«Man muss kein Linksfuß sein, um links zu spielen!«, platzte Ed in das Stimmengewirr, viel zu heftig. Längst ging es nicht mehr um die Aufstellung der Mannschaft.
«Ich bin hinten, aber dann biete ich mich an. Ich biete mich an!«
Für einen Moment wurde es still am Tisch. Er war aufgesprungen, er hatte seine Tasse umgestoßen.
«Gut Ed, sehr gut«, sagte Kruso. Renés Schultern zuckten.
Es war Ed unangenehm, zwischen all den Runen umherzustapfen. Der weiche Sand machte jeden Schritt zäh und ungelenk. Nach einer Weile hatte er unweigerlich das Gefühl, dass seine Beine immer kürzer wurden und er ab und zu den Kopf in die Luft recken musste, um nicht vollständig zu versinken. Einige der Zeichen waren überraschend nachlässig ausgeführt, mit winzigem, fast unsichtbarem Muschelzeug, schwarzen Steinchen oder dünnen Stöckchen, manche sogar nur mit Gras oder Algen. Es käme aber darauf an, sie sauber und deutlich zu legen, denn sie ähneln sich sehr, dachte Ed. Das Mädchen mit seiner Rune saß sehr weit vorn, am Wellenrand. Sie starrte aufs Wasser hinaus, als hätte die Hilfe von dort zu erfolgen, ein Schiff mit sieben Segeln …
Ed erkannte ihre Scham. Ihre Brüste waren klein und noch weiß. Mit zwei Fingern drehte sie Locken in ihr blondes, schulterlanges Haar. Ein Schiff wird kommen, dachte Ed.
Ihr Name war Heike, und es war das erste Mal, dass Ed selbst eine Schiffbrüchige in den Klausner führte. Vielleicht nur, weil er bis dahin der Einzige ohne eigenes Zeichen gewesen war. Noch während er darüber nachdachte, worum es jetzt gehen sollte und mit welchen Worten das zu erklären wäre, entkleidete sich Heike.
«Ist das dein Becken?«
«Ja.«
Es war sein Becken.
«Das Becken fürs Grobe«, ergänzte Ed und errötete sofort.
Umstandslos kletterte Heike in den Steintrog. Zuerst setzte sie einen Fuß auf das etwas tiefer liegende Stahlgestell der Geschirrablage. Dann hockte sie dort für einen Moment, als imitiere sie einen großen, seltenen Vogel, um mit dem nächsten Schritt ohne weiteres in das Becken zu steigen. Sie wissen längst über alles Bescheid, dachte Ed.
«Ist das Wasser so gut?«, fragte Ed, als wäre er ein Friseur. Oder ein Geistlicher — bei seiner ersten Taufe, fuhr es Ed durch den Kopf, sinnloserweise.
«Gut so«, sagte das Mädchen,»genau richtig.«
Sie hatte sich gedreht und hielt den Kopf nach vorn gebeugt, zweifellos eine Aufforderung, ihr jetzt den Rücken abzuseifen.
Ed beruhigte sich.
Er sah die makellose Reihe der Wirbel, fremd und unwirklich, die weiße Haut, die sich darüber spannte. Er nahm den Lappen vom Beckenrand und fuhr darüber hin, langsam, mit Vorsicht, hin und her, vom Hals bis tief hinunter und noch tiefer, zwischen die schaumglänzenden, vom Beugen gespannten Hälften hinab bis zum unsichtbaren Ursprung dieses Wirbeltiers, dem Punkt der äußersten Versuchung, wo er wie abwesend anlangte mit seiner Hand und still hielt für eine winzige, nicht messbare Dauer.
«Die Haare«, murmelte Ed,»jetzt die Haare.«
Wenn er überhaupt etwas wusste, dann das, schon beim Begräbnis des Lurchs hatte er die Haare gesehen …
Inzwischen war Chris mit seiner Schiffbrüchigen im Abwasch angekommen. Sie benutzten das Becken auf Krusos Seite. Ihre Anwesenheit vereinfachte die Prozedur augenblicklich — das war die Waschung, ein wichtiger Bestandteil des Ablaufs, nicht mehr und nicht weniger. Und plötzlich wusste Ed, was noch zu tun sein würde dabei. Er war ein Abwäscher an seinem Becken. Er wischte, schrubbte, spülte. Gehorsam streckte Heike, die so klein war, dass sie problemlos Platz fand in seinem Trog, ihren Kopf nach vorn, und Ed hob den Schlauch, aber er war zu kurz. Das Mädchen musste sich nochmals drehen, den Kopf direkt unter den Hahn und die Stirn auf den steinernen Grund des Beckens legen, wie zum Gebet.
