gewicht.

Im Ganzen war es mehr als Vertrautheit und mehr als Vertrauen. Im Grunde war es eine gemeinsame Fremdheit, die ihre Freundschaft begründete. Dass es beiden unmöglich war, über das zu sprechen, was ihnen am schwersten auf der Seele lag, schien sie enger aneinanderzubinden als jedes Geständnis. Es gab die Worte eben nicht, und Verstehen bedeutete, sich nicht zu täuschen darüber. Ohnehin wäre nichts wiedergutzumachen. Woraus ihr Unglück bestand (und was ihr Handeln bestimmte), war besser aufgehoben in einem Gedicht. Sie hatten sich Trakls Sonja vorgetragen, und Losch hatte ihm das Foto geschenkt, das schöne Lächeln in der abgewetzten Hülle, in dem Ed auch G. erkannte. Über Gebühr oft hatte er das Bild zur Hand genommen und sich berührt dabei. Wenn er seinen Blick in den Augen des Mädchens versenkte, wuchsen seine und Krusos Geschichte aufeinander zu.»Dass du nicht vollkommen allein bist auf der Welt«, flüsterte Ed und küsste die fahle Hülle des Fotos. Sogleich schämte er sich und spürte, wie ihn die Gefühle verließen. Er konnte G. nicht allzu sehr geliebt haben, wenn er sich schon jetzt nicht genauer erinnerte an ihr Gesicht. Dafür war es möglich geworden, wieder an sie zu denken, ohne Straßenbahn. Er sah, wie sie in ihrem Sessel saß. Sie redete mit ihm. Ihr Mund bewegte sich, aber er konnte sie nicht hören. Sie war ernst, und was sie ihm mitteilen wollte, schien wichtig zu sein. Mitten im Satz und ohne ihn aus den Augen zu lassen, griff sie nach hinten und rieb mit der Hand an einem Blatt ihrer Zitronenpelargonie. Das Zimmer füllte sich mit Zitronengeruch, und Eds Herz begann sich zu verkrampfen. Er stand im kühlen Abgrund eines Brunnens, umgeben von Wänden aus toten Beständen, riesige, dicht beschriebene Grabsteine, die seinen Schmerz verzehrt und verwandelt hatten: in Distanz.