Das Tresenehepaar hatte Ed von Anfang an sehr gut behandelt, fast liebevoll, Eltern ähnlich, oder jedenfalls auf eine Art, die er vermisste. Rick hatte ihn ausgewählt für den Getränkekeller, er war Ricks Gehilfe geworden, nicht Rolf oder René. Und Karola brachte ihm an jedem Tag frischen Tee in den Abwasch, und ab und zu gab sie Kruso und ihm ihre Eiswürfelmassage, während der Arbeit. Sie setzte das Eis wie ein Werkzeug an und machte damit eine lange, fließende Bewegung, als würde sie tranchieren.»Arbeite einfach weiter, Kleiner, tu so, als wäre ich gar nicht da, glaub mir, nur das entspannt wirklich.«
Wie Krombach wohnte das Tresenehepaar in einer der winzigen Blockhütten, die den Klausner umgaben. Rick nannte sie Chalets. Es gab dort kein Wasser, keine Toiletten und nur sehr wenig Platz.»Was braucht man denn schon?«, fragte Rick und begann eine seiner Tresenreden. Die Umstände auf der Insel hätten den Menschen gütlicher gestaltet.»Als hätte jemand die Zeit gestreckt, Ed, so gegen unendlich.«
Die Wurzel
Seine Erfahrungen hatten Ed darüber belehrt, dass er aus dem von C. entfachten Verlangen nicht ohne weiteres entlassen werden würde, aber dann war es plötzlich vorbei. Die Schiffbrüchigen flüsterten ihren Namen in die Finsternis, und schon ein paar Sekunden später konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Nicht einmal daran, ob sie überhaupt gesprochen hatten. Oft fiel er einfach in den Schlaf, einer Ohnmacht ähnlich, und musste sich nicht mehr fragen, wie er die Nähe dieses oder jenes Körpers in der Dunkelheit ertragen würde. Das Geheimnis war, einfach zu schlafen.
Aus diesen Tagen des Schlafs tauchte Ed als ein anderer auf. Er vertraute sich Krusos Verteiler nun restlos an, während er seinen Gefährten selbst kaum noch zu Gesicht bekam. Mehr noch: Jener erstmals mit der Schiffbrüchigen namens Grit lose gefasste Gedanke, dass all diese Schwarzschläfer in ihrer Auswahl Abgesandte Krusos waren, Stellvertreter seiner selbst und damit eine Gelegenheit, ihm nah zu sein, verfestigte sich. Er konnte Krusos Gedanken hören, die Melodie seiner Worte sogar. Verkündigungen, die als Schiffbrüchige zu ihm ins Zimmer schlichen, kurz vor Mitternacht, oder zu Schiffbrüchigen gewordene Utopien, phantasierte Ed, man konnte sie riechen, man konnte ihren Stimmen lauschen, man konnte (jetzt, da seine vorlaute Gier endlich schwieg) von ihnen lernen, wenn sie sich ausgestreckt hatten neben ihm oder gleich auf dem Boden oder erst noch lange an der Tür verharrten und kaum erkennbar blieben in der Finsternis — so verschieden sind die Temperamente, dachte Ed. Er kannte das bereits, er wusste Bescheid. Trotzdem erschienen ihm seine Gäste jetzt anders, verändert, vor allem ohne Anzeichen des Scheiterns oder der Lebensmüdigkeit.
Wenn sie verstummten, forderte er sie leise auf, doch noch ein wenig weiterzusprechen, ihm alles zu erzählen, die ganze Geschichte über Krusos große Freiheit. Die meisten begriffen Eds Wunsch. Er glich dem eines Kindes, das sein Märchen (die Geschichte seines Lieblingshelden) vor dem Schlafen noch weiter und weiter hören will. Manche fassten es auch als Prüfung auf, ein letzter Test, eine Art Eintrittspreis für diese Nacht, dieses kostbare Quartier auf der Steilküste, eine letzte Sache vor dem Schlafen, die sie im Grunde kaum noch überraschen konnte nach den Seminaren am Strand, der Suppe, der Waschung und den Stunden in der Schmuckmanufaktur.