Chris behandelte seine Schiffbrüchige wie eine Patientin. Er sagte» gut so, so ist es gut «und» nur noch hier «und» gleich haben wir es«. In der regelgerechten Ausführung des Rituals war jede Scham aufgehoben. Und die Verdopplung des Geschehens machte alles beinah normal. Chris umkreiste das Becken mit seinen kurzen, energischen Schritten, im Grunde nicht anders als beim Kellnern auf der Terrasse. Heikes Haare wurden vom Wasser in den Abfluss gelenkt und durch das Fallrohr in die Tiefe gezogen, bis an das vermoderte Abflussgitter heran, wo der hungrige Lurch mit seinem grauverschleimten Gebiss nach ihren splissigen Spitzen schnappte … Aus jedem Haar ein Pilz, aus jeder Waschung eine Suppe, Taufe und Wiedergeburt, phantasierte Ed, während er — mit nahezu traumhafter Sicherheit — den kurzen Schlauch noch einmal anhob, um Heike etwas Schaum aus dem Nacken zu spülen.
Die Trockentücher lagen bereit.
Wie Aphrodite entstieg Heike dem Abwasch. Er hielt ihr den Römer. Das steife Tuch machte ein dunkles Geräusch, ein Geräusch der Zuverlässigkeit. Und während die Schiffbrüchige sich in das große, vielleicht hundert Jahre alte Laken hüllte und mitten im Abwasch stand wie das Ergebnis eines langen, beharrlichen Traums, begriff Ed es endlich: All diese Schiffbrüchigen waren Pilger, Pilger auf Pilgerschaft zum Ort ihrer Träume, dem letzten Ort der Freiheit innerhalb der Grenzen — genauso hatte es Kruso gesagt. Und er war nicht mehr als ein Helfer, eine Art Handlanger auf diesem Weg. Hilfskraft des Klausners, Teil seiner verschworenen Gemeinschaft, für die eigene Gesetze galten, eine besondere Zuversicht und vielleicht nur diese einzige Pflicht.
Sieben gegen sieben. Anfeuerungsrufe kamen von allen Seiten, gelungene Spielzüge wurden ausgiebig mit Beifall belohnt, dumpf und ohne Ende dröhnten die Trommeln der Khmer. Es war der Insel-Kambodschaner, seine fliegenden Hände, er konnte trommeln und tanzen zugleich. Am Ende hatte Ed an vier Spielen des Turniers teilgenommen. Sie traten in einer gemeinsamen Auswahl der Besatzungen von Klausner und Inselbar an (ihrer» Familie«, wie Kruso es sagte), jede Halbzeit hatte zehn Minuten. Viele Spiele bestanden aus einer endlosen Reihe von Fouls und sofortigen Entschuldigungen, Fouls und Kameradschaftsbekundungen, Fouls und Umarmungen, Wange an Wange: Es gab Spieler, die nach böser Grätsche lange so dastanden, mitten auf dem Platz, vertieft in die übliche Zärtlichkeit. Die Familien von Hitthim und Dornbusch galten als stark, konnten aber bezwungen werden. Indianer aus der Inselbar spielte Libero, Kruso im Mittelfeld, im Sturm Antilopé, die Kellnerin, ebenfalls aus der Inselbar. Es überraschte Ed, wie sicher und sprungstark Koch-Mike zwischen den Pfosten umherflog, trotz seines Schwergewichts.»Er ist ein leidenschaftlicher Keeper, ein bedingungsloser Hüter«, kommentierte Rimbaud,»genau das macht ihn so schrecklich und unberechenbar.«
Alles war anders als in den Nächten. Eds Schiffbrüchige wurde nicht von Dunkelheit verschluckt, sie blieb vollständig sichtbar. Ihre helle Haut, ihr Gesicht, das ganze Turnier über an der Seitenlinie. Ab und zu brüllte sie etwas ins Spiel. Ed vergaß, dass er noch vor einigen Tagen absolut am Ende gewesen war. Rimbaud kämpfte wie ein Tier und diskutierte jede Aktion, wodurch es immer wieder zu Unterbrechungen kam, obwohl er niemanden wirklich beleidigte dabei. Indianer, der sein Haar zu einem Zopf gebunden hatte, überquerte mit Riesenschritten das Feld; es wirkte langsam, fast träge, was mit seinem großen kantigen Körper zu tun hatte, der die Verhältnisse verzerrte, denn tatsächlich war er schnell, unwiderstehlich. Er marschierte diagonal, er öffnete das Spiel, dann der Pass in die Spitze, wo Santiago lauerte oder Chris hin und her sprang wie ein Derwisch, wendig, gewitzt … Ed sah Kruso, der links vor ihm lief und einen Pass annahm. Er war weniger schnell, aber schwer vom Ball zu trennen. Rasch rückte Ed auf und bot sich an.