Sein Freund ging an der zur Küste gelegenen Seite, wodurch er noch größer wurde. Mit einer einfachen Drehung hätte Ed seinen Kopf an Krusos Brust legen können. Er bemerkte, dass auch Kruso versuchte, eine Art Gleichschritt zu halten, was schwierig war auf dem abschüssigen Strand. Eds Schuhe (Speiches Tramper, genau genommen, seit einigen Tagen trug er sie) waren längst durchnässt, weil er, statt auszuweichen, einige der sanft anrollenden Wellenränder geradewegs durchquert hatte.
Kruso sah ihn an.
Oder er sah an ihm vorbei, zu den Lichtern des Patrouillenboots, das sie in diesem Moment überholte.
Oder er sah zu den winzigen Lichtpunkten noch weiter draußen, in der Fahrrinne der Hochseeschiffe und Schwedenfähren, die vorüberzogen, so langsam wie Jahre. Ed spürte, wie sich die Hand auf seiner Schulter verkrampfte. Er drehte den Kopf, und im selben Moment hatte er Krusos Lippen im Gesicht.
Kobold-Marén
… still, so still, als lauschte nun allein das Haus ins Rauschen, von Kiefern angestimmt und von der Brandung aufgenommen, leise, verhalten, thematisch fortgeführt und variiert von den Becken aus Stein und verstärkt von denen aus Stahl, die unter dem fallenden Wasser wie Trommeln ertönten mit ihrem dunklen Gedröhn, jenes häusliche Geräusch, das Ed einsponn in Wohlsein und Behagen, weil es war wie einmal daheim; das dumpf in die Wanne stürzende Wasser und das Summen des Durchlauferhitzers, gehört von der Stube oder vom Kinderzimmer, Freitag 18 Uhr, tief im Rauschen.
Aber das war nicht der Badetag seiner Kindheit, jener schönste Abend in der Woche, es war einfach: diese Nacht. Angekündigt von den Trommeln der Waschung, denen die Schritte auf der Treppe folgten, selten ein Flüstern, nur leises feines Klappen von Türen, jeder kannte seinen Weg, und auch das zählte für Ed zu den Rätseln. Erst dann, nach und nach, tauchte Viola wieder auf, das» Konzert am Abend«, später die Stimme des Nachrichtensprechers, die in der Nacht anders beschaffen war als am Tag, da sie nun auch gegen den Schlaf und die Dunkelheit ansprechen musste, wozu der Mann im Nachrichtenstudio bestimmte Worte hervorhob und andere fast vollständig fallen ließ, dazwischen lange Pausen und die Geräusche von Papier, das umgeblättert wurde, vor und zurück, als ringe der Sprecher verzweifelt um den nächsten Satz oder wählte ihn erst in diesem Moment; ja, er ist allein in dieser Nacht, allein mit seiner Stimme, dachte Ed. Er dachte an C., und er dachte ich will, und er wusste, wie er es machen würde, und auch was dann und dann und dann.
Noch einmal trat er zur Tür und lauschte.
Den Nachrichten folgte das» Nachtradio«. Ein neuer Bericht über Flüchtlinge in Ungarn, tägliche Fluchten über die Grenze, bestimmte Worte wiederholten sich in einem fort, oder es waren nur die, die von den Schwankungen Violas besonders hervorgehoben wurden, die Botschaft, der Sondergesandte, hygienische Bedingungen. Ed zündete eine Kerze an, blies die Flamme aus und fluchte; seine Lippen hatten das Streichholz berührt.»Auf der Ostseite eines nahezu ortsfesten Hochs über dem Ostatlantik fließt mit einer nordwestlichen Strömung kühle Meeresluft nach Deutschland, darin eingelagerte Störungen gestalten das Wetter in den nächsten Tagen unbeständig. «Ed wurde übel. Viola liebte den Wetterbericht, der einzige Beitrag, den sie Satz für Satz aus dem Äther fischte.
Die Tür öffnete sich, fremd und leise. Im Flackern der Kerze glitt der Giebel seines Zimmers in die Tiefe, aber immer rutschte neue, fleckige Wand von oben nach, erst langsam, dann schneller. Hastig flog Eds Hand über den Schalter der Lampe.
«Wer bist du?«
«Ich bin Marén.«
Sie war klein; sie hatte kurzes, gelocktes Haar und das Gesicht eines Kobolds.
«Marén. Du hast dich in der Tür geirrt.«
«Ich glaube nicht. «Sie blickte zu Boden, dann aber doch zu Ed hin oder über ihn hinweg, zum Fenster, als wüsste sie schon, dass das der schwierigste Moment war.
«Wo ist C.?«, fragte Ed.
Er bildete sich den Kobold nur ein, und er hoffte, dass C. noch erscheinen oder sich plötzlich herausschälen würde aus seiner winzigen Gestalt.
