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Ed hob den Kopf, in einem Moment plötzlicher Klarsicht erkannte er die Spiegelscherben und zwischen den Scherben den Umriss Afrikas; Gesichter versanken im Gewühl und tauchten wieder auf, ein Schlachtengemälde. Ein paar Esskaas, nur flüchtig, und vor ihm das schneeweiße Antlitz seiner Schiffbrüchigen mit ihren runden Wangen und halb gesenkten Augenlidern. Den seltsam einleuchtenden Vorschlag, Alexander Krusowitsch im Hitthim zu suchen, dort, wo für den Abschluss des Tages eine Disco der Esskaas geplant gewesen war, hatte sie gemacht. Der Nachtwind vom Meer her hatte ihre Schläfen gekühlt, das Gehen im Sand war ermüdend gewesen. Sie waren in eine stumme Herde schlafender Strandkörbe geraten, Eds Kopf längst zu schwer, um sich ins Schattendunkel jedes Einzelnen dieser vergatterten Wesen zu beugen mit ihrem frisch erkalteten Geruch von Kunstleder und Sonnenöl.

«Losch, verdammt, Losch!«

Sie tanzte in kleinen, träumerischen Bögen, mit ausgestreckten Händen, soweit das möglich war, und wiegte ihren Oberkörper. Kleine Möwe, dachte Ed, denn er war jetzt der Wald. Seine Arme froren ein, und auch sein Nacken wurde langsam steif. Ich bin der Wald, dachte Ed, letzter Hafen, erst waschen, dann füttern, dann schlafen, schlafen, letzter Hafen — aber dann trat das Meer über die Ufer, das eifersüchtige Meer … Langsam erstarrte Ed in seiner Bewegung; entweder er wurde jetzt wahnsinnig, oder er war bereits Teil der Legende. Er rang nach Luft, Tränen blitzten wie Bernstein auf seinen Wangen im schäbigen Licht der selbstgeklebten Discokugel, die sich drehte wie der Globus, der sie einmal gewesen, in einem früheren, besseren Leben, ohne Scherben, dafür voll mit Afrika, Asien und Ural und voller» Nennen-Sie-die-industriellen-Ballungsgebiete-der-Sowjetunion!«-Situationen, ohne Splitter, dafür voll mit Ed-das-Schulkind, wie erblindet vor dem Wüstengelb der tristen Wirtschaftskarten, während es Samara zeigt und Wolgograd, voll mit Osten, voll mit Westen, o du Erdball voller Schmerzen (Scherben), o du arme verhunzte geschundene Welt, o Welt, die sich drehte, drehte und ihn quälte mit ihren falschen Reflexionen, aber jetzt stand Ed nur noch da.

Weinender Wald.

Bernsteinlegende.

Mit Mühe hob er den Arm, berührte die Möwe und deutete auf die Stirnseite des Saals.

Beste Freunde bereiten sich Schmerz, dachte Ed, es ist ein Zeichen. Er ging auf die Knie und umklammerte das kotbespritzte Toilettenbecken.

«Das tut mir sehr leid«, sagte die Schiffbrüchige leise in seinem Rücken. In ihrer Stimme war alles enthalten, vor allem Verständnis. Dinge, die Ed nie gesagt, ja, noch nie gedacht hatte, marschierten wie fertige, maschinegeschriebene Zeilen durch seinen Schädel, mit blutigen Mützen, ganze Legionen eigener Worte, wie Verse, links und rechts versetzt, von Windflüchtern beschattet, so zogen sie vorüber; und irgendwo dort stand geschrieben: Wir haben uns geküsst, verstehst du?

«Geht es? Ich möchte lieber nicht so lange bleiben, ich meine, es ist die Männertoilette«, wisperte Heike.

Ohne sich umzusehen, hob Ed den Arm und ließ ihn wieder fallen: Geh doch.

Das Becken stank. Aus seiner Tiefe tauchte das Bild eines Kunden von damals auf, ein urster Kunde, worüber sich alle Blueser einig waren, Steffen Eismann, sein bester, sein einziger Freund. Was wäre, wenn er jetzt käme, jetzt, in diesen entsetzlichen Saal, um ihm seine blutige Hand entgegenzustrecken, was wäre, wenn … Kalter Schweiß brach Ed aus. Er versuchte, das Bild zu halten, und umschlang das Becken noch fester. Hinter ihm pisste ein Mann seinen endlosen Strahl in die frisch geteerte Latrine, deren Sturzbach wahrscheinlich direkt in den Hafen strömte. Das Pissen dröhnte in Eds Ohren und aus dem Toilettenbecken dröhnte die Disco. Sie roch nach Urin und Scheiße und wollte Steffen Eismann vertreiben. Aber alle am Tisch sahen zu, während Ed zärtlich Scherbe für Scherbe entfernte, Steffens großer Handrücken auf dem kühlen, biernassen Tischtuch; nach jeder Scherbe ein Blick in die Augen, es ging um Ehre und um ein Mädchen vielleicht (namens Kerstin oder Andrea), es ging um Musik und das Gefühl, im Rhythmus zu sein, im Rhythmus dieses eigenen, anderen Daseins auf dieser eigenen, anderen Welt.»Die Freiheit …«, flüsterte Ed in das Becken,»die Freiheit ist immer auch …«, nein, das war falsch,»die Freiheit ist anders …«, nein.»Die Freiheit des anderen ist — die Freiheit?«

