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Sie redete immer weiter.

Er hatte sie darum gebeten.

Niemand, der das Licht einschaltet.

Erleuchtete brauchen kein Licht. Nur Finsterlinge.

Ob sie das Gesagte noch einmal wiederholen könnte? Sie tat es, ohne zu zögern, als wäre das nichts anderes als eine weitere kostbare Gelegenheit, Lehre anzunehmen.

Und plötzlich gehörte alles zusammen. Ed begann Losch zu begreifen. Zuerst die Schultern, dann die Hüften. Er schob sie ein wenig zur Seite, sanft, dann mit Kraft und Bestimmtheit. Sie lag jetzt auf dem Bauch. Er hielt sie an der Taille, wie eine Vase. Er wartete und lauschte. Er schloss die Augen und bedeckte sie mit seinem Körper. Sie redete noch, während er in ihr war. Es war, als spräche er ihr nach, in diesem Ton, mit diesen Worten.

«Bitte noch einmal, noch-ein-mal …«

«Ja«, flüsterte Grit,»ja.«

Als die fremde, auf unbegreifliche Weise vertraute Grit nur noch die tiefen Atemzüge ihres Schlafs von sich gab (die Arme hatte sie vor der Brust verschränkt), tappte Ed nach unten in den Keller und nahm seinen Platz vor dem Ofen ein. Langsam schraubte er die Ofenklappe auf und betrachtete die Überbleibsel. Schlacke, Erde, Aschekrusten in komplizierten geometrischen Formen. Inmitten ein blaugraues Häufchen voller rostiger, teils handgeschmiedeter Nägel oder Nieten, aus dem Treibholz gebrannt, Reste von Schiffen, die sonst wohin hatten segeln wollen und am Ende vielleicht in einem Krieg oder Sturm gelandet waren … Sein Gesicht wurde warm. Die Augen fielen ihm zu, der offene Ofen wärmte durch bis auf den Grund seiner Augenhöhlen. Für einen glasklaren, niemals wiederkehrenden Moment war ihm so, als kenne er alle Schicksale des Landes. Ihre Anzahl war begrenzt, fünf oder sechs Schicksalstypen, sein eigenes darunter.

Dostojewski

Wenn Ed vom Meer in den Abwasch zurückkam, sangen ihm die Ohren. Es ähnelte einer kleinen Sirene, direkt im Kopf, aber er blieb ruhig und nahm seine Arbeit wieder auf; er machte ein paar Gegengeräusche mit Tellern und Besteck, und nach einer Weile ließ es nach.

Noch mehr als Pfannen hasste Ed die großen Schöpfkellen. Er hätte nicht sagen können, warum, aber inzwischen war es eine ausgewachsene Feindschaft. Verächtlich schleuderte er sie ins Becken und stieß mit der Faust in ihren öden Löffel, hektisch, viel zu ungestüm und ohne genauer hinzusehen. In der Regel war es nur eine Frage der Zeit, bis es der Kelle unter Ausnutzung ihrer ganzen Heimtücke (und des Hebelgesetzes) gelang, Ed den meterlangen Aluminiumstiel mit dem kleinen hässlichen Haken ins Gesicht zu schlagen. Wie ein prähistorisches, schon vor Jahrhunderten für ausgestorben erklärtes Reptil schoss die Kelle aus dem dünn mit fettiger Schaumhaut bedeckten Waschwasser hervor und spritzte ihm ätzende Brühe in die Augen. Blind fluchend, fuchtelte Ed mit den Händen durch die Luft — gleichzeitig traf ihn der Schlag.

«Das dumme Schwein!«, brüllte Ed. Es war eine Kränkung ohnegleichen.

Oft waren die Außenseiten der Schöpflöffel geschwärzt, als hätte man sie direkt ins Feuer gehalten, um irgendeinen Sud zu brauen, eines von Krusos magischen Giften vielleicht für die heilige Suppe — »verdammter Schamane«, brabbelte Ed und schrubbte auf dem Aluminium herum.

