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Trotz aller Schwierigkeiten ragte die Küche wie ein Fels aus der Brandung. Koch-Mike war ein König, und wenn der König brüllte in seinem Schweiß, durfte es kein Zaudern geben. Das Primat der Küche und die sanfte Befehlsgewalt des Tresens standen außer Frage. Allerdings gab es immer öfter Momente, in denen sich nicht nur René, sondern auch Cavallo oder Rimbaud herablassend und anmaßend verhielten, nur Chris tat das nie. Eine aus alten Zeiten überlieferte Hierarchie brach hervor, nach der ein Abwäscher ganz unten stand, meilenweit unter allem, ohnehin unter Küche und Tresen, insbesondere aber unterhalb der Kellnerschaft, auch wenn niemand von ihnen tatsächlich Kellner oder Abwäscher war, sondern Dozent der Philosophie, Doktor der Soziologie, Dichter der guten Gedichte, Künstler des Lebens auf steiler Küste oder, wie im Falle Eds, Student der Germanistik.

Aber war er das noch, eigentlich? Nein.

Und wollte er das eigentlich noch sein? Nein.

Und hielte er es überhaupt für denkbar, noch einmal in diese alte Form seines Daseins zurückzukehren?

Keine Antwort.

Und die anderen, was waren sie?

Ausgestiegen oder ausgestoßen? Legal und illegal zugleich, außerhalb der sogenannten Produktion (dem maschinellen Nervenzentrum der Gesellschaft), keine Helden der Arbeit und doch von Arbeit überspült (klang Gastronom nicht fast wie Kosmodrom, wie Weltall, Erde, Mensch?), nicht unnütz also, nicht parasitär jedenfalls, nur schon vollkommen jenseits, weit entfernt, den Kosmonauten aus den Kosmodromen ähnlich und allesamt dem nebelhaften Gestirn eines befreiten Lebens verschrieben, das sich spiegelte in ihren glänzenden Augen wie das Abbild der Erde auf den Helmen, wenn die Helden der Raumfahrt das Mutterschiff verlassen hatten für einen» Spaziergang im Weltall«, wie es hieß in den euphorischen Berichten … Ja, allesamt waren sie Helden, Helden der Saison, Helden dieses Lebens, alle gemeinsam und jeder für sich, mit dem Feierabendglas in der Hand:»Auf die Ächtung!«,»Auf die Geächteten!«,»Auf die Insel!«,»Auf Kruso!«,»Auf das Meer, das unendliche Meer!«Noch einmal füllte Rick die Gläser, Gläser der Verheißung, Gläser des Trotzes und Gläser des Eigensinns.

Tatsächlich hatte Ed von Esskaas gehört, die, wie es hieß, bereits veröffentlicht hatten, in Zeitschriften und Anthologien (welch Zauberklang in diesen Worten lag), selbsterkorene Dichter, sich selbst verfassende Schriftsteller gewissermaßen, die allgemeiner Bewunderung gewiss sein konnten, wenn sie abends am Strand eintrafen und über die Möglichkeit neuer Werke sprachen, so lebendig und groß, als könnten sie nur vom Meer selbst hervorgebracht werden, nur vom Meer und nur an diesem Ort.

Ed wurde langsamer und machte Fehler. Ihm fiel ein Stapel Teller aus der Hand, worauf René mit der Eiskelle zu trommeln begann und eine Art Tusch nachahmte. Kruso half ihm sofort mit den Scherben.»Es ist wichtig, dass wir alle erwischen. «Er sah die nackten Füße auf den Fliesen, die kommenden Füße, dachte Ed.

Ohne Pause rackerte sein Freund sich ab, bedachte Ed mit Worten und Blicken, scheinbar mühelos gelang es ihm anzuknüpfen an ihre Zeit mit den Gedichten, Streifzügen und einem nächtlichen Spaziergang am Strand. Worte und Blicke, als wisse Kruso durch Grit von Ed wie Ed durch Grit von Kruso wusste, wisse also alles von ihm, so ausgesprochen sanft und duldsam waren seine Augen — nein, Ed war nicht am Ende, nicht absolut.

