Nach und nach erinnerten sich die Esskaas daran, dass sie im Grunde furchtlose Gesellen waren, jedenfalls im Landesvergleich. Stück für Stück rückten sie näher ans Feuer, denn inzwischen war es kalt geworden am Strand. Das Grau der Boote verschwamm, und die Kanonen schienen bald vollständig vergessen, oder sie machten sich einfach nichts mehr daraus. Wie sie auf alles, was sie bedrohte, nicht allzu viel gaben. Eine primitive, aber beeindruckende Weisheit, in der Ed in diesem Augenblick die geheime Voraussetzung ihres ungebundenen Daseins erkannte.
Tatsächlich trafen nun immer mehr von ihnen ein und lagerten sich rund um das Feuer. Einige schleppten frisches Holz heran. Freimütig verwickelten sie die Soldaten in Gespräche und brachten sie in Verlegenheit mit ihrem grenzenlosen Angebot an Alkohol. Es schien, als erklärten sie damit, warum der Ausgangspunkt ihrer Freiheit im Grunde unantastbar war, und im Abglanz der Flammen begann diese Botschaft zu leuchten.
Ed und seine Schiffbrüchige hockten am Rand, im Halbdunkel der Düne. Ein paar der Soldaten konnten nicht davon ablassen, auf Heikes Beine zu starren, weshalb er sie für einen Moment an sich zog — schließlich trug er noch immer die Verantwortung. Augenblicklich überkam ihn die Lust, noch einmal ihr Abwäscher zu sein. Auch der Fahrer des Mannschaftstransporters beobachtete sie, aber genau war das nicht zu erkennen, das Feuer spiegelte sich in der Windschutzscheibe; sein Gesicht brennt, dachte Ed.
Ein blonder Gitarrist mit nach hinten gekämmten Haaren, Eisverkäufer der» Heiderose«, setzte sich neben Heike und begann mit Blowin' in the Wind. Ed überlegte, ob vielleicht alle Eisverkäufer hassenswert waren. Rimbaud kam vorbei und brachte ihnen Schnaps. Ed wollte ihn fragen, wo Losch geblieben sein konnte und was hier gespielt wurde, welch schäbiger Verrat, aber zuerst musste er trinken. Rimbaud fabulierte von Regatten und Flottenparaden lange vergangener Jahre (»als ich ein Kind war«), großartige Feste mit Ansprachen, Umzügen, Marineball und Standortmusikkorps — das Wort Standortmusikkorps bereitete ihm Mühe, in seiner Aussprache war es aus zwei Rülpsern zusammengesetzt, Stourrrrt-msi-kourrrps …
«Also ich habe Hunger!«Die Schiffbrüchige war aufgesprungen, sie hatte Rimbaud glatt das Wort abgeschnitten mit ihrem Angebot, Suppe zu beschaffen. Suppe gegen Suppe, dachte Ed, und obwohl Krusos Suppe nichts als Ekel erregte, spürte er wieder den Stich des Verrats.»Ich biete mich an …«Als hätte er in diesem Moment den Schlüssel für die Blackbox namens Edgar oder Ed auf den Personaltisch gelegt:»Ich biete mich an …«
Aber Losch war verschwunden.
Zu beiden Seiten der Gulaschkanone bewachten Soldaten die Essenausgabe. Beim Anblick der Schiffbrüchigen erstarrten sie zu Zinnfiguren. Die hell wie Rücklichter leuchtenden Fersen — auf irgendeine besondere Weise drehte sie die Füße im Sand, was ihre Hüften in eine unaufhörlich kreisende Bewegung brachte, während sie die Arme steif und fast feierlich gestreckt hielt.
Sie marschiert, dachte Ed, sie marschiert.
«Natürlich nicht hier«, fuhr Rimbaud unbeirrt fort,»aber in allen größeren Häfen, Rostock, Greifswald, Stralsund. «Mehrmals gebrauchte er das Wort Ostseewoche,»einschließlich Besichtigung der Torpedoboote, einschließlich der Flaggen aller Ostseestaaten, das schöne schwedische Blaugelb überall und dänisches Rotweiß und darunter die großen Transparente wie ›Die Ostsee — ein Meer des Friedens‹ oder ›Die Makrele — ein Fisch der stummen Verständigung‹ und so weiter.«
Rimbaud hatte Fahrt aufgenommen. Haltlos schlingerte Ed durch seine irrsinnige Rede.»Blow-wo-wo-wo-woing in the Wind …«Ein Wolkenfisch am Himmel verfinsterte sich. Für einen Moment musste er sich zurücklehnen: Er rang nach Luft. Wenn er die Augen schloss, sah er das Foto Sonjas, das in seiner Vorstellung zum Abbild G.s geworden war — er wehrte sich nicht mehr dagegen. Er spürte die Sehnsucht. Sehnsucht nach den Toten, jetzt nannte er es so. Die Trauer schnürte ihm den Hals zu. Er war betrunken.
