Abends blieb Ed jetzt lange am Strand, um ein paar von den Dingen, die ihm nachts widerfuhren, in die Höhle seines Fuchses zu sprechen — sein Herz auszuschütten, wie man so sagt. Vor Sonnenuntergang machte er nervöse, hastige Spaziergänge durch das Hügelland und den Hochlandwald. Stundenlang geisterte er kreuz und quer unter dem Lichtarm des Leuchtturms umher und hoffte, niemandem zu begegnen.
Nicht die Schiffbrüchigen, nein, er war es, der sich erniedrigte. Er fühlte Abscheu und hatte Tränen in den Augen. Er nahm das Foto Sonjas zur Hand, um sich an G. zu erinnern (wie er es inzwischen öfter tat), aber was er empfand, war pures Verlangen. Plötzlich schien G. ihm wieder ganz zu entgleiten. Er verglich es mit dem Geruch einer lange entbehrten Nahrung, und er war hungrig, vollkommen ausgehungert, oder mehr als das: Er war süchtig danach. Seine Abstinenz schlug um, selbst sein Schmerz war von Lust durchdrungen. Es war eine Art Leiden, auf dessen Rückseite ein unbegreifliches Frohlocken seine obszönen, gierigen Lieder anstimmte.
Um 22 Uhr die Fahrradstreife. Das nicht enden wollende Scheppern (wie höhnischer, künstlicher Beifall), mit dem die zwei Soldaten auf ihren Rädern den Panzerplattenweg hinunterrollten in den Ort. Das Geräusch ihres Gesprächs im Wind, das sanfte Blinken der Maschinengewehre im letzten Licht des Tages. Auf diesem Weg würde das Postenpaar die ganze Insel durchqueren, bis zum Hassenort, einer ins Meer ragenden Strandspitze, auf der ein Wachturm errichtet worden war, ausgerüstet mit allerbester Technik, so Kruso. Ferngläser, die es erlaubten, jedes einzelne Schamhaar am Strand zu entziffern — und jeden Flüchtling, drei Seemeilen weit. Dazu ein leichtes Maschinengewehr und» Munition, die für uns alle reicht«, wie Kruso es ausgedrückt hatte.
Ed presste seine Schulterblätter gegen den Sockel des Leuchtturms. Die Lichter von Rügen, so nah, als könne man mit wenigen Schritten hinüberwaten, ans Fenster klopfen und sagen: Ich bin da. Er fühlte die alte Sehnsucht nach einer Behausung, einer Höhle für seine einigermaßen unbegreifliche Verlorenheit. Von Insel zu Insel, immer weiter, weiter … Ed lauschte auf die Stimme, die das gesagt hatte, und wollte fragen, ob damit das ganze Leben gemeint sei.
Der sonnenwarme Stein in seinem Rücken. Zuerst war es ein Schaudern; er konnte seine Haarwurzeln spüren. Dann ein sanfter, nichts als angenehmer Druck; er begann unter den Augenlidern und zog von dort bis ins Mark.
Es war in ihm, es war da.
Grit
Alle tun nur so, dachte Ed. Er spreizte die Beine, um tiefer zu stehen. Er musste sich weit nach vorn beugen, abstützen und sein Glied nach unten biegen, damit ein Winkel entstand, bei dem er nicht hinausschoss über das Becken, den Klausner, ins Weltall.
Es war ein Reflex, primitiv und gewaltig. Eine Art Kannibalismus, dachte Ed. Seit C.s Verschwinden (C., die Unbeschwerte, Tanzende, Fröhliche, die Nummer 1 in seiner Reihe) schlingerte er im Mahlstrom der Begierde. Es gab Ausdrücke dafür.»Das Hirn aus dem Kopf vögeln «zum Beispiel, eine der seltenen Bildunterschriften, darüber die Zeichnung, in die graugrüne Ölfarbe des Spülkastens geritzt. Ein wirres Gekritzel, über allem ein herzhaft lachender Schwanz, übersät von abgeplatzten Pigmenten. Wer weiß, aus welcher Saison, dachte Ed und hatte die Fotos vor Augen. Er dachte an die 68er Besatzung im Moment der Fotografie, alle Frauen und Männer den Hals einer Flasche an den Lippen; alle taten nur so.
Es war schmerzhaft.
Es sah behindert aus.
