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Durch das verschmierte Fenster sah Ed, wie Kruso die Futtertonne noch einmal inspizierte und dabei ab und zu auch mit der Hand hineinfuhr. Obwohl (oder weil) er kaum noch zum Schlafen kam, seitdem C. bei ihm Quartier genommen hatte, und obwohl (oder weil) ihm in diesem Moment Tränen in den Augen standen und Trauer einkehren durfte, fühlte er sich wie geborgen im Abwasch. Er betrachtete, was von den Waschungen am Beckenrand zurückgeblieben war. Ein paar Zopfgummis, ein Kiefernnadelbad, die Verpackung eines Palasthotel-Seifenstückchens. Die Waschlappen auf der Leine zwischen den Topfregalen waren noch feucht; nur mit Mühe widerstand Ed der Versuchung, sein Gesicht in einen der Lappen zu pressen.

Wenn Ed vom Duschen heraufkam, lag einer der alten Klausner-Kopfbögen auf seinem Bett. Nach und nach hatte er jene Texte kennengelernt, die Kruso, wie er es gern wiederholte, endlich einmal zusammenstellen wollte zu einem Band.»Es gibt nichts Schöneres, als einen Band zusammenzustellen!«Anfangs hatte Ed das Gedicht zuverlässig am Fußende vorgefunden, später auf seinem Kissen, genau in der Mulde, die sein schlafender Kopf dort hinterließ — an Stelle meines Kopfes, dachte Ed.

Schon beim Duschen konnte er es sehen: das vergilbte Papier, die nach links oder rechts verrutschten Zeilen und die Schrift mit den blutigen Mützen. Er sah, wie Kruso sein Zimmer betrat. Es war eine Art Ehrenbezeigung, die Ed sich vorstellte; als ob sein Freund sich verneigte beim Ablegen des Gedichts — so weit konnte er sich gehenlassen, während ihm das Wasser über die Ohren rauschte und sein Körper sich vorbehaltlos dem Glück überließ, dort zu sein, wo er war.

Møn war zu sehen. Ed probierte Speiches Brille, die noch immer auf dem Waschbecken lag; er hätte nicht begründen können, warum. Er spülte die Gläser und rieb sie am Handtuch sauber. Das erste Mal erkannte er den feinen weißen Brandungsstrich vor dem Kreidekliff. Und den Wald an der Küste, ein dunkler Streifen, fünfzig Kilometer entfernt.

«Ah, Speiche«, rief Kruso. Plötzlich stand er im Zimmer. Er hatte seinen Weißwein dabei. Er bot Ed davon an, trank selbst einen Schluck und zog die Wangen nach innen — sein Augenlid hing fest, auf halber Höhe. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als sei er schon müde, aber es war nur der Anfang seiner Rede.

«Du arbeitest im Abwasch. Du sprichst alles hundert Mal ins Becken, so lange, bis es stimmt. Eigentlich möchtest du ganz versinken dabei, abtauchen, aber inzwischen genügt dir das kleine Kreisen deiner Hände im Wasser. Dazu das Gedämpfte, kaum hörbar, die Unterwassergeräusche. Die nach links und rechts schwenkende Schwebe, wenn ein Teller zu Boden trudelt, versenkt wird wie ein Schiff. Davon die Stellung deiner Zeilen. Oder der dumpfe Klang, wenn etwas rasch zu Grunde geht, stapelweise. Du kannst das alles retten, reinigen, bergen, trocknen — jedes Geräusch ist eine Höhle, ist eine Sprache, Ed. Du verstehst das, denn du wohnst im Geräusch. Und nur von dort her fragst du, das heißt: Du musst alles hundert Mal sprechen, ins eigene Ohr. Du kannst vergessen, was die Worte bedeuten. Nennen wir es: das semiotische Dreieck zerschlagen. Anfangs ist es kaum zu ertragen; das Klirren der Gläser, der Tassen, das Scheppern der Teller, das Rasseln des Bestecks, dann die unausstehliche Hitze, die Schwüle, der Dreck, das Fett, der Schwindel und die Übelkeit … Ein einziger Verlust, so kommt es dir vor. Aber nichts ist wirklich verloren und niemand, Ed, niemand. Du sprichst einfach weiter leise vor dich hin, mit deiner Stimme, bei den Worten selber klopfst du an, mit deiner Stimme. Hunderte Male, ins eigene Ohr. Und irgendwann kannst du es hören …«