Inzwischen war es wieder wärmer und die Luft im Abwasch schwerer und stickiger geworden. Ein scharfer Dunst stieg auf aus dem Becken, in dem seine Hände wühlten, das Spülmittel brachte seine Schleimhäute zum Glühen.»Verdammter Schamane, verdammte Nachtgestalten hier …«Ed hatte Angst, im Nebel der Ausdünstungen das Bewusstsein zu verlieren. Seit sein Zimmer zu Krusos Verteiler gehörte, war er wie betäubt von Müdigkeit.»Schöpfung, Schöpflöffel, Erschöpfung«, summte es in seinem Schädel, halblaut fluchte Ed vor sich hin, es gärte und ätzte in ihm, er wurde fordernd und böse, eine Auseinandersetzung, die längst fällig war:»Was für verdammte Kräuter, Losch, und überhaupt, wozu diese stinkende Suppe, wozu diese römischen Gespenster im Abwasch …«Unter den Eingebungen des Spülmittels und gezeichnet vom Abdruck des kleinen hässlichen Hakens an seiner Schläfe (die Kelle, das Schwein, hatte Ed ihren Stempel aufgedrückt), verkündete er Kruso, dass er am Ende sei, und zwar absolut. Bewusstlos starrte Ed in sein Becken. Ein Teller trudelte zu Boden, und für einen Moment sah er C. als eine Art Geschirr — rund, glänzend, er sah ihre Stirn und seinen Schaum darauf, ein helles feuchtes Etwas, das ihr ins Haar und in die Augen lief und abgewischt werden musste.

Nach Dienstschluss konnte es Stunden dauern, bis sich der Schwindel legte.

Ed fragte sich, wie es die anderen machten, Chris oder Cavallo, wie sie es schafften, ungerührt am Frühstückstisch zu sitzen, während er dumpf und hohläugig auf sein Marmeladenbrötchen starrte oder versuchte, einen Blick von Kruso zu erhaschen; nur mit Mühe widerstand Ed der Verlockung, seinen Kopf auf den Personaltisch zu legen. Im Grunde konnte es nur eine Erklärung geben: Sie schliefen. Sie waren das alles längst gewöhnt, Krusos System. Abgesehen von Rolf war Ed der Jüngste im Klausner, kein Grünschnabel mehr, aber ein Anfänger, und zwar in jeder Hinsicht. Seine sexuellen Erfahrungen waren beschränkt, und ja, eher oberflächlich, wie er zugeben musste. C. war die Ausnahme gewesen, ein Anfang, ein Absturz.

Auf Dauer blieb Ed nicht allein mit seiner Erschöpfung. Die Hauptsaison forderte ihren Tribut. Bei der mittäglichen Hatz durch die schmale Einflugschneise zwischen Gastraum und Abwasch kam es jetzt immer öfter zu Zusammenstößen. Splitterndes Geschirr, spritzende Soßen, Schnitzel und Rouladen auf dem Boden. Dazu Flüche, Rempeleien, Ringkämpfe sogar, und am Ende ein einziges Geschrei. Dann war es das Tresenehepaar, das wie Mutter und Vater umhergehen und besänftigen musste. Tröstend und streng zugleich redeten sie auf Chris oder Cavallo ein und schwenkten, als handele es sich um eine Form der Hypnose, die kleinen Gläschen mit den bunten, hochprozentigen Flüssigkeiten. In der Sturmflut der Stoßzeit war die Betreuungsfunktion des Tresens unabdingbar, und tagtäglich wurde sie wichtiger.