Es war jämmerlich. Er brachte den Satz nicht zustande, den Satz, den hier wahrscheinlich jeder wusste, wissen musste, Luxemburg, London, ausweisen, ausreisen, jene endlose Folge von Verstößen und Verstoßenen, der Hausmeister von Halle auf seinen Flaschen, der Mann ohne Haare in seinem Schrank, auf einer Straße mitten in Berlin, und all die Schiffbrüchigen hier und all die Esskaas, meine Esskaas, seufzte Ed, die ich ins Herz geschlossen, Rolf, Rimbaud, Cavallo, der gütige Rick, die gute Karola und Chris, ihr strenger Harlekin — aber was war mit ihm? Der Gedanke bereitete ihm Pein. Was oder wer konnte er dabei sein?

«Ich biete mich an. Ich komme von hinten und biete mich an«, flüsterte Ed in den atemversetzenden Gestank des Beckens, und endlich stürzte es aus ihm heraus: ein langes, sich immer wieder neu, tief am Grund seiner Eingeweide entzündendes Gebrüll,»Kru-sooooo, Kruuu-soooo«, so sehnsüchtig und verzweifelt wie ein allerletzter Ruf, allein auf hoher See.

«Das dumme Schwein!«

Seltsam die plötzliche Enge der Saaltür, und doch war es ihnen gelungen, sich aneinander vorbeizuschieben, Ed und der Eisverkäufer, der Eisverkäufer und Ed. Aber dann hatte Ed es gerufen, laut und weit über den Hafen, die Schiffe, den Bodden:

«Das dumme Schwein!«

Sofort war René an seiner Seite gewesen. Ohne Umschweife hatte er versucht, ihn zu Boden zu reißen. In der Überraschung wurde Ed beinah überwältigt von Angst, eine Angst, die ihn durchströmte wie ein Jubeclass="underline" Ja, er wollte kämpfen, kämpfen um jeden Preis, er wollte das dumme Schwein besiegen!

Die ersten Schläge — eine große Erleichterung. Dann der Schmerz, schneidend, zuerst unter dem Auge. Nach jedem Treffer hatte Ed das Kindsgesicht, unverstellt, hilflos, aber vor allem staunend. Etwas wurde zertrümmert und darunter hervor schaute das Kind Edgar B. in die Welt: Warum bin ich hier? Und warum allein?

Was dann geschah, war nicht mehr fassbar. Umstandslos packte René ihn an den Haaren. Schon weit nach vorn, fast zu Boden gezerrt, versuchte Ed, auf den Beinen zu bleiben, er versuchte sich loszureißen. Alles, was Ed über die Welt und sich selbst darin angenommen hatte, negierte Renés Faust in seinem Haar. Im Sekundentakt Schläge, die ihn ungebremst trafen, nicht vorhersehbar. Von der rechten Augenhöhle stach ein Schmerz ins Zentrum seines Schädels. Mit einem gewaltigen Ruck zwang ihn der Eisverkäufer auf die Knie, aber Ed bäumte sich auf …

Ein Moment des Erstaunens.

Ed griff sich an den Kopf, als müsse er das Ganze noch einmal überprüfen: dort der Kopf, da die Haare. Meine Haare, dachte Ed. Seine Haare in der Faust Renés.

Ob das Hündchen sich jetzt nicht ein wenig — waschen wolle? Hündchen verstünden doch so viel davon, vom Abwasch und dem ganzen Hokuspokus. Ob das nicht das Beste wäre für Hündchen? Ed hörte die Frage, sie kam von weit her, obwohl René doch unmittelbar vor ihm stand und versuchte, das blutverschmierte Büschel abzustreifen.

Dort die Haare, da der Kopf …

Schneller als Ed begreifen konnte, hatte der Eisverkäufer ihn gepackt und die Böschung zum Hafenbecken hinuntergestoßen. Hauptsaison, dachte Ed, unsinnigerweise, aber das Wasser war eisig und seine Wunde brannte. Er fühlte seinen Umriss, er war eingeschlossen in diesen Körper. Er schaffte es, sich vom Kai abzustoßen. Er kam bis zum ersten Kutter, er tastete sich an den Planken entlang. Das Holz, die Algen, das Moos — er fühlte eine Dankbarkeit und im selben Moment etwas Hartes, eine Kraft, die ihn nach unten, unter Wasser stemmen wollte. Er sank ein in den Morast, tauchte wieder auf, er hatte Blei in den Beinen und schnappte nach Luft.