Выбрать главу

«Losch!«

Die Trommeln dröhnten, und Ed spürte einen alten, fast vergessenen Stolz. Er hatte die Lieblingsspieler seiner Kindheit vor Augen, er ahmte sie nach. Kotte, der Kämpfer, der Stürmer, den kein Stoß und kein Bein zu Fall bringen konnten. Häfner, der Techniker. Dörner, der Libero. Irgendwann war Kotte plötzlich verschwunden, auf dem Zenit seiner Karriere. Allein im Kleingedruckten, in den Spielstenographien des Sportechos, war er sichtbar geblieben. Kein Bild, kein Bericht, nur sein Name, als Torschütze verzeichnet, mehrfach, dauernd, Kotte, der Flüchtling in spe, verbannt auf eine Insel der dritten Liga. Wie konnte er weiterspielen, wie war es ihm möglich, weiterhin Tore zu schießen, hatte sich Ed oft gefragt und zu ihm hin geträumt.

Nicht nur die Esskaas der Insel, auch Einheimische, Tagestouristen und Urlauber hatten sich rund um das Spielfeld versammelt. Einige, von denen es hieß, sie seien berühmt, darunter ein großer dünner Mann mit Brille, den man Lippi nannte und aus dem Fernsehen kannte. Neben ihm ein anderer Mann, der trotz Hitze eine Lederjacke trug mit geflochtenen Schulterstücken und von Fans begeistert mit» He, Quaster!«angerufen wurde. Vor allem aber kreisten die Gespräche um einzelne Esskaas, um ihre sagenhafte Arbeit in den sagenhaften Etablissements von Vitte, Kloster oder Neuendorf. Nichts als bewundernswert waren diese braungebrannten Helden der Saison, ihr vogelfreies, scheinbar bindungsloses Inselleben. Umso erstaunlicher schien ihr Zusammenhalt, kurz: Aus dem Turnier wurde eine Feier der Esskaas, ein Fest der Anerkennung ihrer Kaste. Statt Sonderlingen aus dem Bodensatz des Sozialismus konnte man in ihnen die Abkömmlinge der tapferen Horden König Hedins von Hedinsey erblicken, genauso, wie Kruso es geplant haben musste.

Während des Endspiels tauchten Leute in Uniform auf. Einige von ihnen versammelten sich hinter Koch-Mikes Tor, als wollten sie das alte, zwischen die Pfosten gebundene Fischernetz zur Tarnung benutzen. Irgendetwas geschah, aber im Spiel war es nicht möglich, genauer darauf zu achten.

«Losch, Losch!«

Ed war aufgerückt, er bot sich an.

Ich biete mich an, dachte Ed.

Sein Freund hob den Kopf, und Ed sah die Wut in seinen Augen.

Sofort nach Abpfiff wurden die Gläser gereicht. Auf dem Weg zum Strand hörte Ed mehrmals den Namen Willi Schmietendorf, ausgesprochen voller Respekt: Willi Schmietendorf, Direktor des Dornbuschs, der ein Fass gespendet hatte.»Bier von Willi Schmietendorf!«, war die Fanfare, mit der sie ans Wasser zogen, und es klang wie» Sieg an allen Fronten!«Ohne Zweifel hatten sie Bewunderung verdient, ausnahmslos, und Ed war glücklich, ganz zu ihnen zu gehören, vielleicht das erste Mal. Gemeinsam stemmten sie die schweren Henkelgläser in die Luft, die aussahen, als bestünden sie aus kleinen, aufeinandergepressten Butzenscheiben, in denen sich die Sonne brach, und für einen Moment stand goldenes Licht wie ein Heiligenschein über ihren verschwitzten Köpfen. Jemand, der dieses Glas über den Schädel bekäme, wäre sofort tot — Ed wusste nicht, woher der Gedanke gekommen war, sofort tot.

Die Schiffbrüchige wich nicht von seiner Seite. Gemeinsam erklommen sie den Damm mit der schmalen geteerten Promenade, die halb von Treibsand verweht war. Zuerst spürte Ed die Wärme, als würde er gestreichelt, zärtlich, unvermutet, eine warme Strömung im Gesicht.

«Was ist das?«

Ihre dünne Stimme vibrierte im Wind, und erst jetzt sah Ed aufs Meer hinaus. Eine lange Reihe grauer Patrouillen- und Torpedoboote versperrte den Horizont. Im Halblicht des Abends glich das Ganze einer schwimmenden Mauer, einem Limes aus Stahl, nur ein paar hundert Meter vom Ufer entfernt. Entweder man hatte die Kanonenboote festlich geschmückt oder die aufgepflanzten Fähnchen gehörten zu ihrer Ausstattung, eine Art Kriegsschmuck vielleicht, dachte Ed; es war ein grandioser, im Grunde unwiderstehlicher Anblick.

