Выбрать главу

Demnach wäre die Farbe der Seele etwas zwischen Gelb und Braun, dachte Koch-Mike und sagte:»Ich muss noch Kartoffeln aufsetzen für morgen.«

Seufzend erhob sich der Koch. Cavallo klopfte ihm auf die Schulter.

Ohren

29. JULI

Krusos Kriterien? Rimbaud sagt: Alles sei Poesie und darin irre Losch sich nie,»trotz moralisch dunkler Quellen«. Chris behauptet, ich wäre der Einzige, der fast nur Frauen bekommt. Mit Männern ist es anders. Mit Tille war ich sogar noch am Meer, wegen der Wellen, das war traumhaft. Die ganze Müdigkeit wie weggespült. Tille will Fotografie oder Kamera studieren, bekommt aber keinen Studienplatz, keine Chance. Er bringt sich alles selber bei, macht Zeichnungen, liest, er ist voller Energie. Er spart auf einen guten Apparat aus dem Westen. Ich hätte ihm gern noch den Keller gezeigt.

Die Tanne hinter dem Schuppen harkte das 6-Uhr-Morgenlicht zu breiten Streifen. Alles war still. Seit Ed den Ofen übernommen hatte, begann sein Tag auf dem Holzplatz, am Hackstock. Er stapelte sich ein paar Scheite auf den Arm und verschwand damit im Keller. Manchmal sah er den Direktor, wie er von der Steilküste herkam und mit kleinen Schritten auf den Klausner zuging, wie unter Hypnose. Er trug ein weißes, sauber gefaltetes Handtuch über der Schulter.

Im Schwarzen Loch konnte Ed hören, wie Krombach sein Kontor herrichtete, den Stuhl verschob, sein Bett zurechtmachte. Irgendwann das Tackern der Schreibmaschine, das Tippen der Tageskarte. Ragout fin, Soljanka, Hühnerfrikassee, Zigeunersteak, Jägerschnitzel. Ed saß vor dem Ofenloch und starrte ins Feuer. Seine Begierde existierte, aber wie abgelöst, fremd und nur dazu da, ihn verrückt zu machen. Irgendwann brach sie herein, flüsterte etwas wie» Ohren, oh diese Ohren!«, und plötzlich konnte ihn nichts anderes so erregen wie kleine, wohlgeformte Ohren. Es war absurd. Manche Ohren lächelten immerzu, und manche blieben ernst und entschlossen. Der Ausdruck eines Ohrs konnte sich in vollkommenem Gegensatz zum Ausdruck des Gesichts befinden, zum Beispiel zum Ausdruck der Augen. Meist war das Ohr viel ehrlicher, unverstellt. Und in der Regel sahen Ohren unschuldiger aus als Gesichter. C.s Ohr mit dem kleinen Leberfleck oben auf der Muschel hatte in dieser Hinsicht alles übertroffen. Anfangs, als der Anblick noch ungewohnt gewesen war, hatte er manchmal ›ein Krümel‹ gedacht, die Hand schon bereit, ihn unauffällig beiseitezuwischen. Am Ende hatte dieser Krümel alles enthalten, alles ausgedrückt.»Mein liebstes Ohr, mein allerliebstes«, flüsterte seine Begierde und malte ein paar Bilder dazu. Schöne Ohren waren wie Geschlechter, oder mehr: eine immerzu sichtbare Öffnung. Ohren mit verbrecherischem Ausdruck schien es nur selten zu geben auf der Welt.

Tags zuvor, auf dem Rückweg vom Strand, hatte Ed einen Mann mit gewalttätigen Ohren gesehen; er biss einem Kind in den Hals. Erst im nächsten Moment war die ganze Bewegung zu erkennen gewesen: das leichte Hoch und Herunter des Kopfes und die erstaunlich lange Zunge im Kragen. Der Mann leckte den Jungen ab. Dann gab er ihm das Eis zurück, die tropfende Waffel, die er die ganze Zeit über am ausgestreckten Arm ferngehalten hatte. Das Abknien und der Arm hatten plötzlich etwas Ritterliches; das Verbrecherische war verschwunden. Mein Vater hätte mich niemals abgeleckt, dachte Ed. Er beobachtete das Thermometer am Warmwasserkessel. Das bullernde Geräusch des Feuers nach dem Anheizen, wie eine Strömung, die ihn einhüllte, überspülte, besänftigte. Hier war sein Platz, im Keller, am Ofen. Hier konnte er allein sein, leise sein mit den Dingen.

Er ging gern umher und inspizierte die Schränke. Die Asservaten, der Safe, die Zinkwanne des Urklausners mit der Aufschrift» Eremitage auf Tannhausen«. Von oben die ersten Küchengeräusche, Koch-Mike begann seinen Dienst.