«Freiheit, die ich meine«, schepperte es aus der Tiefe des Essgeschirrs an seiner Seite, und:
«Alle Straßen münden in schwarze Verwesung «und:»Achtung Abdrift, Bälle festhalten!«
Langsam erlosch das kleine kreisrunde Schweigen. Ed stellte sich vor, wie sich die Kanonenrohre bedächtig verneigten im Dunkel, erhoben und erneut verneigten.
Brandungsbeifall.
Bernsteinlegende
Er tanzte wie eine auf ihren Gleisen festgefrorene Lokomotive. Nur sein Oberkörper war in Bewegung, die Beine steif, leicht gespreizt, die Arme angewinkelt, links, rechts, vor und zurück, wie beim Gehen. Keine Bewegung in den Hüften, kein Wiegen, kein Drehen, nur ab und zu eine plötzliche, durch nichts vorhersehbare Verbeugung, genauer gesagt jener sich ansatzlos nach vorn ins Nichts katapultierende Oberkörper, verbunden mit einem heftigen, lang anhaltenden Kreisen, Schleudern und Schütteln des Schädels, worauf es eigentlich ankam, denn Tanzen hieß, Luft und Haare zu vermischen …
Es war der Walhalla-Stil, erfunden und begründet in der Walhalla, dem wichtigsten Tanzsaal seiner Heimatstadt, wo die Bluesbands spielten, Gipsy, Sit, Fusion, Passat und die Band mit dem Schlagzeuger, der aufsprang mitten im Lied, um seinen kahlrasierten Schädel gegen den goldenen Gong zu schleudern, der wie ein riesiger Heiligenschein über der Bühne schwebte.
Irgendwann, in den Spielpausen der Bands, waren die ersten DJs in die Säle gesickert mit ihren lächerlichen Hits, anfangs noch ängstlich und verkrochen in irgendeiner Nische zu Füßen der Bühne, aber schon bald hatte es in der Stadt nur noch Discotheken gegeben, selbst das Parkett der heiligen Walhalla überfüllt mit tanzenden Kids, vierzehn, fünfzehn Jahre alt, die sich in stupiden Choreografien bewegten, statt wie Tiere im Käfig auf und ab zu springen oder wenigstens den Schädel durch die Gegend zu schleudern, was allerdings sinnlos gewesen wäre, denn ihre Haare waren tatsächlich kurz. Und in ihren Gesichtern stand nichts geschrieben von jenem Aufbegehren, jener lebensbesoffenen Sehnsucht, welche die Tänzer des Blues wie eine Horde von Derwischen übers Parkett trieb, nicht etwa in Paaren, nein, sie alle, alle gemeinsam, ihr ganzer Stamm füllte den Saal mit seinem Haar … Und nein, in diesen Discogesichtern stand nichts oder nichts als Schminke geschrieben, kein Gefühl, kein Rhythmus, der die Verhältnisse zum Tanzen brachte, kein Kampf und null Utopie. Sie gehörten nicht zu jenem Stamm vor der Zeit, vor der Gesellschaft und ihrer Ordnung, die doch vollkommen verseucht war von Banalitäten, Zwängen, Regeln, verseucht war von ihrer Agonie und der am Ende das Wichtigste fehlte: Ehrlichkeit, Gemeinsamkeit, Liebe vielleicht … Nein, nichts. Nichts als mit Glitzer übertünchtes Nichts, das waren die Discogesichter.
Und plötzlich waren sie alt gewesen, die Blueser, die sich Kunden nannten, einige erst Anfang zwanzig, wie Ed. Anfang zwanzig und alt. Die Disco hatte ihren Stamm besiegt und auf die Dörfer vertrieben, wo hölzerne Treppen auf winzige Säle führten, über verräucherten Schankstuben gelegen, wo es die Bands noch gab, wo noch Gläser zerdrückt wurden mit bloßer Hand und ein Kunde dem anderen die Scherben aus dem Handballen zog mit der für diese Handlung vorgeschriebenen, unvergleichlichen Zärtlichkeit. Am Abend von einem altersschwachen Linienbus der Marke Ikarus aufs Land verfrachtet, mussten sie heimwärts wandern, weite Wege über die Felder, das war ihre Steppe, Prärie, auch im kältesten Winter, von Trebnitz, Köstritz, Korbußen oder Weida, stundenlang schwankend, mit glasigen Augen durch die stockdunkle Finsternis des Osterlands, mit Schnee im Haar und Eis im Bart. Wer zu schwach war, fiel um und wollte liegenbleiben, aber das durfte keiner, kein Kunde, der einen anderen im Stich gelassen hätte, nie!