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kein Zwang und kein Drill, der eigene Will,

bestimme dein Leben fortaa-haahan …«

Ed erschauerte. Eine Weile dauerte es, bis sich jemand bereitfand. Ed sah, wie ein Mädchen ihn zurückzuhalten versuchte, aber der Lederhosen-Krächzer legte dem Opfer (Ed dachte Opfer) augenblicklich seine Hand auf die Schulter, und damit war es besiegelt.

«Ju-gend voran, Ju-gend voran,

blicke frei in das Licht,

das dir niemals gebricht …«

Die Band begann einen furios hämmernden Rhythmus zu spielen. Bereitwillig ließ sich das Opfer, das nicht mehr als eine Badehose trug, von Helfern auf die Maschine binden, die Arme nach hinten gebogen. Die Beine wurden über Kreuz mit einem Gürtel an die Deichsel geschnallt. Abschließend schob ihm jener Esskaa, der die ganze Zeit als eine Art Assistent bereitstand und nur mit einem Schurz bekleidet war (wie ein Azteke oder Arbeiter der Antike hatte er das Tuch fest zwischen die Beine geschlungen, das Geschlecht wie nach oben gezogen und zu einem unförmigen Etwas gepresst), einen Schlauch in den Mund, an dessen Ende ein kleiner roter Blechtrichter glänzte. Langsam ging er damit im Kreis umher.

«Milde Spende, milde Spende«, murmelte er, worauf die Umstehenden die Hälse ihrer Flaschen neigten; er selbst gab jeweils einen Schluck Sekt hinzu.»Langsam, langsam, ihr Freunde«, mahnte der Schurzträger, nach jeder Spende reckte er den Trichter zu einer Art Siegeszeichen in die Luft.

Währenddessen wurde die Karre mit dem Mann von vier anderen Esskaas angehoben und fallengelassen, in einem schnellen, wie abgemessenen Rhythmus. Trotz des sandigen Untergrunds sprang das Gefährt mit seinen großen Rädern und den dünnen Fahrradreifen nach jedem Aufprall hoch in die Luft. Die Freundin des Opfers wimmerte und kicherte abwechselnd, sie schien betrunken zu sein. Ed hatte den Mann inzwischen erkannt, er war Abwäscher im Norderende, jener Esskaa, der ihm an seinem allerersten Tag auf der Insel das Wort Crusoe wie einen Kassiber hinterhergeflüstert hatte.

Lange blieb die Maschine nicht in Betrieb. Mit großer Prozession wurde der Abwäscher hinunter ans Ufer gekarrt. Ed spürte, wie sich sein Magen zusammenschnürte.

So weit, wie es die Zeremonie offensichtlich gebot, schob man den Wagen ins Meer — Gejohle, Schaumkronen, der Körper des Abwäschers war bereits nass und schimmerte dunkel, als das Gefährt auf einen Stein stieß und kippte.

Mit jeder neuen Welle geriet jetzt der Kopf des Mannes unter Wasser; die Esskaas, die an der Deichsel gewesen waren, konnten sich kaum noch halten vor Lachen. Der Abwäscher schien ebenfalls zu lachen, lauthals, oder er brüllte um Hilfe, im Rauschen der Brandung war das nicht zu unterscheiden. In seinem Übermut begann der Schurzträger, den restlichen Sekt in die Gischt zu kippen,»Jugend voran, Jugend voraa-haaahn …«

Mit zwei, drei Sprüngen, jedenfalls schneller als Ed oder irgendwer begreifen konnte, was geschah, hatte Kruso den Strand überquert. Mit der flachen Hand schlug er dem Schurzträger so kräftig ins Gesicht, dass dieser sofort hinschlug und dumm liegen blieb. Dann packte er die Karre, aber ihr Gestell war schon eingesunken in den Sand. Ein paar der Esskaas, die gerade noch gelacht hatten, sprangen ihm bei; sie griffen in die seitlich herunterhängenden Fesseln und Riemen.»Nie-mand, nie-mand …«, brüllte Kruso und gab damit den Rhythmus vor.

«So hast du es dir sicher nicht vorgestellt, dein Leben auf der Insel?«

«Vieles hat sich verändert«, entgegnete Ed.

Wahrscheinlich hatte Kruso ihn bereits am Schritt erkannt. Oder er war einfach sicher, dass es Ed sein musste, der ihm nacheilte. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander. Sein mutiger Freund wirkte vollkommen ruhig. Er hatte das Buch in der Hand, und Ed fragte sich, wo es die ganze Zeit gewesen sein konnte.

Ein salziger Sprühnebel flog ihnen ins Gesicht; auf den Steinen am Ufer glänzte das Mondlicht. Ein paar Sätze kreisten in Eds Kopf, plötzlich hatte er ein gutes Gefühl. Aber noch ehe er über C. (und vielleicht sogar G.) sprechen konnte, begann Kruso mit seiner Erklärung.