Loschs Unschuldston. Vor der Karte der Wahrheit hatte es kaum anders geklungen — biblisch, singend. Ed begann zu begreifen, worum es gehen könnte, im Innersten seiner Bestände. Poesie war Widerstand. Und ein Weg zur Erlösung. Eine ungeheure Möglichkeit. Kruso zeigte ihm Bücher. Die Sammlung von höchstens zwanzig Titeln nannte er seine» Bibliothek«. Darunter Autoren wie Lew Schestow und Gennadi Vorsterberg, von denen Ed nie gehört hatte, und andere wie Babeuf, Bloch, Castaneda.

«Das Denken macht die Dinge lächerlich, Ed. Alles wird zur Anekdote. Ins Innere der Poesie kommen wir nie. Auch die Surrealisten sind lächerlich, weil sie das Problem technisch zu umgehen versuchen, von den Dadaisten ganz zu schweigen, die alles zerschlagen und dann darauf lauern, dass irgendjemand kommt und behauptet, das Ganze hätte Sinn. Was wir aber brauchen, ist unsere Stimme, sie ist die Musik, sie lauscht den Worten die Welt ab. Was wir brauchen, ist unsere Stimme und einen Raum voller Abwesenheit — ein Ort zur Gewinnung von Zeit.«— Krusos große flache Hand deutete auf den Boden des Zimmers: Der Boden öffnete sich, ein paar Wände blätterten beiseite, und Ed sah den Abwasch. Er sah zwei Dichter, nebeneinander, an ihren Becken. Einen großen Dichter, der zukünftig in den besten Verlagen dieser Welt aus und ein gehen würde, und einen zweiten, mit einem Römer bekleidet und etwas Aluminiumbesteck in der Hand, mit dem er tatsächlich zu schreiben verstand und unverwandt Notizen machte, an der Seite des Großen.

Ed genoss das Zutrauen Krusos, der ihn vielleicht ab und zu vergaß beim Reden, aber das machte ihm nichts, er hätte stundenlang zuhören können. Seine Stimme tauchte die Welt in ein anderes Licht. Im Kern war alles Haltung, nicht mehr und nicht weniger, eine komplizierte Form der Existenz, zugleich die einzig mögliche. Krusos Wesen war Haltung, und das alles war Kruso — eine seltsame Mischung aus Strenge, Keuschheit fast und Selbstbeherrschung einerseits, und auf der anderen Seite gab es Entschlossenheit, Fanatismus beinah und einen Hang zum Phantastischen und Unerlaubten. Ein keuscher Fanatismus, falls das möglich war, eine beeindruckende Mischung aus Unschuld und Unbedingtheit, mit der Losch wohl auch die Esskaas für sich gewonnen hatte. Dazu sein heiliger Ernst, eine still vibrierende Aura, oder wie sollte man es nennen — die Kruso-Energie.

Alles konnte wertvoll, alles von Bedeutung sein. Als ginge es nur darum, zu hören, zu sehen, zu leben, und zwar von nun an. Überall verbarg sich die Möglichkeit einer Zeile, eines Worts, das stimmte. Selbst die Arbeit im Abwasch und ihre Ödnis erlangten ein vollkommen neues Gewicht. Das Treibholz, der Ofen, die Schweinetonne, die trivialsten Zusammenhänge der Gastronomie, alles konnte teilnehmen am Gedicht. Die eigene Stimme, der eigene Ton — ein Licht war das, ein Leuchtturm, an dem Ed von nun an seine Position bestimmte. Erobern, flog es ihm durch den Kopf.

Für einen Augenblick fragte er sich, ob Kruso bei den Waschungen anwesend war. Er fragte sich, ob er sie alle gesehen hatte, alle berührt, ob er sie wusch mit seinen geschickten Händen und ob er die Lappen benutzte dafür. Er sah, wie C. in seinem Becken hockte, dem Becken fürs Grobe. Er sah ihren langen makellosen Rücken, die endlose Reihe der Wirbel. Er sah die weißen spitzen Knie vor der Brust, die Hände gestützt auf den Grund des Beckens. Und er sah Kruso, der von Becken zu Becken ging und kleine frische Stücke Palasthotel-Seife verteilte.