Eine Woche vor dem Tag der Insel hatte Losch die Mappe mit den Gedichten im Keller versteckt, vorsichtshalber, wie er sagte. Es waren vierzig, vielleicht fünfzig Gedichte — Krusos Band.
Sorgfältig ebnete Ed das Lager wieder ein und zog den Kadaver zurück an seinen Platz. Noch einmal die Taschenlampe. Sein Fuchs war nur noch eine Stiefelsohle.
«Und die Karte, du Held?«
Ed starrte in die Höhle.
«Was sind ein paar Gedichte gegen die Karte, die Karte der Wahrheit?«
Bis zur Strahlenstation brauchte er fast eine Stunde. Er war noch nicht kräftig genug für diesen Marsch, aber es tat gut, draußen zu sein, sich zu bewegen, im Freien zu gehen, die kühle Nachtluft im Gesicht. Er musste aufs Hochufer zurück und zwischen den Hügeln hinunter zum Bodden. Die Verletzung unter dem Auge begann zu pulsieren, aber er hatte keine Angst mehr, entdeckt zu werden. Er gehorchte jetzt älteren Regeln, jener ersten, im Grunde kindlichen Überzeugung von Freundschaft und dem, was sie beinhaltete, wenn sie echt und einzig war.
Die Tür zum alten Trafo, den Kruso den Turm genannt hatte, war unverschlossen. Ed bemühte sich, die herabhängenden Wolldecken von seinem Gesicht fernzuhalten, und fand schließlich den Aufstieg. Ein paar Schubfächer standen offen. Die Karte war verschwunden.
«Zu spät, zu spät!«
Fast wäre Ed in die Knie gegangen.
«Keine Angst, ich sitze hier nur, junger Mann.«
Mit ausgestreckter Hand wehrte die Gestalt im Lehnstuhl Eds Lichtstrahl ab.
«Bitte …«
Auf dem Schoß des Fremden hockte eine Katze, deren Schädel so groß und schwer war wie der eines Kindes. Krusos Katze. Ihre breiten, flächigen Tatzen umfingen die Knie des Mannes.
«Sie haben viel geseufzt, als ich Sie das letzte Mal sah, wie geht es Ihrem Gesicht?«
«Gut«, antwortete Ed mechanisch, mehr brachte er nicht heraus. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Er begriff, dass es Professor Rommstedt war, der ihm gegenübersaß, Krusos Stiefvater, Leiter der Strahlenstation.
«Ich habe ein paar Aufnahmen von Ihnen gemacht, wie Sie vielleicht wissen.«
Ed versuchte, sich zu sammeln. Der Professor streckte Ed eine Hand entgegen. Rasch trat Ed auf ihn zu. Der Mann war groß, selbst im Sitzen. Die Katze riss ihr Maul auf.
«Das Bild, ich meine die Aufnahme, soll sehr gut geworden sein, sagt die Inselärztin. «Jetzt schwieg der Professor in seinem Stuhl, und der halb gestotterte Satz hallte nach, so lange, bis seine Belanglosigkeit offenkundig war.
«Das Bild, ja — ein Bild ist wohl das Allerwenigste hier. Aber lassen wir das. Es freut mich, dass Sie gekommen sind. Es freut mich, dass Aloscha einen wirklichen Freund hat auf der Insel.«
Ed wollte etwas erwidern, aber Rommstedt wehrte ab. Er bat ihn, die Kerze auf Krusos Schreibtisch anzuzünden.
«Ja, sie waren schon da, schneller als ich sogar. Aber was kann das schon heißen? Vermutlich sind sie immer da, wissen alles, sehen alles, wer weiß. Das erste Mal kamen sie nach Sonjas Tod, oder sagen wir lieber, nach ihrem Verschwinden. Aloscha war neun Jahre alt. Damals haben sie jeden von uns in die Mangel genommen, auch den völlig verstörten Aloscha. Lange hat er kein einziges Wort gesprochen.«
Der Professor verstummte. Vielleicht stand er unter Schock. Er schien auf Ed gewartet zu haben oder auf irgendjemanden. Er trug eine schwarze Joppe und eine braune, ausgebeulte Manchesterhose. Er sah aus, als hätte er eben noch Gartenarbeit verrichtet. Ed konnte sein Gesicht nicht erkennen, nur kurzes silbergraues Haar.
