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Ed dachte an Loschs Frage. Ob er Sonja gesehen hätte,»da draußen«.

«Natürlich verurteilten sie ihn. Verdacht auf Grenzdurchbruch, Republikflucht, Landesverrat, wie auch immer sie es gerade nannten; er war siebzehn geworden in diesem Jahr. Einer sagte, wir hätten eine Sippe von Grenzverletzern großgezogen. Aus ihrer Sicht sind wir es, die verletzen, die Haut der Heimat, ihren empfindlichen Leib. Wie schlechtes Blut, eine Beule voll Eiter, die plötzlich aufbricht, rauswill.«

Ed fragte sich, ob er dem Professor vom Kreishygieneinspektor erzählen sollte, aber das Katzentier schüttelte langsam den Kopf. Es war eine andauernde und seltsam wohlige Verneinung, die Ed vollständig gefangennahm. Er dachte an Matthew. Seine Wunden summten, und er wäre gern auf der Stelle in den Schlaf gesunken.

«Ich habe ein paar Entdeckungen gemacht, auf dem Gebiet der Strahlenphysik, wie Sie vielleicht wissen oder es vielleicht sogar fühlen können, wenn ich das einmal so sagen darf. Nach der Gefangennahme unseres Stiefsohnes war damit Schluss. Alle Experimente wurden eingestellt und meine Mitarbeiter nach Berlin versetzt. Die Apparaturen sind noch da, gut gepflegt. Alle Jubeljahre ein Fall wie Ihrer, dann schalte ich mein Kraftwerk ein, und, ja, Sie waren schon ein besonderer Patient, Herr Bendler, ein großer Seufzer vor dem Herrn, wenn Sie erlauben.«

Rommstedt lachte leise.

In der Verbitterung des Professors war ein pechschwarzer Ton hörbar gewesen, und Ed nahm sich vor, darauf zu achten.

«Was geschah mit den Tagebüchern?«

Die Frage schien dumm und überflüssig.

«Aloscha kam in den Jugendwerkhof, nach Torgelow. Eigentlich ein Gefängnis, zu Nazizeiten hat man dort Deserteure untergebracht. Nach einem halben Jahr entließen sie ihn, relativ schnell. Nicht jeder hat einen General zum Vater. Auch wir haben etwas getan, aber das tut nichts zur Sache. Es hieß, er solle sich bewähren, in der sozialistischen Produktion und so weiter. Seltsamerweise schlug er selbst den Klausner vor. Schon als Kind ist er oft dort oben gewesen, die Saisonkräfte mochten ihn. Ab und zu half er, Gläser einzusammeln und Tische abzuwischen, dann gaben sie ihm Eis oder Limonade. Er hat viel Zeit dort verbracht, er war ihr Maskottchen, und die meisten kannten seine Geschichte. Von damals ist freilich niemand mehr da. Gute Leute, verstreut in alle Winde. Sei's drum. Man bot ihm also eine Ausbildung an, zum Facharbeiter für Gastronomie. Aber Aloscha lehnte ab, er wollte einfach in den Abwasch, als Ungelernter. Am Ende waren sie einverstanden. Ich glaube, sie sahen es als eine Art Buße, der Klausner als Arbeitslager, der Abwasch als Sonderbehandlung, Strafarbeit, vorübergehend. Etwas, das ihm die Flausen austreiben würde, eine gute Voraussetzung, um später einmal etwas zu werden, ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft, ›Meine Hand für mein Produkt‹, etwas in diese Richtung. Aus heutiger Sicht eine absurde Idee. Aber damals war es noch anders hier, das Land war anders, die Insel war anders. Es gab keine Gesellschaft jenseits der Gesellschaft, es gab Saisonkräfte, gut, aber nicht diese Kaste und ihr Gewese, manches ist einfach geschmacklos, nicht wahr?«

«Ich habe kaum teilgenommen, bisher.«

«Haben Sie nie eine Nacht auf dem buddhistischen Baum zugebracht?«

«Losch meint, das sei nicht unbedingt nötig.«

«Nicht unbedingt nötig, sehr gut! Seit zehn Jahren ist dieser kluge junge Mann im Abwasch, der Schädel vernebelt, die Hände aufgeweicht und ohne Produkt — nicht unbedingt nötig, oder?«

Das Katzentier rieb seinen großen runden Kopf zwischen den Oberschenkeln des Professors. Diesmal war es ein Nicken, ein hypnotisches Nicken.

