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René war jetzt oben, weit oben, eine Rettungsstange in den Händen. Mit jedem Stoß wurde er geschickter. Wie eine Billardkugel stieß er Ed durch das Hafenbecken. Ed schluckte Wasser. Eine rostige Leiter trieb vorbei. Er begann zu brüllen, aber nicht mehr als ein dünnes schwachbrüstiges Gejaul kam heraus.

«Das Hündchen, das Tüntchen.«

Jemand lachte am Kai. Der verrückte Junge.

Bevor Ed die Besinnung verlor, sah er seinen Vater. Beim Auftauchen und Luftholen spürte er eine frische Brise im Gesicht, die kühle Nachtluft auf dem Bodden. Er sah die Schemen der Gebäude am Hafen, das Bollwerk, das Hitthim, schlierig, verzerrt, einige Fenster des Hotels waren erleuchtet. Er sah, wie ein Mann ans Fenster trat. Dieser Mann war sein Vater, ohne Zweifel. Sein Vater, der im nächsten Moment das Fenster öffnen und mit einem einzigen Kommando das alles beenden würde. Doch dann schloss der Mann nur den Vorhang, und sein Schatten senkte sich.

Das erste Zimmer

Das erste Zimmer. Es hat kein Fenster und keine Tür, aber eine Öffnung. Es ist ein Durchgang, und durch diesen Durchgang fällt etwas Licht. Alles liegt noch vor dem Sprechen, weshalb Ed nicht antworten kann auf das Rufen von draußen. Seltsam genug, dass man da ist und gerufen wird. Niemand hätte sagen können, wozu die fensterlose Kammer einmal gedacht gewesen war, hinter der Schlafstube. Vorratsraum, Besenkammer, später Abstellplatz für eine Strickmaschine, sauber eingeschlagen in braunes Ölpapier. Es ist die feuchte, stockfleckige, zum Bach gelegene Rückseite des Hauses, die Salpeterseite. Er hört das Fließen des Wassers. Er hört das Stampfen der Tiere, die an der Böschung zum Bachufer grasen. Er hörte das alles, ohne zu wissen, dass Bach, Bachufer und Tiere existieren. Manchmal schabt eines die Flanken am Fachwerk, gelehnt mit seinem Atem an die Wand. Sein erster Ort. Das erste Zimmer.

Die draußen nach ihm rufen, sind im Grunde froh über den andauernden erdreichtiefen Schlaf und die Stille, die von ihm ausgeht. Er ist das einzig mögliche Kind, das leider trotzdem Mühe macht. Alles, was die alte Frau weit über ihm verrichtet, begleitet ein schöner, sanfter, seltsamer Laut. Es ist ein Seufzen, sein erstes Geräusch. Alles muss beseufzt werden. Das Abkochen der Windeln, das Abholen der Ammenmilch bei der Gemeindeschwester, der lange Weg ins Nachbardorf, hin und zurück mit der kleinen Aluminiumkanne, Schritt für Schritt. Das dunkle Plopp oder Bupp, wenn sie den schwarzen Gummideckel mit dem kreidegeschriebenen Kürzel E.B. von der Kanne zieht, und dann das Seufzen — aus tiefster Seele. Die Dinge werden mit Seufzern abgezählt und in die richtige Reihenfolge gebracht, eins nach dem anderen. Stunden werden zu Tagen geseufzt und Tage zu Wochen und Jahren. Eine tiefe, uralte Klage hat sich seiner angenommen. Sie glänzt über Klein-Edgars Gitterbett, ihr Gesicht ist ein heller Fleck im elektrischen Licht, der alt und modrig riecht wie das Haus.»Edgar!«

Edgar — ja. Dort in der Kammer muss er es werden, er muss sich daran gewöhnen, es zu sein, nach und nach: Edgar, Ede, Ed. Bis das Wort» Strickmaschine «eintrifft und kalt in sein Bewusstsein tritt, ist das stille Braune an der Wand gegenüber ein kleines, in Lappen gewickeltes Pferd. Sein Pferd, das mit ihm spricht, sobald es dunkel wird. In ihrer Verpuppung ähneln sie sich: Ed in seiner Kapsel unter der Decke und das Pferd in seinen Lappen. Winterschlaf. Es ist sein bester einziger Freund, mit Vereinbarungen, wie sie nur zwischen besten Freunden gültig sind, unausgesprochen. Sollte er, zum Beispiel, versehentlich einmal nicht mehr erwachen am Morgen, würde das Pferd sich mit seinen frischen weißen Zähnen durch die Bänder nagen. Sobald sein starker dunkler Pferdeschädel die Bänder abgeschüttelt hätte, käme es zu ihm ans Bett. Dafür bräuchte es sich nur zu drehen, vorsichtig: So weckt es Ed, mit seinem bloßen Pferdeatem, es haucht ihm neues Leben ein.