Schlingernd hielt der Klausner seinen Kurs.

Alles was geschah, geschah nicht nur, jede Katastrophe war notwendiger Bestandteil des Gesamtablaufs. Als würde erst mit Hilfe der Zusammenstöße, der Flüche und Zitate (»Warum ziehen der Mond und der Mann zu zweit so bereit nach dem Meer«) die nötige Spannkraft erreicht, um die chaotische Maschinerie der Betriebsgaststätte hoch über dem Meer am Laufen zu halten. Wichtig sei nur, nicht abzudrehen, wie Rick es betonte, dessen Tresenweisheit in diesen Tagen von äußerster Bedeutung war.

Einmal erwischte es Rimbaud. Obwohl er es verzweifelt versuchte, gelang es ihm nicht mehr, sich aus seiner Rezitation zu lösen. Sein schiefer Blick und die animalische Verkrampftheit seiner Lippen, ein Ausdruck zum Erbarmen.

«Ruhm, wann kommst du?«

Zu spät der Versuch, den Kopf ihres klügsten Kellners ins kühle Wasser des Besteck-Beckens zu drücken. Heftig und herrisch deklamierend, befreite sich Rimbaud aus Krusos Griff und stürmte hinaus auf die Terrasse, den Arm voller Teller, die er sich im Vorbeiflug auflud, um sie den ahnungslosen und zu Tode erschrockenen Tagestouristen auf die Tische zu werfen. Dabei bleckte er seine breiten weißen Zähne unter dem Schnauzbart, stützte sich auf die Rückenlehne eines der Biergartenstühle, als stünde er vor großem Auditorium, sprach aber nicht zur Menge der wie immer in Unzahl versammelten Urlauber hin, sondern brüllte allein dem Gast, der genau dort, auf jenem Stuhl, Platz genommen hatte, ins Ohr:

«Ich weiß nicht warum …«(Pause, Zähne, zitternder Schnauzbart),

«aber es schien mir immer«(Zähne zur Menge, Zähne zum Hals),

«als wohne er gar nicht mit mir im Gefängnis.«(Biss)

Oder missglückter Biss, denn in diesem Moment hatten ihn Chris und Cavallo gepackt und weggezogen. Mehrmals fuhr sich Rimbaud mit den Zähnen über den Schnauzer, als wolle er ihn herunterreißen.»Dostojewski«, stöhnte Cavallo,»er ist jetzt bei Dostojewski …«

Am Nachmittag hatte Ed seinen Hass auf Schöpfkellen nahezu vergessen. Beim Kaffeegeschirr wurde alles leichter und luftiger, und zu Dienstende trank er Kali mit Cavallo. Die Arbeit war geschafft. Sie hockten auf dem Pausenplatz im Hof, und schweigend teilten sie den Balsam der Zufriedenheit. Irgendwann kam Koch-Mike hinzu und wälzte seinen Walrosskörper auf die Bank. Cavallo schenkte aus, niemand sprach, sie saßen sich auch nicht gegenüber, sondern in einer Reihe, wie unversehens gealterte Schüler in ihrer Schulbank, und starrten auf die Kiefern am Waldrand, die im Licht der frühen Abendsonne zu leuchten begonnen hatten. Es gab nichts Besseres.

Nach einer Weile wurde das Gelb der Kiefern dunkler und sickerte tiefer in die Rinden der Bäume, so lange, bis es in ihnen war und sie endlich aus sich selbst heraus zu leuchten begannen. Cavallo füllte gerade ihre Gläser, als die Frage kam.

Warum ist das Licht der Kiefern so gütig zu unseren Augen?

Die unversehens gealterten Schüler dachten nach auf ihrer Bank. Cavallo gab die Antwort.

Es ist die Seele der Kiefer, die leuchtet.

Sie ist unserer eigenen Seele verwandt, ergänzte Ed, wie man es sehen kann in den Bildern von Bonnard zum Beispiel.