Wenn sie zu erzählen begannen, schien ihr Leben (mit seinen Nöten und Konflikten) bereits wie aufgehoben von der, wie viele es sagten, unbeschreiblichen Wirkung der Insel, aufgehoben vom Geräusch des Meeres und seiner großen, endlosen Bewegung, von der Frische des Wassers am Morgen und des Windes, der immer wehte, geradewegs durch die Augen in den Kopf, und das Denken befreite. Immer wieder kehrten die Geschichten zum Ausblick vom Hochland über das Eiland zurück, dem sogenannten Großen Inselblick, der ihnen mit seiner unfassbaren Schönheit die Augen geöffnet und den Anfang einer Erinnerung zurückgerufen hatte ins Bewusstsein, einer Erinnerung an sich selbst. Und tatsächlich war öfter von jenem doch vollkommen kindlich anmutenden Wunsch die Rede, den Umriss der Insel, wie er sich vor ihnen ausstreckte in seiner verletzlichen Gestalt — links und rechts das Meer, dazwischen jener zarte, zerbrechliche Streifen Land — , direkt ans Herz zu pressen …
Kaum ein Schwarzschläfer, der nicht darauf zu sprechen kam, wie er nach langem Schauen hinaus in den Nebel, in dem der letzte, südlichste Zipfel der Insel verschwamm (selten war er wirklich zu sehen, eigentlich nie), erkannt hatte, wie fremd und bedrängt ihm seine Existenz bis zu diesem Tag geworden war, vollkommen umstellt, und wie verlassen, verleugnet, verschämt zwischen den Dingen das eigene Dasein hockte, ähnlich einem melancholischen, trunksüchtigen Hund in seiner Hütte, so flüsterte es einer aus dem Dunkel, wenig treffend vielleicht. Aber Ed wollte hören, alles hören, er spürte die unvergleichliche Wärme des Erzählens in der Finsternis, er spürte, wie die Wärme gemeinsam wurde, während er lauschte, ohne sich zu rühren. Er spürte, wie sie alle zusammengehörten. Wie sie mühelos Vertraute dieses Landes waren, Altvertraute eines Verhängnisses, das schon ewig währte und noch ewig währen würde und doch eine Verheißung bereitzuhalten schien — falls Leidenschaft genug vorhanden war. Tief im Verhängnis steckt die Verheißung, dachte Ed, ein Paradox, wie es ihm nur beim Lesen mancher Gedichte begegnet war, die ihm mehr bedeutet hatten als alles auf der Welt. Er konnte das jetzt denken, die Bestände schwiegen, keine Straßenbahn mehr, kein heftig zu ziehendes Ratschratsch. Stattdessen Anflüge von Scham, Scham und Ekel auf breiter Front. Aber am Ende war er auch dafür zu müde.
Tatsächlich schien es keinen guten Vergleich zu geben für die Wirkung der Insel, und viele erklärten, es existierten ohnehin keine Worte dafür. Zu sagen sei nur, dass sie es an diesem Ort, am Großen Inselblick nämlich, plötzlich wieder zu spüren begonnen hätten, die verschütteten Wurzeln, wie Kruso es nannte, das Bild, zu dem alle Bilder nach Hause wollen,»einfach heim«, so formulierte es derjenige, der vom trunkenen Hund in seiner Hütte gesprochen hatte. Mit seiner bitteren Bilanz verharrte er lange unter der Tür, ehe er sich ausstreckte an Eds Seite und sofort absackte in den Schlaf, während Ed noch lauschte. Brandung und Kiefernrauschen.
So verschieden und mitunter skurril sich die Berichte dieser Nachtgestalten auch ausnahmen und wie unterschiedlich sie auch vorgebracht wurden, im Stehen oder im Liegen, hastig oder im Halbschlaf, vermochte Ed doch in allem die Stimme Krusos zu hören durch die Finsternis, ein Nachglühen seiner Worte in den Worten der Schiffbrüchigen und Obdachlosen, die ihm jetzt fast keusch vorkamen, unberührbar; und manchmal war es, als flüstere Kruso direkt in sein Ohr, als streichele er ihn mit den Eigenheiten seines Tons, den weich gesprochenen Konsonanten, den Verschleifungen …
«Die Insel ist der erste Schritt, verstehst du, Ed? Die Insel ist der Ort. Hier gelingt es den meisten schon nach Stunden, die Wurzel zu berühren. Sie ist in uns hineingewachsen aus der Vorvergangenheit, nicht seit der Geburt etwa oder gerade in diesen Tagen, wie manche glauben möchten, nein, ich meine: seit Menschengedenken. Gelingt es uns, die Wurzel zu berühren, spüren wir es: Die Freiheit ist da, tief in uns, sie wohnt dort, so tief wie unser innerstes Ich. Das ist die Freiheit, die ich meine. Sie ist das Denken des innersten Ichs, das Denken unseres Selbst in der Geschichte. Wir müssen nichts anderes tun, als dieses Denken zu wecken. Oft ist es gefangen in einer Ohnmacht. Es gibt alle möglichen Formen der Gefangenschaft, Ed. Angst, Alpträume, Krampf, Apathie. Dazu kommen die Schlacken, immerzu Schlacke, die sich auf uns legt, solange wir leben. Ein schwerer Niederschlag von Ehrgeiz, Macht, Habgier, Besitz, rostige, giftige, aschene Schlacken. Sicher, manchmal ist die Wurzel schon verfault oder vertrocknet. Das sind Verlorene, Finsterlinge, aufgegebene Menschen. Aber nicht bei ihnen, Ed. Sonst kämen sie nicht auf die Insel — sie haben die Wurzel gespürt.«