Der Übergang zum Getränkekeller endete an einer Stahltür, unverschlossen. Dahinter 6 Grad Celsius und das Brummen des Kühlaggregats. Zu Beginn jeder Saison fuhr ein Lastkraftwagen voller Spirituosen in den Dornbusch; alles, was lagerfähig war, landete im Getränkekeller. Im Boden hinter dem Tresen gab es eine Klappe, eine Art Falltür und eine Treppe, die nach unten zu den Getränken führte. Ein Problem des Tresens war, dass sich in der modrigen Feuchte des Kellers die Etiketten von den Flaschen lösten, sie faulten ab, verschimmelten, wurden braun mit der Zeit. Weil auch die Pappe der Getränkekisten verfaulte, musste jede Flasche einzeln entnommen werden, vorsichtig — das hatte Rick ihm beigebracht. Ed ging dem Tresenmann jetzt oft zur Hand.»Führerbeton, unkaputtbar!«, rief Rick, wenn er die schmierige Betontreppe herunterkam; es war eine seiner Lieblingsgeschichten. Die blaue Treppe, wie er sie nannte (wegen der Härte des Betons), hätte der Klausner den Soldaten der Marine zu verdanken, die zu Kriegsbeginn in der Waldgaststätte stationiert gewesen seien, um die Stellungen der Flak und ihre Bunker im Norden zu errichten, mit ihren unterirdischen Kanälen, die angeblich das ganze Hochland durchzogen.

«Eindeutig derselbe Stoff, guter deutscher Bunkerbeton!«

Seit Monatsanfang verbrauchte der Klausner zehn Fass Bier pro Tag, tausend Liter. Ed wusch die Fässer, die erbärmlich stanken. Rick setzte den Salonstocher an, ein Gerät aus Vorkriegszeiten, mit CO2-Anschluss und Manometer. Wenn er die Stange ins Spundloch hämmerte, musste Ed die Schraube mit der Dichtung andrehen. Ab und zu ging es schief, und sie wateten in Bier oder roter Brause. Rick blieb dabei vollkommen ruhig, er fluchte, aber ganz ruhig. Für Ed war Rick der ausgeglichenste Mensch auf der Insel. Rick sagte, die Insel hätte seine Seele groß gemacht. Das Trinken hielt er für gut. Schließlich sei es nicht der Alkohol der Traurigkeit, den sie hier zapften, sondern der Alkohol der Glückseligkeit.»Die Seele rumort und will noch mehr Glück«, sagte Rick.

Ricks träumerischer Blick und die dünnen, weit geschwungenen Augenbrauen, die an ihren Enden noch einmal eine kleine Kurve aufwärts machten, flößten jedem, der in die Aura seines Ausschanks geriet, Vertrauen ein. Rick strahlte Güte aus. Dabei war er ein Riese und auf den ersten Blick einfach zu groß, zu wuchtig für den Tresen. Aber sobald er mit Gläsern und Getränken in Kontakt kam, hatten seine Bewegungen etwas Geschmeidiges, Katzenhaftes; es machte Freude, ihm bei der Arbeit zuzusehen, jeder Handgriff schmeichelte seiner Umgebung. Allerdings füllte er den Platz hinter dem Ausschank nahezu vollständig aus, weshalb seine Frau Karola oft vor dem Tresen Stellung bezog, um ihre Arbeit von dort zu verrichten. Für sie schien das kein Problem zu sein. Auch zapfen konnte sie von vorn mit ihren schlanken Armen und die beiden riesigen Kaffeemaschinen bedienen, die Kaffeebomben, wie Rick sie nannte. Jede Bombe ergab vierzig Kännchen, pro Kaffeezeit wurden etwa dreihundert Kännchen ausgeschenkt (»gezogen«, sagte Rick), also sieben bis acht Bomben pro Tag.

Rick hatte die Weisheit und Karola die Mathematik. Sie hatte jeden Preis im Kopf. Für Bier (0,56 Mark), Korn (1,56 Mark) oder Fassbrause (einundzwanzig Pfennig das Glas) war das einfach, aber die Tresenfrau wusste es auch für jeden der unzähligen Weine, für all die Murfatlars, Cotnaris und Tokajer, gar nicht zu reden von den tschechischen, polnischen, russischen Schnäpsen oder den Perlweinen, die gerade in Mode gekommen und außerordentlich beliebt waren bei den Gästen.»Hat eben Köpfchen, die Kleine«, sagte Rick.

Karola war das, worunter sich Ed eine Berliner Pflanze vorstellte — stolz, herausfordernd, schlagfertig. Sie besaß einen schneeweißen Jeansanzug, den sie manchmal sogar während der Arbeit trug. Jede ihrer Bewegungen war energisch, und alles an ihr flößte Respekt ein, selbst ihr rotes Haar, das sie bei der Arbeit hochsteckte zu einem kleinen Turm, der bei jedem Schritt bedrohlich wankte, aber niemals fiel. Karola rechnete bei Krombach die Tageseinnahmen ab, und sie war es auch, die den Schuldenstand der Besatzung beim Tresen verwaltete — niemand sonst wäre dazu in der Lage gewesen.