«Also, Herr Bendler. Erzählen Sie mir doch ein wenig, zum Beispiel über ihre wunderbare Freundschaft mit Herrn Krusowitsch, von der man, glauben Sie mir, auf der Insel schon so manches gehört hat. «Er spitzte seinen breiten, hässlichen Mund wie zum Kuss, und Ed errötete.
Langsam erholte er sich. Seine Schwellungen klangen ab, die Wunden verheilten, aber er fühlte sich noch schwach und verließ selten das Zimmer. Er schlief jetzt viel am Tag und verbrachte seine Abende bei Viola, unter dem Radiokasten. Am liebsten hörte er die Reiserufe. Eines Nachts betrat Cavallo die Küche, schaltete das Licht ein und winkte ihm zu, als hätte er ihn nirgendwo sonst vermutet.
«Feindsender?«
«Wie immer.«
Während Viola Tschaikowski spielte, schmierte Cavallo Brote, kochte Eier und wusch Äpfel. Erneut bewunderte Ed seine schmale, verschlossene Gestalt, er bewunderte seine Handgriffe, das sichere, geschmeidige Hantieren mit dem Messer, wie von Tschaikowski komponiert. Am Ende packte er alles in einen kleinen Karton.
«Na dann!«
«Viel Hunger.«
«Ohne Ende. Und du, Edgardo? Verkriechst dich hier bei Viola, aber bekommst nicht viel mit, oder?«
«Genau.«
Ed wusste, dass Cavallo Unrecht hatte, in jedem Fall hatte er Unrecht. Cavallo trat auf Ed zu und umarmte ihn, noch im Sitzen, denn bis dahin hatte der Abwäscher unter dem Radio nicht begriffen, dass es sich um einen wirklichen Abschied handelte.
Ed hörte das Konzert zu Ende. Vladimir Horowitz am Klavier. Dann die Programmvorschau, dann die Hymne, dann die 0-Uhr-Nachrichten und ein Reiseruf:»Herr Dorgelow, zur Zeit vermutlich unterwegs im Raum Hamburg mit einem grünen VW Käfer, amtliches Kennzeichen HH PN 365, wird dringend gebeten, zu Hause anzurufen. «Während Ed einschlief, hörte er die Stimme Monikas im Flur.
Unterwegs im Raum Sehnsucht
«Sie werden es über Ungarn versuchen«, erklärte Karola, ihre Stimme war voller Respekt. Auf einem Tablett brachte sie zwei Flaschen» Lindenblatt«, bereits entkorkt, und einige Gläser. Ed erfuhr, dass Monika nie wirklich mit René verheiratet gewesen war, weshalb man sie von offizieller Seite nicht zurückhalten könne. Ed bezweifelte das. Alle bis auf Krombach und Koch-Mike, der eine späte Lieferung im Hafen entgegennahm, hatten sich bei ihm versammelt. Als wäre sein Krankenzimmer der geeignete Ort, diesem Abschied hinterherzutrinken, der so kurz und ohne jede Feierlichkeit ausgefallen war.
Einige saßen auf Eds Bett, einige hockten auf dem Boden. Auf dem Hocker am Tisch saß Rolf, der schwieg und zum Fenster hinaussah. Auch er, dachte Ed, alle warten. Alexander Krusowitsch, unterwegs im Raum Sehnsucht mit einer großen leuchtenden Verkündigung, amtliches Kennzeichen unbekannt, wird gebeten, sich unverzüglich mit seiner Familie in Verbindung zu setzen. Ich wiederhole …
Nach zwei Wochen jenes undefinierbaren Vakuums, das auf den Tag der Insel gefolgt war, den Tag der Esskaas, Ruhetag aller Ruhetage, ging alles sehr schnell. Am frühen Morgen hatten Cavallo und Monika das Eiland verlassen, mit der ersten Fähre. Ausgerechnet Monika … Wie konnte sie abreisen, solange man René noch vermisste? Ein feiner sinnloser Glutpunkt Eifersucht pulsierte in Eds Brust. Nicht Tschaikowski, sondern Mona, die kleine Unsichtbare, hatte die Anzahl der Brote diktiert.
