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Als Ed um Mitternacht erwachte, stand seine Tür halb offen. Ein kühler Luftzug auf der Stirn. Sein Kopf war schwer, und es erforderte Kraft, ihn zu heben. Nach und nach wurde ihm klar, worüber Viola gesprochen hatte mit ihrer Nachrichtenstimme. Es hatte wieder Flüchtlinge gegeben, von einer regelrechten Flüchtlingswelle war die Rede gewesen, im Laufschritt durch den Zaun, über die Grenze.

Ed versuchte, sich den Zaun vorzustellen, immer wieder.

Er sah Menschen im Laufschritt. Er sah alten verrosteten Maschendraht und eine steppenähnliche Gegend. Der Zaun blieb ein Rätsel. Das Ungarische-Grenze-Rätsel. Plötzlich alt, plötzlich offen. Und niemand hatte geschossen. Wie konnte das möglich sein?

«Es ist 23.57 Uhr. Zum Tagesausklang hören sie die Nationalhymne.«

Eds Herz begann zu rasen. Er kauerte in der Mitte einer grandiosen Verlorenheit. Seltsamerweise fiel ihm Fleisch ein, ein westdeutscher Film, wenn er sich richtig erinnerte, der trotzdem in die Kinos gekommen war. Keine andere Darstellung von Flucht hatte sich ihm tiefer eingeprägt. Ein Mensch springt aus der Baracke seines Motels und flieht in die Wüste, verfolgt von einem Geländewagen. Die Jäger sind Menschenjäger, sie wollen ihn schlachten und seine Organe verkaufen. Ed hatte den Film als Fünfzehnjähriger gesehen, im Kino seines Heimatorts, das sich noch immer Lichtspieltheater nannte. Das Wort stand auf einem Holzschild, in der Art, wie man» Salon«über den Eingang einer Western-Bar geschrieben hätte. Das Schild hing über einem Plattenweg, der von der Hauptstraße in den Hinterhof führte, wo der kleine Saal lag. Kein Gedanke, wie der Saal dorthin gekommen war und mit ihm Fleisch, der Film. Ed hörte Haydn und sah Menschen rennen, rennen um ihr Leben.

Mit einer Hand hielt die Inselärztin das Bild am ausgestreckten Arm gegen das Fensterglas, mit dem Stift in der anderen umkreiste sie die rechte Augenhöhle. Sein Totenkopf schaute ins Zimmer.

«Eine kleine Absplitterung, wahrscheinlich schon von früher. Keine Ahnung, wie oft das vorkommt bei Ihnen.«

«Was?«

«Sich prügeln, ertränken, totschlagen lassen?«

Sie war schmal, das dunkle Haar streng nach hinten gebunden, ein Pferdeschwanz. Sie schwenkte das Röntgenbild durch die Luft, als wollte sie Ed mit großem Schwung beiseitewischen. Sie wirkte blass und wie ausgezehrt, ihr Alter unbestimmbar.

«Ihr Nasenbein ist gebrochen. Zunächst war das nicht leicht zu erkennen, wegen der Schwellungen.«

Noch nie vorgekommen, wollte Ed erwidern, aber die Ärztin sprach schnell, als hätte sie keine Zeit zu verlieren.

«Ein Transport wäre zu gefährlich gewesen, weil ich ihre Kopfverletzungen nicht beurteilen konnte. «Sie saß jetzt auf seinem Bett und schwieg, als hätte sie für einen Moment den Faden verloren.»Außerdem hatten wir Windstärke 8 in dieser Nacht.«

«Im Hafen war es still«, murmelte Ed, um seine Aufmerksamkeit zu beweisen. Seine Stimme klang fremd, und das Sprechen machte ihm Mühe. Sein Oberkiefer schmerzte. Noch einmal umrundete die Ärztin mit ihrem Kugelschreiber seine angebrochene Augenhöhle. Das Röntgenbild machte ein graues Licht im Zimmer.

«In Ihrem Fall war es uns erlaubt, den Apparat der Strahlenstation zu benutzen. Strenggenommen kein medizinisches Gerät, aber die Aufnahmen sind besser als alles, was …«Sie verlor sich in Betrachtung des Bildes. Der Kugelschreiber zeichnete eine feine, für Ed kaum erkennbare Linie unter dem Augenloch nach. Ein kleiner, fast unsichtbarer Riss im großen glatten Golf von Mexiko. Für einen Moment schaute sie ihn nachdenklich an, als wollte sie seine Meinung dazu hören. Dann ließ sie das Bild auf seine Bettdecke segeln.

«Bitte bewahren Sie das sehr gut auf. Ich hole Sie ab, in einigen Tagen, ich glaube, wir brauchen eine zweite Aufnahme, Herr Bendler.«

«Danke, vielen Dank. «Ed gelang es, jene Zuversicht vorzutäuschen, wie sie von einem guten Patienten erwartet werden konnte.

