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Das Konzert

Am Bunker war niemand. Ed hatte allein gehen wollen, um etwas klarer zu werden im Kopf, aber schon nach wenigen Schritten deklamierte er den Wellen vor seinen Füßen.»Dies ist der Herbst, der — bricht dir noch das Herz «oder» Don't cry for me Argentina«, Schlagertexte von den Magnettonbändern seiner Eltern.

Anfangs hatte sein Vater sich bemüht, das Palaver von Jauch oder Gottschalk herauszuschneiden; die unsägliche Angewohnheit der» Radioshow«-Moderatoren auf den bereits laufenden Titel zu sprechen — sein Vater litt darunter, und nichts konnte dieses Leiden lindern. Er kniete vor dem Tonband, einen Finger auf» Play «und einen zweiten, längst verkrampften, auf der feuerwehrroten Aufnahmetaste. Sein Oberkörper war in die Schrankwand gebeugt und das Universum über ihm gekrümmt von der Anspannung seiner beiden Zeigefinger. Beide Tasten mussten im exakt gleichen Augenblick in die Tiefe ihres unendlich kostbaren B 56 (später B 100) gestoßen werden, aber Jauch fiel gerade noch etwas ein.»Schnauze!«, brüllte sein Vater, er hielt das Geschwätz für reine Schikane. Dann, endlich, feines Schnappen, das Band ruckte an, mit der ihm eigenen Verzögerung, weshalb nicht selten eine weitere Sekunde verloren ging:»… cry for me Argentina«.

Der Eingang existierte nicht mehr, nur ein Spalt, durch den Ed in einen kleineren, mit Kot und Zeitungspapier übersäten Zwischenraum gelangte. Noch bevor er daraus wieder auftauchte, hörte er die Stimme. Es war Cavallo, der auf der Steilküste über ihm stand. Ob er ihm gefolgt sein könnte, fragte sich Ed, verwarf den Gedanken aber. Cavallo führte ihn quer über das Grasland zur Deponie, die so dicht von Möwen besetzt war, dass man ihre Gestalt nur ahnen konnte. Als sie über die Zufahrt in die Senke einbogen, erhoben sich die Tiere träge und mit ihnen ein atemversetzender Gestank, dicht und dumpf von Verwesung.

Inzwischen hörte Ed ein Rumoren. Dazu eine Art Gesang, ohne Stimme, eher ein Krächzen, den Möwen ähnlich und ihrem erbärmlichen Geschrei.

«Sie haben sogar eine Spielerlaubnis«, erklärte Cavallo,»vom Rat der Gemeinde. «Vor ihnen, durch eine Schneise zwischen den Moränen, die Ed an keltische Königsgräber erinnerten, glänzte das Meer. Die Sonne war eingeschwenkt und begann ihr tägliches Schauspiel vom Untergang.

Von verschiedenen Leuten, die Ed kaum kannte, wurden sie überschwänglich begrüßt, Wange an Wange. Dann auch Krusos Wange.

«Wo warst du?«

«Weshalb?«

«Warum kommt ihr so spät?«

Ed wollte einen Scherz machen über seine absolute Orientierungslosigkeit, aber Kruso unterbrach ihn sofort.

«Bitte nicht noch einmal, Ed.«

Der Abend war ein einziges Chaos aus verschiedenen Darbietungen, Getränken und nervösem Herumgehüpfe. Im Zentrum stand eine vierköpfige Band, die Gitarre und Elektro-Orgel mit einer ausrangierten Autobatterie betrieben. Die Elektro-Orgel lag auf einem alten Hartschalenkoffer, vor dem ein schmaler blasser Junge kniete, der durch seine starke, übergroße Brille scheinbar teilnahmslos vor sich hin stierte. Im Dünengras glänzten die Flaschen: Stralsunder, Stierblut, Würger, auch Kali und Kiwi, soviel Ed erkennen konnte. Das Schlagzeug war halb eingegraben in den Sand und eine Blechkarre zur Fußtrommel umgebaut. Ed erkannte Koch-Mikes Stern-Recorder, er wurde als Gitarrenverstärker benutzt. Nicht weit von der Band entfernt brannte ein Feuer, das einige der Esskaas mit Holz versorgten, so eifrig und gewissenhaft, als bestünde genau darin die wichtigste Aufgabe, die ihnen in diesem Leben zufallen konnte.

Ed spürte Abneigung und einen Anflug von Verachtung. Er wünschte sich zurück in sein Zimmer. Dort wollte er warten, nichts als warten, warten auf C. Vielleicht würden sie diesmal draußen schlafen, zwischen den Moränen, eine oder zwei Nächte, so lange, bis das Gift der Kammerjäger … Cavallo drückte Ed eine Flasche» Stierblut «in die Hand.

