Krusos Ton.
Ed erinnerte sich. Er sah Losch, wie er am Strand auf und ab schritt und redete. Er hatte oben gelegen, am Rand des Steilhangs, und auf die Gruppe hinuntergesehen, die plötzlich dort im Halbkreis saß. Er war allein auf Streifzug gewesen. Er hatte in die Wellen gestarrt und versucht, den Rhythmus eines tauchenden Kormorans zu begreifen. 20 Sekunden, 12 Sekunden, 20 Sekunden. Er war eingeschlafen und beim Aufwachen waren sie plötzlich da gewesen, Krusos kleine Schar. Sie fertigten Schmuck, sie fädelten Vogelringe und bogen Dentaldraht, Ohrgehänge, zwanzig Mark das Paar. In Utopia würde drei Stunden gearbeitet am Vormittag, dann zwei Stunden Pause, für» literarische Studien«, so stand es bei Thomas Morus, Kruso hatte es ihm vorgelesen.
Der Wind frischte auf, die Brandung übertönte die Worte. Eine der Schiffbrüchigen hob den Arm, womöglich Grit, die immer alles wissen wollte, von hinten konnte Ed sie nicht erkennen. Kruso antwortete etwas und wies dabei aufs Meer hinaus. Das Meer. Seine schiere Größe, seine Übermacht. Und die eigenen, lächerlichen Grenzen. Deshalb kommt man hierher, dachte Ed. Man möchte das Ende der Welt sehen, es vor Augen haben, immerzu.
Der Kormoran war verschwunden. Im Licht der untergehenden Sonne ragte Møn aus dem Meer, höher und wahrhaftiger, als Ed es jemals gesehen hatte. Ein fein vibrierender Brandungsstrich trennte das Wasser vom Land und der steilen Kreideküste, die sich langsam von Weiß zu Hellgrau färbte und in ihrer Gestalt dem Kliff, auf dem Ed sich ausgestreckt hatte, verwandt zu sein schien. Møn ist wie ein Spiegel, dachte Ed. Ein Spiegel, mit dem man sich im Jenseits sehen kann, das Urbild der Sehnsucht. Langsam senkte die Sonne eine Brücke aus Gold über das in massiven, schiefergrauen Wellen gehende Wasser, das sich Jahr für Jahr tiefer in die Westküste des Hochlands fraß. In der Mitte der Brücke blinkten die blutroten Umrisse von Feuerstellen, der Plan einer Siedlung am Grund. Ein untermeerisches Leuchten und gleißende Reflexe, gerade so als könnte Vineta in jedem Moment die Oberfläche der Ostsee durchstoßen, auftauchen im Raum wie eine dritte Kraft, ein dritter Ort, der alle Spiegelungen beenden würde, ein für alle Mal.
«Manchmal ist es eine schmerzhafte Arbeit«, dozierte Kruso und meinte nicht den Dentaldraht oder die Vogelringe.»Ihr müsst zuerst die Wurzel … Jedem von euch … das heißt …«Der Wind hatte erneut gedreht.
Meeresforscher hatten die Siedlung erst kürzlich entdeckt, genau zwischen den Küsten.»Stell dir vor, sie wohnen dort unten. Sie sitzen an Tischen, gehen spazieren, sind frei, sie alle sind frei …«Es bereitete ihm Genugtuung, das Wort in den Mund zu nehmen — Losch, der wusste, dass dieses Meer ein Grab war.
Der Wind blies Richtung Westen. Er schob die Worte jetzt aufs Wasser hinaus, über die goldene Brücke. Ed sah, wie die großen schweren Strömungen ineinanderflossen, plötzlich waren sie sichtbar geworden, wie Flüsse aus Licht.
«Niemand muss fliehen, nie …«
«Viele wiss …«
«Das halbe Lan …«
«Die Freiheit zieht uns …«
«… gerufen und zu Dien …«
«Eine Pilgerschaft ohnegleichen …«
«… hebt an«, flüsterte Ed. Nie wollte er einschlafen, bevor die Schiffbrüchigen zu Ende geredet hatten, aber dann geschah es doch, es zog ihm einfach die Augen zu. Noch einmal erlebte er das schwere ungetrübte Müdesein der Kindheit, das es erlaubte, aus einem Märchen in den Traum zu gleiten, vom Diesseits ins Jenseits, von einer Geschichte in die andere, ohne Schwelle, ohne Grenze.
Im Traum sah Ed, dass die Insel überfüllt war. Die Häfen, die Heide, das Hochland und die Strände — dicht und dunkel mit Menschen besetzt. Sogar auf den Buhnen hockten sie, und auf den Steinen aus der Eiszeit, die aus dem Uferwasser ragten. Sie glichen großen trägen Meeresvögeln, aber ohne Gefieder. Ihre Haut war verbrannt in der Sonne. Ihr Gemurmel war auch nachts zu hören, es mischte sich mit der Brandung und stieg bis an sein Fenster. Der Strand war mit Kot übersät und fauligem Seegras, aus dem kleine tote Fische blinkten und anderer Abfall.