«Danken Sie Ihren Freunden hier. «Mit einer Handbewegung umriss sie den Klausner und verschwand.

Ed zog die Knie an die Brust und steckte seine Hände flach zwischen die Oberschenkel. Langsam sickerte es in ihn ein. Die Tränen brannten auf seinen Wangen. Vorsichtig betastete er seinen Golemschädel; nachts wurde er so groß, dass er Angst hatte, den Kopf im Kissen zu bewegen.

«Losch?«

Es war dunkel. Ed hatte Schritte gehört. Das leise Knirschen von Teerpappe, Schritte übers Dach des Speisesaals bis unter sein Fenster.

Losch.

Er kletterte über seinen Schreibtisch mit dem großen Notizbuch. Er trat auf Speiches Brille und stieß die kleine Nierenschale mit der Watte herunter, die Monika benutzte, um Eds Gesicht abzutupfen.

Für einen Augenblick Stille.

Nur das schwere Atmen seines Freundes auf dem winzigen Tisch, sein Schweiß, sein Gestank. Für diesen Moment war er der Alp, der zu nachtschlafender Zeit auf allen Schreibtischen des Erdballs hockte, leise pfeifend, das höllisch gute Lied, den eigenen Ton, so lange, bis die Worte unter seinen Krallen beschlossen, lieber krepieren zu wollen, als etwas zu bedeuten.

«Losch!«

«Leise Ed, leise.«

«Was ist passiert«, flüsterte Ed,»wo warst du?«

«Du bist der einzige Freund, Ed.«

«Ich habe dich überall gesucht, aber im Hitthim …«

«Ich weiß, Ed, ich weiß. Wo hast du das Foto?«

«Da.«

Vorsichtig schwebte der Alp vom Tisch aufs Bett. Er nahm Eds Notizbuch und blätterte, bis ihm das Bild seiner Schwester in die Hände fiel.

«Hast du sie gesehen?«Er betrachtete das Foto.

Ed stützte sich auf. Es war zu dunkel. Das Gesicht ein blasser Fleck, nichts als ein schwacher Umriss dessen, was verlorengegangen war. In den letzten Wochen hatte er begonnen, das zu begreifen. Er hatte begonnen, sich zu erinnern. Er spürte die Verzweiflung und den Verlust. Jedes Mal war es so, als hätte er es gerade erfahren: eine Straßenbahn, die letzte Gerade, kurz vor der Endhaltestelle …

«Natürlich, Losch. Jeden Tag sehe ich mir das Foto an. Du weißt, wie ähnlich sie sich sind, Sonja und G.«

«Nein, ich meine, hast du sie dort draußen gesehen, bei der Parade, auf einem der Schiffe?«

Kruso sprach hastig, und Ed verstand die Frage nicht, wahrscheinlich hatte er sich verhört.

«Warum kommst du durchs Fenster, Losch?«

«Ich brauche nur eine Weile Ruhe, sonst nichts, ein, zwei Wochen. Ich muss nachdenken, Ed. Ich will versuchen, die Vergaben in den Norden zu verlegen. Eine Stelle am Strand, die vom Beobachtungsturm aus nicht eingesehen werden kann. Überhaupt muss vieles verbessert werden. Die Kräuterbeete, der Pilzanbau, der ganze Ablauf, vor allem ein besserer Verteiler, und neue, sichere Quartiere, wirklich gute Verstecke.«

«Losch …«

«Im Winter nehmen wir uns den Bunker vor, du weißt, die unterirdische Verbindung, vom Klausner bis zu den alten Stellungen der Flak. Stollen, Tunnel, alles nur verschüttet. Wir legen sie frei, wir haben Zeit. Wir haben Verpflegung, Einsamkeit, alles. November bis April, sechs Monate. Dann bringen wir das halbe Land dort unter, kannst du dir das vorstellen, Ed? Wir verstecken sie alle. Bis niemand mehr da ist, dort drüben. Hunderte werden hier sitzen, an langen Tafeln, auf festen Bänken, unter der Erde, versteckt. Hiddensee! Hier auf der Insel wird es mehr Freie geben als …«

«Losch!«

Eine Weile schwiegen sie. Nur das Atmen, nur der Schweißgeruch.

«Es tut mir leid, dass ich nicht da war.«

«Was wollen die von dir?«

«Mich, dich, alles.«

Er schwieg.

«Wo ist Heike? Und was ist mit René? Ist er hier, im Klausner?«

«Er gehört nicht mehr zu uns.«

«Wie meinst du das, Losch?«

«Mach dir darüber keine Gedanken.«

«Wer hat mich aus dem Wasser gezogen?«

«Man kann stehen in diesem Teil des Hafens, man ertrinkt dort nicht, Ed.«