Wie Ameisen schleppten Soldaten Brennholz heran. Ein riesiges Feuer fraß sich in den Abendhimmel und teilte den Strand. Der Brandgeruch mischte sich mit dem Jodgeruch des Meeres. Linker Hand lungerten einzelne verschüchterte Grüppchen von Esskaas, in die Reste ihrer mit Hühnergöttern, Treibholz und Müll gepanzerten Strandburgen gekauert. Einige tranken Bier, einige nippten Schnaps aus Flaschen. Ein Stellungskrieg. Ed schmerzte das hilflose Herausragen ihrer Köpfe aus den Gräben — ratlos, verschüchtert, wie am Strand vergessene Kinder, umgeben von einer Welt, die plötzlich fremd und feindlich geworden war. Suchend blickten sie sich um, als warteten sie auf denjenigen, der ihnen das alles erklären würde. Erklären, was von den Dingen, die hier geschahen, zu halten war, am Tag ihres eigenen Festes, an ihrem eigenen Strand.»Scheiß auf die Soldaten!«oder» Schlagt ihnen das Butzenbier auf ihre Schädel!«— unwahrscheinlich, sicher, aber irgendeine Richtschnur wäre jetzt wichtig gewesen, und hätte Kruso sie ausgegeben, mit der ihm eigenen Ernsthaftigkeit, wer weiß?

Rechts vom Feuer, in der Nähe eines Mannschaftstransporters mit breiten, halb in den Sand gegrabenen Reifen, standen drei Offiziere der Beobachtungskompanie. Sie rauchten, und es sah aus, als hätten sie mit dem Ganzen nur bedingt zu tun. Ed erkannte Vosskamp, den Inselkommandanten, und seinen Oberfeldwebel. Es dämmerte bereits.

Draußen in der grauen Mauer sprangen die Motoren an. Die drei mittleren Schiffe brachten es fertig, synchron ihre Bordkanonen zu drehen, dreimal gegen die Uhr. Es gab ein paar mutige Pfiffe und einige Buh-Rufe von den Sandlöchern her. Auch ein einzelnes einsames Juchzen, wie man es kannte aus den Aufzeichnungen großer Rockkonzerte — einzelnes, irrsinniges Juchzen, im Mitschnitt verwandelt zu einer Sekunde rätselhafter Ewigkeit. Wer immer es ausgestoßen hatte, bereute es sofort: Zwei der drei Kanonen drehten sich noch einmal, diesmal aber nur um neunzig Grad. Ihre dunklen Münder und ihr kleines, kreisrundes Schweigen waren jetzt direkt aufs Ufer gerichtet. Am Strand kehrte Stille ein.

Wo war Kruso?

An Deck des mittleren Kanonenboots tauchte ein Matrose auf und zeigte verschiedene Flaggen. Seine Bewegungen waren zackig, eine Art Breakdance. Er wurde vom Bordscheinwerfer angestrahlt. Der Mann war sehr klein und eigentlich nur aufgrund seiner heftigen Bewegungen sichtbar. Obwohl niemand von ihnen diesen Tanz verstand, ließen die Esskaas den Flaggenzwerg nicht aus den Augen.

Es gab verschiedene Formen und Farben, ein wirres Spiel aus bunten Kreuzen und Quadraten. Wer wollte, konnte darin Anzeichen für Gutes oder Schlechtes erkennen. Das Schiff trug den Namen» Vitte «am Bug.»Sie nennen es das Patenschiff«, raunte jemand neben Ed, es war Indianer aus der Inselbar, der es wissen musste über die Jahre.

«Patenschiff«, wiederholte Ed leise. Auch er hatte seinen Paten gefunden. Und heute war er selbst eine Art Pate geworden, oder Aushilfspate. Erst die Taufe, dann die Patenschaft. Im Grunde beruht alles hier auf Patenschaft, dachte Ed. Sie löst die Freundschaft ab und ist beinah stärker als Liebe. Tief drang die Kränkung in ihn ein, die das, was hier am Strand geschah, in den Augen Loschs bedeuten musste.

Ein Soldat, dessen Oberkörper aus der Luke des Mannschaftstransporters ragte, beantwortete die Flaggen des Matrosen mit eigenen Flaggen, die ihm fließend, wie von Zauberhand, nach oben gereicht wurden. Jemand musste unten im Fahrerhaus sitzen, der die Antworten im Voraus kannte, jemand, der wusste, was als Nächstes geschehen sollte. Ein salziger Sprühnebel wehte über den Strand, und Ed rieb sich die Augen.

Wenn der Kentaur sprach, hielt der Zwerg auf dem Schiff seine Arme gestreckt, die Hände über Kreuz gegen die Oberschenkel gepresst; er wurde fast unsichtbar dabei. Ohne Zweifel bedeutete das Flaggentheater Gefahr, es war bedrohlich, aber es kam Ed auch umständlich vor, betulich, zahnlos und, ja, eigenartig intim. Eine seltsame Melancholie erfüllte die Szene. Als würde man zufällig Zeuge des letzten Gesprächs der letzten Vertreter einer aussterbenden Art über den Untergang ihrer Welt. Obwohl es doch nur darum gehen konnte, ob man den Kellnerstrand mit seinen Hügeln, Kippen und Kondomen, seinen Sandburgen und Feuerresten, Fischkistentresen und Schnapsverstecken und mit ihm natürlich alle Esskaas, all dieses nichtsnutzige, überflüssige Aussteigerpack in Schutt und Asche legen sollte — in Staub, schoss es Ed durch den Kopf.