«Im Winter führe ich ihn offiziell als Hausmeister der Strahlenstation. Absurd, wenn man bedenkt, dass er sich seit seiner Rückkehr aus Torgelow weigert, das Haupthaus zu betreten. Damals hat er diesen Backsteinbau bezogen, den alten Trafo, schon vor unserer Zeit das Zwischenlager für Laborabfall; er nennt ihn den Turm. Im Winter wird es eisig hier, aber das stört Aloscha nicht, es ist seine Festung. Er sitzt am Fernrohr, schreibt, schmiedet irgendwelche Pläne.«

«Es gibt Leute, die behaupten, sie hätten Sonja noch gesehen, am selben Tag, auf der Straße, im Dorf.«

«Auf der Insel wird viel geredet, junger Freund. Über Sonjas Verschwinden kursieren zwanzig verschiedene Gerüchte, und in jedem langen Winter kommt eines hinzu. Vergessen Sie nicht, dass Aloscha inzwischen sehr bekannt ist hier, vielleicht der bekannteste Mann auf der Insel. Nach Torgelow hat er plötzlich mit allen möglichen Leuten gesprochen. Etwas muss er mitgebracht haben von dort, etwas, das ihn antreibt seitdem. Mit uns spricht er nur, wenn es um Schlafplätze im Haupthaus geht, schwarze Quartiere für die armen Schlucker, die ohne alles auf die Insel kommen, nur mit sich und ihrer Sehnsucht nach Weite und Ferne im Gepäck, jedes Jahr werden es mehr … Sei's drum. Und, ja, sicher will er nur Gutes. Aber sie nutzen ihn aus, alle! Trotzdem versucht er, jeden von diesen versoffenen Esskaas zu gewinnen für …«

«… die Organisation, die Rettung der Schiffbrüchigen, ihre Erleuchtung und …«

«Gott, ja, das sind seine Begriffe — Obdachlose, Schiffbrüchige, die geheiligten Plätze, all das. Mit Piraten und Schiffbrüchigen hat Aloscha schon als Kind gespielt, unentwegt. Vielleicht, bitte entschuldigen Sie, vielleicht wäre es gut, wenn Sie etwas aufmerksamer, etwas genauer wären in Ihren Beobachtungen und etwas vorsichtiger in Ihren Schlussfolgerungen.«

«Ich habe immer zu Losch gestanden, an seiner Seite, das heißt …«

«Sicher, sicher, Sie verstehen mich falsch. Ohne Zweifel hat es Aloscha sehr gut getan, dass Sie … ihm beigestanden haben. Ich bin ganz überzeugt davon, dass er in Ihnen einen Gefährten sieht, vor allem — wie soll ich sagen — in seiner Verzweiflung. So besessen, aber im Grunde verwirrt er damals Tagebuch geführt hat, so gewissenhaft und verblendet nahm er später in Angriff, was er inzwischen, wie ich hörte, den Bund der Eingeweihten nennt. Eine Art Untergrund zur Anhäufung innerer Freiheit, eine geistige Gemeinschaft, irgendetwas in diesem Sinn; ohne Verletzung der Grenzen, ohne Flucht, ohne Ertrinken. Keine kleine Illusion, eher eine ausgewachsene Wahnvorstellung, die mich sehr traurig machen muss, wie Sie vielleicht begreifen.«

«Sie täuschen sich.«

«Aloscha ist ein sehnsüchtiger Junge. Sind Sie das auch, Edgar?«

«Losch hilft!«Eds Gerechtigkeitssinn, glutheiß.

«Seine Verzweiflung, seine Verbissenheit, das alles war einmal Sehnsucht, seine Sehnsucht ist einfach zu groß.«

«Losch kümmert sich um jeden! Das ist es, was er tut. Er ist mutig und voller … Er hat mich aufgenommen, und nicht nur mich, er hat mir vieles beigebracht. Sicher ist nicht alles sofort zu begreifen, und manchmal war auch ich zu schwach oder einfach zu ängstlich und …«

«Und jetzt sind Sie sein Freund. Jetzt wollen Sie ihm helfen. Das ist verständlich und ganz wunderbar, und nur deshalb spreche ich mit Ihnen, nur deshalb erzähle ich Ihnen diese Geschichte, anstatt Sie des Hauses zu verweisen, anzuzeigen oder«— er strich der Katze zärtlich über ihren großen Schädel — »Ihnen dieses Baby auf den Hals zu hetzen.«

Der Professor lächelte, und für einen Augenblick sah Ed eine Reihe schwarzumrandeter Zähne. Verstrahlt, dachte Ed.

«Wir müssen vertrauen, das Beste hoffen. Ich wollte Sie lediglich ein wenig unterrichten, ein wenig warnen vielleicht. Die Karte ist weg, wie Sie sehen. Und auch Aloscha wird lange nicht wiederkehren, wenn überhaupt. Was hielten Sie von einem kleinen Streifzug durch die Station?«

Das alte Leben

18. August. Eine Weile stand er so und sah auf Speiches Tasche. (Verhaftet.) Dann verschloss er den Schrank, setzte sich auf sein Bett und zog seine eigene Tasche darunter hervor. (Lange nicht, wenn überhaupt.) Das Seitenfach mit Reißverschluss, wo er seinen Hermes-Taschenkalender aufbewahrte: Seit Wochen hatte er nichts mehr eingetragen, sein Tagebuch war eingeschlafen. (Torgelow.)