Der Sänger der Band hatte begonnen, einen wilden, rätselhaften Vortrag zu halten. Er schob eine Hiddensee-Handkarre im Kreis, die er die» Maschine «nannte. Dabei stieß er sie mehrmals wie einen Rammbock in die kleine Schar der rundum versammelten Esskaas, die schreiend beiseitesprangen und lachten. Ab und zu kippte einer (der gut getroffen worden war) in die Karre, sprang aber rasch wieder heraus.»Die Maschine, die Maschine, iss mitm Jott des Meers im Bunde …«, krächzte der Sänger, ihm schien die Sache ernster zu sein. Er trug eine braune, abgewetzte Lederhose, sein Oberkörper war frei bis auf ein Tuch um den Hals und ein Kraftband am linken Handgelenk. Ed verstand ihn kaum. Meist schien es um einen Drink zu gehen, den jemand für ihn mixen sollte,»Mix mir einen Drink, der mich woanders hinbringt«, es war mehr ein Krächzen und Quäken, ohne Rhythmus, ohne Melodie. Ed stand im Halbdunkel jenseits der Peripherie aus gelbrotem Licht, das auf den Tänzern flackerte, als wären sie Teil des Feuers. Es roch nach Schweiß. Ed roch Kakerlaken. Die Schwüle war zurück, und die Tänzer entledigten sich ihrer Kleidung.

Als die Band verstummt und die Punks und Blueser unter den Esskaas ihren müden Beifall zu Ende gegrölt hatten, trat scheu ein Mann mit asiatischem Aussehen in ihre Mitte. Umständlich platzierte er eine Kassette in Koch-Mikes Recorder und begann zu tanzen.»Tänze der Khmer«, flüsterte ihm Cavallo ins Ohr, der an seine Seite zurückgekehrt war.»Szenen des Apsara-Tanzes«, ergänzte ein Esskaa, der hinter Ed stand und ihm seinen Atem ins Genick blies,»aus Kamm-bood-scha, capito?«

Wie alle war der Kambodschaner barfuß, und ähnlich wie die Blueser es taten, schwenkte er sein langes schwarzlockiges Haar, nur wirkte er dabei weniger verzweifelt. Sein Tanz war ein Tanz des Stolzes und der Sinnlichkeit. Noch mitten im Lied trat Kruso vor und wollte den Tänzer umarmen, der daraufhin für einen Moment das Gleichgewicht verlor und stolperte, direkt in die dampfende Schar der Esskaas, die seinen kleinen schmalen Körper auffingen und augenblicklich in die Luft stemmten, wie einen Sieger. Begeisterter Beifall, auch von Ed. Die großen weißen Zähne des kleinen Kambodschaners blitzten über ihren Köpfen. Bis Kruso ein Zeichen gab und seine Lesung begann, in schleppenden Rhythmen und mit der ganzen unfassbaren Spannung, die seinem kräftigen, breitschultrigen Körper innewohnte. Das Buch trug den Titel Die Nacht aus Blei; es war dieselbe bleierne Dunkelheit, die sich in diesen Minuten über den Versammlungsplatz senkte.

Krusos Stimme, Krusos Ton.

Die Hypnose dauerte noch an, als er das Buch längst wieder geschlossen hatte. Vorsichtig und leise rauschte das Meer:»Du kannst meinen Ton übernehmen. «Eine Zeile wie aus dem Jenseits. Dem Rauschen wuchs ein Kern, und augenblicklich entstanden Ordnung und Disziplin. Eds Herz pumpte Blut, seine Augen glänzten, er trat ein ins Stadium der Verheißung.

Kruso zog ein kleines Bündel Zettel aus der Tasche, dass er Ed in die Hand gab.»Das Programm zum Tag der Insel. «Er brauchte kaum die Stimme zu heben, so still war es geworden. Und als wäre das schon immer seine Aufgabe gewesen, verteilte Ed die handgeschriebenen Blättchen unter den Esskaas.

«Was solln schon sein, wer iss uns prophezeit?«, krächzte der Sänger, und erneut setzte die Band ein. Das Lied schien bekannt.»Die Tau-fe, die Tau-fe, die Tau-oau-oau-fe!«, wurde gerufen, erst vereinzelt, dann im Chor, woraufhin der Sänger den Blechkarren (die Maschine) in die Mitte des Platzes schob:

«Ju-gend voran, Ju-gend pack an,

brich dir sel-ber die Baa-haahan,