Nach einer Art letztem Willen, von Cavallo mit Kugelschreiber auf Quittungspapier festgehalten, verteilte Rimbaud die Bücher seines Freundes. Ed fiel eine Broschüre mit der Geschichte der Zoologischen Station Neapel zu. Der Umschlag zeigte eine Villa am Golf von Neapel, mit Kanälen, die vom Wasser her direkt in die unterirdischen Gewölbe des Gebäudes reichten — wie von Jules Verne erdacht. Dazu eine Abhandlung über Faust in Italien von Paola Del Zoppo und Goethes Italienische Reise. Ed schlug das Buch auf und fand sofort eine Anstreichung:»Alte Pferde. Diese kostbaren Tiere stehen hier wie Schafe, die ihren Hirten verloren haben.«
Gegen neun betrat Koch-Mike das Zimmer und füllte es augenblicklich aus. Es war ein seltsamer, befremdlicher Moment, der sich Ed einprägte, für alle Zeit. Sie erfuhren, dass man Kruso verhaftet hatte. Verhaftet und nach Rostock gebracht, zur Vernehmung, wie es hieß. Ungesetzlicher Grenzübertritt, Widerstand gegen bewaffnete Organe, Verdacht auf staatsfeindliche Gruppenbildung — plötzlich stand alles Mögliche im Raum. Sie hätten ihn in einer Buschhöhle erwischt, auf dem Bessiner Haken, im Vogelschutzgebiet. Der verrückte Junge im Hafen hatte von Handschellen berichtet. Kruso sei in Handschellen durch den Ort geführt worden. Vor der Inselbar hätte es deshalb fast einen Aufstand gegeben, nicht nur Esskaas, auch Leute vom Stammtisch seien nach draußen gestürmt und Mutter Mete hätte sich wie tot auf die Straße gelegt, und dieser Anblick wäre dann endgültig zu viel gewesen für alle.»Ohne Handschellen jedenfalls haben sie Kruso dann zum Hafen gebracht, und ohne Handschellen hat er das Schiff betreten!«, rief Koch-Mike, als hätte er einen Sieg zu verkünden.
Ed starrte auf das Etikett des» Lindenblatts«. Es war beschlagen. Er sah Krusos Finger, wie er zärtlich darüber hinstrich und so auf irgendetwas deutete, irgendein Zeichen gab, für ihn, für sein Leben.
Am nächsten Vormittag kam Krombach ins Zimmer. Er roch nach Exlepäng. Sein Gesicht war bleich, aber glänzte, frisch eingecremt. Ed erwartete eine kleine Rede. Seine Entlassung vielleicht. Der Direktor stützte seine Hände flach auf Eds Tisch und schaute eine Weile aufs Meer hinaus.
«Die Schwalben, was?«
«Ja, seit die Jungen da sind …«
«Halten nicht viel aus, diese Vogelbuchten.«
Krombach atmete tief, wischte ein paar Krümel Lehm vom Tisch und schloss das Fenster. Erst jetzt begriff Ed, dass er gerade seine Tochter verloren hatte oder jedenfalls für lange Zeit nicht wiedersehen würde, nie wieder vielleicht.
«Du kennst Aljoscha. Du stehst ihm nah.«
Ed schwieg.
«Er war ein armer Junge, als er hier anfing. Er hat sich gut entwickelt, erstaunlich gut. Die später kamen, wissen kaum etwas von ihm, von seiner Geschichte und dem, was passiert ist damals. Aber dir hat er alles gezeigt, die Verstecke, die Karte der Wahrheit und sogar seine Gedichte, soviel ich weiß. «Er drehte sich zum Bett hin und sah Ed in die Augen.
«Ich meine seine eigenen Gedichte, getippt auf unserer alten Klausner-Maschine.«
Rommstedt
Auf der Steilküstentreppe wäre Ed fast gestürzt. Mit etwas Glut in der Kohlenzange hatte er ein Stück vom Duschvorhang abgetrennt und die Mappe darin eingeschlagen. Er schaltete die Taschenlampe ein und lauschte. Er nahm sich vor, von nun an alles ganz in Ruhe zu tun, eins nach dem anderen. Er hatte das nie als Rat begriffen, nur als Redensart: Eins nach dem anderen — bis zur Mitternachtsstreife würde ausreichend Zeit dafür sein.
Über dem Wasser gab es noch Licht. Ein heller, fast weißer Streifen, umschlossen von Dunkelheit.
«Es ist schon spät.«
«Entschuldige bitte, vielleicht ist es das letzte Mal.«
«Vielleicht, vielleicht nicht. Wenn etwas schwierig wird für dich, kommst du zu mir, nicht wahr?«
«Ich hatte Pech, mein Alterchen, einfach Pech«, murmelte Ed und tastete dabei in die Höhle. Aus seinem Fuchs war ein hartes, borstiges Stück Leder geworden. Vorsichtig schob er den Kadaver zur Seite und begann eine ausreichend große Kuhle zu graben.