«Sie nennen es das Slamern. Wenn die Maschine auf den Boden knallt, explodiert das Gemisch — Schnaps und Sekt, geht direkt in den Schädel, ist wie ein Schuss in eine andere Welt. Man braucht nicht besonders viel Alkohol dazu, die Wirkung liegt in der Physik, nicht in der Chemie, verstehst du, Ed?«

«Ich war noch nie gut in Physik«, erwiderte Ed, beschämt von der Innigkeit seines Wunsches, mit Kruso zu reden.

«Früher nannten sie es den Gottesdienst. Sie machen es einmal in der Woche. Irgendwie endet die Sache immer im Wasser. Es geht ihnen ums Meer, das sie verehren, anbeten und so weiter. Primitiv, aber verständlich. Ihrem alten Sänger ging es beim Slamern noch um Schaltvorgänge, Schaltkreise im Kopf, bewusstseinserweiternde Gehirnprogrammierung und solche Dinge, aber er ist ausgereist, letztes Jahr. Seitdem ist die Sache heruntergekommen. Sogar der buddhistische Baum …«

«Der buddhistische Baum?«

«Ja. Ein Baum mit hundert Armen, Ästen genau genommen. Ein unvergleichlicher, großartiger Baum. Manche sagen auch Traumzauberbaum. Er steht am Capriweg, unmittelbar an der Küste. Sie benutzen ihn für ihr Aufnahmeritual. Dann sitzen sie dort oben — sie trinken und warten, wer zuerst herunterfällt. Fast jeder wird aufgefangen, nichts passiert. Es heißt, der Baum bringt jedem Glück, der es nötig hat. Aber ich möchte dir wirklich abraten, Ed. Du brauchst das nicht, sie kennen dich inzwischen, und sie akzeptieren dich.«

Krusos Fürsorge. Ed war gerührt.

«Vieles hat sich verändert«, begann er noch einmal.

«Du hast recht. Wir kommen immer seltener zu den Gedichten, nicht wahr?«

«Unser Heiliges!«

Eds Antwort kam zu schnell. Eine irrsinnige Mischung aus Auflehnung und Zuneigung.

«Ich weiß, warum du hier bist, Ed.«

Ed schwieg. Dann verschleierte sich sein Blick, er war einfach übermüdet. Die schlaflosen Nächte hatten ihn dünnhäutig gemacht; aber der Wind trocknete die Augen, und das Sprechen begann wie von selbst.

«Das Foto deiner Schwester, Losch. Es erinnert mich an G., meine Freundin, die überfahren wurde, von der Straßenbahn, vor einem Jahr. Ich weiß, das ist verrückt, aber manchmal kommt es mir so vor, als hätten wir denselben Menschen verloren.«

Kruso erstarrte, soweit das im Gehen an einem Strand voller Steine möglich war.

«Du bist kein Schiffbrüchiger, Ed.«

«Nicht?«

«Nein. Zwei Nächte vor deiner Ankunft habe ich geträumt, dass du kommst. Ich habe dich kommen sehen. Wie schon geschrieben steht: Dass jetzt die Zeit sei, mir einen Diener und ihm zugleich einen hilfreichen Freund zu verschaffen. «Kruso drehte sein Gesicht in den Wind und legte eine Hand auf Eds Schulter. Er lachte leise, aber vielleicht hatte Ed sich verhört, und es war ein Seufzen oder gar nichts gewesen.

«Das ist nur Defoe, Ed, keine Angst. Für Robinson ist Freitag der Lotse, jedenfalls träumt er ihn so. Ein Lotse, der ihm hilft, herunterzukommen von seiner Insel, von seinem Unglück. Im Traum ist es Freitag, der ihm zeigt, welche Orte er meiden muss, um nicht gefressen zu werden, wohin er sich wagen darf und wohin nicht, oder wie er sich Lebensmittel beschaffen kann …«

«Aber die Geschichte verläuft anders. Das Buch erzählt, wie Crusoe Freitag rettet, sie erzählt komplett das Gegenteil.«

«Bist du sicher?«

«Vielleicht hast du mich gesehen, bei meiner Ankunft, im Hafen?«

«Nein Ed, nur geträumt. Anfangs hatte ich natürlich Zweifel. Aber die Gedichte haben alles bestätigt.«

Ed bemühte sich, so zu gehen, dass die Hand seines Freundes nicht von seiner Schulter rutschen konnte. Er dachte daran, dass es unmöglich war, von einem Fenster des Klausners aus hinunter auf den Strand zu blicken. Er hatte es erst vor ein paar Tagen bemerkt. Bis dahin musste er blind gewesen sein. Und er musste fantasiert haben, als er am Tag der Vergabe den Strand und die Kaserne gesehen hatte, durch Krusos Fernglas, unter Krusos Hand.