Der Tag der Insel
«Das ist dein Zeichen, Ed.«
Kruso hatte ein quadratisches Stück Packpapier aus seinem Brustbeutel gezogen. Unter der flachen Hand schob er es quer über den Tisch.
Der schwarze Punkt, dachte Ed.
Es war der 6. August, der Ruhetag aller Ruhetage. Der Tag, an dem sich die ungleichen Rhythmen der Inselwirtschaften auf eine Weise überschnitten, dass kein einziges Etablissement geöffnet hatte — eine jährlich wiederkehrende Konstellation, so sicher und so selten wie eine Sonnenfinsternis, mitten in der Saison. Es war der Tag der Esskaas.
«Unsere Zeichen entsprechen den uralten Hausmarken Hiddensees«, hob Kruso an, mit leiser Stimme.»Es ist eine Art eigene Schrift, Runen ähnlich, die in alter Zeit den Dingen und Tieren eingebrannt wurde, sogar dem Land, der Erde, einfach allem, was man besaß.«
Er lächelte und sah Ed direkt in die Augen.
«So war es seit Hithin und Högin und König Hedin von Hedinsey …«
Während Kruso auf die schicksalhafte Rolle ihres Eilands in den Sagen des Nordens verwies, fingerte er Stück für Stück des knittrigen Packpapiers aus seinem Brustbeutel hervor,»… die Edda also, aber auch im Gudrunslied, wo die Könige …«
Offensichtlich trug er ein ganzes Alphabet von Runen um den Hals, nicht nur die Einkünfte der Schmuckmanufaktur. Am Ende waren es vielleicht sogar mehr Buchstaben als Geldscheine, die das speckige Ledertäschchen so unangenehm prall werden ließen. Eine Vermutung, die Ed in gewisser Hinsicht beruhigte.
«Die Nacht wird lang«, fuhr Kruso fort.»Wegen des Festes beginnen wir mit den Einquartierungen diesmal schon am Nachmittag. «Seine Stimme klang ernst und besorgt, wie immer, wenn er von den Schiffbrüchigen sprach. Krombach stand auf, nickte in die Runde und zog sich in sein Kontor zurück.
«Übernahme 15 Uhr. Auch die Suppe bitte schon am Nachmittag, auch die Waschung, alle Becken mit Lappen und Seife. Die Zeichen liegen im Sand, neben dem Kopf oder zu Füßen, haltet einfach die Augen offen.«
Alles war sinnvoll und absurd zugleich. Und es schien niemanden zu geben, der ernsthaft Zweifel hegte. Kalter Hohn im Blick nur bei René. Als festes Paar waren er und die kleine Unsichtbare von den Einquartierungen ausgenommen, ebenso das Tresenehepaar und Krombach wahrscheinlich.
«Gut«, sagte Kruso und zauberte einen frischen Apfelkuchen hinter dem Tresen hervor.
«Von Mutter Mete!«
«Mutter Mete, die gute Seele!«
Rick schenkte Schnäpse aus. Karola schnitt und verteilte das Gebäck, während Kruso frischen Kaffee nachgoss, wozu er mit der schweren, dampfenden Stahlkanne die Tafel einmal vollständig umrunden musste. Er bediente jeden am Tisch mit der gleichen Aufmerksamkeit, und er legte eine Hand auf Eds Schulter.
«Kommen wir zur Aufstellung, Freunde.«
Sofort redeten alle. Chris gestikulierte, Rimbaud fletschte die Zähne. Koch-Mike sprang auf und demonstrierte ein paar Schüsse, bei denen es hundertprozentig geklingelt hätte, wenn … Er brüllte fast und schleuderte sein Schweißtuch wie ein Lasso durch die Luft,»hundertprozentig geklingelt!«
«Ich schlage vor, Ed rückt auf die linke Seite, auf Speiches Position«, rief Kruso.»Du machst den linken Läufer, Ed, du sicherst hinten, rückst bei Angriffen nach und bietest dich an. «Im allgemeinen Tumult ging Krusos Taktik vollkommen unter.
Ed nickte mechanisch. Er hatte immer links gespielt. Sicher wusste das Kruso. Schließlich hatte er ihn kommen sehen. Er hatte ihn geträumt. Und er hatte ein Fernrohr in seinem Zimmer, mit dem er die Dinge durchschaute bis weit in die Vergangenheit … Ob Verteidiger, Mittelfeld oder im Sturm: Immer links. Obwohl er kein Linksfuß war. Links ohne links tatsächlich zu können, dachte Ed, nicht einmal» zum Hausgebrauch«, wie es sein Vater einmal ausgedrückt hatte. In Ed hatte das über all die Jahre (trotz einer solide zu nennenden Gesamtbilanz) immer wieder dieselben unklaren Gefühle von Täuschung, Falschheit, ja, Hochstapelei geweckt. Eine Art Unbehagen, wie es ihn auch hier auf der Insel und besonders an der Seite Krusos von Mal zu Mal überfiel und bedrängte.