Traditionell hatte jeder Kellner sein eigenes Glas. Diese Trinkgefäße mit dem schönen Namen Feierabendgläser standen in einem Extrafach des Tresens, das Rick mit» Privat «beschriftet hatte, blauer Kugelschreiber auf weißem Klebeband, sogenanntem Gänsehautband. Im Falle Rimbauds war es ein Becherglas mit schwerem Boden, der eine Luftblase einschloss; im Falle Cavallos ein kleiner Pokal, nur aus Pressglas, aber sauber geschliffen, und bei Chris die Nachbildung eines 0,5-Liter-Stiefels mit der Aufschrift» Glück auf Sulzbach-Rosenberg«, das Geschenk eines Touristen aus Bayern — für die persönliche Leidenschaft, mit der ein Ostdeutscher ihn bedient habe, so hatte es der Mann feierlich verkündet. Die Exotik des Ganzen war noch immer mit Händen zu greifen. Tatsächlich verirrten sich äußerst selten Gäste aus dem Westen auf die Insel, aus ihrer Sicht schien das östliche Eiland nicht weniger weit entfernt zu sein wie der Westen für die Esskaas, also unendlich weit. Womöglich lag genau darin begründet, dass niemand wirklich reagierte auf die Nachrichten Violas, in denen seit Tagen von Flüchtlingen Richtung Westen die Rede war. Ohne echte Bedeutung (und kaum glaubhaft) schienen diese Berichte, etwa im Vergleich zur Geschichte vom Stiefel aus Glück-auf-Sulzbach-Rosenberg.

Mit andauernder Saison wurde es immer öfter unumgänglich, bereits vor Feierabend etwas zu trinken, und schon Ende Juli war Schnaps zum Frühstück keine Seltenheit mehr. Ed hatte beobachtet, wie Rimbaud sich von Rick am Morgen sein Getränk in einer Kaffeetasse anrichten ließ, eine Dosis aus Korn und Pfeffi (Pfefferminzlikör), die Rimbaud» Wiesenpieper «nannte. Rick betrachtete es als seine Pflicht, die Lieblingsgetränke der Besatzung in ausreichender Menge vorzuhalten (er nannte es so), weshalb» Lindenblatt«(»Debrőier Lindenblatt«) zum Beispiel und Apfellikör (Monas Getränk) nur innerhalb der Besatzung ausgeschenkt wurden — »ist Deputatware«, erklärte Rick. Der Verbrauch wurde angeschrieben und monatlich vom Lohn abgezogen; oft hielten sich Verdienst und Verzehr gerade die Waage. Koch-Mike trank eine Mischung aus Kiwi (Kirsch-Whisky) und Korn, ab und zu auch SU-Sekt mit Ananas aus der Büchse. René und Cavallo tranken Kiwi mit Kali (Kaffeelikör), der Eisverkäufer ab und zu auch» Rosenthaler Kadarka«, Importwein aus Bulgarien, der allgemein begehrt war wegen seiner extremen Süße. Ed trank Kali pur oder» Wurzelpeter«, einen Kräuterschnaps, den er von seiner Armeezeit her kannte und der nicht leicht zu beschaffen war, aber Rick hatte seine Wahl mit Nachsicht aufgenommen. Karola trank» Gotano«(ein Wermut) oder Bierbowle, ihre eigene Spezialität. Ein Gebräu aus Mischobst, Weinbrand, Wein und Bier, das sie in 10-Liter-Eimern mixte und im Getränkekeller ziehen ließ. Die Bierbowle war stark nachgefragt. Neben dem Brausebier, das Rick» Potsdamer «nannte, gehörte sie zu den legendären Spezialitäten des Klausners und wurde alle drei Tage neu angesetzt. Krombach trank» Goldkrone«, einen Weinbrand, den Rick zu den Blindmachern zählte. Chris sah man öfter mit Eili (Eierlikör) im Schokoladenbecher. Rolf trank Cola-Wodka, eine Mischung, die in den Tanzsälen gerade in Mode gekommen war.»Stralsunder «tranken sie alle, das Bier war dünn, aber löschte den Durst.