Das Gesicht des Mädchens hellte sich auf.»Ja, am Nachmittag war sie noch da, im Wald, aber nicht mehr am Abend, zur Suppe. Sie war schon sehr lange bei uns im Quartier, ich glaube, länger als wir alle, ihre Zeit ist wohl abgelaufen.«
Gleitend wie im Traum wechselte Kobold-Marén auf sein Bett. Als handele sie in Übereinstimmung mit irgendeinem höheren Gesetz, an das auch Ed sich noch erinnern würde, früher oder später. Ebenso fließend und vorsichtig begann sie, ihr Kleid abzustreifen, wobei sie es vermied, ihn anzusehen.
«Und du bist Edgar, nicht wahr?«
Ed marschierte. Er spürte es auf den Armen, der Brust, überall auf der Haut — etwas wollte explodieren. Die Begierde war jetzt außen, und er marschierte geradewegs durch ihren wund leuchtenden Raum, so wund und empfindlich, dass alles schmerzte, was er berührte und alles, was er nicht berührte. Das Unterholz schlug ihm ins Gesicht. Geäst, das unter seinen Füßen zerbrach, der Wald roch faulig.
Zu dunkel, aber er konnte den Schlaf empfinden, von dem die Talsohle angefüllt war. Er trat näher und erkannte die Umrisse der Schläfer, den Schimmer einer Plastikplane, Schlafsäcke, Atemgeräusche, ein Zucken im Traum. Lebendig begraben, dachte Ed, und plötzlich erfasste ihn das Bild des Massengrabs. Wie unter Zwang machte Ed einen weiteren Schritt, als ihn jemand von hinten packte und zu Boden zog. Ed schmeckte Kruso. Krusos Creme, Krusos Hand in seinem Gesicht.
In der Senke blitzte der Kegel einer winzigen Lampe auf und erlosch. Ed stöhnte leise, und Kruso gab seinen Mund frei.
«Wo ist C.?«
«Dachtest du, sie kann ewig bleiben?«
«Ich will nur wissen, wo sie ist.«
«Sei nicht kindisch, Ed.«
«Und der Kobold soll verschwinden aus meinem Zimmer.«
«Dein Zimmer? Wofür hältst du dich? Das ist ein Zimmer des Klausners, eine seiner kostbarsten Kajüten, vergiss das nie. C. hatte fünf Tage, mehr als jeder hier, das scheint dir entgangen zu sein. Was glaubst du, wer sich dafür eingesetzt hat?«
«Ich will …«
«Ja, Ed, du willst. Und ja, ich muss sagen, wir waren überrascht, nach allem, was wir verstanden hatten von dir. Keine Vergaben an Edgar, so lautete die Weisung.«
«Man wählt seinen Schiffbrüchigen selbst, hast du gesagt.«
«Sicher, Ed. Beim ersten Mal.«
Kruso deutete auf das Grab der Schläfer.»Die Vergabe braucht Kriterien, sie braucht Gerechtigkeit und Disziplin, sonst macht es keinen Sinn, verstehst du? Freiheit und Ordnung schlagen immer wieder ineinander über auf unserem Weg. Vergiss nie, wie du selbst aufgenommen wurdest. Du hast hier deine Höhle gefunden. Du hast lange genug nur an dich gedacht.«
Ed schnürte es die Kehle zu. Er wollte sich auf Kruso stürzen und schämte sich sogleich dafür. Er konnte kaum atmen. Kein bester Freund mehr — von einer Sekunde auf die andere. Nur ein Geduldeter. Weniger als das.
«Natürlich steht es dir frei, zu gehen, jederzeit. Ich kann dich nicht hindern.«
In den Augen seines Freundes hatte Ed versagt; dabei hatte er immer alles getan, er war ein guter Gefährte gewesen, der beste. Es war, als hätte ihm Kruso das alles entrissen, mit einem einzigen Satz.
«Du hast mich geträumt.«
«Und jetzt bist du ein Teil des Klausners, ist das etwa kein Traum?«
Im Hof war es still. Kein Licht mehr im Abwasch, nur die kleine lila Neonröhre im Tresenregal. Sie saßen am Kellnertisch unter dem Fenster. Kruso kippte Kirsch-Whisky in eine Kaffeetasse. Er hatte einen Arm um Eds Schultern gelegt und ihn langsam, wie einen Verletzten, in den Klausner zurückgeführt. Ed zitterte und schlug mit den Zähnen ans Porzellan. Als reagiere sein Körper in diesem Moment auf den Entzug. Der Irrsinn flackerte noch in seinen Augen, aber sein Zorn war verraucht. Er atmete in kleinen Stößen in seine Tasse hinein. Als wäre es nur darum gegangen, Losch zu finden. Immer nur darum. Nicht C. Und auch nicht G.