Er hob den Kopf (so gut es ging) und betrachtete die Zeichnung. Vielleicht hatte Rimbaud sie angefertigt.»Das Hirn aus dem Kopf«— vielleicht war das sogar ein Zitat von Artaud. Das grinsende Glied, das ihm jetzt unmittelbar vor Augen stand, wirkte lebendiger als der Ast zwischen seinen Beinen; es trug höhnische Züge, und Ed spürte die alte Unterlegenheit. Als wäre C. nur ein Phantom und das Lachen nie auf seiner Seite gewesen. Als säße er noch immer auf dem Baum der Wahrheit, inmitten eines abgebrannten Waldstücks, einer verkohlten Lichtung, ein vierzehnjähriger Junge, der vor den Ohren seines Freundes Hagen leise von» bumsen «spricht (die Lippen Claudia Cardinales und Hagen, der sagt:»Da bekomme ich gleich einen Steifen«, und Ed, der leise erwidert,»Ja, man möchte sie gleich bumsen«, vielleicht hatte er es in diesem Moment das erste Mal gesagt, das erste Mal ernsthaft mit jemandem darüber gesprochen), jenes warme, weiche, wahrscheinlich thüringische Wort dafür, während» ficken «und» vögeln «unfassbar blieben, jenseits, bei den Ausdrücken einer unverstellten, schonungslosen Welt, einer Welt, in der es zur Sache ging, wie es hieß, und der er wahrscheinlich nie gewachsen sein würde.
Das stürzende Geräusch der Spülung im Rücken (schamlos, endlos) und der Weg zurück durch den Flur. Krusos Tür, Koch-Mikes Tür, die Tür seines Nachbarn Cavallo, von dem nur selten, fast nie etwas zu hören war.
Vorsichtig öffnete Ed sein Zimmer. Ein Luftzug und zugleich eine Bewegung im Raum.
«Mein Name ist Grit.«
Der Palasthotelgeruch. Er konnte die Feuchte ihrer Haare riechen, und mit nassen Haaren tastete sie sich ihm entgegen und streckte ihre Hand aus, so, wie sie es einmal und für immer gelernt hatte. Ed musste die Hand suchen, und als er sie fand, war sie sehr klein, kleiner als Grits Geruch.
«Hallo.«
Sehr leise erklärte Grit, sie wolle sich jetzt auf den Boden legen, was Ed nicht erlaubte. Sie war aufgeregt, sie wirkte ängstlich und begann sofort zu sprechen.
«Danke, dass du mich aufgenommen hast, ich meine Kruso, ich meine, Kruso sagt, wir alle hier sind … Schicksalsgefährten, aber ich bin das erste Mal auf der Insel und …«
«Hallo. Mein Name ist Edgar.«
«Ich weiß. Kruso hat mir deinen Namen genannt, und er hat mir alles sehr gut beschrieben, wie ich in den Abwasch finde, welches Becken, welches Zimmer …«
Sie tauschten sich aus.
Ihr Flüstern war wie ein Rascheln aus einer noch unbekannten Ecke seines Zimmers. Auch die Nächte galten als Möglichkeit, sich zu vergewissern, so viel hatte Ed inzwischen begriffen von dem, was die Schiffbrüchigen ihm zu verstehen gaben, säuselnd, leise, oft nur in Halbsätzen und kaum fassbar. Ihre Erlebnisse am Tag, ihre Ausbildung am Strand und die unvergleichliche, einschneidende Wirkung der Insel — genauso, wie Kruso es ihnen vorhergesagt hatte.
Ja, Kruso sei sein Freund.
Ja, ein richtiger, ein enger Freund. Freund und Meister.
Sie lachten ein wenig. So redete Ed das erste Mal. Er konnte seiner Bewunderung Ausdruck verleihen, ungeschmälert, ohne Scham. Er gab seine Verehrung zu. In Grit fand er ein Echo. Oder er war das Echo. Grit nahm ihn viel ernster, als er sich selbst je genommen hatte — als Abwäscher des Klausners. An Grit begriff Ed seine Rolle; er war ein Mitglied der legendären Arche Kruso, die Grit aufgenommen hatte. Für Grit war Ed ein Beweis, ein Exempel, an dem, wer nur wollte, erfahren konnte, wie die Freiheit aussah.
Grit berichtete, was der Meister ihnen erklärt hatte am Strand. Ed war, als hätte er seinen Freund schon lange Zeit nicht mehr gesehen, und als wäre er nun, mit Grit, zurückgekehrt in sein Zimmer, auf seinen angestammten Platz, am Kopfende des Bettes …
«Er sagt, wir, ich meine wir hier«(sie berührte ihn an der Brust und vielleicht auch sich selbst irgendwo),»bilden die kleinste Zelle. Das sei die erste und manchmal auch die einzige Möglichkeit, jedenfalls für den Anfang, die Möglichkeit unmittelbarer Gemeinschaft, die an Stelle der deformierten Verhältnisse tritt. Er sagt, die Freiheit sei eigentlich immer schon da, in uns, wie ein tiefes Erbe. Er sagt, heutzutage sei es besonders schwierig, dieses Erbe anzutreten. Und im Grunde fast zu viel verlangt. Aber hier auf der Insel wäre es möglich, hier am Meer, und wer sich nicht fürchtet, der spürt ihren innersten Herzschlag …«