«Edgar, Ed! Er hat sich bewegt, oder?«

Aus Seufzern und Pferdeatem kann sich alles entwickeln, ein Name, Sprache, Gesang, ein eigenes Dasein vielleicht. Aber irgendwann kehrt seine Mutter aus dem Krankenhaus zurück und die Seufzerin verschwindet, für immer. Er lauscht noch lange — Nichts. Dafür sanftes, freudiges Sprechen, ein neuer Geruch, ein neues Gesicht und grenzenlose Liebe. Er kennt sie noch nicht. Er versucht, sie zu empfinden. Ein Seufzer ist sein erstes Wort. Seine Mutter kann ihn nicht verstehen.

«Edgar, hörst du mich?«

Ja, doch seine Augenlider sind sehr schwer. Es ist besser, sie geschlossen zu halten. Die Kapsel, die ihn aufgenommen hat, endet unter der Decke, die angenehm weich ist und ihn beschützt bis ans Kinn. Nach unten aber scheint ihr Raum von großer Ausdehnung zu sein, durch den Boden seines Betts und durch die Dielen in den Keller und von dort in die Tiefe, bis ans Erz, ans Heimaterz, das strahlt und ihn sanft und gütig an sich zieht.

«Hallo, Edgar, hören Sie mich?«

«Uran, Pechblende, Isotop 235U! Weit hinabreichende Neurose!«

«Was war das? Hat das jemand verstanden?«

Seine Bestände hatten gesprochen.

Jemand rüttelt an ihm.

Jemand kneift ihn in den Arm.

Unter Wasser, bin doch noch unter Wasser, denkt Ed und will es sagen.

Drei Heilige treten aus dem Nebel.

Krombach, ein Fremder und der Inselpolizist.

Kalte Hände

Er konnte sein Gesicht nicht finden. Wenn er die Hand hob, um es zu betasten, stieß er auf etwas Unbekanntes. Eine Maske vielleicht, dachte Ed. Er versuchte es noch einmal, schlief dabei aber wieder ein.

Kruso beugte sich über ihn. Sein großer dunkler Pferdeschädel. Seine großen weißen Zähne. Er konnte den Kuss nicht spüren.

Tut mir leid.

Als er wieder erwachte, wollte er lächeln, aber es funktionierte nicht. Seine Augenbrauen sprangen vor, wie ein kleiner Balkon. Auch seine Nase ragte als Schatten in den Raum. Er schaute durch eine Art Tunnel ins Zimmer. Am Ende des Tunnels: Waschbecken und Schrank. Er dachte an Speiche: Irgendwann wird er kommen, um alles abzuholen, seine Zahnbürste, seine Schuhe, Pullover und Arbeitsbrille. Vielleicht bin ich dann schon nicht mehr hier, dachte Ed.

Von diesem Zeitpunkt an war immer irgendjemand in seinem Zimmer, eine Galerie von Gästen, endlos und wie im Traum: der Inselpolizist, die Inselärztin, Krombach, Cavallo, Rimbaud, die ganze Besatzung und ein fremder Mann mit Heliomaticbrille, der erklärte, er käme von der Kreishygieneinspektion. Und vor allem Monika, Mona, die Wäschefee, an jedem Tag. Plötzlich war sie nicht mehr unsichtbar und Eds Zimmer erfüllt vom Duft des Umschwungs.

«Gut, dass du wieder wach bist, Ed. Du sollst trinken, viel trinken.«

Sie hob eine Tasse auf Höhe des Tunnels und berührte seine Lippen. Er atmete tief, und das Unterwassergeräusch war wieder da, ein hässliches Schnorcheln in seinem Kopf.

«Wo ist Kruso?«

«Du musst trinken, Ed.«

«Was ist passiert?«

«Er ist verschwunden. Sie haben jeden von uns in die Mangel genommen, stundenlang. Sie haben sein Zimmer auf den Kopf gestellt, aber mein Vater …«Sie sah ihm in die Augen und nickte.

«Wo kann er jetzt sein?«

«Die Insulaner sagen, ein paar Leute in Zivil hätten versucht, ihn einzukreisen, nach eurem letzten Spiel, seitdem hat ihn keiner mehr gesehen. Wie dumm von dir, Ed, die ganze Sache. Vollkommen sinnlos. Übrigens fehlt auch René.«