«In jedem Sommer hatten die beiden eine eigene Sandburg, unten am heutigen Kellnerstrand, mit Steinen beschriftet, weiße Steine, schwarze Steine, Kiesel und Basalt, eine Art Mosaik, mit dem sie tagelang beschäftigt waren, ein wahres Kunstwerk. Es enthielt ihre Geburtsdaten und ihre Namen, Sonja und Aloscha — Aloscha von Alexander, seine Mutter hat ihn so genannt.«
«Die Artistin.«
«Sie waren am Strand. Und Aloscha hat gesehen, wie seine Schwester ans Wasser gegangen ist, aber mehr sicher nicht. Hier wartest du so lange und rührst dich nicht weg — das hat sie zu ihm gesagt. Dass er dort so lange auf sie warten soll, in ihrer Sandburg. Nichts weiter. Irgendwann später erzählte er uns das, unter Tränen. Er hat gewartet, aber sie kam nicht zurück. Und im Grunde tut er das bis heute, er rührt sich nicht weg, er wartet auf sie. Falls Sie verstehen, was ich meine?«Rommstedt beugte sich vor, und Ed sah feine Büschel grauer Haare, die dem Professor aus den Ohren wuchsen; als streckte das Hören seine Fühler in die Dunkelheit.
«Losch hat nie darüber gesprochen.«
«Ich weiß. Losch von Aloscha, oder? Losch und Ed, diese beiden.«
Ed fragte sich, ob Kruso von ihm gesprochen, ihn gelegentlich erwähnt hatte in seiner Rede — Ed wie Äh, nicht mehr als ein Füllsel.
«Nach dem Tod ihrer Mutter hatte mein Schwager die Kinder bei uns in Pflege gegeben. Sie waren unzertrennlich. Aber eigentlich war es noch mehr. Sie waren füreinander geschaffen, ihre ganze schwierige Geschichte, ihr Unglück hatte sie füreinander bestimmt. Sie konnten nicht ohne einander.«
Ed lehnte an Krusos Schreibtisch, auf dem ein paar Bücher standen. An den Staubrändern war zu erkennen, dass mehr als die Hälfte der Titel fehlten. Unter den übriggebliebenen erkannte er Benno Pludra, Lütt Matten und die weiße Muschel. Außerdem Camus, der braune Reclam-Band mit der Pest. Nichts Verbotenes, kein Westbuch.
«Eigenartig war«, fuhr der Professor fort,»dass am Tag ihres Verschwindens zwei oder drei Graue draußen patrouillierten, nicht weit vom Ufer, näher als üblich jedenfalls, erstaunlich nah, wie es die Inselleute später erzählten. Eigentlich kümmert sich niemand um die Schiffe. Ihr Anblick ist Alltag, im Grunde sind sie unsichtbar. Mit der Zeit nimmt man schließlich auch die Grenze kaum noch wahr.«
Es war still im Turm. Die Kerze flackerte, und der Lehnstuhl des Professors entfernte sich, langsam, er trieb ab, ins Nichts.
«Nur mit Mühe bekamen wir Aloscha aus seiner Sandburg heraus. Er stand dort wie angewurzelt und starrte aufs Meer, er zitterte wie Espenlaub. Nachts lief er zurück an den Strand, dieselbe Stelle. Draußen lagen noch immer die Grauen vor Anker mit ihren Lichtern. Er schrie, und wir mussten ihn tragen. Er schlug um sich, und wir hatten schließlich keine andere Wahl, als ihm Hände und Füße zu binden. Wir haben ihn so in unsere Karre gesetzt und nach Hause geschoben, über die halbe Insel. Er schrie den ganzen Weg, ich glaube, es gab keinen, der uns nicht gesehen hat damals.«
«Wer sind die Grauen?«, fragte Ed.
«Die Patrouillenboote. Grenzkompanie. Ich dachte, Sie wären eingeweiht. Von damals an jedenfalls führte Aloscha eine Art Logbuch. Bis sie wiederkamen und alles konfiszierten, haben wir nicht verstanden, was er da eigentlich tat, aber es wäre mir nicht im Traum eingefallen, sein Tagebuch zu lesen. Er sprach kaum noch mit uns, noch weniger mit seinem Vater, dem General, wenn er zu Besuch kam. Ich glaube, er hasste ihn, aber er hasste auch uns, seitdem wir ihn wie ein Stück Gepäck vom Strand abtransportiert hatten. Aber bitte entschuldigen Sie, natürlich kann ich nicht wissen, was Aloscha, ich meine Losch, bereits erzählt hat von — diesen Dingen. Ich meine, von seiner Schwester.«
«Ich habe ein Foto, es ist …«
«Ein Foto von Sonja!«, fiel ihm der Professor ins Wort,»das ist gut, ja, das ist sehr gut. Ausgezeichnet. «Er war überrascht und versuchte, es zu verbergen.
«Wie dem auch sei. Sieben Jahre lang hat er jede ihrer Bewegungen notiert, Küstenwache, Kanonenschiffe, Minensucher, jedes Manöver. Typ, Zeit, Kurs des Bootes und immer, ob es Lichter gab auf den Schiffen, welche Lichter, welche Farben. Mehrmals haben sie uns gefragt, warum er jedes grüne Licht extra eingekreist habe. Bis zuletzt konnten sie sich das nicht erklären. Heute bin ich sicher, dass er darin ein Zeichen sah — Sonja, die ihm Zeichen gab. Er glaubte an das grüne Licht.«